Leserstimmen zu
Der Verräter

Paul Beatty

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Ich hatte hohe Erwartungen an das Buch und damit auch an mich. Wachrütteln soll es, schockieren. Nach ein paar Artikeln über den Auto und das Buch war ich mir sicher: das muss ich lesen! Lasst mich ehrlich sein, es scheiterte an mir. Denke ich zumindest. Ich bin nicht rein gekommen in die Geschichte. Was sind die möglichen Gründe? Leider bzw. glücklicherweise kann ich mich absolut gar nicht mit den Personen identifizieren. Als 0815 weißes Kind in Mitteleuropa habe ich nie mit echter Armut, Gangs, Rassismus (mit gegenüber) oder dergleichen zu tun gehabt. Mir fehlte die Vorstellungskraft für die Geschichte. An dieser Formulierung saß ich lange und bin noch immer nicht ganz zufrieden. Aber irgendwie ist genau das der Fall, ich konnte das Bild in meinem Kopf quasi nicht scharf stellen. Das Grundkonstrukt der Geschichte ist unglaublich interessant. Ein Sklave in der heutigen Zeit. Jemand der auch noch glücklich ist mit Rassentrennung und Peitsche. Unvorstellbar (wortwörtlich für mich). Doch irgendwie habe ich mich in der Erzählung verloren und nicht mehr wieder gefunden. Bis zum Schluss bin ich wie ein Nicht-Schwimmer durch dieses Buch geschwommen und hab am Ende nur noch nach Luft schnappen können. Auf jeden Fall ein Erlebnis, keins was ich so schnell wieder bräuchte. Keine Ahnung wie ich das Buch bewerten soll, es ist irgendwie gut, irgendwie verwirrend, irgendwie schwer lesbar. Jedem Leser kann ich nur empfehlen die Leseprobe in Anspruch zu nehmen! Schaut ob ihr mit den ersten Seiten gut zurecht kommt (hätte ich machen sollen!). Die Optik des Buches bekommt allerdings 100%! Wie toll sieht es bitte aus? Harter Tobak! Nicht für jeden Leser. Irgendwie zwischen genial und schwerlesbar.

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Paul Beattys Protagonist lebt im verkommenen Viertel Dickens in Los Angeles. Einst war Dickens eine eigene, annehmbare Stadt. Diese will er wieder zum Leben erwecken und beginnt damit, die Stadtgrenzen mit weißer Farbe nachzuziehen. Das hat erste positive Effekte für das Gemeinschaftsgefühl. Mit der Zeit stellt er fest, dass auch die Stadtbewohner sich verändern, als er Zufall um Zufall auch die Rassentrennung wieder einführt. Zumindest deklariert er sie auf Schildern, denn Weiße gibt es in Dickens eh kaum. Plötzlich benehmen sich die Menschen in der Öffentlichkeit anständiger und die ehemalige Brennpunktschule steigt zu einer angesehenen Bildungseinrichtung auf. Gelingt es also, die Stadt Dickens wieder auferstehen zu lassen? Puh! Starker Tobak, wie schon die Inhaltsangabe verrät. Mich hat das Buch sehr verstört. Es ist so absurd, zu lesen wie jemand für Rassismus kämpft, unter dem er selbst leidet. Die Sprache ist schonungslos und der Stil sehr schnell, was vielleicht gerade in der Übersetzung ungewöhnlich wirkt. Der Text ist außerdem sehr dicht, sodass ich manchmal nicht ganz mitkam. Dennoch konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Gerade die Beiläufigkeit der Entwicklungen hat mir gefallen. Es gibt keinen verrückten Plan, die Rassentrennung wieder einzuführen, sondern die Handlung stolpert Stück für Stück in diese Richtung. Es gibt Bezüge zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung bis zu Obama (und sicher noch viele mehr, die ich nicht erkannt habe). Das verdeutlicht: Die Geschichte mag fiktiv sein, aber nicht die Welt, in der sie spielt und der Paul Beatty hier den Spiegel vorhält. Ein Buch, was mich nachdenklich macht und sprachlos zurück lässt.

