Leserstimmen zu
Der Garten meiner Mutter

Anuradha Roy

(4)
(3)
(0)
(0)
(0)
€ 22,00 [D] inkl. MwSt. | € 22,70 [A] | CHF 30,90* (* empf. VK-Preis)

„Der Garten meiner Mutter“ von Anuradha Roy Anuradha Roy ist eine großartige Erzählerin! Bereits auf den ersten Seiten hat sie mich mit ihrem bildreichen Stil für ihren Roman gewonnen. Es ist eine Familiengeschichte, rückblickend erzählt von dem alten Myshkin. Er wuchs in einer bürgerlichen Familie im Indien der Dreißiger Jahre auf, sein Großvater ein Arzt, sein Vater College-Professor und seine Mutter Gayatri nach arrangierter Ehe äußerst unzufrieden. Es ist die Zeit der großen Umbrüche, des gewaltlosen Widerstandes Gandhis, der Unabhängigkeitsbewegung Indiens, der Emanzipation von der kolonialen Abhängigkeit von England. In wunderschönen Bildern schildert Roy, wie der junge Myshkin nicht nur die politischen Veränderungen sondern auch die zunehmende Unzufriedenheit und Streitbarkeit seiner Mutter wahrnimmt. Wie er den Einfluss des Deutschen Malers Walter Spieß und seiner Begleiterin, der Tänzerin Beryl de Zoete zunächst nicht als bedrohlich empfindet. Doch dann ist er vollkommen davon überrascht, dass seine Mutter ihn und seinen Vater verlässt als er neun Jahre alt ist, um mit dem Künstler nach Bali zu gehen. Mich hat der Roman nicht nur wegen seiner wunderschönen Sprache begeistert sondern auch, weil hier zwei große Emanzipationsgeschichten miteinander verschränkt werden und parallel ablaufen: die von Gayatri und die des Landes Indien. Myshkins Vater, der die Unabhängigkeitsbewegung begeistert unterstützt, bemerkt gar nicht, dass, was er über das Land sagt, ebenso sehr auf seine Frau zutrifft. Seine Uneinsichtigkeit führt dazu, dass er sie, wie auch England seine Kolonie- verliert. Die ersten beiden Drittel des Buches handeln daher überwiegend von der Einsamkeit und der Leerstelle, die seine Mutter Gayatri bei Myshkin hinterlässt. Im letzten Drittel dagegen kommt sie selbst zu Wort, in Briefen, die sie an ihre Freundin Lis nach Hause schreibt. Sie spiegeln ihre Perspektive, ihre Träume, Wünsche und widerstreitenden Gefühle wider. Dabei nehmen sie immer wieder Bezug auf Walter Spieß, kreisen um sein Leben auf Bali, seine Kunstwerke, sein Museum. So tritt die Figur der Gayatri ein wenig hinter der des historischen Malers zurück und bleibt weiterhin nicht wirklich greifbar, weder für ihren Sohn Myshkin, der diese Briefe erst als alter Mann liest, noch für uns Leserinnen. Dennoch ein empfehlenswertes Buch und eine Hommage an die indische Kunst, den Tanz, die Kultur. Ich hoffe sehr, dass auch noch weitere Werke dieser großen, mit zahlreichen Preisen geehrten Autorin übersetzt werden!

