Leserstimmen zu
Meine Gedanken fliegen wie Schmetterlinge

Eveleen Valadon, Jacqueline Remy

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Eveleen Valadon - eine Französin mit britisch-irischen Wurzeln - hat studiert, eine Pariser Presseagentur geleitet, als Englischlehrerin gearbeitet und sich einen Namen als Malerin gemacht. Sie ist geschieden und Mutter dreier Kinder. Kurz: Sie hat intellektuell, künstlerisch und privat ein erfülltes Leben gehabt, ist immer aktiv gewesen. Vor 4 Jahren jedoch - sie war damals 75 - ist bei ihr Alzheimer diagnostiziert worden. Ihr Leben hat sich seitdem dramatisch verändert. Jetzt nimmt sie die Herausforderung an und erzählt der Journalistin Jacqueline Remy von ihren Erfahrungen mit der Krankheit. Der Leser erfährt von den sich wie in einer Abwärtsspirale stetig verschlimmernden Symptomen, die immer gravierendere Auswirkungen auf ihren Alltag und ihre mentale Situation haben. Die Journalistin ergänzt jeden Besuch durch eigene Eindrücke. Dabei hätte Eveleen Valadon, deren hervorragendes Gedächtnis häufig gelobt wurde, nie gedacht, dass ihr Kurzzeitgedächtnis einmal derart nachlassen würde. Auf die Diagnose Alzheimer ist sie nicht gefasst, empfindet sie als Bedrohung, lehnt sie zunächst wütend ab und nennt sie nicht beim Namen, sondern flüchtet sich bis zum Ende des Interviews in Umschreibungen. Aus Angst vor Diskriminierung spricht sie außer mit ihrer Familie und einer Freundin mit niemandem darüber. Erst viel später erkennt sie, dass sie die Krankheit akzeptieren muss, und ist entschlossen zu kämpfen. Doch es wird ein zunehmend kräftezehrendes Ringen, denn der Alltag wird immer mühsamer, sie kann ihn ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr selbst bewältigen. Denn: ● Jedes Verhalten, das nicht automatisiert ist, erfordert ungeheure Mühe, ebenso Erledigungen, die für Gesunde ganz normal sind. ● Zwar erinnert sich Eveleen Valdon noch recht gut an Erlebnisse und Situationen, die zum Teil weit in der Vergangenheit liegen, jedoch immer seltener an jüngste Begebenheiten und gerade erst erfolgte Aktionen. Je kürzer ein Ereignis zurückliegt, desto schneller verflüchtigt es sich. ● Wenn sie erzählt, gleichen ihre Gedanken Schmetterlingen, die nicht lange bei einem Thema bleiben, sondern mal hier-, mal dorthin flattern (siehe Buchtitel). ● Das Lesen und Schreiben fallen ihr immer schwerer, bald kann sie Wörter nicht mehr identifizieren oder versteht deren Sinn nicht. ● Auch der Verlust des Zeitgefühls, des Realitäts- und Orientierungssinns machen ihr zu schaffen. Aus Angst, sich zu verirren, traut sie sich immer seltener aus dem Haus, sodass ihr Aktionsradius irgendwann stark eingeschränkt ist. ● Kleinste Störungen im Tagesablauf lösen Ängste aus, jede Veränderung gleicht einer Erschütterung, die die Kranke aus der Bahn wirft. ● Zunehmend bekommt sie das Gefühl, sich in einem Nebel zu befinden. ● Ab einem bestimmten Stadium meint sie, sich auf niemanden mehr verlassen zu können - auch nicht auf sich selbst. ● Krankheitsbedingte Termine bestimmen ihren Alltag. Die sich permanent verschlechternde Krankheit hat natürlich Auswirkungen auf Eveleen Valadons Psyche, die auch ihr Verhalten anderen gegenüber beeinflusst: ● Sie ist in ihrem Selbstwertgefühl verletzt, hat Komplexe, weil sie im Laufe der Zeit immer mehr das Gefühl hat, "zurückgeblieben" zu sein. ● Daher täuscht sie nach außen lange eine gute Verfassung vor - zunächst erfolgreich, zumal man ihr die Krankheit nicht ansieht. ● Und sie kämpft verbissen gegen eine Verschlechterung ihre Zustands, spürt aber gleichzeitig, dass sie nie wieder die Alte sein wird. ● Sie will weiterhin aktiv sein, etwas unternehmen, kann dies jedoch irgendwann nicht mehr - zumindest nicht alleine - und leidet unter dem Gefühl, dauerhaft unter "Hausarrest" zu stehen. ● Die Unsicherheit zermürbt Eveleen Valadon zunehmend, sie fühlt sich verloren, verwundbar und wird immer dünnhäutiger. ● Hinzukommt eine ständige Müdigkeit, sie braucht sehr viel Schlaf, um sich zu regenerieren. ● Schließlich empfindet sie ihren Zustand als permanentes Abgleiten, als Sog nach unten in einen immer dichter werdenden Nebel. Doch obwohl sie weiß, dass diese Entwicklung nicht aufzuhalten ist, kämpft sie immer weiter. Resümee: Eveleen Valadon schildert der Journalistin Jacqueline Remy ihre ganz persönliche Situation und weist darauf hin, dass sich die Krankheit bei jedem anders entwickelt - je nach Persönlichkeit, intellektuellem und kulturellem Niveau sowie begleitenden Maßnahmen. Es wird deutlich, dass der Krankheitsverlauf nicht aufzuhalten ist. Trotz aller Kämpfe, eine Verschlechterung hinauszuzögern, bedeutet die Diagnose letztlich ein ständiges Abgleiten in einen immer dichter werdenden Nebel. Es ist quasi eine Reise ins Nichts. Sehr erschreckend ist für mich der Vergleich der Eveleen Valadon, die von ihrem Leben mit der Alzheimer-Erkrankung erzählt, mit der Frau, die sie einst gewesen ist: Aktiv, intellektuell und künstlerisch begabt, engagiert. Und jetzt unentrinnbar den sich permanent verschlechternden Symptomen ausgeliefert, die an ihr fressen, die sie foltern und immer weniger werden lassen. Als Leser ihrer Erfahrungen versteht man nur allzu gut das beängstigende Gefühl, wenn jemand immer deutlicher spürt, dass er nicht mehr er selbst ist, es auch nie mehr sein wird. Man kann sehr gut nachvollziehen, dass der Betroffene sich ab einem bestimmten Stadium in Gefahr fühlt, Angst hat, die Wohnung zu verlassen und nicht mehr allein sein möchte. Zum Schluss rät Eveleen Valadon Menschen, die im Umfeld eines Alzheimer-Kranken leben: Sie sollen ihm mit viel Geduld und Respekt begegnen sowie liebevoll mit ihm umgehen, ohne ihn wie ein Kind zu behandeln. In einem Nachwort schreibt die Neurologin und Geriaterin Dr. Lisette Volpe-Gillot in Bezug auf die Krankheit etwas zur ● Pathophysiologie (= Lehre von der krankhaften Veränderung) ● Diagnose ● Mitteilung der Diagnose und Behandlung und zum ● weiteren Vorgehen sowie zur Behandlung Fazit: ein sehr persönliches, lange nachhallendes Buch.

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