Leserstimmen zu
Die Spuren der Stadt

Lars Saabye Christensen

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Die Beschreibung auf der Rückseite des Buches trifft es sehr gut: "Das wunderbare Porträt einer Stadt - und der Menschen, die darin leben." Oslo, in den Jahren nach dem 2.Weltkrieg. Wir begleiten mehrere Personen bei ihren alltäglichen Erlebnissen und Sorgen; das junge Ehepaar Kristoffersen und ihren Sohn Jesper, deren verwitwete Nachbarin Frau Vik, den Antiquar Herrn Hall und den einsamen italienischen Pianisten Enzo Zanetti. Den Prolog des Romans fand ich sehr schwierig zu lesen, weil er eigentlich aus einer reinen Aufzählung der Straßen Oslos bestand und ich mich damit so gar nicht auskenne. Aber dann, ab dem ersten Kapitel, hat sich das Buch als eine großartige Lektüre entpuppt. Ich bin absolut hingerissen von der unglaublichen Fähigkeit des Autors, sowohl sehr hochwertig als auch extrem unterhaltsam zu schreiben. Die Geschichte war spannend und trotzdem sehr tiefgründig. Es ging um Einsamkeit, Freundschaft, Liebe, Ängste, Tod und darüber, was im Leben wirklich wichtig ist. Eine der Protagonistinnen war im Roten Kreuz engagiert; von den Tätigkeiten dieser Organisation wurde ebenfalls viel berichtet. Am Ende eines jeden Kapitels war ein Sitzungsprotokoll des Ortsverbandes angehängt, was ich sehr interessant und stimmig fand. Eine ganz große Leseempfehlung und zwar mein erstes, aber bestimmt nicht mein letztes Buch des Autors!

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Mit „Die Spuren der Stadt“ gelingt Christensen eine interessante Milieustudie, die im Oslo der Nachkriegszeit verortet ist. Ich habe gut hundert Seiten gebraucht, um mich an das eher langsame Tempo und die ruhige, unaufgeregte, teils melancholische Erzählweise zu gewöhnen. Zu Beginn störten mich dabei vor allem die Protokolle der Sitzungen des Roten Kreuz, die jedem Kapitel nachgelagert sind. Im Laufe der Lektüre lernte ich sie als weiteres Stilmittel zur Entschleunigung immer mehr zu schätzen, denn sie geben dem Roman einen zeitlichen Rahmen, helfen bei der Einordnung der Geschehnisse und vermitteln einen Eindruck vom Wandel und den Bedürfnissen in den Jahren nach dem Krieg. Im Verlauf der Erzählung lernt der Leser nicht nur die Stadt – ich war bisher leider noch nie in Oslo –, sondern auch die Charaktere immer wieder neu und aus anderer Perspektive kennen. Dabei beeindruckte mich vor allem der stets fließende Übergang zwischen den Figuren innerhalb einzelner Abschnitte. Jede Begegnung und jeder Weg, der sich kreuzt, wird so zu einem erzählerischen Element, denn sie sind immer auch mit einem Perspektivwechsel verbunden. Alle Figuren eint der Einfluss der Kriegsjahre, ein Schwanken zwischen altem und neuem Leben. So wie der 7-jährige, hochsensible Jesper Kristoffersen sich erst im Leben zurecht finden muss, suchen auch seine Mutter Maj, Vater Ewald oder Witwe Frau Vik zwischen den Sorgen des Alltags und in den Wirrungen eines neuen Zeitalters nach Fixpunkten. Auch wenn einen die Lebensgeschichten der Figuren nicht immer direkt packen, schafft Christensen es gleichzeitig mit seiner scharfen Beobachtungsgabe das Bild einer Stadt zu zeichnen, über die der Leser mehr erfahren möchte. Dabei zeigen nicht nur Platz, jede Straße oder jedes Lokal zeigen Norwegens Hauptstadt immer wie neu und anders, sondern auch die Jahres- und Tageszeiten bestimmen die Wahrnehmung einer Stadt, die gelebt und erlebt werden will. Für Oslo-Fans und diejenigen, die es noch werden wollen, ein Muss. Für alle anderen eine entschleunigende Lesereise mit Höhen und Tiefen. Lieblingszitat: „Sie sind noch Kinder, doch der Krieg, an den sich kaum einer von ihnen noch erinnert und den sie dennoch nicht vergessen können, hat einen Schatten auf sie geworfen, der ihr Alter vollkommen durcheinander bringt.“