Lesen Sie weiter

Vielen lieben Dank an das @bloggerportal und den @luchterhand_verlag, dass wir diesen poetischen Roman lesen und rezensieren durften! Anuradha Roys „Der Garten meiner Mutter“ ist eine vielschichtige indische Familiensaga, die die Geschichte eines von seiner Mutter verlassenen Kindes und den Kampf einer jungen Frau um persönliche Freiheit und künstlerische Selbstverwirklichung vor dem Hintergrund Indiens in den späten 1930er Jahren zeichnet. Gayatri Rozario, eine ungewöhnliche, lebenshungrige und künstlerisch begabte junge Frau lässt 1937 ihren Mann und ihren Sohn im indischen Mantazir unterhalb des Himalaya zurück und zieht heimlich mit dem deutschen Maler und Musiker Walter Spies und der Tänzerin Beryl de Zoete nach Bali, bestrebt, ein freies Leben zu führen und sich der Malerei zu widmen. Gayatri droht an den Zwängen der indischen Gesellschaft und ihrer traditionellen Ehe zu einem dogmatischen Collegeprofessor zu zerbrechen. Sie sehnt sich nach persönlicher und künstlerischer Freiheit, nach einem neuen Leben. Sie war der Liebling ihres Vaters, von ihm in intellektueller und künstlerischer Sicht gefördert und unternahm bereits als junges Mädchen ausgedehnte Reisen. Ihr Alltag als Ehefrau und Mutter im starren Rahmen von Tradition und gesellschaftlichen Erwartungen erscheint ihr als Käfig. Die Begegnung mit Walter Spies stellt ihr Leben komplett auf den Kopf und sie folgt ihm nach Bali, fasziniert von seinem kreativ-freiheitlichen Lebensstil. Doch der Preis für ihre Freiheit ist, dass sie ihren Sohn Myshkin verlassen muss. Im Alter versucht Myshkin, inzwischen ein einsamer Mann, der sein Leben lang darunter gelitten hat, dass seine Mutter ihn als Neunjährigen verlassen hat und der Zuflucht in seiner Liebe zu Pflanzen findet, rückblickend die Geschichte seiner Mutter und seiner Familie zu verstehen. Dabei verweben sich seine schmerzvollen Erinnerungen mit den Briefen seiner Mutter Gayatri an ihn und eine ihrer Freundinnen. Diese Familiengeschichte breitet sich vor dem Hintergrund der immer prekärer werdenden Weltlage Ende der 1930er Jahre aus: in Deutschland Erstarken die Nazis, die Unabhängigkeitsbewegung Indiens von der britischen Kolonialherrschaft nimmt konkrete Formen an und auch die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges in Südostasien werden thematisiert. Neben diesen massiven politischen und nationalen Umbrüchen bekommt man aber auch einen farbenprächtigen Einblick in das indische Alltagsleben. Roy verwebt in ihrem Roman Fakten und Fiktion zu einem schillernden Porträt der Zeit, persönliche und politische Kämpfe sind miteinander verschränkt. Leben und Kultur, Kunst, Musik, Flora und Fauna Indiens und Indonesiens werden bildstark beschrieben. Der Originaltitel „All the lives we never lived“ trifft für mich sehr gut die Essenz des Romans, die vielen ungelebten Leben unserer Träume und Sehnsüchte, die unzähligen Möglichkeiten und Abweichungen, die unser Leben nimmt. Ohne die Begegnung mit Walter Spies hätte Gayatri vielleicht nie den Mut gefunden, aus den Zwängen ihres Lebens auszubrechen und ihre persönliche Freiheit in Form künstlerischer Selbstfindung zu realisieren. Doch ihr Verlust hat Myshkins Leben tief getroffen. Erst zum Ende seines Lebens gelingt es ihm, sich durch seine Erinnerungen und Gayatris Briefe ihr wieder anzunähern und ihr Garten hilft ihm, ihre Entscheidung nachzuvollziehen. Dieser einfühlsame und emphatische Roman wirft Fragen nach den inneren und äußeren Faktoren, die unser Leben beeinflussen auf und wie sie unsere Identität formen und der Macht der Erinnerungen auf. Roy lässt uns in wunderschön poetisch und elegischer Prosa in die Welt der Erinnerungen eintauchen!

