Leserstimmen zu
Entdecke deine innere Stärke

Brené Brown

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Wildes Herz

Von: lesulu

17.09.2019

Mit "Entdecke deine innere Stärke" von Brené Brown habe ich mich anfangs etwas schwer getan. Ich empfand den Stil und ihre Herangehensweise verwirrend und somit musste das Buch erstmal wieder in der Ecke warten. Doch als ich mich nochmal darauf eingelassen habe, habe ich ein wunderbaren Buch vorgefunden. Ein Buch, welches Neues entdecken lässt und Mut gibt. Empathisch und dennoch wissenschaftlich schreibt die Autorin über ihre Ansichten und die Erkenntnisse aus ihren Studien. Der Wunsch nach Zugehörigkeit wird immer größer, wodurch sie viele einfach Anpassen und Werte und Einstellungen von Mitmenschen übernehmen. Doch "Entdecke deine innere Stärke" hilft, dass man für seine eigenen Einstellungen und Werte einsteht und diese überhaupt erkennt und gibt den Mut, auf neuen Pfaden zu gehen. Brené Brown führt uns mit diesem Buch zu eine "Starken Rücken, weichen Bauch und wildem Herz".

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Tagtäglich hört oder liest man von Auseinandersetzungen, die aus dem Ruder laufen. Ab und an passiert das frontal und direkt, meist aber eher in den sogenannten Sozialen Medien, die offensichtlich die nicht so sozialen Seiten der Menschen sichtbarer machen. Ein Gegenüber konfrontativ anzugehen oder gar zu beleidigen, das quasi nicht menschlich wirkt, weil es aus einem Profilbild, einem (Nick-)Namen und ein paar Worten zu Vorlieben oder ähnlichem besteht, scheint für viele Menschen leichter, als man es sich im allgemeinen vorstellt. Woher das kommt, weshalb Gesellschaften rund um den ganzen Planeten sich immer mehr spalten lassen, weshalb Kleinigkeiten zu ungeheuren shitstorms führen können und wie man sich dagegen stellen kann, ohne ebenso zu handeln, darüber hat Brené Brown geforscht und ihre Ergebnisse in einem wieder einmal sehr klugen, besonnenen und wohltuenden Buch zusammengefasst. Brené Brown zeigt durch ihre qualitativen Befragungen auf, dass ihre Definition von Spiritualität, die sie in ihrem Buch Gaben der Unvollkommenheit aufgestellt hatte, nicht mehr so richtig funktioniert. Spiritualität hängt eigentlich damit zusammen, dass wir davon ausgehen, dass wir alle als Menschen durch etwas Größeres miteinander verbunden sind und diese Verbindung auf Liebe und Mitgefühl basiert. Da diese Grundvoraussetzungen augenscheinlich nicht mehr als gesichert gelten können, geht sie davon aus, dass für viele Menschen diese Verbindung nicht mehr existiert, dass wir sie zerstört haben. Und somit der Wunsch nach Zugehörigkeit, den jeder Mensch inne hat, auf verschiedene Art und Weise versucht wird, zu stillen. Um dem Problem genauer auf die Spur zu kommen untersucht stellt sie folgende Fragen: Was verbindet Menschen bezüglich Denkweisen, Methoden, Praktiken miteinander, die sich wahrhaftig zugehörig empfinden Woher kommt ein inneres Zugehörigkeitsgefühl, dass nicht dem Zwang einer äußeren Zugehörigkeit unterliegt und nur durch Anpassung der eigenen Person möglich gemacht wird. Benötigen wir das Gefühl der Zugehörigkeit zu anderen wirklich, wenn wir unsere eigene Integrität leben wollen Wirkt sich die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft auf unsere individuell gefühlte Zugehörigkeit aus und wenn ja, wie. Vier grundlegende, komplexe Fragen, die sich immer wieder auf ein Gefühl beziehen, das viele Menschen heute nicht mehr kennen. Zugehörigkeit was soll das sein, fragen sich viele. Persönlich würde ich sagen, dieses Gefühl, genau am richtigen Ort, zur richtigen Zeit zu sein, akzeptiert zu werden, ohne sich verbiegen zu müssen, verschiedene Meinungen vertreten zu können, ohne einander zu hassen, zu erkennen, das wir im Grunde am Ende des Tages alle eines sind: Menschen. Menschen mit denselben Sehnsüchten, Wünschen und Träumen. Dass das eigene Wohl davon abhängt, ob es den anderen ebenso gut gehen kann, wie einem selbst. Laut Bill Bishops Buch The big Sort gibt es einen Zeitpunkt, an dem sich in der