Leserstimmen zu
Neujahr

Juli Zeh

(29)
(12)
(7)
(0)
(0)
€ 20,00 [D] inkl. MwSt. | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (* empf. VK-Preis)

Am Neujahrsmorgen quält Henning sich einen Steilanstieg auf Lanzarote hinauf. Das Fahrrad ist geliehen und schlecht geeignet, an Wasser hat er nicht gedacht und untrainiert ist er auch noch. Aber aufgeben will er auf gar keinen Fall. Überhaupt wollte er ja wieder mehr Fahrrad fahren, aber zu Hause kommt man ja nicht dazu. Der Job, die Frau, die Kinder. Henning und seine Frau haben beschlossen, die Kinder wirklich gleichberechtigt großzuziehen. Beide arbeiten Teilzeit, beide noch ein bisschen im Home Office. Sie erfolgreicher als er. Verzweifelt ist Henning bemüht, diese Verdienst-Diskrepanz über Leistung in Haushalt und Vatersein wett zu machen. Das alles stresst ihn so sehr, dass er seit einiger Zeit unter Panik-Attacken leidet. Tagsüber kann er das ganz gut überspielen, aber nachts leidet er Todesängste, wenn sein Herz sich verkrampft und er kaum mehr atmen kann. Der gemeinsame Urlaub auf den Kanaren sollte auch eine Flucht davor sein. Doch unverhofft holt ihn noch viel mehr ein als nur die familiäre Krise. Wie auch schon in "Nullzeit" fand ich beeindruckend, wie es Juli Zeh gelingt, die körperliche Beklemmung einer Situation in Worte zu fassen. Man leidet wirklich sehr mit Henning, während er sich an diesem Berg abstrampelt, nicht aufgeben will, aber dem Wind kaum mehr etwas entgegensetzen kann. Man spürt die ungläubige Verzweiflung und das Reißen in den Oberschenkeln, das Brennen in der Lunge. Auch die Geschichten, die Henning nur erinnert, während er auf dem Fahrrad sitzt, werden beeindruckend geschildert. "Neujahr" ist ein knapper, überzeugender und sehr lesbarer Roman.,Am Neujahrsmorgen quält Henning sich einen Steilanstieg auf Lanzarote hinauf. Das Fahrrad ist geliehen und schlecht geeignet, an Wasser hat er nicht gedacht und untrainiert ist er auch noch. Aber aufgeben will er auf gar keinen Fall. Überhaupt wollte er ja wieder mehr Fahrrad fahren, aber zu Hause kommt man ja nicht dazu. Der Job, die Frau, die Kinder. Henning und seine Frau haben beschlossen, die Kinder wirklich gleichberechtigt großzuziehen. Beide arbeiten Teilzeit, beide noch ein bisschen im Home Office. Sie erfolgreicher als er. Verzweifelt ist Henning bemüht, diese Verdienst-Diskrepanz über Leistung in Haushalt und Vatersein wett zu machen. Das alles stresst ihn so sehr, dass er seit einiger Zeit unter Panik-Attacken leidet. Tagsüber kann er das ganz gut überspielen, aber nachts leidet er Todesängste, wenn sein Herz sich verkrampft und er kaum mehr atmen kann. Der gemeinsame Urlaub auf den Kanaren sollte auch eine Flucht davor sein. Doch unverhofft wird er noch mit viel mehr als dem familiären Stress konfrontiert. Wie auch schon in "Nullzeit" fand ich beeindruckend, wie es Juli Zeh gelingt, die körperliche Beklemmung einer Situation in Worte zu fassen. Man leidet wirklich sehr mit Henning, während er sich an diesem Berg abstrampelt, nicht aufgeben will, aber dem Wind kaum mehr etwas entgegensetzen kann. Man spürt die ungläubige Verzweiflung und das Reißen in den Oberschenkeln, das Brennen in der Lunge. Auch die Geschichten, die Henning nur erinnert, während er auf dem Fahrrad sitzt, werden beeindruckend geschildert. "Neujahr" ist ein knapper, überzeugender und sehr lesbarer Roman.

