Leserstimmen zu
Wie man einen Bären kocht

Mikael Niemi

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Von Mikael Niemi habe ich seit dessen Überraschungshit Populärmusik aus Vittula nichts mehr gelesen. Das ist ein Buch, das ich noch heute gern weiter empfehle. Es ist einfach und mit einigem Witz geschrieben, und vermittelt dabei doch ein glaubhaftes Bild der äußersten nordschwedischen Provinz zu der Zeit, als die Beat Musik erstmals diese entlegenen Regionen erreicht. Eine Coming-of-Age-Geschichte, die mehr ist als einfach nur das Buch einer Jugend, die interessante Figuren und Situationen bereithält und gleichzeitig überzeugend das Bild einer ländlichen Gesellschaft zeichnet. Seitdem scheint es in Deutschland relativ ruhig um den Autor geworden zu sein. Die deutschsprachige Wikipedia wirkt ziemlich verwaist, in der englischen sieht es allerdings nicht besser aus. Nun hatte ich die Chance, mir die neueste Übersetzung (Original 2018) als Rezensionsexemplar zu bestellen: Wie man einem Bären kocht. Also: Warum nicht? Zwar bin ich beim Lesen anfangs ein wenig genervt, dass es sich schon wieder um eine Bearbeitung des klassischen Sherlock Holmes/Watson Duos handelt, was in letzter Zeit wieder in Mode gekommen zu sein scheint. Diesmal ermitteln ein Propst der Erweckungsbewegung im schwedischen mittleren 19. Jahrhundert und dessen Ziehsohn, ein ehemaliger junger Landstreicher. Aber was soll’s, Niemi nutzt das klassische Schema, um eine ganz interessante Geschichte rund um wahrscheinliche Lustmorde zu erzählen, die die lokale Bevölkerung und das Gesetz allerdings lieber einem wildernden Bären in die Schuhe schiebt. Dabei gelingt es dem Autor wieder, glaubhaft die Beziehungsgeflechte eines Dorfes, die Besonderheiten eines Lebens, das noch stark von der Natur und besonders den Jahreszeiten bestimmt ist, vor Augen zu stellen, sowie die Bedeutung von Religion aber auch des Ausbruchswillens etwa durch wilde Tänze und nicht sanktionierte Liebschaften nachvollziehbar zu vermietteln. Unaufdringlich, aber doch unbezwingbar schieben sich auch Aufklärung und industrielle Revolution immer wieder ins Blickfeld. Ich sage „glaubhaft“ und „nachvollziehbar“, nicht „realistisch“, denn die Aufgabe eines Romanes ist es nicht, Soziologie zu ersetzen. Niemi legt heute, scheint mir, einen stärkeren Fokus auf Landschaftsbeschreibungen und versucht auch seine Charaktere feiner zu zeichnen als in seinem Superhit, der mittlerweile immerhin X Jahre alt ist. So trifft der Leser auf mehr starke Bilder, und bekommt insgesamt die Welt ausführlicher vor Augen gestellt. Das ist nicht nur positiv. Populärmusik aus Vittula lebte gerade von der direkten, unmittelbaren Konfrontation mit grobem Pinsel und knalligen Farben gemalter Figuren und einer schroffen Dorfszenerie. Wie man einen Bären kocht beschreibt dagegen ausladender und theoretisiert auch deutlich mehr. Welcher Niemi am Ende besser gefällt, dürfte Geschmackssache sein, und auch ein wenig davon abhängen, ob man Lust hat noch eine weitere Detektivgeschichte zu lesen, die in diesem Bereich zwar ordentlich ausgeführt ist, aber darin eben auch nichts besonderes. Wie gesagt: als Detektivgeschichte. Das Drumherum macht aus Wie man einen Bären kocht durchaus ein überdurchschnittliches Werk.

