Leserstimmen zu
Frohe Botschaft

Walter Wüllenweber

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Fazit: Grünen-Politiker Robert Habeck hat über Wüllenwebers „Frohe Botschaft“ gesagt, er habe sich selten „so herausgefordert gefühlt wie durch dieses Buch“. Und das kann ich vollumfänglich so unterschreiben. Denn so froh, sinnvoll und notwendig die Botschaft ist, die Wüllenweber hier verbreitet, bietet sie an ausreichend Stellen Anlass, entrüstet hochzufahren, erbittert dagegen zu argumentieren oder sich schlicht aufzuregen. Aber man muss ja auch mal andere Meinungen aushalten. Irgendwie kommt gerade das heutzutage viel zu kurz … Wüllenwebers methodischer Ansatz ist es, sein Buch in drei Teile zu teilen. Den ersten würde Helmut Markwort mit „Fakten, Fakten, Fakten“ zusammenfassen. Der zweite Teil geht der Frage auf die Grund, warum die positiven Entwicklungen, die der Autor im ersten Teil aufzeigt und die so beweisbar wie unwiderlegbar sind, nicht zu den Menschen durchdringen. Der abschließende Teil widmet sich den Folgen des reflexartigen Schwarzmalens und stellt einen Zusammenhang zu den letztjährigen Erfolgen populistischer Parteien her. Im ersten Teil konfrontiert der Autor die Leserschaft mit einer Ansammlung von Informationen, meist in Form von Statistiken, Umfrageergebnissen und dergleichen. Dabei wendet er sich einer Fülle von Themen zu, von ökologischen und ökonomischen Entwicklungen bis hin zur Kriminalitätsrate. Letztlich darf natürlich auch der Themenkomplex des Flüchtlingszuzugs seit 2015 nicht fehlen. Vieles davon ist äußerst lehrreich, schade ist nur, dass sich diese Menge an Informationen in Summe leider niemand merken kann. Denn einiges davon sollte man sich durchaus merken. An dieser Stelle sei meine Lieblingsstatistik angeführt, die besagt, dass die Städte mit dem höchsten Migrantenanteil in den letzten Jahren einen deutlichen Rückgang an Kriminalität verzeichnen konnten. „Duisburg minus 2,8 Prozent; Köln minus 6,2 Prozent; Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen jeweils minus 7,5 Prozent; Oberhausen minus 8 Prozent; Dortmund minus 8,2 Prozent; Stuttgart minus 11,4 Prozent.“ (S. 40). Entgegen der Entwicklung in Deutschland und insbesondere in den genannten Städten war die Entwicklung in anderen Gegenden mit teils deutlich geringerem Migrantenanteil etwas anders: „Dresden plus 3,7 Prozent; Rostock plus 4 Prozent; Erfurt plus 13,7 Prozent; Leipzig plus 20, 4 Prozent.“ (S. 41) Nimm das, Pegida! Zu den Statistiken und Themen gehören aber auch welche, zu denen man unterschiedlicher Meinung sein kann oder die man aus anderen Gründen kritisieren könnte. Einer der für mich persönlichen Gründe ist beispielsweise, dass Wüllenweber sich mehrfach auf Aussagen des Kriminologen Christian Pfeiffer beruft, der bei mir als PC-Spieler sofort Schnappatmung hervorruft, tat er sich doch in der seinerzeit geführten „Killerspiel-Debatte“ durch bemerkenswerte, nahezu unfassbare Ahnungslosigkeit hervor, was ihn jedoch nicht davon abhielt, weiter beharrlich vor sich hin salbadernd Unfug zu verbreiten, der von nicht fachkundigen Menschen geglaubt wurde, was letztlich dazu führte, dass ich wiederum nie wieder etwas glauben werde, was Christian Pfeiffer sagt, und beträfe es auch nur die Uhrzeit. Aber das ist mein persönliches Problem. Darüber hinaus gibt es aber mehrere Thesen, bei denen ich mir eine etwas genauere Betrachtung gewünscht hätte. Zwar gibt sich Wüllenweber Mühe, Sachverhalte dort, wo es Sinn ergibt, auch von zwei Seiten zu betrachten, aber eben nicht immer. So weist er darauf hin, dass das Institut der deutschen Wirtschaft ermittelt hat, dass sich jedes zusätzliche Bildungsjahr mit einem etwa um zehn Prozent höher liegenden Einkommen auszahlt. Wenn man das weiß, fragt man sich schon, warum die Politik sich beharrlich weigert, Bildung als Bundessache zu behandeln und tatsächlich mal intensiv in eben diese Bildung zu investieren. Mutmaßlich würden dann derzeit auch weniger Menschen mit Bill-Gates-Plakaten durch die Gegend laufen … Im Folgenden erläutert der Autor, dass die Studienberechtigungsquote in den letzten Jahrzehnten immer weiter angestiegen ist. Und er hält das grundlegend für eine gute Sache. Dabei lässt er aber außer Acht, was ein immer höherer Abiturienten-Anteil für Schüler bedeutet, die dafür vielleicht gar nicht geschaffen sind, sich aber durchquälen müssen, weil „man das heute eben so macht“, oder auch die Frage, was das in der Folge für die Qualität des Abiturs als Schulabschluss bedeutet. Ein anderes Beispiel ist die Arbeitswelt. Wüllenweber führt an „Wer sich heute über den Stress und die familienunfreundlichen Arbeitszeiten beklagt, die bekanntlich fast zwangsläufig im Burn-Out enden, sollte sich an seine Eltern und Großeltern erinnern.