Lesen Sie weiter

Während eines Urlaubs auf Lanzarote begibt sich Henning am Neujahrsmorgen mit dem Fahrrad auf den Weg nach Femés. Sehr unprofessionell ausgestattet, ohne jegliche Verpflegung, mit dem Wetter und dem steilen Anstieg kämpfend, denkt er über sein Leben nach. Er hat alles, was man sich wünschen kann: Eine intakte Beziehung, zwei Kinder und einen guten Job. Doch seine derzeitige Lebenssituation und die neue Rollenverteilung überfordert ihn. Immer wieder wird er von Panikattacken heimgesucht, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Als er völlig entkräftet das Bergdorf erreicht, fühlt er sich in seine Kindheit zurückversetzt und muss sich mit dramatischen Erinnerungen auseinandersetzen, die sein ganzes Leben geprägt haben… Mit ihrem sehr kurzen Neuling „Neujahr“ hat Juli Zeh eine schockierende, verstörende und sehr aufwühlende Geschichte geschrieben. In ihrem gewohnt klaren Stil versteht sie es, eine fast unerträgliche Spannung mit der notwendigen Tiefe zu schaffen. Trotz der Kürze dieses Romans werden die traumatischen Erlebnisse und schrecklichen Erinnerungen des Hauptprotagonisten äußerst intensiv geschildert. Man liest wie in Trance weiter und will unbedingt herausfinden, was mit Henning und seiner kleinen Schwester Luna geschehen ist. Was habe ich mit den beiden gefühlt und gelitten… Ein Alptraum, der noch lange nachhallt! Auch wenn dieser Roman für mich nicht an mein Lieblingswerk „Unterleuten“ heranreicht, beweist Juli Zeh dennoch mal wieder große Erzählkunst!

