Leserstimmen zu
Von Zeit und Macht

Christopher Clark

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Beugen Politiker*innen das Recht, so ist das sie seit jeher ein Straftatbestand, biegen sie sich Geschichte zurecht, so gewinnen sie damit Wahlen –„Make America great again.“ „Wie die Schwerkraft das Licht, so beugt die Macht die Zeit“ (9) –so poetisch drückt sich hingegen Christopher Clark in seinem 2018 erschienen Werk Von Zeit und Macht. Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten[1] aus. Er geht darin vom Modell des „Geschichtlichkeitsregime“, das 2003 von François Hartog entwickelt worden ist [2], aus. Jede Epoche oder gesellschaftliche Strömung lebt unterschiedlich zur Zeit, besonders zur Vergangenheit. Ihre Werte und Kultur werden von den einen als lange vergangen und überwunden, von anderen als anhaltende Gegenwart, von Dritten als erstrebenswerte Zukunft empfunden und so weiter. Clark kehrt jedoch den breiten Ansatz von Hartog um und untersucht die Geschichtlichkeit, die von vier unterschiedlichen Regimes -im politischen Sinn- vertreten wurden. Quasi eine temporale Signatur, mit der sie ihr Auftreten und ihr Verhalten rechtfertigten. Ihre Vorstellung von Geschichtlichkeit beeinflusste wiederum unmittelbar den Lauf der Geschichte selbst. Clarks schrieb dieses Buch während der politischen Erdbeben des Jahres 2016: der Brexit-Abstimmung und Donalds Trumps Wahl zum US-Präsidenten. Die Bewegungen hinter diesen Umbrüchen bedienten sich aktiv der Chronopolitik: „[…] die Berufung auf imaginäre Zeitlandschaften bleibt eines der wichtigsten Instrumente politischer Kommunikation.“ (25) Fraglos: solche Utopias gehören zur Grundstimmung, dem verbalen und mentalen Fundament beider Gruppierungen. Bei Brexit-Befürwortern schimmerte eine idealisierte Vorstellung vom britischen Empire durch, in Trumps Rhetorik ist es ein starkes, weißes Amerika vor dem Absturz der Stahl- und Autoindustrie Ende der 1960er. Christopher Clark setzte sich bereits in seiner Dissertation[3] mit Preußen auseinander, spätestens seit seinem Bestseller Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947[4] ist der Australier als profunder Experte der Geschichte Brandenburg-Preußensweithin bekannt. Daher lag es für ihn nahe, unterschiedliche Verhältnisse von Zeit und Macht mithilfe der Geschichte dieses untergegangenen Staats abzubilden: Die nervöse Temporalität des Großen Kurfürsten, die Geschichtlichkeit im philosophischen Weltverständnis Friedichs des Großen, Bismarcks Vorstellung vom Strom der Zeit und schlussendlich die anti-geschichtliche Haltung des Nationalsozialismus (wobei sich das Preußische im letzten Kapitel mit dem Fokus auf Propagandamuseen in Berlin und Halle erschöpft). Kurfürst Friedrich Wilhelm hatte von seinem Vater ein Land in Trümmern übernommen. Dieses Trauma äußerte sich im Gefühl, in einer wackligen Schwellenzeit zu leben (48 Jahre lang!). Er drängte die Stände mit rigiden Mitteln zum Aufbau eines stehenden Heeres, verlangte in Zuge dessen, ihre ererbten Privilegien hinten anstehen zu lassen. Die Rechtsauffassung der beiden Seiten klaffte weiter auseinander: die Stände pflegten eine „erinnernde Rechtskultur“, d.h. legitim war, was als alte Tradition angesehen wurde. Für den Kurfürst hingegen war alles berechtigt, das garantierte, dass Brandenburg-Preußen in der Zukunft bestehen konnte: die necessitas stehe in Notzeiten über der libertas der Stände. Die Kompetenz, das „Was“ zu erkennen, schrieb er sich und seinen Beratern zu und sprach es den regionalen Eliten und deren (angeblich) begrenztem Horizont ab. 52 Jahre nach dem Tod Friedrich Wilhelms trat dessen Urgroßenkel König Friedrich II., „der Große“, die Regentschaft an. Aufgewachsen in der Stabilität, die vor allem ein überproportional großes Heer garantierte, war sein Geschichtsbild nicht an Aktionismus gegenüber einem Katastrophenpotential geschult worden. Er war der einzige Herrscher Brandenburg-Preußens, der selbst historische Abhandlungen schrieb. Vom Studium antiker Geschichtsmodelle und -philosophie geprägt, dachte sich der „Historiker-König“ (85) den Weltlauf zyklisch, von einer natürlichen Abfolge von Aufstieg und Abstieg bestimmt. Im zyklischen Lauf blieb jedoch das Abstraktum des Staates den geschichtlichen Prozessen enthoben, sein Dasein galt Friedrich als notwendige Voraussetzung für den Fortschritt