Leserstimmen zu
Jack Engles Leben und Abenteuer

Walt Whitman

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Der Klappentext hat mich sofort begeistert – „Ein […] Roman […], der ein multikulturelles Amerika preist“ – Das klingt doch nach einem unruhigen New York, mit staubigen Straßen, riesigen Hochhäusern, überlaufenen Straßen, lauter Musik und schreienden Martkhändlern. Da musste ich das Buch sofort lesen! Doch jetzt, nachdem ich das Buch gelesen habe, weiß ich nicht, was ich dazu schreiben soll. Ich habe so viel während des Lesens aufgeschrieben und doch sind es alles nur Kleinigkeiten, die irgendwie nicht wirklich wichtig und von Gewicht sind und doch muss ich meine Meinung belegen. Ich sage es direkt: Es hat mich enttäuscht. In dem Buch, welches Whitman selbst als Autobiografie bezeichnet, begleiten wir Jack Engles, einen Jungen, der ohne Eltern zwischen Armut und Elend aufgewachsen ist, bis er doch eines Tages von einem Milchmann und seiner Frau aufgenommen wird. Als Gegenleistung soll er in die Lehre bei einem Rechtsanwalt gehen – Eine langweilige, reizlose Lehre, die Jack überhaupt nicht interessiert – er würde seine Zeit viel lieber mit der schönen Theatertänzerin verbringen. Doch dann bemerkt er, dass der alte Anwalt mehr verheimlicht, als es zuerst scheint… Was sich immer noch sehr gut und sogar schon spannend wie ein Krimi anhört, konnte mich nicht überzeugen. An Whitmans Schreibstil musste ich mich erstmal gewöhnen. Seien es nun Sätze wie: „(…) womit das erste Kapitel endet“ oder die Weise, dass sich der Autor dem Leser zu Beginn des Buches vorstellt, all dies sind Dinge, die heute gar nicht mehr in Büchern zu finden sind, wie ich aber vor kurzem feststellen musste, wohl zu gewissen Zeiten sehr geläufig waren. Dabei erzählt Whitman manchmal in der dritten Person, manchmal aber auch aus der Ich-Perspektive. Generell würde ich sagen, schreibt er eher umgangssprachlich und wechselt sich zwischen kurzen, wortkargen und langen, mit vielen Aufzählungen gestreckten Sätzen, ab. Dabei ist es aber eine komische Mischung von sehr genauen und detaillierten Beschreibungen und dann wieder ganz vagen und groben. Manche Szenen beschreibt er auch einfach zu kurz (oder wie er es nennt „erspart“ sie dem leser) und man fragt sich, ob denn da nicht noch was fehlt oder ob er nicht wenigstens ein wenig genauer schreiben könnte. Genauso komisch ist es, wenn er wieder einen seiner losen Zeitsprünge macht – man muss bedenken, die Geschichte erstreckt sich über zwei Jahre – etwas, was ich auch nicht erwartet hatte. Dadurch, dass es einfach an Ortsbeschreibungen mangelt, lag es auch wohl, dass ich mir die Geschichte zu keiner Zeit in der unruhigen Metropole New York vorgestellt habe, wie es der Klappentext und das Cover versprechen. Von der ersten Seite spielte sich der Plot in meinem Kopf in einer verschlafenen, mittelalterlichen Hafenstadt ab – was wahrscheinlich das beste Zeichen dafür ist, dass Whitmans Schreibstil hierbei etwas zu wünschen übrig gelassen hat. Neu war für mich auch, dass ein Autor zu Beginn jeden Kapitels in einigen Stichworten zusammenfasst, worum es in dem folgenden Abschnitt geht – für mich waren diese kurzen Aufzählungen oft besser und sogar greifbarer als das ganze Kapitel an sich, was mich irgendwie ratlos zurücklässt. IMG_20170714_103349664~2 Dass es sich hierbei um einen autobiografischen Roman handelt, merkt man dafür jedoch hin und wieder. Jack deckt seine – oder Walt Whitmans – Herkunft auf, dokumentiert politische Debatten und kritisiert mit spitzer Zunge New Yorker Gruppen und Personen, wobei er jedoch immer die Namen geändert hat und nur Andeutungen zurücklässt, wie er es auch im Vorwort erklärt. Nebenbei bedankt er sich bei alten Weggefährten, betet für Verstorbene und wechselt dafür sogar manchmal ins „du“ um diese Personen direkt anzusprechen. Gefallen hat mir, dass Whitman im letzten Kapitel noch mal zusammenfasst, wie es allen – wirklich allen – Charakteren, die vorgekommen sind, nach dem Abenteuer erging und wie sie ihr Leben weiterführten. Ein Plus an den Manesse-Verlag gibt es auch wieder einmal für den Anhang und das Nachwort, welche meiner Meinung nach gut gewählt und zusammengestellt wurden. Woher Wieland Freud jedoch das „multikulturelle Amerika“ nimmt, erschließt sich mir nach dem Lesen des Buches nicht. Ich glaube, im großen Ganzen schreiterte es einfach daran, dass es ein Zeitungsroman war. Hätte er die Geschichte länger ausgebreitet und mehr aus ihr herausgeholt, anstatt sie zu ausdruckslosen Kapiteln einzudampfen, wäre da noch viel mehr möglich gewesen – Schade. Ein Buch, dass mich enttäuscht hat. Ich hatte die Geschichte eines Zwölfjährigen in der Weltmetropole New York erwartet und den Alltag eines Einundzwanzigjährigen in einer mittelalterlichen Hafenstadt bekommen – 2/5 Sterne ©Marlon