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Ein kühnes Gedankenexperiment, das sich der Autor und ehemalige Poetryslammer Paul Beatty in seinem 2016 mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman „Der Verräter“ (The Sellout, 2015) erlaubt. Es ist eine, im besten Sinne, respektlose Abrechnung mit der amerikanischen Gesellschaft, die sich auf Rassismus und Diskriminierung gründet und dies auch während der achtjährigen Amtszeit Obamas nicht überwunden hat. Im Gegenteil, dessen Nachfolger ist redlich bemüht, zugeschüttete Gräben wieder aufzureißen bzw. neue auszuheben und die gesellschaftliche Spaltung weiter voranzutreiben. Beatty nutzt das literarische Mittel der Satire. Inhaltlich unterfüttert er diese mit zahlreichen Rassismen, nicht nur aus Alltag sondern auch aus Wissenschaft, Film und Literatur. Das beginnt schon bei dem Namen des fiktiven Handlungsorts: Dickens (!), ein heruntergekommener Vorort von Los Angeles. Den Stadtvätern ein Dorn im Auge, für die Immobilienhaie nach entsprechenden Investitionen ein äußerst lohnendes Objekt. Aber auch Heimat für die dort seit Generationen lebenden Afroamerikaner, die stolz auf ihr Viertel sind. So auch der Ich-Erzähler, dessen Vater (Sozialwissenschaftler) sein Leben lang die Bürgerrechte hochgehalten und besänftigend auf seinen Sohn und die zornigen jungen Männer eingeredet hat. Immer hoffend, mit gefälligem Verhalten die Akzeptanz der (weißen) Öffentlichkeit zu erlangen. Doch dann wird er erschossen, und der Sohn verliert nicht nur den Vater sondern auch seinen moralischen Kompass. Anpassung ist das Wort der Stunde für ihn, und so kommt er zu dem irrigen Schluss, dass nur Segregation Erfolg garantiert und der Schlüssel zur Lösung aller Probleme ist. Sein Konzept zur Rassentrennung kommt an, bei Schwarz und Weiß. Endlich weiß jeder wieder, wo sein Platz ist. Und so mutiert der Ich-Erzähler zum Sklavenhalter. Einen willigen Gefolgsmann findet er auch. Ein alter Schauspieler, einst zum Cast der „Kleinen Strolche“ gehöhrend, lässt sich bereitwillig von ihm zum Sklaven machen. Und schon bald übernehmen auch öffentliche Institutionen in Dickens dieses „Erfolgsmodell“… Sprachlich auf höchstem Niveau (dem Übersetzer Henning Ahrens sei Dank), bitterböse und entlarvend, jenseits aller „political correctness“. Ein Roman, der mit Vorurteilen spielt, sie auf Gag-Niveau bringt, das aber so raffiniert bewerkstelligt, dass einem das Lachen schon im Ansatz im Halse steckenbleibt. Eine Fiktion, die den Vereinigten Staaten unter Trump den Spiegel vorhält. Hoffnungslos überzeichnet – oder etwa doch nicht?

