Leserstimmen zu
Des Lebens fünfter Akt

Volker Hage

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Arthur Schnitzler war ein österreichisch jüdischer Schriftsteller und Dramatiker, dessen Werke zu seinen Lebzeiten zu den meistgespielten Stücken auf deutschsprachigen Bühnen gehörten. Aus einer Arztfamilie stammend war auch er Mediziner, gab seine Praxis aber schließlich zu Gunsten der Schriftstellerei auf. Dem fünften und letzten Akt seines Lebens in Wien, nämlich den Jahren 1928 bis 1931 widmet sich dieser biografische Roman. Die Erzählung setzt an einem Wendepunkt in Schnitzlers Leben ein. Das einschneidendste Ereignis seiner letzten Lebensjahre war der tragische Selbstmord seiner erst 19jährigen, frisch verheirateten Tochter Lili, den er nie hat verwinden können. Besonders dieser schmerzliche Verlust – aber nicht nur dieser – ließ ihn die Nähe zu seiner geschiedenen Frau Olga suchen. Diese drängte bis zum Lebensende Schnitzlers darauf, wieder mit ihm zusammen zu leben, was Schnitzler jedoch ablehnte. Im Alter von Ende Sechzig wiederholte Schnitzler noch immer das ewig gleiche Beziehungsmuster, welches sich durch sein Leben zog. Er fühlte sich stets von vielen Frauen erotisch angezogen, besonders von solchen, die deutlich jünger waren als er, ihn bewunderten und anschwärmten. Klug sollten sie sein, so dass sie sein schriftstellerisches Werk beurteilen konnten. Er gab ihnen seine Entwürfe zu lesen, baute auf ihre Ermutigung und ihren Rat. Verbindlichkeit war jedoch seine Sache nicht. Auch wenn er eine langjährige Ehefrau bzw. Lebensgefährtin gehabt hat, gab es daneben stets Affären, dauerhafte und kurzlebige. Eine Einschränkung seiner Freiheit konnte er nicht ertragen. Erwartungen wollte er nicht erfüllen, verlangte umgekehrt jedoch Treue und Hingabe von seinen Partnerinnen. Stets hielt er seine Affären vor den anderen Frauen geheim, schreckte auch vor Lügen und falschen Liebesschwüren nicht zurück, um die Frauen zu halten. Tragisch an dieser Lebensweise war, dass sie sowohl Schnitzler als auch die betroffenen Frauen zuweilen sehr unglücklich gemacht hat. Manche der Frauen hätten sich auch auf eine offene Beziehung eingelassen, aber nur unter der Bedingung absoluter Offenheit. Gerade das wollte Schnitzler jedoch nicht. Wollten sich die Frauen von ihm trennen, weil er sie lieblos behandelte, geistig abwesend und stets in seine Arbeit vertieft war und sie ständig hinterging, so konnte er dies nie geschehen lassen. Er war abhängig von ihrer (von ihm meist nicht erwiderten) Liebe, ihrer ständigen Verfügbarkeit und der Selbstbestätigung, die sie ihm gaben. Zu groß waren seine Selbstzweifel, Einsamkeit und Depression, vor allem nach dem Tod der geliebten Tochter. Der Roman zeichnet das Bild eines innerlich zerrissenen Mannes mit starkem Kontrollbedürfnis, der ständig zwischen mehreren Frauen steht und sich vollends darüber bewusst ist, was er ihnen mit seinem Verhalten antut. Er bemerkt sogar, dass sein Festhalten an längst quälend gewordenen Beziehungen voller gegenseitiger Vorwürfe und Leid ihm selbst schadet. Dennoch schafft er es meist nicht, sich zu trennen oder eine Frau gehen zu lassen, weder seine geschiedene Ehefrau Olga, noch seine langjährige Lebensgefährtin Clara. Er findet stets Entschuldigungen für sein Verhalten, nicht zuletzt dass er seine Beziehungserfahrungen in seinen Novellen und Dramen verarbeitet. „Die Verbindung mit Clara hatte er sich leicht vorgestellt, frei von Konflikten, als ‚verantwortungslos und bequem‘, wenn er seinem damaligen Tagebuch trauen durfte. ‚Man könnte sich eine angenehmere Beziehung kaum denken‘, stand da. Freilich auch: ‚Aber in der Tiefe ist sie ziemlich hart, egoistisch, und ein bisschen snob.