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Walt Whitman (1819-1892), der als Begründer der modernen amerikanischer Dichtung und als einflussreichster amerikanischer Lyriker gilt (Quelle: wikipedia), hat unter anderem auch diese Geschichte des Jack Engles verfasst. Erstmals veröffentlicht in mehreren Folgen 1852 in einer New Yorker Zeitung - damals nicht unter Angabe eines Autors. Erst 2016 entdeckte der junge Literaturwissenschaftler Zachary Turpin durch detektivische Recherchearbeit, dass Walt Whitman der Urherber dieser Geschichte ist. In deutscher Übersetzung erschien das Werk in Buchform im Manesse Verlag fast zeitgleich mit dem amerikanischen Reprint. Jack Engles Leben und Abenteuer erzählt die fiktive autobiografische Geschichte eines New Yorker Waisenjungen, der durch Glück und Zufall auf wohlmeinende Adoptiveltern stieß, sich in einem unbeliebten Beruf als angehender Anwalt betätig und einem Geheimnis, dem er zufällig auf die Spur kommt. Das Buch ist mit etwas mehr als 180 Seiten schnell zu lesen, die Sprache, auch wenn sie weiterhin in der Manier des 19. Jahrhunderts geschrieben ist, verständlich. Anmerkungen zu ungewohnten Textstellen ergänzen das Verständnis. Die Sicht aus der des erlebenden Erzählers, der im Nachhinein sein Leben (zumindest die Anfänge) Revue passieren lässt, ist gut gewählt. Neben emphatischen Momenten, humorigen Szenen, aber auch vielen, die das Los und das Leben der damaligen unteren Schichten beschreiben, sowie vielen gut formulierten Beschreibungen von New Yorker Schauplätzen der damaligen Zeit ergänzen die eigentliche Geschichte in der Geschichte, die zur Aufdeckunge eines Geheimnisses führt. Da die Geschichte 1852 in einem Fortsetzungsroman in einer Zeitung erschien und der Roman wahrscheinlich erst während der Veröffentlichungsphase entstand, gibt es ab und zu mal stilistische Hilfsmittel, deren sich der Autor bediente, wenn er z.B. eine Person noch nicht gleich zu Anfang eingeführt hat und sie erst im späteren Stadium erscheint. Aber ich empfand gerade dies auch als gut gelöste und auflockernde Erzählweise der Geschichte. Anmerkungen, ein ausführliches Nachwort von Wieland Freund und eine editorische Notiz ergänzen die kleine hochwertige Ausgabe des Buches aus dem Manesse Verlag. Gefallen hat mir auch das passende Cover des Buches. Der Roman lebt nicht von Spannung oder von höchster literarischer Qualität, sondern eher von diesem gekonnten Erzählstil, der diese Zeit in New York und das Leben eines fiktiven Protagonisten gekonnt darstellen kann. Fazit: Gut zu lesende Geschichte, die das New York der 1850er Jahr wieder aufleben lässt. Eine fiktive autobiografische Geschichte eines Waisenjungen, dem das Glück und der Zufall zu manch überraschenden Erkenntnissen verhilft.

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