Leserstimmen zu
Mein Ein und Alles

Gabriel Tallent

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Die Geschichte von der jungen Julia und ihrem Vater ist nervenzerreißend traurig und macht wütend. Aus der Perspektive des Mädchens, das sich selbst Turtle nennt, erfahren die Lesenden die Schonungslosigkeit von Gewalt, Manipulation und Missbrauch. Der Täter in Julias Leben ist ihr Vater, ihre einzige Bezugsperson. Gerade dieses Abhängigkeitsverhältnis sorgt für eine Ambivalenz und ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Die Sprache ist so brutal wie die Lebensumstände und die Natur in der Julia lebt. Bis zur letzten Seite ein bedrückend, faszinierendes Leseerlebnis. Selten habe ich in einem Roman eine so authentische Schilderung dessen gelesen, was es bedeutet Opfer von Misshandlungen zu sein. Vor allem die Perspektive bringt einem diese Erfahrung nahe. Ein unvergessliches Buch.

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Julia ist 14 Jahre alt und so gar kein typischer Teenager. Sie läuft in weiten Armeeklamotten umher, lässt sich Turtle nennen und kann bestens mit allen Waffen ihres Vaters umgehen. Die beiden leben nach dem Tod der Mutter seit vielen Jahren allein im Wald. Nur der Großvater väterlicherseits lebt noch in einem Wohnwagen in der Nähe. Doch als auch er stirbt, hat Turtle kaum mehr Kontakte zur Außenwelt. In der Schule ist sie Außenseiterin und schon durch ihr seltsames Verhalten aufgefallen. Und das möchte ihr Vater Martin auf keinen Fall. Auffallen muss um jeden Preis vermieden werden. Gabriel Tallent hat mit „Mein Ein und Alles“ eine besondere Geschichte über sexuellen Missbrauch geschrieben. Die komplette Geschichte wird aus Turtles Sicht beschrieben. Sie ist auf den ersten Blick sehr sonderbares Mädchen. Umgibt sich mit Waffen, interessiert sich nicht für Themen von Gleichaltrigen und für Jungs. Erst als sie dem ein Jahr älteren Jacob über den Weg läuft, scheint es eine kleine Wendung zu geben. Aber Kontakt zu einem Jungen würde ihr Vater Martin ihr niemals erlauben. Für ihn gibt es nur sich und Turtle. Die beiden gehören zusammen. Für immer. Komme, was da wolle. Die Geschichte geht unter die Haut und ist manchmal nicht leicht zu lesen. Denn Martin missbraucht seine Tochter regelmäßig und sie wehrt sich nicht. Im Gegenteil spinnt sie ihrem Kopf Szenarien, die den Missbrauch rechtfertigen, und hängt emotional sehr an Martin. Das ist häufig nicht leicht zu verdauen und dieser Roman für Leser und Leserinnen auch immer wieder an ihre persönlichen Grenzen. Eine Lektüre, die man gewiss nicht so schnell vergisst. Dabei auch noch perfekt formuliert, auch wenn man manchmal auch zwischen den Zeilen lesen muss. Denn Vieles ist so unaussprechlich, dass sich vielleicht nicht einmal der Autor getraut hat, es in Worte zu fassen.