des menschlichen Geistes. Es überrascht in diesem Licht nicht, dass der erste Diener der Staates (der sich in der Tradition der ruhmreichen Herrscher Roms sah) dessen Stasis auch ein Gesicht geben musste: Zeitlebens hielt Friedrich an der Kunst seiner Jugend fest; spielte jahrzehntelang, abgesehen von seinen eigenen Kompositionen, ausschließlich die 300 Flötenkonzerte, die sein Lehrer Quantz einmal für ihn komponiert hatte -stets der Reihe nach. Mit seinem zyklischen Stadienmodell widersprach der König, dem man einen „aufgeklärten Absolutismus“ zuspricht, übrigens dem linearen, fortschrittsgeprägten Geschichtsbild der Aufklärung -echter Fortschritt im Sinne von Entwicklung ist in einer Kreisbewegung nicht machbar. In den Augen des ‚Steuermanns‘ Otto von Bismarck war die Zukunft prinzipiell unvorhersehbar und voller Überraschungen, keine Summe verschiedener Stufen, Stadien oder eingebunden in Kreisläufe, sondern kompromisslos linear. Seine Antwort auf die Strömungen und Untiefen der Zeit: das unerschütterliche Vertrauen in die Festigkeit des überlieferten monarchische Systems, das sich für Zeiten der Gefahr Prärogative vorbehalten sollte, die Bismarck einem Parlament weder zutraute noch zugestehen wollte. Bei Ultrakonservativen machte er sich damit keine Freunde. Seit 1848 agierte in dem Bewusstsein, dass  ein Strom niemals zur Rückkehr gezwungen werden, sondern mit Wachsamkeit durchschifft werden muss. Im Verglühen der innerdeutschen Großmacht Preußen erhob sich der Nationalsozialismus. „Rasse“, „Kampf ums Dasein“, „Tausendjähriges Reich“ -sein Geschichtsbild äußerte sich in Formeln der Ewigkeit und Endgültigkeit. Die „Systemzeit“, die „rassisch unreine“ liberale Demokratie, verblasste vor diesen Zeitbegriffen. Das stößt in dieselbe selbstgefällige Kerbe wie Alexander Gauland, als er den Nationalsozialismus zum „Vogelschiss in der tausendjährigen Geschichte Deutschlands“ degradiert sehen wollte. Nach dem Ersten Weltkrieg bot sich Geschichte nicht mehr als erbauliches Studium an, sie zeigte Schrecken und Minderwertigkeitsgefühle. Daher musste sie im deutschen Utopia enden -mit allen Mitteln. Ein gewaltsamer Ausstieg aus der Geschichte. Clarks Buch wirkt wie die Einladung, in die verschiedenen Räume der Geschichtlichkeit einzutreten- man könnte sich für diese Thematik gut auch ein komplexes, mehrbändiges Werk an seiner Stelle vorstellen. Wer sich dieser Charakterisierung nicht  anschließt, könnte es auch für unorganisch und die Auswahl der Epochen für etwas willkürlich halten. Clark selbst nennt die Kapitel „Stichproben“ (233). Auf nachgeordneter Ebene findet sich tatsächlich eine Unstimmigkeit im systematischen Gesamtzusammenhang: die Gliederung der Einleitung zum ersten Hauptkapitel. Sie erläutert die Struktur des Vorhabens für jenes Kapitel sehr präzise, man könnte -im Vergleich mit den anderen Kapiteln sagen: bieder: „Anschließend gehe ich der Frage nach(…)“ , „In diesem Fall stelle ich die These auf…“, „Das Kapitel schließt mit einem kurzen Exkurs(…).“ (alle 32) – den anderen drei Hauptkapiteln schickt er derartige Darlegungen und Formulierungen nicht voraus, sondern leitet recht frei und individuell ein. Die Anmerkungen ändern jedoch kaum etwas an dem äußerst gelungenen Charakter dieses anregenden Buchs, das angenehm zu lesen ist und sicher auch interessierte ‚Laien‘ anspricht. Sehr hilfreich, auch im Hinblick auf die Kürze des Buchs, sind die Verweise auf Forschungsrichtungen und Literatur zur Geschichte von Geschichtlichkeit und Zeitempfinden, die er in Einleitung und Epilog erwähnt. Ganz nebenbei erkennt der Leser: Geschichtlichkeitsregime sind zutiefst menschlich, schlussendlich muss jeder die Bedeutung der Vergangenheit, seiner Vergangenheit für sein Leben und Verhalten klären. ______________________________________________________ [1] Christopher Clark: Von Zeit und Macht. Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten, München 2018. Das besproche Werk wird im weiteren Verlauf in (…) unter Angabe der Seitenzahl zitiert. [2] François Hartog: Régimes d’historicité: présentisme et expériences du temps, Paris 2003. [3] Christopher Clark: The Politics of Conversion. Missionary Protestantism and the Jews in Prussia, 1728–1941, Oxford [u.a.] 1995. [4] Ders.: Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947, München 2007 (orig. London [u.a.] 2006).