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1852, Nordschweden. In diesem Teil des Landes sprechen nicht viele Einwohner Schwedisch, dafür aber Finnisch und Samisch. Hier wird der samische Junge Jussi, der seinem schrecklichen Elternhaus (bzw. -jurte) entflohen ist, von einem Pfarrer aufgenommen. Es ist der Propst Lars Levi Laestadius, der ein Prediger der protestantischen Erweckungsbewegung war. Jussi lernt nicht nur lesen und schreiben mit seiner Hilfe, der Propst führt ihn auch in die Wissenschaft der Botanik ein. Das klingt nach einem positiven Ausgang für Jussi, aber das Leben ist auf der Seite von Laestadius nicht einfach, denn der Propst predigt gegen den Alkoholkonsum. Er kann zwar einige in seiner Dorfgemeinde dafür begeistern, aber für diejenigen, die sich am Alkoholismus des gemeinen Volkes bereichern, ist er ein Dorn im Auge. Eines Tages verschwindet eine junge Frau. Der Propst wird gerufen und bald findet er Anzeichen dafür, dass ein Bär das Mädchen angegriffen haben konnte. Doch Laestadius ist ein echter CSI und stellt wenig später fest, dass es doch ein Mensch gewesen sein muss, der dem Mädchen was angetan hat. Als dann die Leiche der Frau gefunden wird, kann er jedoch weder die Dorfbewohner, noch für die Ermittlungen zuständigen Landjäger davon überzeugen, dass der Täter nicht ein Bär gewesen ist. Ein Bär wird schnell gestellt und umgebracht, doch bald wird eine weitere junge Frau angegriffen. Wer ist der Täter? Und was hat Jussi mit der Geschichte zu tun, der nach der schönen Maria schmachtet? Was sich bis jetzt wie eine spannende Mördergeschichte anhört, ist eigentlich sehr viel mehr. Denn Laestadius hat es tatsächlich gegeben und die Geschichte der Erweckungsbewegung wird von Niemi sehr gekonnt in den Roman mit eingeflochten. Während der Leser langsam überall, wie der fortschrittliche Propst, nach einer Lösung für die sich häufenden Mordfälle sucht, lernt er auch immer mehr über eine außerhalb Schwedens wohl weniger bekannte Persönlichkeit und diesen besonderen Abschnitt der Geschichte. Neben Laestadius ist auch Jussi eine sehr plastisch dargestellte, interessante Figur in diesem Buch, der durch seine Person auch zu einem Entwicklungsroman wird. Der Junge, der kaum ein Wort sprechen wagt, ist der Erzähler der Geschichte. Er erwacht immer mehr zu einem Bewusstsein. Man leidet mit ihm, man freut sich mit ihm… und man wird währenddessen das Gefühl nicht los, dass man einem Mörder zuhört. Oder ist er unschuldig? Wie gesagt, das ist keine einfache Krimigeschichte, wer das Buch also nur wegen dem Whodunnit lesen möchte, dem kann ich es nur bedingt empfehlen. Wer aber offen dafür ist, oder sogar interessiert daran, mehr über die Geschichte Schwedens, über Laestadius und die Erweckungsbewegung zu erfahren, der sollte zugreifen. Der Krimi ist aber auch sehr spannend, nicht dass mich hier jemand missversteht. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich werde sicherlich noch weitere Werke des Autors lesen.

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In Kengis in Nordschweden geht es 1852 auf Bärenjagd. Die reißende Bestie, so glaubt man, habe eine junge Frau angegriffen und getötet. Kurz darauf wird eine weitere junge Frau angegriffen und weist die gleichen Verletzungen auf. Unter anderem Würgemale am Hals. Noch bevor sie bestätigen kann, dass dies kein Bär, sondern ein Mann getan hat, sind der vielseitig gebildete protestantische Geistliche Laestadius und sein samischer Ziehsohn Jussi auf der richtigen Spur und haben sogar bereits einen Verdacht. Laestadius wird im Dorf jedoch kritisch, mitunter auch misstrauisch, beäugt und hat es alles andere als einfach, seinen Verdacht zu Gehör zu bringen. Mit „Wie man einen Bären kocht“ hat Mikael Niemi einen unglaublich vielschichtigen Roman geschrieben, der die damalige Zeit in vielen verschiedenen Nuancen abbildet. Sowohl die Konflikte zwischen den Schweden, den Finnen und den Samen werden deutlich, als auch die Skepsis gegenüber dem Protestantismus. Hinzu kommt die Autoritätsgläubigkeit der einfachen Landbevölkerung gegenüber dem Landjäger Brahe, die aus Unsicherheit und auch aus Unwissen heraus entsteht. Während Brahe allerdings nur sieht, was er sehen will und es sich damit einfach macht, geht Laestadius deutlich offener an seine Ermittlungen. Die Geschichte bewegt sich zwischen Erzählung, historischem Roman und Krimi und wird aus der Sicht des samischen jungen Manns Jussi erzählt. Jussi ist als Kind aus einem Elternhaus geflohen, in dem Alkohol, Vernachlässigung und Gewalt an der Tagesordnung waren. Da seine Herkunft für die Dorfbewohner unklar ist und er zudem den Samen angehört, ist er innerhalb der Dorfgemeinschaft eher ein Außenseiter. Für die Geschichte selbst, ist dies jedoch von Vorteil, da er außer zu Laestadius zu niemandem gehört. Das Auftreten der beiden erinnert an einen Kommissar und seinen Assistenten, obwohl beide keine Polizisten sind. Dennoch bemühen sie sich um Aufklärung, des Falls und geistige. Zusammen mit den Konflikten innerhalb des Dorfes spinnt Mikael Niemi so eine Geschichte, die auch über die Haupthandlung hinaus einiges zu bieten hat.

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