amerikanischen Gesellschaft etwas Grundlegendes verändert hat. Früher lebten die Menschen in heterogenen Nachbarschaften, die durch ihre weltanschauliche Mischung eine gewisse Weitung des eigenen Horizonts und auch Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen erzwang. In den letzten Jahrzehnten jedoch wurde es immer mehr Menschen möglich, sich ihre Nachbarschaft nach den eigenen Vorlieben auszusuchen. So bildete sich eine Blase – genau wie heute in den Sozialen Medien, in deren Filterblasen wir uns bewegen – die die Menschen in sich immer wiederholenden Feedbackschleifen zurückließen, was eine Hozionterweiterung vollkommen unmöglich macht und im Nachgang zu Gruppierungen führt, die abweichende Gedanken oder Lebensweisen ablehnen und ausschließen: Wer kennt das nicht: entweder bist du meiner Meinung oder Du bist gegen mich. Literarisch hat Celeste Ng in ihrem Buch „Kleine Feuer überall“ hervorragend und schlüssig aufgezeigt, was passiert, wenn eine solche homogene Gemeinschaft von außen aus dem Tritt gebracht wird. Da werden plötzlich und unerwartet Gräben sichtbar, die sich nur auftun können, weil sich die Menschen in dieser Gemeinschaft um des sozialen Friedens und der gesellschaftlichen Akzeptanz willen angepasst haben und ihre innere Integrität preisgegeben haben. Wahre Zugehörigkeit kann so nicht entstehen. Manchmal tut es not, sich in die Wildnis zu begeben. Die Wildnis ist für Brené Brown der Ort, an dem man sich begibt, wenn man für sich, seine Werte und Einstellungen (alleine) einstehen muss. Dazu braucht es vor allem eine klare Vorstellung davon, wer man selbst ist, quasi einen starken Rücken. Wie in ihrern vorherigen Büchern schon, zeigt sie auch hier wieder, dass es dabei wichtig ist, dass man sich verletzlich macht, auch wenn das mit das Schwierigste ist, was man als Mensch anderen Menschen gegenüber tun kann, weil man Angriffsflächen bietet. Je mehr man aber in der eigenen Filterblase lebt und je weniger man andere Meinungen, Lebensweisen oder Einstellungen zulassen kann, desto mehr begibt man sich in eine Art der Einsamkeit, die in gefühlter sozialer Isolation enden kann. Da wir Menschen aber soziale Wesen sind, deren neuronale, hormonelle und genetische Konstitution eine wechselseitige Abhängigkeit mehr fördert als Unabhängigkeit, empfinden wir in sozialer Isolation keine Freude mehr, nur noch Angst, Argwohn gegenüber anderen und schließlich auch Hass. Aber nicht alles muss akzeptiert werden, ein großer Teil des starken Rückens ist auch, dass man Grenzen setzten und sie ebenso anerkennen kann. Brown hat sich unter anderem dazu auch mit der Arbeit des Neurowissenschaftlers John Cacioppo, der sich seit über 20 Jahren an der Univerity of Chicago mit dem Thema Einsamkeit auseinandersetzt, beschäftigt. Ein Zitat aus seiner Arbeit finde ich besonders bemerkenswert, weil es vieles auf den Kopf stellt, was heute tatsächlich passiert: Erwachsenwerden bedeutet bei allen sozialen Spezies, zu denen auch der Mensch gehört, nicht, sich zu einem autonmen und einzelgängerischen Wesen zu entwickeln, sondern jemand zu werden, auf den andere sich verlassen können. Ob wir das nun wissen oder nicht, unser Gehirn und unssere ganze Biologie sind so konstituiert, dass dieses Resultat begünstigt wird. Deshalb ist es so notwendig und wichtig, sich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen und genau aus dem selben Grund ist das Gefühl der Scham so schmerzhaft.Wenn sich Menschen also einsam, isoliert von der Gemeinschaft fühlen, dann kommt quasi ein Selbsterhaltungsmodus zum tragen, der Narrative entstehen lässt, die diese Einsamkeit nicht als solche anerkennen. Doch genau das ist das Problem: Einsamkeit, die nicht als solche wahrgenommen wird, kann weitreichende Folgen haben, bis hin zu einer um 45 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit frühzeitig zu sterben. Zwischenmenschliche Kontakte sind lebensnotwendig, doch nicht die Quantität ist entscheidend, sondern die Qualität. Wir wissen alle, wie es sich anfüllt, herauszufinden, auf wie wenige gute Freunde man sich