Leserstimmen zu
Die Königin schweigt

Laura Freudenthaler

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#laurafreudenthaler erzählt die Geschichte von Fanny. Einer alter Frau, die sich gegen das Erinnern und das Erzählen sperrt. Gegen das Zurückblicken auf ihr von Verlusten bestimmtes Leben. Denn so sehr Fanny auch versucht, die Vergangenheit fern zu halten, so mächtig drängt sie sich in ihre Gegenwart. Das Buch ist aus einer großen Anzahl von kurzen Kapiteln aufgebaut. Meist kaum zwei Seiten, manchmal nur eine halbe Seite lang, fängt sie die verschiedenen Ereignisse ein, aus denen Fannys Leben besteht. #dieköniginschweigt ist ein leises Buch. Feinsinnig. Eindrucksvoll. Anders, aber brillant erzählt. Vordergründig schlicht und einfach, doch bei genauerem Betrachten sehr bewusst und kunstvoll ausgearbeitet. [Unbezahlte Werbung]

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"Die Königin schweigt" von Laura Freudenthaler ist schon vor zwei Jahren in einem kleineren österreichischen Verlag erschienen und nun vom Btb-Verlag als Taschenbuch aufgelegt worden. Der Roman erzählt die Geschichte einer älteren Dame namens Fanny, die ein Erinnerungsbuch von ihrer Enkelin geschenkt bekommt, um dort ihr Leben auf Papier zu bringen. Fanny möchte sich jedoch nicht an ihr Leben erinnern, da es von vielen Schicksalsschlägen gezeichnet ist. Und dennoch lösen diese leeren Seiten etwas in ihr aus und sie nimmt die LeserInnen mit auf eine Reise durch ihre Lebensgeschichte. In kurzen Kapiteln erzählt sie von ihrer Vergangenheit und springt dabei auch immer wieder in die Gegenwart, um Erinnerungsstücke zu verknüpfen. Für mich persönlich war dieser Roman ein wahrer Juwel. Fanny hat mich sehr an meine eigene Großmutter erinnert und es gab viele Situationen, in denen ich sie eins zu eins wiedererkannt habe. Diese Tatsache hat mir das Buch sehr nahegebracht und der Schluss hat mich letztendlich auch zu Tränen gerührt. Aber nicht nur der persönliche Bezug hat mich begeistern können, auch die zurückhaltende und sehr authentische Atmosphäre sowie der klare und präzise Schreibstil konnten mich absolut überzeugen. Laura Freudenthaler hat es mit ihrem sehr ruhigen Roman über eine starke, stolze und sich immer durch Leben kämpfende Frau geschafft, mich so zu berühren, dass mir diese Geschichte noch lange im Gedächtnis bleiben wird und für mich ein absolutes Highlight ist.

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Fanny ist alt, einsam und fühlt die Müdigkeit aus all den vielen Jahren ihres Lebens. Sie lebt alleine in einer Kleinstadt in dem Häuschen, das sie nach dem Tod ihres Mannes einst für sich und ihren Sohn gebaut hat. Nur zwei Menschen besuchen sie noch: Hanna, ihre ehemalige Ziehtochter auf Zeit, und ihre Enkelin. Der Wunsch der beiden jüngeren Frauen, Fanny möge sich zurückerinnern, bleibt allerdings unerfüllt, das Notizbuch, das die Enkelin ihr schenkt, leer, denn Fanny möchte auf keinen Fall eine „Vergangenheitsfahrerin“ sein. „Du kannst doch nicht nie über irgendetwas reden“, argumentiert die Enkelin, aber vergeblich. Was Fanny jedoch nicht verhindern kann, sind die Erinnerungsschnipsel, die Tag und Nacht auftauchen: „Seit sie die Zeiten nicht mehr im Griff hatte, war sie ihrem Körper auch in dieser Hinsicht ausgeliefert. Heimlich, ohne Fannys Zutun, hatte der Körper über die Jahre alles bewahrt. Und jetzt, da er so schwach war, da Fanny nur noch wenig Nahrung zu sich nahm und der Körper nichts mehr zu tun hatte, waren die Erinnerungen wie organische Prozesse, die eigenständig und ohne willentliche Steuerung vor sich gingen.“ Schon Fannys Vater, Bauer in fünfter Generation auf dem Hof in der Senke, war ein Schweiger. Als ihr Bruder Toni nicht aus dem Krieg heimkehrte, verstummte er fast vollständig. Da es nun keinen Hoferben mehr gab und Fannys Mann, der Schulmeister des Dorfes, sich mehr bei Parteisitzungen der Roten und im Wirtshaus als auf dem Hof engagierte, zudem Spielschulden machte, ging der Hof und damit jeglicher Lebensmut der Eltern verloren. Fannys Glück im Schulhaus auf dem Hügel, wo sie sich vorübergehend als Königin fühlte, war von kurzer Dauer. Sie schien das Unglück zeitlebens anzuziehen: „Das Unglück war ein Wesen, das manchmal verschwunden zu sein schien, weit weg und nicht zu sehen, aber es verlor nie die Spur.“ Dabei gab es immer wieder auch glückliche Fügungen in ihrem Leben, Männer, die sie über Jahre begleiteten, Reisen, Freundinnen, eine glimpflich verlaufene Erkrankung, Hanna, die Enkelin – doch die Angst vor dem nächsten Unheil und alte Schuldgefühle dominierten. Anders als der Sohn, der das Trauma der Mutter übernahm, sucht die Enkelin nach einem Weg der Bewältigung. Als der Debütroman der 1984 geborenen Österreicherin Laura Freudenthaler 2017 im Literaturverlag Droschl erschien, habe ich ihn leider nicht wahrgenommen, obwohl sie dafür den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 2018 und die Auszeichnung als bestes deutschsprachiges Debüt beim Festival du Premier Roman 2018 in Chambéry erhielt. Nun, mit der Taschenbuchausgabe im Verlag btb, habe ich ihn glücklicherweise entdeckt. Der schmale Band erinnert mich stark an Robert Seethalers "Ein ganzes Leben" und doch ist die Form der Erinnerungsfetzen, die nur höchstens zwei Seiten umfassen und nahtlos ineinander überzugleiten scheinen, ganz eigen. Mich hat die Geschichte, hinter der ich niemals eine so junge Autorin vermutet hätte, von der ersten Seite an in Bann geschlagen und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, nicht nur wegen der aufwühlenden Lebensgeschichte, sondern auch wegen der fließenden Erzählweise und der Musikalität der Sprache.