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Paul Beatty schreibt in seinem Buch "Der Verräter" auf kluge, sarkastische und auch bittere Weise, wie gespalten die Menschheit bezüglich Ethnie noch immer ist. Das Buch erschien 2018 im Luchterhand Verlag. Der Erzähler lebt in Dickens, einem Vorort von Los Angeles, welches einen Brennpunkt darstellt. Die fast ausnahmslos schwarzen Bewohner von Dickens sind stolz auf ihre Herkunft und auf Dickens. Sie zelebrieren ihr Leben dort und sehen sich als einheitliche Macht gegen die Weißen. Der Erzähler lebt ein friedliches Leben, bis sein Vater, ein Bürgerrechtler durch Polizeigewalt stirbt. Plötzlich ändert sich alles. Die Grundidee des Buches ist ohne Frage genial. Den deutschen Titel finde ich wenig gelungen, was mir leider häufig so geht. Ich muss sagen, dass mir der Anfang gut gefiel, ich dann aber immer mehr Schwierigkeiten hatte, mich dem Buch zu widmen. Es wird immer anstrengender und die gut konzipierte Story verliert an Reiz. Der Erzählstil ist angenehm und verständlich, der Inhalt durchaus anspruchsvoll (was die Thematik vorgibt). Beatty schreibt rau und launisch, erbarmungslos und sarkastisch. Die vielen Details und die Fülle an Ereignissen führten dazu, dass ich immer wieder aus dem Konzept gebracht wurde und es einem Kampf glich, beim Lesen alles immer wieder von Neuem aufzuarbeiten. Dennoch wollte ich die Geschichte unbedingt zu Ende lesen und wissen, was mich noch erwartet. Der sarakstische Unterton war für meinen Geschmack hier und da überflüssig, bisweilen nicht angebracht. Ungeschönt und ehrlich beschreibt Beatty die Lücke, die noch heute zwischen Schwarz und Weiß klafft. Ein zuweilen axnstrengendes aber ein sehr wichtiges Buch!

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Ernster Hintergrund trotz Satire

Von: Michael Lausberg aus Doveren

22.12.2018

Das neue Buch von Paul Beatty handelt von den komplexen Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen in den USA. Satirisch nimmt er die wieder stärker auftretenden Probleme und den Rassismus ins Visier und provoziert gegen die herrschende Realität unter Trump. Er wurde für das Werk mit dem National Book Critics Circle Award sowie dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Die selbst gewollte Wiedereinführung von Sklaverei und Rassentrennung bringt den (schwarzen) Erzähler vor Gericht und ins Gefängnis. Als er deshalb vor dem Obersten Gerichtshof der USA landet, weil er beiden Zusatzartikel der Verfassung missachtet, mit denen Sklaverei und Rassentrennung abgeschafft wurden, und wartet auf seine Verhandlung wartet, beginnt der Roman. Der Erzähler rechtfertigt sich, dass er nicht für etwas bestraft werden kann, was ohnehin höchstens auf dem Papier abgeschafft wurde. Wie konnte es zu solch einer grotesken Situation komme? Dann wird die Geschichte von Anfang an erzählt: Die Handlung spielt in Dickens, einem verarmten Vorort von Los Angeles auf, wo der Erzähler sein Leben zwischen Wassermelonen und Joints fristet. Der Vater des Ich-Erzählers, ein schwarzer Aktivist gegen Rassismus und Anhänger einer afroamerikanischen Identität, versucht seine Haltungen an seinen Sohn zu Hause unterrichtet auch durch Experimente weiterzugeben. Als dann der Vater durch vier Kugeln, die ihm von Polizisten an einer Ampel in den Rücken geschossen werden, ermordet wird, entwickelt sich der Sohn in die andere Richtung. Er will die lang erkämpften Bürgerrechte der afroamerikanischen Community rückgängig zu machen. Der groteske Grund: seiner Heimatstadt Dickens, die die Gentrifizierung von der Stadtkarte von Los Angeles gefegt hat, und das Zusammengehörigkeitsgefühl der schwarzen Bevölkerung wieder neu zu beleben. Die Apartheid in Südafrika hätte dort die Menschen zusammengeschweißt, das sollte auch in Dickens passieren. In der Folgezeit nimmt er Hominy Jenkins bei sich auf, einen afroamerikanischen Darsteller der „Kleinen Strolche“, der als Sklave bei ihm leben und regelmäßig ausgepeitscht werden will, Die beiden führen die alte Rassentrennung wieder ein, zu Hause und im Bus. Der Gangster King Cuz unterstützt die beiden bei ähnlichen entlarvenden Pointen, gesellschaftlichen banalen Erkenntnissen und der Persiflage auf angebliche nur Afroamerikanern vorbehaltene Eigenschaften. Im Laufe des Romans werden alle Ressentiments in einer meist derben und direkten Sprache durchlaufen. Dies alles passiert mit viel Hintergrundwissen, düsterem Humor, versehen mit viel Sarkasmus und treibt bisweilen die Satire auf die Spitze. Es ist das Gegenstück zu moralisierenden Beschreibungen des immer noch existenten Rassismus in den USA. Die partielle Verteidigung des Präsidenten Trump der rassistischen Ausschreitungen bei Demonstrationen in Charlottesville im August 2017 mag dafür eines von vielen offenkundigen Beispielen sein. Beatty legt hier eine andere Form von Rassismuskritik vor, die trotz ihrer vordergründigen Satire einen ernsten Hintergrund besitzt.