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Ist es gesund ein Buch zu lesen, das einen krank macht? Ich habe noch nie ein Buch gelesen, dass mich so mitgenommen hat – überwiegend im Negativen, aber auch im Positiven. Noch nie habe ich mir außerhalb des Lesens so viele Gedanken um Buchcharaktere gemacht und begonnen, meine eigene kleine süße Welt auf diese Weise zu hinterfragen. Noch nie hat mich ein Buch dermaßen beschäftigt! Ich war von Anfang an entsetzt! Auch wenn mir durchaus vorher bewusst war, dass dieses Buch keine leichte Kost wird, waren mir viele Stellen zunehmend unangenehm. Turtle hat einen ganz eigenen Charakter, der besonders durch ihre Beziehung zu ihrem Vater geprägt wurde. Dieser ist so extrem unsympathisch – nicht zuletzt, weil er seine Tochter missbraucht und sie geradezu nötigt, Waffen zu benutzen. Das Ganze rechtfertigt er mit seiner ach so großen Liebe zu seiner Tochter und der Angst, sie zu verlieren, da er ohne sie verloren wäre. Diese Szenen werden von Tallent so detailliert geschildert, dass mir schlecht wurde und ich mich sogar dafür schämte, die Stelle zu lesen. Denn ich als Leser war ja machtlos und konnte nichts dagegen tun, was der Vater hier mit seinem Kind anstellt. Und durch das Lesen habe ich es ja irgendwie geduldet, nicht wahr? Turtle ist jedenfalls eine sehr komplexe Figur, die es schafft, aus ihrem eigenen Gedankenchaos auszubrechen und lernt, abzuschätzen, was richtig und was falsch ist. Nach und nach ist sie mir immer mehr ans Herz gewachsen! Ebenso ihre Lehrerin, die Turtel persönlich hasst – genauso wie jede andere Frau – und die insgesamt betrachtet mein Lieblingscharakter wurde. "Mein Ein und Alle" behandelt ein Thema, mit dem sich wohl niemand gerne auseinandersetzt. Dennoch bin ich der Meinung, dass dieses Buch jeder gelesen haben muss. Denn leider glaube ich nicht, dass alles hiervon nur Fiktion ist. Im Gegenteil passiert das wohl in zu vielen Familien. Wenn ihr also bereit seid, über einen Schatten zu springen, dann lest bitte dieses Buch! 2. Satz: Rosenläufer haben Schindeln losgerissen, die nun zwischen den Trieben festhängen.

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Turtle Alveston – eine 14-jährige Schülerin aus Kalifornien – ist von ihrem Vater Martin das „Ein und Alles“. Sie leben zusammen in einem Haus, umgeben von vielen Wäldern. Freunde hat sie keine, da sie gegen alle Menschen eine große Abneigung verspürt. Turtle sieht ihrer toten Mutter sehr ähnlich, sodass ihr Vater eine körperliche Anziehung verspürt, und seine Tochter nachts häufig zu sich ins Bett holt. Ihm gefällt es und ihr gefällt es, denn sie ist kein Luder, so wie sie es sich immer einreden lässt: „Sei kein Luder.“ Turtles Leidenschaft liegt in der üppigen Natur, die ihr einziger Zufluchtsort ist. Brett und Jacob, die eine Stufe über ihr in die Schule gehen, trifft sie eines Nachmittags im Wald und sie erleben zusammen ein kleines Abenteuer. So passiert es, dass sich Turtle in Jacob verliebt und die Nähe ihres Vaters nicht mehr akzeptieren möchte. Martin greift zu allen Mitteln, um seine Tochter für sich ganz allein zu behalten, sodass Turtle letztendlich zur Waffe greifen muss. • Ich las bereits einige Romane, die sich dem Thema der Vergewaltigung zuwandten, jedoch war keiner wie dieser. Gabriel Tallent erschafft in „Mein Ein und Alles“ ein Mädchen, das nicht zart und zerbrechlich, sondern selbstbewusst und fast männlich wirkt. Sie liebt ihr Leben genau so wie es ist, mit ihrem Vater an ihrer Seite. Dem Leser wird ein großes Spektrum an Gefühlen geboten: Von Liebe bis Hass, von Zärtlichkeit bis Brutalität und von Genuss bis zum absoluten Ekel. Die expliziten Naturbeschreibungen schenken dem Roman einen schönen Kontrast zu dem sonst tristen und dreckig gehaltenen Haus. Die Vergewaltigungsszenen halten sich – zum Glück – in Grenzen, wohin gegen mein Ekel vor allem durch die Gewalt und einer Operationsszene hervorgerufen wurde. • Nach langen Überlegungen möchte ich für dieses Buch eine Empfehlung aussprechen. Es handelt sich zwar um keine „schöne“ Geschichte an sich, jedoch ist es ein sehr wichtiges Thema, dem man viel Aufmerksamkeit schenken sollte. Auf 479 Seiten kreiert Tallent eine neue Herangehensweise, einen neuen Blickwinkel und fesselt den Leser durch die fortlaufende knisternde Spannung. Ein wirklich gelungener Roman!

