Leserstimmen zu
Die Zeit ist ein Augenblick

Gabriele Henkel

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„Ein Tag mit Kunst ist ein guter Tag.“ Mit diesem Satz hat mich Gabriele Henkel geködert. Sonst hätten die Memoiren der Ehefrau von Konrad Henkel vermutlich nicht mein Interesse geweckt. Dieser Satz umschreibt sehr treffend ihr Leben, das sie mit großer Hingabe der Kunst widmete. Es ist bezeichnend, dass die Autorin nicht chronologisch vorgeht, sondern mit dem Kapitel „Das Glück der Liebe“ beginnt. Damit macht sie gleich deutlich, dass es sich um keine Lebensgeschichte, sondern um Reminiszenzen handelt, die sich vor allem um die Liebe zu ihrem Mann, zu der Kunst und ihren zahlreichen Freunden drehen. Diese Momentaufnahmen geben Einblick in ihren illustren Lebensweg von der Tochter eines Chefarztes über die Unternehmensgattin zur Kunstmäzenin und Professorin für Kommunikationsdesign. Wenn sie erzählt, wie sie mit 16 Jahren nach London zog, sich dort verliebte und den Journalismus für sich entdeckte, fühlt man sich ihr fast nahe. Doch wenige Seiten später erinnert sie sich an hundert rote Rosen, die ihr der Regisseur William Wyler aufs Hotelzimmer schickte, und an eine Segeltour mit Fiatchef Gianni Agnelli, und man taucht in eine völlig fremde Welt ein. Schon als junge Journalistin hat sie es mit hochrangiger Prominenz zu tun. Nach der Heirat mit Konrad Henkel, der nach dem Tod seines Bruders die Leitung des Konzerns übernimmt, weitet sich der Kreis weiter rapide aus. Manchmal hatte ich das Gefühl, in einem Who’s Who Kompendium zu blättern und fühlte mich erschlagen von den vielen Namen. Bemerkenswert ist jedoch, dass Gabriele Henkel offensichtlich nicht viel von oberflächlichen Bekanntschaften hielt. Aus jedem Satz spricht ihre Zuneigung und Bewunderung für ihre Freunde und deren Arbeiten heraus. Wenn sie regelmäßig Salonabende organisierte und mit fantasievollen Dekorationen und Kunstinstallationen für Furore sorgte, war dies ihre Art der Wertschätzung und Würdigung der Gäste. Gabriele Henkel baute die umfangreiche Kunstsammlung des Henkel-Konzerns auf. Dabei konnte ich so manch Interessantes über meine Heimatstadt Düsseldorf als Mittelpunkt der avantgardistischen deutschen Kunstszene erfahren. Mir imponiert, wie Gabriele Henkel sich immer wieder neuen Aufgaben stellte und zum Beispiel als Professorin Seminare und Studienreisen organisierte. Immer wieder fragte ich mich: „Wo nimmt die Frau nur ihre Energie her?“ So allmählich verstand ich ihren Antrieb: Nachdem sie als Kind die Kriegszeit und später viele tragische Krankheits- und Todesfälle miterleben musste, wollte sie wohl so lange es geht ihren Leidenschaften nachgehen und so viele schöne Augenblicke wie nur möglich sammeln. Das scheint ihr gelungen zu sein.

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