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Fulminant

Von: LiteraturReich

15.12.2018

Schon der Beginn des Prologs von Paul Beattys 2016 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnetem Roman „Der Verräter“ (Original „The Sellout“) macht deutlich, mit was für einem Buch man es hier zu tun hat. Keine der von amerikanischen Autoren bekannten, nicht selten großartigen Familiengeschichten oder Gesellschaftspanoramen, in die man bei allen Abweichungen und Differenzen doch immer irgendwie eintauchen kann, teilnehmen kann, Identifikationen aufbauen kann, im positiven oder auch im negativen Sinn. Hier will keine politische Korrektheit herrschen, sondern Provokation, schon allein durch den inflationären Gebrauch von Wörtern wie „Nigger“ oder „Motherfucker“. Aber hier geht es dem Autor auch um etwas, nämlich um den fortbestehenden Rassismus in den USA, um die schwarze Identität an sich, das Selbstbild der Afroamerikaner. Das gelegentliche Unwohlsein des Lesers, auch seine Verwirrung wird nicht nur in Kauf genommen, sondern ist Programm. Der Autor kommt von der Lyrik her, betätigt sich auch als Poetry-Slammer. Das erklärt den ausgeprägten Rhythmus seiner Sprache, aber auch die teils sehr derbe, sich des Slangs bedienende Sprache. Paul Beatty brennt ein teilweise aberwitziges Ideenfeuerwerk ab, reiht Gag an Gag, Pointe an Pointe, schreckt auch vor dem einen oder anderen Kalauer nicht zurück, und versteckt darunter eine nur allzu bittere Wahrheit: dass auch nach acht Jahren unter der Präsidentschaft Barack Obamas (von Trump war da noch gar nicht die Rede) die Situation der schwarzen Bevölkerung keine grundlegend andere geworden ist, sich in Bezug auf Chancengleichheit, Kriminalitätsrate, Polizeigewalt zu wenig geändert hat. Der äußerst unzuverlässige Ich-Erzähler, jener „Verräter“, der dem Buch im Deutschen den Titel verliehen hat, ist „Bonbon“ Heros. „Bonbon“ nennt ihn allerdings nur die „Liebe seines Lebens“, die Busfahrerin Marpessa, die leider anderweitig verheiratet ist. Ansonsten bleibt er (vor)namenlos. Aufgewachsen bei seinem alleinerziehenden Vater, einem „nicht ganz unbedeutenden Sozialwissenschaftler“ und Bürgerrechtler, der später aufgrund seiner beruhigenden Wirkung auf angehende Selbstmörder im Viertel „der Niggerflüsterer“ genannt wird, macht er sich nach dessen Tod durch Polizeikugeln diverser Verstöße gegen die Verfassung schuldig, weswegen er am Buchbeginn auf der Anklagebank sitzt. Übrigens völlig bekifft sitzt. Vielleicht der Grund, weswegen so manches vom Erzählten völlig absurd klingt. Die Anklagepunkte heißen „Sklaverei“ und „Rassentrennung“, zwei Dinge, die in den Vereinigten Staaten von Amerika seit 1865 bzw. 1964 abgeschafft sind. Abgeschafft sind? Zumindest bei letzterem beharrt der Ich-Erzähler darauf, dass Rassentrennung lediglich auf dem Papier nicht mehr existiert und plädiert auf unschuldig. Aber wie kam es eigentlich zu den merkwürdigen Vorwürfen? Alles begann damit, dass der alte und schon etwas tüdelige Hominy