Lesen Sie weiter

Neujahr

Von: LiteraturReich

18.11.2018

Am frühen Neujahrsmorgen macht sich Henning auf zu einer schweren Bergtour mit dem Rad, denn in der Nacht war ES wieder da, wie es in Juli Zehs aktuellem Roman vielleicht etwas hochtrabend benannt wird. ES soll ausdrücken, wie ausgeliefert, wehrlos, ja auch ahnungslos Henning sich fühlt, wenn ES sich seiner bemächtigt. Eine erdrückende Übermacht, die sich in plötzlichen, furchtbaren Panikattacken äußert, in denen Hennings Herz verrückt zu spielen scheint, kein klarer Gedanke, schon gar kein Schlaf mehr möglich ist, und die Ausdruck sind von – ja, was eigentlich? Das tückische an solchen Panikattacken, deren Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung sehr uneinheitlich mit 2,5 bis 15% angegeben wird, ist, dass meist kein benennbarer Grund für sie vorliegt. Und das ist auch bei Henning so. Er lebt in einer offenbar stabilen Beziehung mit Theresa, die beiden haben zwei kleine, gesunde Kinder, Jonas, 4, und Bibbi, 2, wirtschaftlich geht es der Familie gut. Henning, der als Sachbuchlektor etwas weniger verdient als seine Frau und häufiger zuhause ist, übernimmt etwas mehr Hausarbeit, alles perfekt geregelt. Nun sind die vier über Weihnachten und den Jahresanfang auf Lanzarote im verdienten Familienurlaub. Zwar hat Theresa, wie so oft, auch am Ferienhaus und der Umgebung einiges auszusetzen, zwar sind die Kinder, anstrengend, aber alles im vermeintlich grünen Bereich. Und doch sitzt ihm in der Sylvesternacht die Angst im Nacken. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal reagiert Theresa nicht verständnisvoll wie so oft, sondern unwirsch, ärgerlich. Liegt es am gutaussehenden Franzosen, der sich während des Sylvesterbüffets so offensichtlich an Theresa rangeschmissen hat? Am sichtbaren Gefallen, mit dem sie auf diese Annäherungsversuche eingegangen ist? Henning kann nicht schlafen, auch als die schlimmsten Angstgefühle abgeebbt sind. Deshalb macht er sich in aller Frühe auf zu seiner Radtour. Die Ausrüstung ist mies, das Fahrrad für die geplante Bergtour zu schwer und Proviant und Wasser gehen in der Eile auch vergessen. Trotzdem plagt sich Henning den steilen Aufstieg zum Atalaya-Vulkankrater hinauf, zum Örtchen Femés. Über 90 Seiten verfolgt die Leserin nahezu in Echtzeit diese irrsinnige Anstrengung. Rauer Gegenwind erschwert die Strecke zusätzlich und Henning ist am Rande seiner Möglichkeiten. Aufgeben ist für ihn aber keine Option. Seine Verausgabung ist auch eine Flucht. Die Gedanken können zeitweise immer noch schweifen. Und da werden Brüche sichtbar, Überforderungen, ein gnadenloser Leistungsgedanke, Kränkungen, Enttäuschungen. In neuerer Zeit ist immer wieder die Rede von der Überforderung des „neuen Mannes“, der zerrieben wird zwischen altem Rollenbild und neuen Ansprüchen an seine Empathiefähigkeit, sein Engagement in der Familie. Der darüber die Orientierung verliert und zu kämpfen hat. Mag alles sein, dennoch leiden mehr als doppelt so viele Frauen an Panikstörungen als Männer. Vielleicht ist die Erklärung für die Zunahme psychischer Belastungsstörungen, die Juli Zeh bei einem Interview gab, zielführender, dass nämlich der moderne Mensch dazu neigt, für alles die Verantwortung zu übernehmen, sei es für das Gedeihen der Kinder, die Karriere, das Gelingen von Beziehungen, sogar die eigene Gesundheit. Es gibt keine „höhere Macht“ mehr, der man diese Verantwortlichkeiten übertragen kann. Überforderung, die zu den häufigen „Burnout-Syndromen“ führt, oder eben zu Panikattacken. Juli Zeh belässt es im Roman aber nicht bei diesem Erklärungsversuch. Nachdem wir mit Henning völlig erschöpft, aber auch interessiert, am Gipfel angekommen sind, folgt nicht sogleich die Abfahrt, sondern ein regelrechter Absturz. Die Gegend kommt Henning mehr und mehr vertraut vor. Ein Haus, von einer Deutschen bewohnt, zieht ihn magisch an. War er hier schon einmal? Es folgt eine lange Rückblende in Hennings Kindheit. Ein Erlebnis, ein Urlaub mit seiner Familie, die Ehe der Eltern sich bereits unaufhaltsam in Auflösung befindend, eine kindliches Trauma, das er mit seiner damals zweijährigen Schwester Luna als Fünfjähriger erlebte. Und das durch Auslösung von Urängsten, Verlassensängsten, wohl auch seine Angststörung bis heute befeuert. Diese aus der kindlichen Perspektive geschilderten Erlebnisse sind sehr bedrückend, aber auch spannend, es kommt fast ein wenig Thrilleratmosphäre auf. Die Auflösung ist dann allerdings recht banal. Insgesamt lässt mich das Buch mit einem recht ambivalenten Eindruck zurück. Die Thematik ist interessant, aber Juli Zeh neigt dazu, allzu viel erklären zu wollen. Alles wird auserzählt, alles ist präzise, alltagsglaubwürdig und professionell erzählt. Das lässt wenig eigene Interpretationsmöglichkeit, beispielsweise die, dass Hennings Erlebnisse auf dem Vulkan nur phantasiert sind, seiner starken Dehydrierung geschuldet. Da wäre ein wenig mehr Offenheit begrüßenswert gewesen. Manche Episode, besonders das Zusammentreffen mit dem Ort des verdrängten Kinderschreckens ist allzu brachial konstruiert, manches wirkt ein wenig wie eine Versuchsanordnung, in die man die Figuren hineinsetzt und dann ihr Verhalten analysiert. Juli Zehs Sprache ist zudem wenig kunstvoll, sondern betont schlicht. Dennoch habe ich das Buch gern gelesen. Juli Zeh weiß, wovon sie erzählt, viele Facetten des Buchs sind wohl ihrem Alltag entlehnt, auch sie verreist oft und gerne nach Lanzarote, auch sie lebt mit zwei kleinen Kindern. Ihre Beschreibungen sind präzise und es gelingt ihr immer wieder, neue spannende Themen der Zeit zu finden. Vielleicht hätte ein wenig mehr Zeit dem Roman, der eher eine Novelle ist, gut getan, ein bisschen mehr Überarbeitung die eine oder andere Ecke und Kante abgeschliffen. „Unterleuten“ haben die Jahre, die Zeh an ihm gearbeitet hat, zumindest sehr gut getan. Für mich ist es immer noch das stärkste Buch der Autorin.