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INHALT: Die 14-jährige Turtle wächst in den Wäldern Nordkaliforniens auf. Dort lebt sie von der Außenwelt abgeschieden, mit Vater Martin zusammen in einem alten und heruntergekommenem Haus auf dem Hügel. In der Schule gilt die Heranwachsende als Außenseiterin, die sich stets von anderen abschottet. Doch ihre Lehrerin Anna hat das Gefühl, dass es für ihre Leistungsdefizite ganz andere Gründe geben könnte... Während die Mitschüler das Auftreten ihres Vaters in lässiger Kleidung und mit der Bierflasche in der Hand, als "cool" bewerten, versucht Turtle die Fassade nach außen hin aufrecht zu erhalten. Niemand soll davon wissen, dass sie jeden Tag zu Hause mit Waffen hantiert. Von der schwer gestörten Vater-Tochter-Beziehung ganz zu schweigen! Als Turtle jedoch bei einem Streifzug durch die Wälder Jacob kennenlernt und anschließend erneut die besitzergreifende Liebe des Vaters zu spüren bekommt, beginnt sie nach und nach für ihre Befreiung zu kämpfen... MEINUNG: Lange wusste ich nicht, ob ich das Buch lesen sollte oder nicht. Von vielen Seiten hatte ich gehört, dass es nichts für sensible Gemüter sei. Und wenn Gewalt und Missbrauch zu detailliert geschildert sind, war mir das in einigen Büchern schon manchmal zu viel. Letztendlich wollte ich mir dann eine eigene Meinung bilden... Die Handlung habe ich oftmals mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Ich wollte wissen, wie Turtle sich durch das Leben schlägt. Dabei habe ich an ein paar Stellen mit ihr mitgefiebert, stellenweise mit ihr gelitten und nicht verstanden, wie ein Vater so etwas seiner Tochter antun kann! Jedes Mal habe ich von Neuem gehofft, dass doch bitte irgendjemandem ihr Leid auffallen und er in das Geschehen eingreifen möge! Die Charaktere empfand ich als vielschichtig und interessant dargestellt, vor allem Turtle. Besonders gut gefiel mir ihre Entwicklung, welche im Verlauf der Handlung äußerst gut zur Geltung kam. Phasenweise hatte die Geschichte spannende Momente, in denen mich das Buch mitreißen konnte. Zwar fand ich die Umgebung sehr anschaulich und atmosphärisch beschrieben, gleichzeitig verlor sich das Buch für mich an diesen Stellen in zu vielen Details, wodurch unnötige Längen entstanden. Der Missbrauch wird in diesem Buch recht explizit und detailliert beschrieben und das Verhalten des Vaters und auch jenes von Turtle, kann schockieren. Trotz der Schwere dieser Thematik, hat mich die Geschichte nicht mitgenommen und leider nicht so bewegt, wie vorher erhofft. Ich hatte das Gefühl, dass die Personen dafür zu distanziert auf mich wirkten. Leider hat mir der Schreibstil nicht besonders gut gefallen. Es waren mir immer wieder zu viele Wiederholungen vorhanden (z.B. fünf Sätze in Folge die mir "er" beginnen). Zudem wirkten die vulgäre Ausdrucksweise und die Schimpfwörter (z.B. "du Luder") von Turtle, ihrem Vater und dem Großvater, mit der Zeit immer unauthentischer auf mich und haben mich immer mehr gestört. Auch dadurch bin ich mit Turtle sowie mit der ganzen Geschichte, nicht so warmgeworden, wie ich es mir gewünscht hätte. FAZIT: Ein Buch mit interessanter Handlung, das mich jedoch emotional nicht so bewegen konnte, wie vorher erhofft. 3/5 Sterne!