Jenkins, einst erfolgreicher Kinderstar in der (nicht nur) unter rassistischen Gesichtspunkten etwas fragwürdigen Kurzfilmserie „Our Gang“ (zwischen 1922 und 1944 gedreht und in Deutschland unter „Die kleinen Strolche“ bekannt) und eine Lokalgröße, beim Ich-Erzähler um Aufnahme als Sklave, inklusive donnertäglichem Auspeitschen, erbittet. Dieser Hominy ist natürlich eine fiktive Figur, aber allen älteren Semestern ist sicher noch der kleine schwarze Junge in Erinnerung, dem in der Kinderbande der „Kleinen Strolche“ eine selten dämliche Rolle als pausenlos hungriger Mitläufer zugedacht war und dem abwechselnd vor Erstaunen, Erschrecken oder auch sonst wie wahlweise die riesigen Augen aus dem Kopf quollen oder die struppigen Haare zu Berg standen, und an den diese Figur angelehnt ist. Um Hominy an seinem Geburtstag eine Freude zu machen, heuert der Ich-Erzähler Marpessas Bus an und nimmt eine „gute alte“ Trennung von weißen und farbigen Passagieren darin vor. Nur für die eine Fahrt gedacht, belässt es Marpessa aber bei der Regelung, und siehe da, die Disziplin im Bus steigt, ebenso der Respekt vor den Mitfahrenden, generell das Benehmen und der Umgangston. Das bringt ihre Freundin, die Lehrerin ist, auf die Idee, es auch an der Schule mit Rassentrennung zu versuchen. Sie wendet sich an den Ich-Erzähler, der zudem dabei ist, sein Viertel, das (fiktive) Dickens, irgendwo in South-Central Los Angeles, das infolge der Gentrifizierung, um seinen Ruf als Stadtteil mit der höchsten Mordrate auszulöschen, einfach von der Karte getilgt und anderen Stadtteilen zugeschlagen wurde, wiederzubeleben. Mit einem Markierwagen für Sportplätze zieht er eine neue/alte Grenze um sein ursprüngliches Heimatviertel. Klingt alles ziemlich verrückt? Ist es auch. Es kommen noch der Club der Dum-Dum-Donat-Intellektuellen, absonderliche Erziehungsmethoden des Vaters, die auch vor Konditionierung durch Stromschläge nicht zurückschreckten, psychologische und soziologische Abhandlungen und zahllose Referenzen zu US-amerikanischer Literatur, zu Filmen, Fernsehen, Berühmtheiten hinzu. Gespickt mit jeder Menge lateinischer Zitate und sonstigem Bildungszierat ist das Ganze keine ganz leichte Lektüre. Zumal man sich ständig fragt, „Meint der das jetzt ernst?“. Es ist bis zuletzt unklar, ob da nur einer im Drogenrausch fabuliert, oder ob der Autor hier seine Geschichte satirisch zuspitzt und gehörig übertreibt. Dass Vater und Sohn Heros mitten in L.A. South Central eine ausgedehnte Farm bewirtschaften sollen (Spezialitäten Satsumas, Melonen und Marihuanha) und der Protagonist überall mit dem Pferd vorreitet, macht die Sache auch nicht glaubwürdiger. Paul Beatty hat ein wahrhaft fulminantes Buch geschrieben, cool, ausufernd, aberwitzig, radikal. Es zeigt die Vielgestaltigkeit von Rassismus, reizt sämtliche Klischees aus und hinterfragt vehement alle Gruppen- und Rassenzugehörigkeiten. Nicht immer ganz leicht zu lesen, aber erhellend, schockierend, anregend und manchmal einfach saukomisch.