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Spuren

Von: LiteraturReich

22.01.2020

Er zählt in Norwegen zu den wichtigsten Autoren und ist vielfach preisgekrönt. Für mich gehört Lars Saabye Christensen mit seinem Roman „Die Spuren der Stadt“ zu den Entdeckungen der letztjährigen Frankfurter Buchmesse. „Wer Lars Saabye Christensen liest, will nie mehr aufhören damit“ steht als Teaser auf dem Cover. Und da ist tatsächlich was dran. Man sollte allerdings das langsame, nostalgische Erzählen schätzen und keine ungeheure Begebenheiten oder fesselnde Spannungsbögen fordern. Lars Saabye Christensen erzählt aus dem Leben ganz „normaler“ Leute mit ihren kleinen und großen Sorgen und Tragödien, und das mit einer ganz eigenen, besonderen Sprache, mit viel Wärme und Sorgfalt. „Wehmut ist das langsamste aller Gefühle.“ heißt es einmal. Und der Ton, der das Buch durchzieht, ist einer der Wehmut. Das Leben, das beschrieben wird, gibt es so nicht mehr. Wehmut, die vielleicht auch der Autor empfunden haben mag, als er nach dem Tod seiner Mutter die Sitzungsprotokolle des Ortsvereins Fagerborg des Norwegischen Roten Kreuzes fand, die diese als Schriftführerin von 1950 bis 1973 verfasste und sorgsam aufbewahrte. Sie fanden (vielleicht etwas verändert) Eingang in diesen Roman und bilden jeweils das Ende eines jeden Kapitels. Ein formales Element, das zunächst vielleicht ein wenig irritieren mag – geben die Protokolle doch nicht besonders viel her, es wird über Spendeneinnahmen berichtet, über die Verpflegung von „Judenkindern aus Deutschland“ auf der Durchreise, auf geplante Basare und Seniorenausflüge hingewiesen, Budgetpläne entworfen. Und doch geben diese Einträge nicht nur einen Blick auf die schwierige wirtschaftliche Situation der Nachkriegszeit, sondern auch auf das spezielle soziale Gefüge in Fagerborg. „Die Spuren der Stadt“ ist der erste Teil einer Trilogie, die einen Jungen, Jesper Kristoffersen, über lange Jahre begleiten wird. Zu Beginn ist Jesper sechs Jahre alt, wir schreiben das Jahr 1948. Familie Kristoffersen lebt in einem noch ein wenig ländlich geprägten Stadtteil Oslos. Die Wohnanlage Jessenløkken am Kirkeveien ist die Heimat der dreiköpfigen Familie, zu der später noch die kleine Stine hinzukommt. Vater Ewald ist in der Werbebranche tätig, gerade mit der Planung der anstehenden 900 Jahr-Feier Oslos beschäftigt, Mutter May arbeitet ehrenamtlich beim Roten Kreuz. Die Nachbarin, die Witwe Margarethe Vik passt dann schon mal auf die Kinder auf. Der Frognerpark und der Straßenbahnkreuzungspunkt Majorstua begrenzen die kleine Welt Jespers. Jesper gilt als unruhig und anstrengend, heute würde man ihn sensibel und begabt nennen. Er freundet sich mit dem Schlachtersohn Jostein an, der seit einem Unfall hörgeschädigt ist und zu Jespers großer Trauer bald nicht mehr mit ihm die Schule besuchen darf, sondern auf eine Sonderschule gehen muss. Ein großes Glück ist für Jesper das Klavier und die Übungsstunden beim italienischen Barpianisten Enzo Zanetti. Die Zeiten sind schwer. Der Krieg und die deutsche Besatzung hängen nach. Man merkt das manchmal nur an nebenbei erwähnten Kleinigkeiten, den durchreisenden jüdischen Kindern auf „Erholung“, den Bittgesuchen, die beim Roten Kreuz eingehen, der Kargheit der Verhältnisse. Die Stimmung ist aber verhalten optimistisch, man klagt nicht. Es passiert gar nicht viel im Kirkeveien 127 – und doch ist es das ganze Leben. Jesper kommt in die Schule, findet einen Freund, bekommt eine kleine Schwester, der Vater erkrankt schwer. Nachbarin Vik lernt einen neuen Mann kennen, heiratet und zieht fort, Familie Kristoffersen bekommt ein Telefon. Die Arbeit des Roten Kreuzes geht weiter. Lars Saabye Christensen schafft mit „Die Spuren der Stadt“ ein ungeheuer atmosphärisches Bild, melancholisch, ein bisschen wehmütig, aber auch voll leisem Humor. Er begleitet seine Figuren sehr warmherzig und sie wuchsen der Leserin sehr schnell ans Herz, ohne dass das Erzählen jemals sentimental wurde. Für ungeduldige Leser*innen ist dieses Erzählen vielleicht nicht das Richtige. Für alle anderen gilt vielleicht wie für mich: „Wer Lars Saabye Christensen liest, will nie mehr aufhören damit.“ In Norwegen sind alle drei Teile der Trilogie bereits erschienen. Ich hoffe, wir müssen hier in Deutschland nicht zu lange auf Teil 2 und 3 warten.