“ (S. 89) und stellt fest, dass die Menschen heute 800 Stunden weniger arbeiten als noch 1960. Abgesehen davon, dass diese Argumentation, insbesondere die Art, wie sie vorgetragen wird, für mich – wohlwollend formuliert – eine Verharmlosung von Burn-Out- bzw. Depressionserkrankungen darstellt, ergibt es nicht immer Sinn, heutige Zustände mit denen von anno dunneback zu vergleichen, sonst könnten wir als Referenzpunkt auch den Beginn der Industrialisierung nehmen und froh darüber sein, dass wir heute keine Sechsjährigen mehr in Bergwerke scheuchen. Der Autor lässt hier völlig außer Acht, dass sich sowohl Arbeitswelt als auch Familienbilder seit den 60ern deutlich verändert haben. Es mag also beispielsweise sein, dass Papi damals 800 Stunden mehr gearbeitet hat, Mami aber gar nicht. Also, gar nicht im Sinne einer Erwerbstätigkeit, nur um das klarzustellen, bevor jemand die virtuellen Fackeln und Forken hervorkramt. Diesen, aus meiner Sicht, Fehler der wenig sinnhaften Vegleiche begeht Wüllenweber in der Folge noch mehrmals. Beispielsweise als er sich dem Thema der Armut zuwendet. Zu diesem Zeitpunkt ist dem Leser schon lange klar, dass sich der Autor als Verteidiger des Mittelstandes aufschwingt, was auch nicht schlimm ist, denn irgendeine Position muss man ja vertreten und wenn man Wüllenwebers letztes Buch kennt, überrascht das auch nicht. Von dieser Position aus betrachtet er die Tatsache, dass das Armutsrisiko in Ländern wie Tschechien, Slowenien oder der Slowakei statistisch gesehen erheblich geringer sei als in Deutschland, trotz einer deutlich geringeren Kaufkraft in eben diesen Ländern. Das liegt in erster Linie an der Ermittlung des Armutsrisikos. Wer weniger als einen gewissen Prozentsatz des derzeitigen Durchschnittseinkommen hat, gilt als arm oder als armutsgefährdet. Das bedeutet natürlich auch, dass man diese Menschen auch dann noch als armutgefährdet betrachten müsste, wenn man jedem Arbeitnehmer ab morgen 100.000 Euro mehr im Jahr gäbe, der Durchschnitt also erheblich höher läge. Und ja, methodisch ist das eigentlich Unsinn und das kann man durchaus kritisieren. In Wüllenwebers Gedankenwelt scheint es hier in Deutschland aber so etwas wie Armut überhaupt nicht mehr zu geben, Flaschen sammelnde Rentner gibt es augenscheinlich genau so wenig, wie alleinerziehende Mütter, die rechnen müssen, wie sie bis zum Ende des Monats hinkommen. Denn auch wenn diese Beispiele vielleicht kein Massenphänomen darstellen, so sind sie doch da. Aber wenn man hierzulande von den „Ärmsten der Armen“ spräche, so Wüllenweber, so sei das „eine Verhöhnung von Millionen Menschen in Indien, Äthiopien oder der Zentralafrikanischen Republik, die täglich um das physische Überleben kämpfen müssen.“ (S. 97) Und auch hier denke ich wieder, dass es nicht immer Sinn ergibt, die eigene Situation mit dem „worst case“ zu vergleichen. Denn wenn der Autor konstatiert: „Der hundertjährige Kampf gegen die Armut endete hierzulande schon vor langer Zeit mit einem triumphalen Sieg. Wer das leugnet, missachtet, die Erfolge des deutschen Sozialstaats. (S. 94), dann stimmt das sicherlich, wenn man die Armut der Zentralafrikanischen Republik als Maßstab nimmt. Aber eben auch nur dann. Mit dem Themenkomplex der Armut im Rücken holt der Autor dann zum Rundumschlag gegen die „Lobbyisten der Sozialindustrie“ aus, also gegen Einrichtungen wie die Caritas, den Paritätischen Wohlfahrtsverband etc., die sich nach Wüllenwebers Einschätzung ja nicht aus reinem Altruismus für ihre Ziele einsetzen, sondern die für ihre Arbeit auch bezahlt werden wollen (wie unverschämt aber auch …), die daher darauf angewiesen sind, dass immer wieder Geld hereinkommt und die deswegen die Situation schwarzer darstellen müssen als es berechtigt wäre. Und ich gebe zu, nachdem der Autor an anderer Stelle schon mal erwähnt hat, dass gerade die Armen – also Bezieher von Sozialleistungen etc. – in den letzten Jahren einen höheren Zuwachs an Geldmitteln hatten als die ach so geknechtete Mittelschicht, wollte ich bei „Lobbyisten der Sozialindustrie“ das Buch zur Seite legen und sagen: „Nee, komm, mach mal alleine weiter.“ Denn wenn die „Sozialindustrie“ (ein widerliches Wort, wie ich finde) und die Menschen, die sie vertritt, solche Lobbyisten hätten, dann bräuchte es diese Lobbyisten irgendwann gar nicht mehr, weil sie keine Bedürftigen mehr zu vertreten hätten. Glücklicherweise habe ich die Lektüre fortgesetzt, denn im zweiten und insbesondere im dritten Teil versöhnt mich der Autor vollumfänglich. Er widmet sich, wie erwähnt, den Gefahren, die permanente Schwarzmalerei so birgt und die letztlich nur den Populisten hilft. Die Lektüre der letzten beiden Teile war durch permanentes Kopfnicken meinerseits geprägt und war mehr als eine Wiedergutmachung meines Widerstands im ersten Teil. Der ja nun darauf fußt, dass der Autor und ich einfach in verschiedenen Dingen unterschiedlicher Meinung sind. Und die, ich kann mich nur wiederholen, muss man eben halt auch mal aushalten. In Summe ist Wüllenwebers „Frohe Botschaft“ ein in erster Linie sehr informatives und lesenswertes Sachbuch.