Lesen Sie weiter

Am Neujahrsmorgen auf Lanzarote macht sich Henning mit seinem Fahrrad auf den Weg, um den Femés zu bezwingen. Mit schlechter Ausrüstung, eines viel zu schweren Rad und keinem Proviant kämpft er gegen den Wind und die Steigung an. Bei seiner Tour lässt er seine Lebenssituation Revue passieren. Trotz seiner zwei gesunden Kinder, einem guten Job und seiner passablen Ehe mit seiner Frau Theresa geht es ihm schlecht. Er fühlt sich permanent in seiner Rolle als Familienvater, Ernährer und Ehemann überfordert und kann sich in diesen Rollen nicht identifizieren. Seit der Geburt seiner Tochter leidet er an Angstzuständen und Panikattacken. Als er endlich völlig erschöpft sein Ziel erreicht, kommt er zur Erkenntnis, dass er bereits als Kind schon mal auf Lanzarote war. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen, was er bis heute verdrängt hatte. Der Leser kann nahezu in Echtzeit Hennings wahnsinnige Anstrengung durch den anschaulichen Schreibstil miterleben. Juli Zeh schreibt detailliert, präzise und glaubwürdig. Auch wenn ihre Sprache wenig kunstvoll ist, schafft sie doch eine spannende Atmosphäre für den Leser, der auf eine Reise in Hennings Gefühlswelt mitgenommen wird. Zwei Geschichten werden hier aus der gleichen Erzählperspektive, jedoch mit einem Zeitunterschied von 30 Jahren, geschildert. Zeh gelingt es, alltägliche Situationen durch das Erschaffen von bildlichen Darstellungen mit Gefühlen zu koppeln. Das Buch hat mich völlig gepackt, ich würde es jedem weiterempfehlen! Auch wenn der Roman wenig Schönes in seiner Geschichte hat, ist er dennoch lesenswert!

Lesen Sie weiter

Juli Zeh schreibt schnell. Nicht lange nach „Unter Leuten“ und „Leere Herzen“ jetzt ihr neues Buch, diesmal etwas dünner. Ob es literaturtheoretische oder bloß geschäftsstrategische Überlegungen waren, die den Verlag motivierten, "Roman" auf das Cover zu schreiben, sei dahingestellt. Ich würde eher "Erzählung" dazu sagen, oder eigentlich sind es zwei, die sich dann doch ineinanderfügen. Zunächst folgen wir Henning auf einer Fahrradtour am Neujahrsmorgen – und werden Zeuge einer inneren Zerrissenheit, Überforderung, Depression. Er kann zwischen Job, Kindern und Ehefrau niemandem wirklich gerecht werden und leidet seit geraumer Zeit unter Panikattacken. Dann kommt er an seinem Ziel an – und auf einmal kommen die Erinnerungen an seinen ersten Lanzaroteurlaub wieder hoch; Erinnerungen, die er sein Leben lang verdrängt hat. Als Ganzes betrachtet ist es dramaturgisch überzeugend aufgebaut, nichtsdestotrotz bleibt aber ein Bruch zwischen den Ereignissen des Neujahrstages und den Erinnerungen. Da hätte sich Frau Zeh nochmal ein, zwei Monate länger Zeit nehmen sollen, finde ich.

Lesen Sie weiter

Nach ihren Romanen „Unterleuten“ und „Leere Herzen“ bringt die Bestsellerautorin nun ihren neuen Roman „Neujahr“ heraus, wo der Protagonist Henning in der Bergwelt Lanzarotes mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Bei dieser psychologischen Familiengeschichte stehen die Eheleute Henning und Theresa im Mittelpunkt. Sie leben in Göttingen, haben kleine zwei Kinder (Jonas und Bibbi) und führen ein typisch postmaterialistisches Leben in der Universitätsstadt mit Alltagsproblemen, die jedem bekannt vorkommen würden. Nur die immer wiederkehrenden Panikattacken von Henning sorgen für eine Belastung ihres sonst durchschnittlichen Lebens. Ihr Urlaub in Lanzarote über den Jahreswechsel mit Kindern bildet den Rahmen des Romans. Als Henning alleine auf einem Berg bei Femes bald zusammenbricht, wird er dort von einer fremden Frau aufgefunden und versorgt. Henning fühlt sich in dem Hause gleich wohl und heimisch, bald erfährt man warum. Die fürsorgliche Frau berichtet davon, dass in dem Haus vor langer Zeit zwei kleine Kinder mit Unterernährung gefunden wurden. Als sich dann herausstellt, dass die beiden Kinder Henning und seine Schwester Luna waren, beginnt für Henning eine Reise in die Vergangenheit und die Aufarbeitung seiner Kindheit. Plötzlich kommen Erinnerungen wieder hoch und er durchlebt die Ereignisse im zweiten Teil des Romans noch einmal. Hier schließt sich auch der Kreis zu den anfangs hingewiesenen Panikattacken Hennings, die im Laufe der mühevollen Aufarbeitung langsam verschwinden. Die Geschichte der Aufarbeitung der Jugend von Henning wird gefühlvoll geschildert und bringt das Problem, unter dem viele Menschen leiden, ins Zentrum des Interesses. Die Charaktere dieses Romans sind allerdings nicht besonders spannend, es fehlt die Identifikation für den Leser. Das Flair Lanzarotes mit seiner kargen Bergwelt ist auch überschaubar. Der Roman lebt von der psychologischen Aufarbeitung der Vergangenheit und erhält dadurch seine Spannung, ohne fesselnd zu sein. Insgesamt gesehen ist es ein überdurchschnittlicher Roman, ohne jedoch Bestsellerqualitäten zu entwickeln.