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Es gibt Schriftsteller, die füllen mit ihren Werken mit der Zeit nicht nur die Regale ihrer Leser. Sie sind Begleiter – über Jahre, Jahrzehnte. Für mich ist der Norweger Lars Saabye Christensen ein solcher Autor. Ich lernte ihn mit seinem Roman „Yesterday“ kennen, in dem vier Jungen im Mittelpunkt stehen, die in Oslo der 1960er-Jahre die Beatlesmania hautnah erleben. Ich verschlang vor einigen Jahren Christensens preisgekröntes Werk „Der Halbbruder“, zuletzt verschaffte mir der dicke Wälzer „Magnet“ eine eindrückliche Lektüre. Vor einigen Monaten erschien in deutscher Übersetzung sein Roman „Die Spuren der Stadt“ – sein nicht ohne Grund vermutlich bisher persönlichstes Buch. Denn ein besonderer Fund inspirierte ihn und bildete den Ausgangspunkt seines neuen Werkes: Nach dem Tod seiner Mutter fand er einen Band mit Protokollen der Ortsgruppe Fagerborg des Roten Kreuzes aus den Jahren 1947 bis 1967. In „Die Spuren der Stadt“ nehmen diese Protokolle einen breiten Raum ein. Sie geben interessante Einblicke in die vielfältige soziale Arbeit des Roten Kreuzes, in die Figur der Maj Kristoffersen, die sich im Vorstand der Ortsgruppe Fagerborg an der Seite weiterer umtriebiger Frauen ehrenamtlich engagiert, sowie in die Nachkriegszeit, in der der Roman auch spielt. Maj ist die Frau von Ewald und die Mutter von Jesper. Die Kristoffersens wohnen in einem Mietshaus in jenem nordwestlich gelegenen Stadtviertel Oslos. Der Vater arbeitet als technischer Zeichner in einem Werbebüro, sein Sohn Jesper gilt als sensibel und feinfühlig, still und in sich gekehrt. Der Junge, der 1944 und damit ein Jahr nach der verheerenden Explosion eines Munitionslagers in Filipstad geboren wurde, lebt in seiner eigenen Welt. Er wird um ein Jahr von der Schule zurückgestellt. Freunde hat er kaum, nur der Metzgersohn aus der Nachbarschaft, der nach einem Unfall auf einem Ohr ertaubt, wird zu einem Vertrauten. Auch der italienische Barpianist Enza Zanotti, der im Krieg weit entfernt von der südländichen Heimat im Norden hängengeblieben ist, nimmt später eine Schlüsselrolle in Jespers Kindheit ein. Der Leser verfolgt für einige wenige Jahre von 1947 bis 1950 das Leben der Familie und das einiger weniger Männer und Frauen, die in Fagerborg leben. Wie Frau Vik, Witwe sowie Nachbarin der Kristoffersens, die später mit Olaf Hall den Mann einer verstorbenen Schauspielerin heiratet. Christensen bringt den Leser sehr nah an die Menschen, ihren Alltag, ihre Wünsche und Ängste, ihre tragischen wie schmerzlichen Verluste. Es wird von einer Zeit erzählt, die im deutlichen Gegensatz zur Gegenwart des modernen und vermögenden Norwegen, wie viele es wohl kennen, steht. Der kommende Reichtum des Landes infolge des Öls vor der Küste, der mittlerweile auch durchaus kritisch betrachtet wird, ist noch einige Jahrzehnte entfernt. Der Krieg hat Spuren hinterlassen, die meisten leben in bescheidenen Verhältnissen und müssen jede Krone umdrehen. Wie wichtig dabei für viele die Hilfe des Roten Kreuzes war, wird an den eingangs erwähnten Protokollen deutlich. Und auch der erzählerische Blick auf das 900-jährige Bestehen der Hauptstadt sowie das markante Rathaus, das im Mai 1950 feierlich und hochoffiziell eröffnet wird, lässt die Stimmung dieser Zeit auferstehen. So wie Christensen mit sehr viel Herz seine Figuren beschreibt, mit so viel Hingabe widmet er sich seiner Heimatstadt Oslo, in der er 1953 geboren wurde. Sein Roman, dessen Geschehen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wird, führt in die Straßen und Gassen, in die Parks und auf die Plätze, sogar in den Trubel in Blau, Weiß und Rot des 17. Mai, dem Nationalfeiertag Norwegens. Dabei vergisst er nicht von den engen Wohnungen, den steilen Treppen und den schummrigen Dachböden, auf denen die Wäsche trocknet, zu erzählen. Erinnerungen an Christensens Roman „Der Halbbruder“ kommen auf, für den der norwegische Schriftsteller sowohl den Literaturpreis des Nordischen Rates als auch den ebenfalls renommierten Brage Pris erhalten hat. Der neue Roman lädt nunmehr ein, die Stadt und ihre Menschen zu erleben, sich indes nicht nur die großen und bedeutenden Sehenswürdigkeiten anzuschauen, sondern auch durch die Straßen der zentrumsfernen Viertel zu flanieren. Wenn man über diesen eindrücklichen Roman schreibt, sollte auch von einem weiteren traurigen Hintergrund berichtet werden, weshalb „Die Spuren der Stadt“ das bisher wohl persönlichste Buch des Norwegers ist. Während er an seinem Buch schrieb, muss er sich einer Chemotherapie infolge seiner Krebserkrankung unterziehen. Auch Ewald, Jespers Vater, erhält diese furchtbare Diagnose, die er einige Zeit seiner Familie verheimlicht. Wie Christensen die körperlichen wie seelischen Folgen des Leidens und die Auswirkungen auf die Familie beschreibt, ist ungemein berührend. Bereits schwer erkrankt, erlebt der Familienvater indes noch die Geburt seiner kleinen Tochter Stine, die im Januar 1950 zur Welt kommt. „Die Spuren der Stadt“ ist der erste Teil einer Trilogie, die im Jahr 2017 in Norwegen ihren Anfang nahm. In der Heimat des Verfassers sind bereits die beiden folgenden Bände „Maj“ sowie „Skyggeboken“ im Verlag Capellen Damm erschienen. Bleibt zu hoffen, dass auch die beiden folgenden Teile in deutscher Übertragung erscheinen – um Christensens wunderbares Werk neu kennenzulernen oder seinem allzu menschlichen Schreiben wieder zu begegnen.