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Alles wird schlechter. Denken wir, stimmt aber gar nicht. Walter Wüllenweber legt das in einem sehr lesenswerten Buch dar: https://benedikt-boegle.com/2019/02/15/alles-wird-schlechter/

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Wider dem Pessimismusreflex

Von: Bärbel Röpke aus Bielefeld (Germany)

03.09.2018

So ein hilfreiches Buch, danke an den Autor, dass er den konstruktiv optimistisch denkenden Menschen in unserem Land diese argumentative Hilfestellung bereitgestellt hat. Mit ausreichend Abstand, einer kritischen Grundhaltung der medialen Wirtschaft gegenüber, aber auch gewitzem Humor, bietet dieses Buch mir als Nichtstatistikerin viele hilfreiche Sichtweisen für heiße Debatten, die in den augenblicklichen Zeiten Freundes- und Kollegengespräche erfassen. Debatten sind wunderbar, insbesondere, wenn sie dialogisch differenzierte Sicht und Erkenntnisgewinn zulassen. Walter Wüllenweber ist es gelungen als versiertem Journalisten, überraschende Vergleiche und Zahlen auf gut zugängliche Weise aufzubereiten, auch für "Tabellenhasser". Super. Am liebsten würde ich dieses Buch immer bei mir tragen, damit ich noch mal schnell das eine oder andere Beispiel überraschender Sicht bzw. täuschender Perspektive nachschlagen und verbreiten könnte. Vielen Dank!

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