Leserstimmen zu
Landpartie

Eduard von Keyserling

Schwabinger Ausgabe (1)

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Ich lese Keyserling seit Jahren und bin immer wieder gefangen von seiner Menschenkenntnis und seiner Sicht auf die Menschen - man könnte ihn mit Tschechow vergleichen auch wenn er nicht über den traurigen Humor Tschechows verfügt.

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„Besser als Fontane!“ ist das eine Werbung, mit der man heutzutage noch Leser erreicht? Gibt es eine deutschsprachige Leserschicht, die ihre Autoren ernsthaft an Fontane misst? Es steht so zumindest auf dem Buchdeckel der gesammelten Erzählungen Eduard von Keyserlings, die der Manesse Verlag unter dem Titel Landpartie herausgegeben hat. An stellte den Vergleich Michael Maar für die Zeit. Ein eher unsinniger Vergleich noch dazu: Fontane ist ja nun wirklich nicht für kurze, dichte, wohlkomponierte Erzählungen bekannt. Überhaupt sind solche Erzähler im deutschen rar gesät, am ehesten fiele Storm ein. Doch bei dem ist alles immer so düster und ernst und schwer, während Keyserlings zwar auch bei weitem nicht ohne Pathos auskommt, das aber oft doch spielerisch, fast tänzerisch vermittelt. Eleganz + Pathos „Waldschnepfen sollten geschossen werden“ – mit einem solchen, die Handlung weit öffnenden Satz etwa wirft der Autor uns in die Erzählung „Frühlingsnacht“. Auf knapp zehn Seiten wird mustergültig eine Rivalität zweier Freunde um eine junge Dame aufgebaut, die sich, nachdem der eine Rivale sie bei Jagd bevormundet, dem anderen in die Arme wirft. Etwas pathetisch (siehe oben) entscheidet der Verschmähte des Abends ins Wasser zu gehen, nur um dort auf eine weitere Selbstmörderin zu treffen, und gemeinsam mit dieser das Unterfangen abzublasen. Suizide sind häufig in den Erzählungen Keyserlings, Versuche ebenso und gleichfalls sind die Handlungsträger oft Adelige oder Bürger, deren Lebensstil im Großen und Ganzen dem des Adels entspricht. Müßiggang, rauschende Feste, Mondscheinwanderungen. Man darf die Erzählungen Keyserlings, ohne sie herabzusetzen, als Dekadenzschriftstellerei beschreiben: Alles scheint opulent, schwelgerisch, aber irgendwie auch im Welken begriffen. Den Menschen geht eine Funktion jenseits der Repräsentation ab. Dass im Schwelgerische die Katastrophe lauert wird dann in den letzten Erzählungen, die den Krieg als drohenden Fluchtpunkt haben oder schon aus Schützengräben melancholisch auf den Müßiggang zurückschauen, besonders deutlich. Man spürt es aber bereits vorher. Eine große Gereiztheit durchzieht die Keyserlingschen Idyllen, man kommt kaum umhin nach all den kleinen Explosionen eine große, eine gewaltsame Massenerhebung der Pathosbesoffenen zu erwarten. Kleine und große Gereiztheit Zuvor aber erwachsen aus der Gereiztheit starke Situationen. Besonders herrlich: In „Die Feuertaufe“ erzählt ein Major ein Techtelmechtel. Wieder steht mit der ihn unglücklich liebenden Gräfin eine Jägerin im Mittelpunkt. Und als klar wird, dass der Major sie verschmäht, gerät dieser Wortsinn ins Fadenkreuz. Ausnahmsweise aber stirbt niemand und die Erzählung wird mit großer Nonchalance aufgelöst: " ›Sie sind heute nur einmal zum Schuß gekommen‹, begann ich die Unterhaltung.›Ja, einmal‹, sagte die Gräfin, und sie sprach nachlässig und zerstreut, wie Damen mit Herren sprechen, die sie langweilen. ›Aber ohne Resultat‹, fuhr ich fort. Die Gräfin zog die Augenbrauen ein wenig in die Höh’ und meinte: ›Darauf kommt es doch nicht an. Ich habe die Erregung des Wartens, des Anlegens, Zielens und Schießens gehabt, das ist mir genug; wenn das arme Wild heil davonkommt, so gönne ich es ihm, für mich ist der Fall erledigt, ich hab’ mein Teil gehabt. Oder sind Sie von denen, die stets Resultate sehen müssen?‹ Dabei sah sie mich mit ihren Edelsteinaugen kühl und fremd an. ›Resultate sind allerdings wichtig‹, sagte ich ziemlich verwirrt. ›Resultate‹, erwiderte die Gräfin, ›sind meist uninteressant. Eine Tat beschließen, sie in sich wachsen fühlen, sie wägen, wie ich einen Ball in der Hand wäge, eh’ ich ihn werfe, tun — das kann ein Genuß sein, das kann erlösen — aber was daraus wird.‹ Sie zuckte leicht mit den Schultern, wand sich von mir ab, ihrem Herrn zur Linken zu, und fragte ihn, ob er Neapel kenne." Sprachlich ist Keyserling ein großer Genuss. Die Fähigkeit, Szenerien zu zeichnen, ließe sich vielleicht am besten mit Bunin vergleichen. Auch im melancholisch-romantischen Ton weisen die beiden Parallelen auf, wobei Keyserling durchaus auch eine gewisse ironische Distanz zum romantischen einnimmt. Immer wieder werden romantische Konventionen wie der Mondscheinsparziergang selbst vom Personal der Erzählungen durchschaut und dem Pathos haftet so stets auch eine lächerliche Komponente an. Gar Gänzlich (und durchaus plausibel) als Kritik von Romantik und Nostalgie liest Florian Illies das Werk Keyserlings. Eduard von Keyserling war mir als Erzähler absolut neu. Im deutschsprachigen Raum dürfe er seinesgleichen suchen. Sprachlich grandios, wie es sich die meisten heutigen Schriftsteller durch die Fetischisierung der Widerspiegelung des „Wirklichen“ verbieten, formal in seinem strengen Aufbau und durch die teils kaum merklichen Perspektivverschiebungen oft moderner als heutige Moderne. All zu viele Erzählungen hintereinander weg lesen sollte man vielleicht nicht, sonst könnte der Pathos ein wenig überfordern.