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Schwere Kost

Von: Bookmarked

01.01.2019

Die 14-jährige Turtle lebt allein mit ihrem Vater Martin in einer abgelegenen Hütte am Waldrand. Martin ist Waffennarr, Verschwörungstheoretiker und … psychisch krank. Turtle ist sein Ein und Alles, sein Eigentum, sein ganzes Leben und seine Erziehung ist eine Mischung aus Disziplin, Gewalt, Liebe und Missbrauch. Eines Tages begegnet Turtle im Wald zwei gleichaltrigen Jungen mit denen sie sich anfreundet. Zum ersten Mal zweifelt sie die Weltsicht ihres Vaters an, lernt was Freundschaft ist und wie eine Eltern-Kind-Beziehung aussehen könnte. Doch eine Befreiung von ihrem besitzergreifenden Vater scheint unmöglich. Mein Eindruck: Direkt vorab: Das Buch ist nichts für schwache Nerven und ich möchte eine Warnung aussprechen, insbesondere an Menschen, die selbst Missbrauch erfahren haben oder grundsätzlich nicht über das Thema Missbrauch lesen können/wollen. Das Buch enthält explizite Beschreibungen. Mich selbst hat diese Geschichte an meine Grenzen gebracht und dadurch eine enorme Wucht entwickelt. Es gab Momente in denen ich das Buch weglegen musste und nicht wusste, ob ich es weiterlesen kann. Ich habe mich während der gesamten Lesezeit körperlich unwohl gefühlt, als wäre ich krank und dieses Gefühl endete erst nachdem ich das Buch beendet habe. Ich empfand das Zuschlagen des Buches als Erleichterung, so stark hat mich der Inhalt beeinflusst. Es war also ein außergewöhnliches Leseerlebnis, das ich so schnell nicht vergesse und aus diesem Grund zählt dieses Buch zu meinen Highlights 2018. Der Sprachstil ist speziell. Der Autor nutzt eine sehr umfangreiche, detailreiche und poetische Sprache, die in starkem Kontrast zu der eher derben Wortwahl in Dialogen steht. Letzteres unterstreicht die Herkunft und Lebensweise der handelnden Personen. Insbesondere die Sprache von Martin zeigt seine pessimistische Weltsicht und seinen Hass auf Menschen. Da ist es ganz natürlich, dass sich auch Turtle dieser vulgären Sprache bedient. Ich brauchte allerdings ein wenig Zeit um mit dem Schreibstil warm zu werden. Der Autor macht keinen Unterschied zwischen Landschaftsbeschreibungen und der Schilderung von Gewaltszenen. Beides ist detailliert und wortgewaltig. Dadurch kann man dem Autor nicht vorwerfen bei letzterem nur schockieren zu wollen. Dennoch bereiteten mir einige Szenen eine ordentliche Übelkeit. Ich finde es großartig, dass Turtle eben nicht das sympathische Opfer ist, mit dem man sich gerne identifiziert und uneingeschränkt mitfiebert. Durch das was sie durchgemacht hat, konnte aus ihr wohl kaum eine völlig normale junge Frau werden. Stattdessen verabscheut sie Frauen, traut niemandem, ist verschlossen und hat sehr widersprüchliche Gefühle zu ihrem Vater. Das zeigt zum einen, dass jedes Missbrauchsopfer anders ist und es in dem Fall kein typisches oder normales Verhalten gibt und geben sollte und zum anderen zeigt es, dass Kinder, die von ihren Eltern missbraucht werden, nicht automatisch aufhören diese zu lieben. Auch für Turtle ist das Erkennen des Unrechts ein längerer Prozess. Ich habe in einigen Kritiken gelesen, dass der Vater problematisch beschrieben ist, dass ihn einige zu sympathisch fanden. Das kann ich nicht recht nachvollziehen. Für mich ist er der abscheulichste Buchcharakter, den ich bisher kennenlernen musste. Außerdem finde ich es falsch Täter als durch und durch böse darzustellen, wenn sie doch auch in der Realität oft als unscheinbare Nachbarn, führsorgliche Eltern oder faszinierende Persönlichkeiten beschrieben werden, von denen niemand gedacht hätte, dass sie zu so etwas fähig sind. Das ist nun mal auch der Grund warum solche Taten oft viel zu spät erkannt und gemeldet werden. Fazit: Eine sehr beklemmende Geschichte, die mich an meine persönlichen Grenzen brachte. Ein sehr unbequemes Jahreshighlight 2018 an das ich sicher noch lange denken werde.