Lesen Sie weiter

Es ist der erste Januar 2018. Henning steht früh auf und fährt mit seinem Leihfahrrad los. Er ist mit seiner Familie auf Lanzarote zum zweiwöchigen Urlaub, und er hat sich vorgenommen, im neuen Jahr einiges zu ändern, so zum Beispiel wieder mehr Zeit auf dem Fahrrad zu verbringen. Er ist untrainiert und fährt ohne Proviant los. Sein Ziel ist der Atalaya-Vulkan mit dem Dorf Femés. Während er all seine Kraft darauf verwendet, auf dem Berg hochzukommen, erfahren wir in Rückblicken immer mehr über Henning und seine Familie. Er ist ein junger Vater mit zwei Kindern, Jonas und Bibbi. Er liebt seine Frau Theresa, mit der sie die Erziehung der Kinder und die Hausarbeit teilen. Da Theresa mehr verdient als Henning, übernimmt er mehr Hausarbeit. Er findet das in Ordnung so und er liebt seine Familie über alles, aber… Aber etwas stimmt mit ihm nicht. Er hat immer wieder Panikattacken, die es ihm manchmal unmöglich machen, die Nacht durchzuschlafen. Es war seine Idee, Weihnachten und Silverster auf der Insel zu verbringen. Es war eine plötzliche Idee, er wollte unbedingt hier sein, obwohl er noch nie auf der Insel gewesen ist. Oder doch? Nach und nach kommt eine Geschichte zur Oberfläche, die längst in Vergessenheit geraten ist. Eine dunkle Episode seiner Kindheit, die er verdrängt hat. Was ist damals passiert? Ist das damals Geschehene der Ursache für seine heutigen Albträume? Für mich die interessanteste Facette der Geschichte war dieses noch immer als unkonventionell geltende Familienleben, in dem der Vater mehr Verantwortung trägt und die klassische Mutterrolle übernimmt. Auch wenn Henning das völlig in Ordnung findet, ändert das nichts daran, dass er sehr genau weiß, wieviel er geleistet hat, wieviel Zeit er für seine Familie geopfert hat (und zum Beispiel nicht mehr Fahrrad fährt). Und wenn dann die Kinder lieber nach Mutti schreien als nach ihm, fühlt er sich natürlich auch ein wenig betrogen. Er will für seine Familie sorgen, aber darf er manchmal auch an sich selbst denken? Eine Frage, die wahrscheinlich in seiner Kindheit wurzelt. Er und seine Schwester sind ohne Vater aufgewachsen, dieser verließ sie, als Henning erst fünf Jahre alt war. Seitdem trägt er die Verantwortung für seine kleine Schwester, die auch jetzt noch, wo sie beide erwachsen sind, noch auf die Hilfe des Bruders zählt, und diese auch immer wieder bekommt. Die Geschichte aus Hennings Kindheit, die sich ihm ganz plötzlich auf Lanzarote offenbart, ist spannend und beängstigend. Sie zieht den Leser in den Sog, gleichzeitig möchte man am liebsten gar nicht weiterlesen. Für mich war sie aber auch eine vereinfachte Antwort auf Hennings Situation, seine Ängste, seine Probleme. Es hätte mich interessiert, welche Antwort Juli Zeh auf dieses Familienkonzept hat, wenn da kein Kindheitstrauma im Hintergrund steckt. Aber trotzdem eine insgesamt sehr spannende, interessante Lektüre. Der Anfang war für mich etwas schleppend, was aber durchaus zu Hennings körperlicher Anstrengung gepasst hat. Umso rasanter ging es dann weiter, sobald er den Gipfel erreichte.