tatsächlich verlassen kann. Natürlich gibt es vielerlei Gründe in unserer heutigen Gesellschaft, die Ängste berechtigt erscheinen lassen. Und Ängste sollte man auch ernst nehmen, keine Frage. Dennoch wird gerade damit in den Sozialen Medien, in der Presse und auch von hochrangigen Politikern gespielt, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Wer sich hier nicht einfangen lässt, ist sicherlich ein Mensch, der sich unserer aller Verbindung sehr bewußt ist. Wie zum Beispiel Antoine Leiris – den auch Brené Brown als leuchtendes Beispiel dafür nennt, sich weder von Hass, noch Hetze, noch dem eigenen tragischen Schicksal in die Falle locken lässt. Antoine Leiris hat mit das Schlimmste erlebt, was man sich nur vorstellen kann. Seine Frau war eines der Opfer des furchtbaren und feigen Anschlags auf den Konzertsaal Le Bataclan am 13. November 2015 in Paris. Seine Reaktion darauf war unglaublich und gleichzeitig sehr berührend für mich: Er schrieb einen öffentlichen Brief an die Täter der mit folgenden Worten begann: Freitag abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht. Was Leiris hier schreibt ist auf den ersten Blick kaum zu glauben, auf den zweiten jedoch zeigt sich, dass er absolut Recht hat. Denn würde er diesem sicherlich verlockenden und nachvollziehbarem Gefühl nachgeben, dann, genau dann hätten die Attentäter ihr Ziel erreicht: er hätte seine Zugehörigkeit aufgegeben, sein Leben nicht mehr selbst gelebt, sondern von Angst und Hass anstatt von Freude und Liebe bestimmen lassen, die zwar in diesem Augenblick sicherlich hinter der Trauer und dem Schmerz verschwanden, aber eben die Kehrseite dieser beiden Gefühle darstellen. Gefühle zulassen, mit ihnen umgehen lernen ist der zweite Punkt, der weiche Bauch, der ein erfülltes, verbundenes Leben benötigt. Der dritte Punkt, das wilde Herz, ist sicherlich mit der Punkt, der uns manchmal am einsamsten macht. Ein wildes Herz lässt sich nicht betrügen, es entlarvt Bullshit und setzt sich zivilisiert für Gerechtigkeit und andere ein. Auch wenn es in der Wildnis, in die man sich zwangsläufig im realen Leben oder auch im Internet manchmal begeben muss, um Unwahrheiten zu entkräften oder dergleichen, zunächst anstrengend und einsam ist, so merkt man mit der Zeit, dass man dort nicht alleine ist. Da gibt es tatsächlich eine ganze Menge anderer wilder Herzen, mit denen man gemeinsam etwas auf die Beine stellen kann. Und die Narben, die man sich manchmal dabei holt, sind eben ein Teil unseres so komplexen Lebens. C.G. Jung wird von Brown folgendermaßen und sehr passend zitiert: Die Paradoxie gehört sonderbarerweise zum höchsten geistigen Gut (…) nur das Paradoxe vermag die Fülle des Lebens annähernd zu erfassen. Und Brown selbst fässt das, was ein wildes Herz ausmacht wunderbar zusammen: Ein wildes Herz ist dadurch gekennzeichnet, dass es die Paradoxie der Liebe in unserem Leben aushällt. Es befähigt uns, robust und zärtlich zu sein, begeistert und ängstlich, mutig und zaghaft – alles zugleich. Es ermöglicht uns, dass wir uns in unserer Verletztlichkeit und in unserem Mut zeigen, indem wir zornig und freundlich zugleich sind. Ein wildes Herz kann noch eine weitere Ambivalenz aushalten, nämlich die Probleme der Welt wahrzunehmen und für Gerechtigkeit und Frieden zu kämpfen und gleichzeitig seine eigenen Augenblicke der Freude zu kultivieren. Brené Brown entwickelt das alles in ihrer gewohnt wissenschaflichen und gleichzeitig empathischen Herangehensweise und verpackt die Erkenntnisse aus ihren Studien und ihrem eigenen Leben ungeschönt und ehrlich in ein wunderbar lesbares und stärkendes Buch. Ich habe wieder viel Bestätigung gefunden, Neues entdeckt und werde die vier Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, um die gesellschaftliche Krise, die für Brown eine spirituelle ist, zu meistern, weiterhin stellen. Nähe erschwert Hass. Gehen Sie näher ran. Entlarven Sie Blödsinn. Bleiben Sie zivilisiert. Hand in Hand. Mit Fremden. Starker Rücken. Weicher Bauch. Wildes Herz.

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