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Was würde passieren, wenn man Bear Grylls, Vladimir Nabokov, die NRA und Hanya Yanagihara einen Roman schreiben lassen würde? Wenn man ihnen auf den Weg geben würde, dass das Endprodukt nur die Bedingung erfüllen müsse, zu schockieren und kräftig reinzuknallen? Dann käme wohl so etwas dabei herum wie Gabriel Tallents Debüt Mein Ein und Alles. Ein Buch, das eine Triggerwarnung verdiente. Tallent hat ein Buch erschaffen, dessen Bewertung mir wirklich schwer fällt. Wo beginnen, wo aufhören? Wie dem Ganzen gerecht werden? Im Folgenden will ich es wenigstens versuchen. Am einfachsten fällt dabei noch die Synopse der Handlung Zusammen mit ihrem Vater lebt Julia Alveston, genannt Turtle oder Krümel, abgeschieden in den Wäldern Nordkaliforniens. Ihr Vater ist der klassische Fall eines Prepper. Er misstraut dem Staat zutiefst und bereitet sich auf den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung vor. Er hortet Lebensmittel, Medikamente und eben auch Waffen, um sich zur Wehr zu setzen. Seine wichtigste Waffe ist dabei seine Tochter Turtle. Er trainiert sie gnadenlos und schickt sie auf Survival-Trips in die Wildnis. Bei einem dieser Überlebens-Übungen begegnet Turtle in den Wäldern zwei Jungen, die von ihren Eltern ebenfalls zur Abhärtung in der Wildnis ausgesetzt wurden. Die 14-Jährige erliegt der Anziehung eines der Jungen – was zu großen Konflikten mit ihrem Vater führt. Immer brutaler wird diese Beziehung, die von Gewalt, Anziehung, Ablehnung, Missbrauch und dem Gefühl „Wir gegen den Rest der Welt“ geprägt ist. Sein Ein und Alles wendet sich plötzlich gegen ihn – mit gewalt(tät)igen Folgen. Warum verdient dieses Buch nun eine Triggerwarnung? Dies bezieht sich klar auf die Beziehung von Julia zu ihrem Vater. Jener missbraucht seine Tochter auf vielfältige Art und Weise. Er züchtet sie als Kampfmaschine heran, vergewaltigt sie, entzieht ihr Liebe, manipuliert. Als Leser ist man ungefiltert überall mit dabei und muss miterleben, wie die Seele von Julia dabei Schaden nimmt. Verstörend dabei auch die Tatsache, dass es Tallent dabei offenlässt, inwiefern Turtle Opfer ist oder inwiefern sie diese Behandlung akzeptiert und vielleicht sogar mag. In jenen Schilderung des sexuellen und emotionalen Missbrauchs ist dieses Buch höchst übergriffig. Mit einer voyeuristischen Freude schildert Tallent den Missbrauch Turtles und ihre Gefühle und Eindrücke während dieser Attacken. Dies überschreitet des Öfteren die Grenzen des Anstands und Geschmacks. Natürlich darf Literatur auch immer Grenzüberschreitung sein – hier ist mir dieses Verstoßen gegen Tabus allerdings entschieden zu plump und durch diese zu große Nähe eben auch übergriffig geraten. Ist jene Detailfreude dort völlig fehl am Platz, weiß sie hingegen bei der Schilderung der Natur zu überzeugen. Hier ist Mein Ein und Alles wirklich enorm stark und erinnert etwa an den Roman Idaho von Emily Ruskovich. Wie Julia die Wälder durchstreift, mit welcher Benennungsstärke sie Sträucher, Farne und Bäume zu beschreiben weiß, das beeindruckt wirklich. Jene Passagen, in denen das Mädchen die Flora und Fauna ihrer Heimat durchmisst, sind unglaublich gut und wuchtig geschrieben. Sie lassen die Leser*innen tief in diese unberührte und gefährliche Natur eintauchen. Nur konstrastiert dies grell mit der emotionalen Komponente des Romans. Mein Ein und Alles ist ein Buch, das im Zwischenmenschlich häufig überreizt. Hanya Yanagihara hat es mit Ein wenig Leben vorgemacht – Gabriel Tallent macht es ihr nach. So etwas wie eine Medium-Emotionstemperatur gibt es bei ihrem Personal nicht. Alles ist (emotional) laut, kracht und raucht. Doch hier krachen nicht nur die Charaktere und Emotionen lautstark aufeinander – auch die Waffen spielen hier eine (für mich zu) große Rolle. Stellenweise liest sich dieser Roman wirklich, als würde man in einem Katalog der National Rifle Association (kurz NRA) blättern. Sturmgewehre, Bowie-Messer, Pistolen – alles was das Waffenherz begehrt, ist in diesem Roman versammelt und kommt fleißig zum Einsatz. Dabei dienen die Waffen auch meist als Lösungsmittel für zwischenmenschliche Konflikte. Das ist für mein Empfinden zu billig gelöst und enttäuscht doch sehr. Wie also diesem Buch gegenübertreten, wie bewerten? Ein Urteil fällt hier wirklich nicht leicht. Licht und Schatten, sie kommen hier zusammen und sorgen für ein heterogenes Leseerlebnis. Ich plädiere deshalb dringend für eine eigene Urteilsbildung der Leser – vorgewarnt seid ihr ja nun schon einmal. Habt ihr das Buch eventuell auch schon selbst gelesen? Und wenn ja, wie steht ihr Mein Ein und Alles gegenüber? Ich wäre auf eure Meinungen gespannt!