Lesen Sie weiter

Rezension Klappentext/Inhalt/Auszug: Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. MEINE MEINUNG: Vorsicht SPOILER. Mein erster Lese-Eindruck erstaunte mich sehr. Wie gut und mit so viel Einfühlungsvermögen hatte Juli Zeh als junge, emanzipierte Frau, Mutter und Schriftstellerin das Porträt eines jungen Familienvaters unserer heutigen Zeit erstellt! Henning kümmert sich vorbildlich um seine kleine Familie, hat die typische Rolle eines Familienvater der früheren Generationen abgelegt. ER hat seine Arbeitszeit reduziert , hilft seiner jungen, hübschen Frau. ER richtet sich voll nach den Wünschen seiner eigenwilligen Kinder, hat eine tolle Beziehung zu ihnen und und fühlt sich dennoch - UNGLÜCKLICH. Zweiundneunzig Seiten verfolge ich gebannt seinen Radausflug auf Lanzarote, erkenne ES , habe Mitleid mit ihm und seinen Panikattacken (ES), die ihn aus heiterem Himmel anfallen und versuche seine plötzlich aufkeimende WUT auf alles, sein Leben, seine Frau und Kinder zu verstehen. Die WUT gesellt sich zu ES als gleichwertiger Partner, die ihn, Henning, vernichten will. Die Autorin hat all diese Emotionen des jungen Mannes meisterhaft und verständlich zum Leser transportiert. Man spürt förmlich seine körperliche Anstrengung, seine Muskelkrämpfe, seinen Durst und Hunger und seine Verzweiflung. Er ist ohne Essen aufgebrochen, aber sein echtes Leid sind seine inneren Ängste, die ihn überrollen wollen. Meine Spannung steigt in dem Maß, wie die Serpentinen, die Hennig dem Bergdorf Femés auf dem Berg entgegenführen. Der Schreibstil vermittelt mir ein typisches Juli Zeh-Gefühl. Doch dann passiert es - ich werde von der Autorin gezwungen die Leseperspektive zu tauschen, tauche in eine neue Geschichte ein und zwar in die Empfindungen eines kleinen Jungen und seiner Schwester. Juli Zeh verführt mich atemlos und voller Schreckenserkentnisse in einen fesselnden Psychothriller, den diese kleinen Wesen erdulden müssen. Die Erkenntnis kommt schlagartig. Ich begegne Henning und seiner jüngeren Schwester in ihrer Kindheit, allein gelassen, auf sich gestellt. Sie kämpfen um ihre elementarsten Bedürfnisse und auf Henning, als dem Älteren Kind, liegt eine schwere Verantwortung. Diesen kleinen, unschuldigen Kindern hat die Autorin geschickt und mit viel Wissen um die kindliche Psyche, viele Eigenschaften zugeordnet. Hassgefühle, Aggressionen auf die kleine Schwester wechseln mit unbändiger Zärtlichkeit und Liebe in Hennings Persönlichkeit einen ständigen Kampf miteinander. Er verzweifelt an seiner Unfähigkeit für sie beide sorgen zu können, wie er es von den Eltern gesehen hat. Ich leide, weine und kämpfe mit diesen kleinen Geschwistern. Ich bin geschockt, aber das allerschlimmste für mich folgt noch am Ende des Buches. Meine eigene Erkenntnis, dass nichts wieder gut zu machen ist, oder dass diese seelischen Verletzungen vollständig zu heilen sind. Juli Zeh verwehrt dem Leser jede Hoffnung auf ein Vergeben der schuldigen Eltern - und das zurecht. Diese schlimme Verletzung und Traumatisierung der Kinder um Leib und Leben in jungen Jahren hat sie für ein Leben lang unbewusst und furchtbar gezeichnet. Sie werden keine Ruhe finden und Ängste in jeder Form werden sie immer wieder heimsuchen. Und doch beginnt nach dieser Erkenntnis für Henning und seine kleine Schwester ein NEUES JAHR im wahren Sinne des Wortes - ein Neubeginn! Ein trauriges Buch, aber es ist eine beeindruckende, schriftstellerische Leistung der Autorin. Sie hat zwischen den beiden Geschichten in einem Buch einen verbindenden Bogen zum besseren Verständnis des Protagonisten verknüpft und den Leser zu einem eigenständigen Beurteilen des Geschehens geführt. MEINE BEWERTUNG: VIER **** STERNE für eine traurige Geschichte, die mich sehr deprimiert hat. Trotzdem Danke Juli Zeh für dieses Buch! Mein Dank gilt auch dem Luchterhand Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplar.

Lesen Sie weiter