Leserstimmen zu
Dao De Jing

Lao Zi, Michael Hammes

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Dao De Jing: Eine Besprechung

Von: Aufziehvogel (Marcel)

31.10.2019

Anmerkung: Bei den verschiedenen Schreibweisen des Werkes sowie des Autors berufe ich mich auf die vereinfachte Schreibweise, die auch der Verlag für diese Veröffentlichung benutzt. Besonders die Formatierung hier auf dem Blog leidet bei Sonderzeichen sehr, ich bitte diesen Umstand also vorab zu entschuldigen. China Dao De Jing 道德經 / 道德经 Verfasser: Lao Zi Verlag: Manesse Übersetzung, Herausgeber, Vorwort, Nachwort, Erläuterungen: Michael Hammes Genre: Klassische Literatur, Philosophie Aus dem Vorwort: "Obwohl dieses weitverbreitete Werk also seit jeher Sprengstoff für die etablierten Systeme der Macht und Deutungshoheit liefert, ist es nicht indiziert, sondern schlummert harmlos auf den entlegensten Bücherborden. Dass bislang keine detonationsauslösenden Zündungen stattgefunden haben, liegt einerseits an der erwähnten esoterischen Kodierung, andererseits an der grundlegenden Intention einer friedlichen inneren Wandlung und nicht einer gewaltsamen äußeren Revolte." Als die Germanen ihre Kriege praktisch noch mit Steinschleudern ausgefochten haben, existierte bereits Weltliteratur im fernen China und im römischen Reich. Das Dao De Jing von Lao Zi wird als Gründungsschrift für den Daoismus gesehen und gilt als Vorreiter für andere bekannte Schriften wie die von Marx oder der Chuch'e Ideologie. Auch wenn die Vergleiche weit hergeholt sind, als einen symbolischen Vergleich finde ich sie nicht unpassend. Dass all diese Werke voneinander jedoch grundverschiedene Ansichten teilen, dürfte aber auch dem Laien klar werden. Genau wie bei den alten Griechen und ihrem Homer gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass es jemals einen alten Weisen namens Lao Zi gab (was auch viel mehr ein Titel sein könnte) und ob ihm auch wirklich eine der bekanntesten und ältesten chinesischen Schriften zugeschrieben werden kann. All das trägt zu der an sich geheimnisvollen, ja, auch ein wenig kryptischen Natur des Dao De Jing bei. Eine klassische Rezension zu verfassen, also diese Schrift zu bewerten, ist kaum möglich. Aber man kann sie besprechen. Was das Dao De Jing nämlich immer noch für sein Alter so zugänglich macht sind die immer noch zeitgenössischen Themen in den Texten, die auch in der heutigen Gesellschaft noch fantastisch funktionieren. Das größte Problem an den deutschen Übersetzungen waren bisher immer eigenwillige Interpretationen, die jedoch nie ausführlich erklärt wurden oder interessierten Lesern zugänglich gemacht wurden. Auch hier muss man wieder bedenken, für den perfekten Zugang zu dem Werk in der altchinesischen Sprache sollte man mit großer Wahrscheinlichkeit die Sprache verstehen und bestens in der chinesischen Kultur bewandert sein. Genau wie bei der japanischen Literatur entfaltet sich der volle Sinngehalt nur, wenn man die Schriftzeichen lesen kann. Die symbolische Sprache verwandelt sich während man liest in Bilder und diese Bilder bieten noch ein wesentlich besseres Verständnis des Textes. Für diese zweisprachige neue Ausgabe vom Manesse Verlag war ein Mann mit beeindruckender Vita zuständig, der den Text übersetzt, interpretiert und kommentiert hat. Dr. Michael Hammes. Dieser ist gleichzeitig auch noch als Neurologe und Arzt für chinesische Medizin tätig. Ein Mann vom Fach. Doch wie liest sich seine Interpretation? Die liest sich einfach ausgezeichnet. Auch wenn ich das Buch noch immer nicht als eine gemütliche, entspannte Lektüre bezeichnen würde, hier hat der Übersetzer sein möglichstes getan, um diesen alten Text in eine moderne, deutsche Sprache umzuwandeln. Und das funktioniert. Und das funktioniert gar nicht mal auf Anhieb. Doch hier beruhigt Herr Hammes gleichzeitig auch und verweist darauf, dass man ein Gefühl für das Werk bekommen muss und die teils komplexen Wortspiele selbst in Bildersprache umsetzen muss. Es dauert eine Weile, doch dann bekommt man für die kurzen Passagen allmählich ein Gefühl und besonders ein Gefühl dafür, sich in diese Texte hineinversetzen zu können. Ein generelles Interesse für das Dao De Jing mitzubringen ist hier also unabdingbar. Das Dao De Jing an sich ist ein relativ kurzer Text, der aus vielen kleinen Passagen, sogenannten "Eröffnungen", besteht. Diese Eröffnungen sind von unterschiedlicher Länge und unterscheiden sich thematisch stark voneinander. Die Texte bringen zwar allesamt eine gewisse Mystik mit sich und klingen teilweise sehr kryptisch, aber nach einer weile ist es faszinierend zu erkennen, wie sehr die kleinen Texte auch aus heutiger Sicht noch funktionieren. Und nein, ich rede hier nicht von irgendwelchen Weisheiten aus Glückskeksen oder dem Hokuspokus eines Horoskop von nächster Woche. Diese Texte haben auf mich, einen absoluten Laien was dieses Werk angeht, einen zeitlosen Eindruck gemacht. Es spielt dabei absolut keine Rolle, ob die Texte nun einer einzelnen Person zugeschrieben worden sind oder ob vielleicht mehrere chinesische Philosophen daran beteiligt waren. Die immer noch sehr geheimnisvolle Entstehungsgeschichte des Dao De Jing ist nicht minder interessant als die gesammelten Texte selbst. Der Manesse Verlag liefert hier gewohnt gute Qualität ab und präsentiert wie immer das Buch auch optisch in einer schönen, kleinen Hardcover-Ausgabe mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Garniert ist die Ausgabe noch mit einem umfangreichen Register mit zahlreichen Erklärungen des Herausgebers. Abschließende Gedanken Das Dao De Jing von Lao Zi ist keine Unterhaltungsliteratur. Aber es ist ein interessantes Werk der klassischen Weltliteratur, was heute nicht weniger relevant ist als vor über 2000 Jahren. Ob man die Werte, die in diesem Text verankert sind, für sich verinnerlicht oder ob man einfach neugierig ist, jeder soll diese Texte so angehen, wie er es für richtig hält. Wenn ich aber trotzdem eine Empfehlung abgeben darf: Ich empfehle, das Buch zuerst mit den Erklärungen und Interpretationen von Dr. Michael Hammes zu lesen und anschließend die einzelnen Eröffnungen des Dao De Jing noch ein weiteres mal ohne Erklärungen und Interpretationen. Hier muss man nun nicht zusammenzucken, denn, wie bereits geschrieben, das eigentliche Werk ist verhältnismäßig kurz. Und dennoch steckt in dieser Kürze eine solche Wucht, dass man kaum glauben mag, es hier mit einer so alten Schrift zu tun zu haben. Zu verdanken hat man dies auch der modernen Übersetzung und Interpretation von Michael Hammes. Auf jeder Seite kann man die Passion und Hingabe für dieses Projekt aus jeder Zeile herauslesen. Da macht es große Freude, diese Zeilen als Leser aufrichtig zu verfolgen.

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