‘ Das war lange her.“ (S. 129) „Aber war, fragte er sich insgeheim, seine Haltung wirklich so eindeutig? Wenn Clara ganz offen von ihrer Eifersucht sprach, hörte er es zumindest nicht ungern. Er musste sich eingestehen, dass er auf ihre Liebe weiterhin baute. Er wollte Clara loswerden, aber nicht loslassen.“ (S. 214) Diese stark psychologische Auseinandersetzung mit Schnitzlers schwieriger Persönlichkeit wird erzählt vor dem Hintergrund des Wiens zwischen den Weltkriegen. Die Schilderung von Zeppelinflügen oder der neuartigen Möglichkeit zu telefonieren macht die Erzählung sehr plastisch. Natürlich spielt auch der erstarkende Faschismus eine Rolle sowie die in den 1920er Jahren aufkeimende neue Unabhängigkeit der Frauen. Schön ist, dass wir im Roman auch den Zeitgenossen Schnitzlers begegnen, mit denen er verkehrte, etwa Hugo von Hofmannsthal oder Siegmund Freud. Beachtlich ist die immense Rechercheleistung des Autors. Große Teile des Buches zitieren Briefe und Tagebücher Schnitzlers sowie auch dessen Werke und binden diese in die Dialoge ein. So wirkt das Bild Schnitzlers sehr glaubhaft und authentisch. Erschütternd ist die Egozentrik und Rücksichtslosigkeit Schnitzlers, der es in jüngeren Jahren selbst als Arzt in seiner Praxis nicht unterlassen hat, Patientinnen „zu verführen“, man würde heute sagen zu missbrauchen. Die Vehemenz seiner Lügen den Frauen gegenüber, deren völlige Selbstaufgabe und Zerstörung bis hin zum Selbstmord er in Kauf genommen hat, von Frauen, die leicht seine Töchter hätten sein können, stimmt nachdenklich – zumal auch die Frauen offenbar nicht die Kraft gefunden haben, ihrem Leiden ein Ende zu machen und den charmanten, aber eifersüchtigen und fordernden Geliebten zu verlassen. Erstaunlich ist, dass Schnitzler dieses Lebensmodell Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Wiener Gesellschaft leben konnte. Bedenkenswert ist, dass auch heute dieses Muster alles andere als ausgestorben ist. Ein nachdenklich stimmendes, facettenreiches Portrait eines berühmten Mannes, das sich gut liest und beeindruckend recherchiert ist. (Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.) Zusatz-Info: Wer sich auf heitere Weise mit der Welt Schnitzlers ab ca. 1910 beschäftigen möchte, dem seien die Romane von Petra Hartlieb ans Herz gelegt, in denen sie diese aus Sicht eines fiktiven Kindermädchens im Haushalt der Schnitzlers schildert. Erschienen sind bislang „Ein Winter in Wien“ (Rowohlt Verlag Reinbek 2016) und „Wenn es Frühling wird in Wien“ (DuMont Buchverlag Köln 2018). Am 17. Mai 2019 wird der 3. Band „Sommer in Wien“ (DuMont Buchverlag Köln) erscheinen. Petra Hartlieb und Volker Hage kennen sich und haben sich über ihre Recherchen zum Thema Schnitzler ausgetauscht.