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Lars Saabye Christensen gehört zu den wichtigsten Gegenwartsautoren Norwegens und in seinem Roman „Die Spuren der Stadt“ erzählt er vom Oslo der Nachkriegszeit und seinen Bewohnern. Christensen lädt die LeserInnen ein am Alltag der Bewohner des Osloer Stadtteils Fagerborg teilzunehmen - an dem des siebenjährigen Jesper und seinen Eltern Maj und Ewald Kristofferson, an dem der verwitweten Nachbarin Frau Viktor dem ihres Verehrers Olaf Hall, am Alltag des Arzt Dr. Lund und dessen Frau sowie an den Geschehnissen rund um die Damen des Roten Kreuzes. Welches zu jener Zeit eine durchaus wichtige Rolle gespielt hat, da es noch an vielem mangelte. Am Ende der einzelnen - relativ kurz gehaltenen - Kapitel gibt es immer ein Protokoll einer Sitzung. Was den LeserInnen einen Einblick gewährt, dass trotz Ende der grossen Knappheit noch allerorts Entbehrung herrschte. Aber genauso herrscht Hoffnung, Freundschaft, Aufbruchstimmung und der Glaube an eine Zukunft. Das wird ganz wunderbar zum Ausdruck gebracht. Die Geschichte wird überwiegend aus dem Blickwinkel Jespers erzählt, als hochsensibles Kind nimmt er alles was um ihn herum geschieht ganz genau wahr. Es dauert vielleicht ein bisschen bis man in die Geschichte reinkommt. Es ist eine stille Geschichte und eine langsame, entschleunigte Erzählweise. Von mir gibt’s eine Leseempfehlung mit 5/5.