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Dieses Werk lässt mich zugegebenermaßen zwiegespalten zurück. Zum einen wird das Versprechen, Zusammenhänge zwischen Macht und Zeit aufzuzeigen, durchaus auch eingelöst. So erfährt man, wie sich Machtstrukturen wandeln, wie Macht zu verschiedenen Zeiten legitimiert wird und so weiter. Doch andererseits hatte ich häufig den Eindruck, plakative, an Inhalt jedoch ärmere Phrasen zu lesen. Da in diesem Buch viele geschichtliche Figuren wie Friedrichs II. von Preußen, Bismarck und Weitere thematisiert werden, erhält man auf den 320 Seiten zwar einen guten Überblick; ich befürchte jedoch, dass man mehr Verständnis für "Zeit und Macht" entwickeln würde, nähme man ein paar wenige gute Lektüren zu einzelnen der hier beschriebenen Epochen zur Hand, erführe man über die beiden Schlagworte wesentlich mehr. Besonders die "Narrative", auf die sich ständig bezogen wird, bereicherten für mich nicht gerade die Lektüre. Der Schreibstil war abwechselnd sehr bildhaft-eingänglich und umständlich-demotivierend. "Kein einziges der auf diesen Seiten analysierten Regime änderte formal den Kalender. Kein einziges führte eine neue Zeitordnung ein. Aber jedes einzelne besaß eine markante zeitliche Signatur. Jedes 'tanzte' zu einer anderen zeitlichen Musik." (S.231) Was mir wiederum von der Idee her sehr zusagte, war, dass im Epilog Bezug auf die aktuelle Situation Europas genommen wird. Hier stellt der Autor ein paar Bezüge zu den zuvor herausgestellten Situationen in der Geschichte her.Ab Seite 249 folgen sein Dank, die Anmerkungen und das Register (bis S. 313), was mich persönlich vom Umfang her überraschte. Insgesamt handelt es sich meines Erachtens um ein Buch, das viele Epochen anführt und auf die Stichwörter "Macht" und "Zeit" hin untersucht. Dabei überraschen der doch recht geringe Umfang des Werkes, die häufig einfließenden Modewörter, die leider nicht wirklich mit Inhalt gefüllt werden und der zwischen bildhaft und trocken wechselnde Schreibstil. Obwohl ich ein paar neue Denkanstöße habe erlangen können, vermochte mich das Buch leider nicht zu überzeugen.

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Von Zeit und Macht

Von: Hans H. Hanebuth aus 31515 Wunstorf

01.02.2019

Ich bin interessierter Laie und ich habe das Buch gern gelesen. Es gibt nicht nur Aufschluß über die jeweiligen geschichtlichen Situationen, es regt auch an, die gegenwärtigen politschen Entwicklungen unter den Aspekten Zeit und Macht zu beurteilen. Soweit meine Meinung zum Buch. Ich möchte aber doch einige Anmerkungen machen. • Manchmal scheint mir die Ausdrucksweise "gestelzt". Ich weiß nicht ob das am Autor oder am Übersetzer liegt. Hier ein Beispiel: Seiet 190, letzte Zeilen: Das Fehlen eines kohärenten Programms kann man allerdings kompensieren, indem man einflußreichen Tropen in einer vielzahl von Quellen - [ . . . ] - nachgeht und darin nach den Umrissen eines gemeinsamen Bewußtseins sucht. Diesen Satz muß man - oder mußte ich - mehrere Male lesen, um mit dem Ausdruck "Tropen" den Sinn zu verstehen. Hier noch Hinweise auf Druckfehler: Seite 156, Zeile 16 - muß heißen: . . . mit denen der Staatsmann . . . ; Seite 213, Zeile 26 - muß heißen: . . . des "Thüringisch-sächsischen Vereins für Erforschung des vaterländischen Altertums . . . "

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