Lesen Sie weiter

Meine Meinung Allgemein „Der Garten meiner Mutter“ war ein für mich sehr schwieriger Roman. Trotz des Titels, hatte ich die Erwartung, dass das Buch aus Gayatris Sicht sein wird. Der Künsterlin, Mutter und freien Seele, der das Buch gewidmet ist. Der Klappentext sagte nichts darüber aus, dass es eigentlich um den Sohn und seine Sehnsüchte geht. Vielmehr ließ er auf Inspiration und Freiheit hoffen. So schlängelte ich mich durch die erste Hälfte. Es gab keinen roten Faden und auch keinen Ausblick auf einen Höhepunkt. Die Zeitstränge wechselten wild hin und her. Wenn ich mal nicht genug aufpasste, war ich verloren und fragte mich nur, warum Sohn Myshkin auf einmal so alt, oder wieder so jung ist. Natürlich bekam man durch den Sohn auch mit, wie schlecht es seiner Mutter ging. Wie sie unter den Idealen und Vorstellungen ihres Mannes leidete. Doch ihre Gedanken und Gefühle blieben mir als Leser fern. Erst mit der zweiten Hälfte wurde mir endlich ein Einblick verliehen. Seitenweise Briefe von Myshkins Mutter, die erzählten, wie es ihr in ihrer neuen Welt erging. Persönlich liebe ich es, Briefe in Büchern zu lesen. Es ist, als wären sie für einen Selbst verfasst und plötzlich schwanden die Seiten auch ganz schnell dahin. Es war packend zu lesen, wie sich Gayatri eine neue Welt erträumte, sie dann bereiste und sich eigentlich wieder zurück träumte. Sie wirkte wie ein jahrtausend alter Baum, der so weit von seinen Wurzeln weg gewachsen ist, doch diese nie vergessen hat. Letzten Endes wirkte das Buch auf mich nachhaltig. Das Buch über hatte ich eine düstere Schwere auf mir und wurde einzig und allein von Roys poetischem Schreibstil in der Luft gehalten. Doch jedes Mal, wenn ich es beiseite legte, sowie nach Beendigung des Buches, gingen mir die Gedanken nicht mehr aus dem Kopf. Ich dachte über Träume, Ideale und Erfüllungen nach. Mich faszinierte der Seelensturm, der in Gayatri tobte, obwohl sie ihren Seelenfrieden gefunden zu haben schien. Die offensichtlichen Fragen spielten gar keine Rolle. Gerne hätte ich gewusst, was Myshkin so empfand. Ich erlebte, wie er sich im ersten Jahr nach seiner Mutter sehnte und wie er selbst im hohen Alter noch Probleme mit ihren Entscheidungen hatte. Doch interessierte mich die Entfernung. Wann war es, dass Myshkin sich von ihr abwandte? Brach sein Herz und wann war das? Und überhaupt… Folgte Gayatris Kontaktperson all den Anweisungen, die Gayatri ihr gab? Gab sie Myshkin Küsse, unterrichtete sie ihn im Mannsein, sprach sie ihm Mut ohne Hoffnung zu? Vieles fühlte sich Unvollständig an. Einen großen Pluspunkt bekommt das Buch nochmal, da ihre Figuren nicht fiktiv sind. Viele neue Namen lernte ich kennen. Teilweise sehr interessante Menschen, von denn ich zuvor nie etwas gehört habe. In dem Sinne möchte ich das Buch wieder loben, denn obwohl einige Teile fiktiv sind, hat sich Roy auf die Fakten konzentriert, die ihr zur Verfügung standen und das Buch somit möglichst nah an der Realität gehalten. Dadurch ist es nur natürlich, dass schonmal Längen entstehen. Charaktere Ideale sind ein immer schwieriges Thema, die Beziehungen nur komplizieren. Entweder man findet die Person, die den eigenen Idealen entspricht, oder einer der beiden Partner wird sich anpassen müssen. In diesem Falle war es Gayatri. Trotz Myshkins Sicht merkte ich, wie eingeengt sie war. Doch das alles blieb oberflächlich, bis man ihr durch die Briefe in die Seele schauen konnte. Sie verbarg gut, so auch vor mir als Leser. Schuld an dieser Einengung war Gayatris Mann, doch ich konnte ihm nicht Böse sein. Auch ihm merkte ich an, wie sehr er seinen Weg suchte. Wie er irgendwie in ein Raster passen wollte. Wie er hoffte, dass sich sein Lebenssinn erhält, solange er all seine Ideale erfüllt. Ich empfinde es nachträglich als meisterhaft, wie Roy es geschafft hat, ihre Charaktere eine derartige Tiefgründigkeit zu geben, ohne wirklich viel über sie zu schreiben. Wer mir oberflächlich blieb war tatsächlich Myshkin. Der großteil des Buches war aus seiner Perspektive und hin und wieder merkte ich die kindlichen Ängste, mit denen er kämpfte, doch er blieb hinter einem Nebelschleier verborgen. Schreibstil & Sichtweise Der Schreibstil war der Rettungsreif, der mich über Wasser hielt. In jeglichen Längen, die es im Buch gab, war die poetische Schreibweise meine Kerze. Es ist die Nachhaltigkeit, die ich selten bei einem Buch verspüre. Die Worte hängen nach, sie fanden einen Weg in meine Seele und wollten, dass ich mich noch Stunden später mit ihnen beschäftige. Geschrieben ist das Buch aus Myshkins Sicht. Der Sohn der Mutter. In der Ich-Perspektive. Viele Seiten lang sind aber auch Briefe der Mutter zu lesen. Cover & Titel Das Cover ist rein optisch sehr schön. Die Farben, Bäume und die Weite vermitteln mir dieses Indien-Gefühl. Das Gefühl nach fernen Orten. Daraus lässt sich schon schließen, dass mit dem Garten der Mutter eventuell gar kein richtiger Garten gemeint ist, sondern die Ferne und Kreativität. Ein Ort, wo nicht die Pflanzen aufblühen, sondern Gayatri selbst. Das ist aber sehr viel Interpretation und wenn man nach dem Originaltitel „All the lives we never lived“ geht, passt dieser auf den ersten Blick auch deutlich bsser. Zitat Warum nicht für eine Ewigkeit bleiben, wo es Grund zum Verweilen gibt? Warum noch eine Minuter bleiben, wenn es Grund zum Aufbruch gibt? – Seite 99 Fazit Je länger ich über dieses Buch nachdenke, desto besser gefällt es mir. Man muss sich darauf einlassen können, dass das Buch zwar deutliche Längen hat, in denen nichts passiert, aber man nachhaltig belohnt wird, wenn man sich gerne in Gedanken verliert und philosophiert.

Lesen Sie weiter