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Beim Erobern der Schriftsteller der klassischen Moderne bin ich immer wieder auf den Wiener Arthur Schnitzler gestoßen. Entweder werden seine Stoffe als Vorlage für Filme verwendet (Traumnovelle für z. B. Eyes Wide Shut) oder er wird bei anderen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts erwähnt. Bis ich endlich selbst etwas von ihm las und erstaunt war, wie „modern“ und damit zeitlos Schnitzler schreibt und welch grandioser Beobachter er ist. Seine Figuren handeln, sind in ihrem Umfeld verankert, es gibt keine belehrenden Passagen, sondern spannende Geschichten von interessanten Menschen. Darum wurde ich sehr neugierig, als ich von Volker Hages neuem Roman hörte, der innerhalb Schnitzlers letzten drei Lebensjahre spielt. Hage ist nicht nur Literaturkritiker und hat über berühmte Autoren geschrieben, er beschäftigte sich auch mit der Literatur im zweiten Weltkrieg (in seinem Werk: „Die Literaten und der Luftkrieg“), und dies ist nun sein zweiter Roman. Hier schreibt also jemand, der durchdrungen von Literatur ist, der die Zeit in der Arthur Schnitzler lebte von mehreren Seiten betrachtet hat. Zusätzlich konnte er für dieses Buch erstmals die Tagebücher von Schnitzlers Tochter verwenden, was einen wichtigen Teil des Romans ausmacht. Schnitzler war ein akribischer Tagebuchschreiber und verfügte, dass man sie nach seinem Tod unverändert und komplett veröffentlicht. Darum sind sie heute als zehnbändige Reihe mit fast fünftausend Seiten zu haben. Aber nun zu Hages Roman: Er berührt von der ersten Seite an, durch seine feinfühlige, klare Sprache sind wir Leser sofort dicht an Arthur Schnitzlers Seite und erleben wie er vom Selbstmord seiner Tochter erfährt. Erst hält der Sechsundsechzigjährige es noch für einen Unfall, die Achtzehnjährige war doch so glücklich verheiratet in Venedig. Was war passiert? Also macht er sich mit seiner Exfrau Olga auf die Reise und schottet sich danach nach außen hin ab, um sich innerlich mit den Tagebüchern seiner Tochter auseinanderzusetzen. Gab es Anzeichen für eine Depression? Wie sehr war er als Schriftsteller-Vater Vorbild für sein Kind? Mit wenigen Sätzen fängt Hage sehr gekonnt mehrere Leben ein. Wie weiterleben und dem Alter mit seinen zunehmenden Einschränkungen, aber auch den Angehörigen gerecht werden, nach so einem Schicksalsschlag? Schnitzler bleiben die Frauen, die Geliebten, die Ehefrauen und auch der Sohn, aber kann er ihnen noch gerecht werden, jetzt, nachdem Lili tot ist? Die Tagebücher und die Briefe helfen ihm dabei, seine Erinnerungen aufzufrischen und zugleich zu bewahren. Aber: „Was nützte all seine Liebe, wenn sie nicht ausgereicht hat?“ (Zitat S. 54) Dazu kommt, dass er als Jude zunehmender Feindlichkeit in Wien ausgesetzt ist, als der Antisemitismus in den 20er und 30er Jahren auch in Österreich Politik wird. Ein großartiges Buch, dass Einblick in die Seele eines bedeutenden Künstlers gibt, dank Volker Hage erleben wir, wie Kreativität aus Liebe entsteht mit all seinen Schatten und Lichtseiten. Im Abspann werden die agierenden Personen aus Schnitzlers Umfeld ausführlich vorgestellt. Das bereichert und lädt ein, Arthur Schnitzler zu lesen.