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Ein Juwel

Von: Frau Lehmann

12.09.2018

Es gibt Schriftsteller, deren Werk völlig unverdient aus der Aufmerksamkeit gerät, in irgendeiner Versenkung verschwindet und dort sanft einstaubt. Und manchmal, zum Glück!, wird so ein Schriftsteller mit seinem Werk wieder entdeckt, entstaubt und den Lesern neu vorgestellt. Eduard von Keyserling ist so ein Schriftsteller, einer der eigentlich in die Riege der großen deutschsprachigen Erzähler der Jahrhundertwende gehören sollte, in einem Atemzug genannt mit beispielsweise Fontane oder Storm oder den Manns, Heinrich und Thomas. Der Manesse Verlag hat nun den 100. Todestag von Keyserlings am 28.September 2018 zum Anlass genommen, einen Band mit gesammelten Erzählungen herauszubringen. Dort sind nun alle auffindbaren Erzählungen und Novellen versammelt, mit Kommentar, Zeittafel, Bildteil und einem Nachwort von Florian Illies. Es wurde scheinbar sehr sorgsam recherchiert, Übersetzungen werden genannt und sogar Verfilmungen. Das ist zum einen informativ und zum anderen schön, wenn man sich noch nicht so wirklich trennen will von diesem Buch und seiner besonderen Stimmung. Eduard von Keyserling wurde 1855 in ein altes kurländisches Geschlecht geboren und bleibt in seinen Erzählungen in weiten Teilen der Adelswelt verhaftet. Häufig geht es um den jugendlichen Überschwang gegenüber dem gegebenem Regelwerk, um unstatthafte Liebe. Aber selten wurden diese Motive so elegant und melancholisch behandelt, so bar jeden Schmalzes. Und so modern, denn von Keyserling scheut sich nicht gesellschaftliche Problematiken zu bearbeiten, so zum Beispiel die Stellung der Frau, die häufig genug wenig eigenen Willen zugestanden bekommt und im goldenen Käfig lebt. Obwohl die Erzählungen, wie der Kommentar beweist, zeitlich und örtlich eingeordnet werden können, wirken sie wie aus der Zeit gefallen, erzählen von einer verlorenen Welt. Wobei der Autor durchaus andeutet, warum diese Welt untergeht, untergehen muss. Es ist spannend zu verfolgen, wie die Erzählungen über die Jahre sich verändern, wie es erst um Angehörige des Landadels geht, mit bestimmten Rechten, mit Gütern und Traditionen und wie nach und nach diese Rechte und Güter und Traditionen verloren gehen, so dass der Band mit einem herrischen Bankdirektor endet, der zwar noch ein "von" im Namen trägt, aber von adeligem Verhalten keine Spur mehr aufzeigt. Was all diesen Erzählungen gemeinsam ist, das sind die Stimmungen, die von Keyserling mit Worten schaffen konnte. Seine Beschreibungen der Natur, der Gärten, der Jahreszeiten schaffen nicht nur den Rahmen für die Handlung, sondern geben die passende Färbung. Häufig befinden wir uns im Übergang vom Sommer zum Herbst, wenn die Blumen am prächtigsten blühen, aber der nahende Verfall sich schon ankündigt oder im Übergang zwischen Tag und Abend, wenn die Stimmung stiller wird und die Natur durchatmet. Die Abstufungen sind unglaublich fein, manchmal ist es nur die Beschreibung eines Blumenstraußes in den Händen der Heldin, die dem aufmerksamen Leser den Ausgang schon andeutet. Es gibt Autoren, wo man nach jeder Erzählung eine lange Pause braucht. Hier habe ich geradezu rauschartig gelesen, weshalb im Nachhinein der Band auf mich wirkt wie ein langer Sommer, mit Bienengesumm und Rosenduft, der unwiderruflich beendet wird durch einen Krieg, der weitere Sommer dieser Art für immer unterbindet. Es bleibt zu hoffen, dass von Keyserling nun ins Gedächtnis der Leser zurückkehrt, denn seine bildreiche und doch schnörkellose Sprache ist in ihrer Feinsinnigkeit schlicht wunderschön.

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