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„Sellout“ von Paul Beatty wollte ich schon länger lesen, weil mich die Grundidee faszinierte, leider ist mein Englisch für anspruchsvollere Lektüre nicht ausreichend perfekt also landete Paul Beattys mit dem National Book Critics Award und dem Man Booker Preis ausgezeichnetes Werk auf der Wishlist bis zur Übersetzung. „Der Verräter“, so der deutsche Titel, wartet mit einer grandiosen Grundidee auf, sprachlich und stilistisch ist er herausragend konzipiert und dennoch habe ich mich durch dieses Buch bis zum Schluss, der mich etwas versöhnt hat, gekämpft. Es ist, obwohl sprachlich einfach gehalten keine leichte Kost die Beatty hier serviert. Ein Schwarzer Bewohner der Us – amerikanischen Kleinstadt Dickens berichtet von seiner grauenhaften Kindheit in der alle Tatbestände für § 8a zu finden sind. Sein Vater Sozialwissenschaftler und Begründer und einziger Praktizierender der „Freiheitspsychologie“ erzeiht ihn angelehnt an Jean Piagets kognitiver Entwicklungspsychologie. Wobei Piaget dabei sicher im Grab rotieren würde hätte er dies sadistischen Praktiken miterleben müssen. Konditionierung mit Elektroschock inklusive. Derartige Behandlung hinterlässt Spuren und so kommt es, dass Heros der Junge ohne Vornamen aus Dickens vor dem Surpreme Court angeklagt wird gegen etliche Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung verstoßen zu haben indem er in Dickens die Sklaverei und die Segregation wieder einführte um die Bildung und den Stand der schwarzen Bevölkerung zu verbessern, was ihm auch gelang. „In einem überfüllten Theater <Feuer!> zu rufen, ist illegal, stimmt’s?“ „Ja.“ „Tja, und ich habe in einer post-rassistischen Welt >Rassismus> geflüstert.“ Stilistisch und inhaltlich gibt es an Beattys launig, bissiger Satire nichts auszusetzen. Er trifft mit jedem Satz, ins Herz der nicht erfüllten Versprechungen die die USA ihren People of Colour nach langer Zeit der Unterdrückung und Ausbeutung offerierten und heute noch vorenthalten. Unverschämt prall, dicht und erbarmungslos wird man in diesen Roman hineingeworfen und verheddert sich ab und an in der Fülle an Informationen, von denen einige wohl nur sehr wenigen Europäern geläufig sein dürften und eruiert werden müssen um im Kontext zu bleiben. Sicher sind mir etliche Insider entgangen, es blieb aber genug übrig. Es ist auch hilfreich wenn Leser*innen mehr als das aus Asterix und Obelix inhalierte Latein beherrschen und mit Minstrelshows Blackfacing und anderen Widerwärtigkeiten der amerikanischen Kultur vertraut sind. ich bin ein wenig unsicher durch diesen Roman geschwommen, teils aus Informationsmangel teils weil mein Zynismus momentan ziemlich heruntergefahren ist außerdem gefiel mir die unverhohlen Derbheit die der Autor dem Protagonisten zuweist nicht. Beatty hat eine bösartige, ehrliche und ungeschönte Satire über die amerikanische Gesellschaft, in der wirklich jeder vorgeführt und entlarvt wird, geschaffen. Mir war sie zu heftig, wobei es ein Erlebnis der sehr besonderen Art ist „Der Verräter“ zu lesen. ich möchte es weder missen, noch wiederholen.