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Großartig

Von: Sonja Spiegel-Rossmann aus Lübeck

02.11.2018

Ich habe das Buch in einem Zug durchgelesen — ich finde es wunderbar, ganz großartig. Ich bin sehr beeindruckt (und habe mir gleich eine Sammlung Schnitzlerscher Texte bestellt…). Man spürt den ungeheuren Rechercheaufwand und ist doch fasziniert von der Leichtigkeit, mit der hier Zitate und Fiktionales verbunden sind.

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In seinem biografischen Roman "Des Lebens fünfter Akt" wendet sich Volker Hage den privaten Dramen des späten Arthur Schnitzlers zu. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur der tragische Tod seiner Tochter Lili, sondern vor allem auch seine wechselvollen Beziehungen zu gleich mehreren Frauen. Juli 1928. Gerade noch freut sich Arthur Schnitzler über die positiven Kritiken zu seinem jüngst erschienenen Roman "Therese", da erreicht ihn ein besorgniserregendes Telegramm aus Italien: Tochter Lili ist ernsthaft erkrankt und wünscht sich die Anwesenheit des Vaters, teilt ihm Schwiegersohn Arnoldo mit. Gemeinsam mit Ex-Ehefrau Olga macht sich der Autor umgehend auf den Weg – doch als er in Venedig eintrifft, ist es bereits zu spät:  Lili ist tot, nach einem vermeintlichen Suizidversuch an den Folgen einer Blutvergiftung verstorben. Der ebenso tragische wie unerwartete Tod der geliebten Tochter bildet dabei den Ausgangspunkt, von dem aus Hage die letzten drei Lebensjahre Schnitzlers literarisch zu rekonstruieren sucht. "Von diesem Tag an [...] würde sein Leben nur noch eines sein, das es abzuleben galt" – so zumindest die düstere Prognose Schnitzlers im Roman. Doch der "einsame Weg hinab", den es für den Trauernden nach eigener Einschätzung nun zu beschreiten gilt, ist so einsam am Ende tatsächlich nicht. Im Gegenteil scheint der "fünfte Akt" im Leben des erfolgreichen Autors – aller Trauer und Melancholie um die verlorene Tochter zum Trotz – vor allem bestimmt durch allerlei amouröse Verstrickungen. Da ist zum Beispiel Olga, die auch nach der Scheidung nicht gewillt ist, ihre Ansprüche an den einstigen Ehemann aufzugeben und die frühere Beziehung nur allzu gerne wieder aufnehmen würde. Sehr zum Missfallen von Clara, Schnitzlers langjähriger Lebensgefährtin, die ihren Platz an der Seite des Geliebten mit aller Macht zu verteidigen sucht. Als schließlich auch noch die dreißig Jahre jüngere Übersetzerin Suzanne in das Leben Schnitzlers tritt, scheint das Beziehungschaos perfekt. So liest sich Hages Roman dann nicht nur als Schriftstellerbiografie, sondern vor allem auch als Porträt eines umtriebigen Casanovas, der selbst im hohen Alter nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt zu haben scheint.   Ist Schnitzler einmal gerade nicht mit einer seiner vielen Frauen beschäftigt, so tut er bei Hage vor allem eines: er liest. In den Werken Freuds, Gerhart Hauptmanns oder Hugo von Hofmannsthal, in alten Aufzeichnungen und Briefen – jahrzehntelang akribisch von der Sekretärin abgeschrieben und archiviert – , den Tagebüchern seiner Tochter oder den eigenen. Überhaupt kommt den Tagebüchern in "Des Lebens fünfter Akt" eine überaus wesentliche Rolle zu. Dabei dient die "autobiografische Pedanterie" Schnitzler nicht nur dazu, regelmäßig in die eigene, ferne Vergangenheit einzutauchen und – manchmal staunend, manchmal irritiert – sein jüngeres Ich zu studieren. Vielmehr geraten die selbstreferenziellen Schriften bei Hage auch als eigentliches Lebenswerk  des Wieners Autors in den Blick.  Zwar lässt er seinen Schnitzler immer wieder auch über Sinn und Unsinn seines "Privatarchivs" sinnieren, das ihm "mal als Schatztruhe, mal als sinnlose Anhäufung" erscheint. Auch den Eindruck, den seine privaten Aufzeichnungen in der Nachwelt hinterlassen werden, erfüllen Schnitzler gelegentlich mit Sorge. Am Ende zeigt er sich dann aber doch immer wieder überzeugt: "Vielleicht war gerade das hier sein Hauptwerk, sein Beitrag zur Moderne: die schonungslose Selbstdarstellung [...] Das hier war der Roman seines Lebens, ohne Beschönigung". Dabei schleicht sich beim Lesen immer wieder der Verdacht ein, dass es hier mit der Aufwertung des Autobiografischen nicht allein darum geht, die Perspektive auf die Privatperson Schnitzler zu lenken, sondern implizit auch darum, den eigenen dokumentarischen Zugang zu Leben und Werk des Schriftstellers zu legitimieren: So basiert auch Hages sorgfältig recherchierter Roman selbst auf zahlreichen Zitaten und Zeitdokumenten. Leider gelingt der Versuch, den Menschen Arthur Schnitzler über die zeitgeschichtlichen Zeugnisse literarisch zum Leben zu erwecken, am Ende allerdings nur bedingt. So bleiben die vermeintlich intimen Einblicke, die große Gefühle zwar thematisieren aber nur selten auch spürbar werden lassen, häufig selbst sonderbar blass und papieren, der Protagonist – trotz aller suggerierten Nähe – als Figur eher unnahbar.  Für Schnitzler-Liebhaber freilich hält der Roman allerdings noch ein besonderes archivarisches Detail bereit: So erhielt Hage von Schnitzlers Enkel Michael die exklusive Erlaubnis, Einblicke in die bis dato für die Öffentlichkeit gesperrten Tagebücher Lili Schnitzlers zu nehmen. Auszüge daraus – die konsequenterweise ebenfalls hauptsächlich um die Affären und Ehekrisen der jungen Frau kreisen – haben in literarisierter Form auch Eingang in den Roman gefunden.  

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