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Subtil fesselnd

Von: Burgherr

09.01.2020

"Wer Lars Saabye Christensen liest, will nie mehr aufhören damit." heißt es auf dem Cover dieses Romans. Natürlich sollte man nicht alles glauben, was so auf Buchumschläge gedruckt wird. Aber in diesem Fall unterschreibe ich die Behauptung. Lars Saabye Christensen hat mit "Die Spuren der Stadt" einen Roman verfasst, der subtil fesselt. Es ist nicht die Spannung, sondern die flüssige, natürliche und greifbare Erzählweise, die mich das Buch hat kaum zur Seite lesen lassen. Im Kern dreht sich alles um den siebenjährigen Jesper Kristoffersen und dessen Familie. Viel mehr Namen muss man sich gar nicht merken, da anhand weniger Personen das Leben in Oslo unmittelbar nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geschildert wird. Aufgrund des Titels und meiner Vorstellung hatte ich eine engere Verknüpfung der Geschichte mit Oslo erwartet. aber diese erschöpft sich fast komplett in der Nennung einiger Straßen. Vermutlich sah dass Leben in vielen anderen Ländern Europas zu dieser Zeit sehr ähnlich aus. Daher empfehle ich "Die Spuren der Stadt" allen, die sich für die Nachkriegszeit interessieren oder sich an der erwähnten Erzählweise des Autors erfreuen möchten.

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Lars Saabye Christensen erzählt, aus Sicht Jesper Kristoffersens, die Nachkriegszeit, Ende der 1940er-Jahre in Oslo. Jesper ist sieben Jahre alt und wohnt mit seinen Eltern in Fagerborg im Nordwesten von Oslo. Jesper ist ein sensibles Kind, nimmt die die Bewegungen der Stadt und ihre Bewohner sehr intensiv wahr. Es ist ein Roman über die wunderbare Stadt Oslo, über Familie, Ehe, Freundschaft und Trauer. Was ich auch sehr gelungen fand ist, dass der Text immer wieder durch Zitate aus den Protokollen des Roten Kreuzes um 1950 unterbrochen wird und auch dadurch die Stimmung der Nachkriegszeit beschrieben wird. Die Spuren der Stadt ist ein stiller Roman, aber in seiner Stille und Reserviertheit dennoch sehr emotional. Ich vermisse Jesper jetzt schon. Das ist eine Geschichte, die nachhallt und deren Charaktere in Erinnerung bleiben. Wer schon in Oslo war, wird den Roman noch mehr lieben.

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Ich war noch nie in Oslo, doch nach der Lektüre dieses Romans kommt es mir so vor, als hätte ich einige Wochen dort verbracht – und das obwohl die Geschichte in der Nachkriegszeit spielt. Dabei lernte ich die Stadt auf eine besondere Weise kennen, und zwar aus der Sicht verschiedener Charaktere. Dazu zählt beispielsweise der siebenjährige Jesper Kristoffersen, der sich mit dem schwerhörigen Sohn eines Schlachters anfreundet und Klavierstunden nimmt. Seine Mutter engagiert sich beim Roten Kreuz, während sein Vater an einer Ausstellung zum 900-jährigen Stadtjubiläum arbeitet. Wir lernen die Sehnsüchte und Sorgen weiterer Bewohner kennen wie die eines Pianisten, eines Arztes oder einer Witwe, deren Wege sich in dem Roman kreuzen. Dabei gelingt es Lars Saabye Christensen, fließend von der Perspektive einer Figur zur nächsten zu wechseln und uns durch ihre Schicksale zu navigieren, wobei der Fokus auf den hochsensiblen Jesper liegt. Er ist buchstäblich so nah an den Figuren, dass man das Gefühl hat, man begleite sie auf dem Weg zur Schule, zur Kirche oder in den Park. Dabei nutzt der Autor jede Gelegenheit, um Straßen, Plätze, Geschäfte oder Lokale genauestens wiederzugeben, selbst die wechselnden Stimmungen in der jeweiligen Jahreszeit. Nicht nur Bilder, sondern auch Geräusche und Töne spielen eine wichtige Rolle. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten tauchte ich immer mehr in diesen Kosmos ein, den Christensen mal melancholisch, mal poetisch, mal äußerst humorvoll beschreibt. Sehr amüsant fand ich die Szene, in der die Familie Kristoffersen ganz aus dem Häuschen ist, weil sie ihr langersehntes Telefon bekommen und angestrengt überlegen, wen sie als erstes anrufen könnten. Jedes Kapitel endet mit dem Protokoll einer Sitzung des Roten Kreuzes, was einen guten Einblick in die Nöte der Stadt gibt, mit der Zeit aber auch etwas ermüdend ist. Man sollte sich Zeit nehmen für die knapp fünfhundert Seiten, auf denen sich zwar nicht viel ereignet, die uns jedoch dank Christensens besonderer Ausdruckskraft und scharfer Beobachtungsgabe eine interessante Milieustudie und eine lohnenswerte Lektüre beschert.

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