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Fanny ist eine ältere Dame, die allein in ihrem Häuschen in einer österreichischen Kleinstadt lebt und nur noch wöchentlich Besuch von Hanna erhält, die sie vor langer Zeit als Ziehkind in Pflege genommen hatte. Ihre Enkelin kommt nur noch selten und auch das Tagebuch, das diese ihre Großmutter geschenkt hatte, rührt Fanny nicht an. Dennoch blinkt Fanny zurück auf ihr Leben, schwelgt in Erinnerungen, die aufgrund der Verluste, die Fanny erlitten hat, überwiegend schmerzhaft sind. Der Roman besteht en gros aus Rückblenden, durch die auf das Leben von Fanny, beginnend in den 1930er-Jahren, zurückblickt wirkt. Die Schilderungen aus Fannys Perspektive sind ruhig und nüchtern, scheinbar emotionslos. Einsamkeit und Schweigen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman. Schon als Kind machte sich Fanny am liebsten unsichtbar, indem sie sich unter der Eckbank in der Küche versteckte, wo sie ihren Kopf an das Holz drückte, um Halt zu erfahren, den ihre Eltern ihr nicht gaben. Die Mutter war wie ein Geist und unnahbar, der Vater ein respekteinflößender Eigenbrötler, für den das Schweigen die höchste Tugend war. An seiner Seite fühlte sich Fanny als Kind wie eine Königin, wenn sie gemeinsam durch das Dorf gingen. Später verspürte sie das neben ihrem Ehemann, dem Lehrer, der die Abende statt bei seiner Ehefrau im Wirtshaus verbrachte. Auch der Sohn, der seine Mutter stets abschätzig betrachtete, konnte Fanny nicht aus der Einsamkeit herausführen und findet für sich selbst nur einen einsamen, traurigen Ausweg. Das Nicht-Reden-Können, das Nicht-Nachfragen zieht sich über drei Generationen hinweg und wird letztlich durch die namenlose Enkelin durchbrochen, die darauf drängt, mehr zu erfahren und laut ausspricht, was ihrem Vater gefehlt hat. Als ältere Frau wird Fanny nicht nur von ihren Erinnerungen, sondern auch von den Geistern der Vergangenheit eingeholt. Umgeben von Toten in ihrem Häuschen scheint sie selbst nur auf Gevatter Tod zu warten, um sich mit der eigenen Schuld und den Fehlern der Vergangenheit nicht auseinandersetzen zu müssen. "Die Königin schweigt" ist ein melancholischer Roman, der in vielen sehr kurzen Abschnitten ein ganzes Leben in Momentaufnahmen erzählt. Es ist ein von Verlusten geprägtes Leben, in welchem Fanny nie glücklich schien, was eine Erklärung dafür ist, dass sie sich auch in der Gegenwart gegen das Erinnern und Erzählen sträubt. Die beklemmende Atmosphäre in Fannys Zuhause wird durch die einprägsame, ruhige und sachliche Erzählweise verstärkt, die dem Leser Interpretationsspielraum für die Gefühlswelt von Fanny und ihrer Enkelin lässt.

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