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Als ich im Oktober durch die Literatursendung Buchzeit auf den Roman „Mein Ein und Alles“ von Gabriel Tallent aufmerksam wurde, war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt etwas über die zerstörerische und grenzen überschreitende Vater-Tochter-Liebe lesen wollte, weil es dort hieß, dass diese Geschichte nichts für schwache Nerven sei. Aber wie es manchmal mit Warnungen so ist, machen sie doch erst recht neugierig und so hielt ich schon bald das Buch in der Hand. Ich las es eher vorsichtig, immer auf das Schlimmste gefasst, las lange mit einer leisen Ahnung, von dem, was bei dem groben Umgang zwischen dem besitzergreifenden obsessiven Vater Martin und seiner 14jährigen, unter härtesten Bedingungen zu einer kampferprobten Waffennärrin und Überlebenskünstlerin erzogenen Tochter Julia sonst noch in dem weltabgeschiedenen Haus in den nordamerikanischen Wäldern vorgefallen sein mochte. Ich ertrug kaum die Härte und die selbst geschaffene Welt, in der diese beiden Menschen miteinander umgehen. Ihre Sprache empfand ich als unangenehm, obwohl genau diese dafür sorgt, dass die Atmosphäre einem den Magen umdreht, die Personen authentisch wirken lässt und verdeutlicht, warum die 14jährige, die sich selbst nur Turtle nennt, so denkt und handelt, wie sie es letztlich tut. Auf ihren tagelangen Streifzügen durch die Natur sucht sie Zuflucht vor ihrem gewalttätigen Vater. Sie hält Augen und Ohren offen, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen – wie sie es von ihm lernte. Aber sie nimmt auch die Schönheit der sie dabei umgebenden Natur wahr und der Autor entführt den Leser damit auch sprachlich in eine völlig andere Welt voller schöner Naturbeschreibungen. Als Turtle jedoch Jakob bei einem ihrer Ausflüge näher kennen lernt und wahre Freundschaft erfährt, beginnt sie sich langsam aus den Klauen ihres Vaters zu lösen. Doch Martin kann und will seine Tochter, sein ‚Ein und Alles‘ nicht loslassen. „Turtle hat immer gewusst, dass andere Menschen anders aufwachsen als sie. Aber sie hatte, denkt sie, keine Ahnung, wie anders.“ (S. 251) Gabriel Tallent konnte mich mit „Mein Ein und Alles“ berühren. Er beschreibt Landschaften oder Turtles Routine der Waffenreinigung anschaulich und manchmal so ausführlich, dass es für mich persönlich auch ruhig etwas weniger hätte sein dürfen. Aber er beherrscht glücklicherweise meist auch die nötige Distanz, um Dinge vage zu beschreiben oder auch nur anzudeuten. Nichtsdestotrotz trafen mich diese Szenen und ich musste das Buch zwischenzeitlich aus der Hand legen. Aber die Geschichte ließ mich bis zum Schluss nicht los und wird mir sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben. Ein besonderes Buch, nicht leicht verdaulich, aber dennoch empfehlenswert!

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