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Der Supreme Court der Vereinigten Staaten in Washington hat einen schwierigen Fall zu verhandeln: Mr Heros, Melonenlandwirt aus Kalifornien, soll massiv gegen die Zusatzartikel 13 und 14 der Verfassung verstoßen haben, die die Sklavenhaltung und die Rassentrennung verbieten – und das als Schwarzer! Aufgewachsen ist Heros – der Ich-Erzähler von dem wir nie den Vornamen erfahren – in Dickens, einem Vorort von Los Angeles, in dem Bandenkriminalität, Rassismus und Polizeigewalt so hoch sind, dass sich das zuständige County irgendwann dazu entschlossen hat, die Straßenschilder abzumontieren und die Kleinstadt sich selbst zu überlassen. Bei seinem Vater, Hobbypsychologe und Black-Power-Veteran, ist Heros durch eine harte Lehre gegangen, geprägt von jahrelangen, schmerzhaften Konditionierungen auf jede Ungerechtigkeit, die den Schwarzen in Amerika je widerfahren ist. Als sein Vater bei einer simplen Straßenkontrolle erschossen wird, übernimmt Heros dessen Debattierklub, zieht eine leuchtend weiße Grenze um Dickens und erklärt es quasi zur Sonderzone. Zusammen mit seinem (freiwilligen) Sklaven Hominy – dem letzten noch lebenden Die kleinen Strolche-Komparsen – führt er in Dickens die Rassentrennung wieder ein, zunächst im Linienbus, später dann auch in der örtlichen Schule. Und das mit Erfolg: Die Schüler werden immer besser und Sklave Hominy ist der glücklichste Einwohner der Stadt. Doch dem eigenwilligen Utopia ist keine lange Lebensspanne vergönnt, der Staat greift ein und Heros muss sich in Washington verantworten. Was Paul Beatty (*1962) hier in seinem aktuellen Roman auf die Seiten hämmert, ist beißende Gesellschaftssatire par excellence. Der Text quillt permanent über vor lauter entlarvender Sozialkritik, und selbst wenn man die grandiosen Kniffe mit der Sklavenhaltung und der Rassentrennung außen vor lässt, bleibt immer noch genug Zündstoff übrig, um jedem Alltagsrassisten in Amerika den Spiegel vors Gesicht zu halten. Beattys oft recht ausschweifende Sätze sind hierfür eine schier unerschöpfliche Fundgrube an kleinen Anekdoten und Querverweisen zu afroamerikanischer Geschichte und Popkultur. Manche Szenen sind dabei so witzig und gleichzeitig so böse, dass man sich beim Lachen schon für das Lachen schämt. Sehr gelungen ist auch das Personal. Neben Heros selbst, ist die schillernste Figur natürlich Hominy, der sich bei seinem Massa regelmäßig Erniedrigungen jeder Art abholt. Aber auch die zweite Reihe kann sich sehen: Marpessa, Busfahrerin und Heros‘ Ex-Geliebte, die in ihrer Linie 125 ein kleines Extra-Soziotop durch die Stadt kutschiert; oder Charisma, die völlig überforderte Schulleiterin, die zunächst skeptisch auf die Rassentrennung blickt, dann aber mehr und mehr von ihr überzeugt ist. Beatty haucht jeder Figur eine magische Eigenständigkeit ein, wie man sie selten zu lesen bekommt, und die ich so eigentlich nur von Thomas Pynchon und Donald Antrim kenne. Und wo wir gerade bei großen Namen sind: Dieses Buch hat definitiv das Potential, sich dauerhaft in der Reihe der wichtigen Satiren der Literaturgeschichte zu behaupten. Viele Punkte sprechen dafür: Der Schreibstil ist gehoben aber lesbar, es werden eine Menge dringender Probleme angesprochen, und das Hauptthema ist – auch wenn dieser Umstand traurig macht und viele es nicht wahrhaben wollen – zeitlos. Anders ist es bei Romanen wie CATCH-22 oder CLOCKWORK ORANGE auch nicht, und die werden heute noch gelesen.

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