Leserstimmen zu
Nordwasser

Ian McGuire

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"Der Blick des Bären hält ihn fest. Der Bär schnaubt, sein heißer Atem streicht über Sumners Gesicht und Lippen. Einen Moment lang verspürt Sumner Angst, und im Kielwasser, als die Angst nachlässt und ihre Kraft verliert, einen unerwarteten Anflug von Einsamkeit und Bedürftigkeit." Zwei Männer auf offener See und ein Konflikt, der sich immer weiter zuspitzt. Ian McGuire schafft mit "Nordwasser" einen ungeheuerlichen Roman, derb, roh, vulgär, der die menschichen Abgründe auf allen Ebenen in den Vordergrund stellt. Die Story ist schnell erzählt: zwei Männer nehmen Kurs auf arktische Gewässer - Mission: Walfang. Die Zeit auf See zerrt an ihren Kräften, die Nerven liegen blank und Stück für Stück kommt das wahre Wesen der Männer ans Licht. Einen Roman wie "Nordwasser" zu schreiben, muss man sich erst einmal trauen: der Schreibstil ist schroff, McGuire setzt auf blutige Szenen, die dem Leser an die Nieren gehen und für Zartbesaitete mehr als abschreckend wirken. Bildhaft erzählt er von der Lasterhaftigkeit des Menschlichen, den Fehlern, der Verkommenheit, die in jeden von uns ganz tief unten verborgen ist. Er führt uns die Triebe des Menschen, allein auf sich selbst gestellt, im Überlebenskampf, gnadenlos vor Augen und scheut nicht zurück - scheut nicht zurück vor der Brutalität im nackten Kampf ums Überleben. Scheut nicht zurück, vor dem barbarischen Verhalten nach unzähligen Nächten ohne Schlaf. Scheut nicht zurück, vor dem rücksichtlosen, gar respektlosen Umgang des Menschen mit der Natur. Und scheut nicht zurück, vor dem individuellen menschlichen Bestreben nach Gewinn. McGuire traut sich - und schreibt einen Roman, dessen grauenvolle Bilder noch lange in den Köpfen der Leser herumspuken.

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England im Jahr 1859, der Walfänger „Volunteer läuft aus Hull vom Hafen. Die Besatzung, ein Sammelsurium von „Abschaum und Dreck“, wie Kapitän Brownlee behauptet. Im Mittelpunkt der Handlung steht der nach Laudanum süchtige abgehalfterte Schiffsarzt Patrick Sumner. Dieser wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen. Sein Bündel aus der Vergangenheit sind die blutigen Kämpfe in Indien. Ihm gegenüber steht der bösartige und absolut skrupellose Henry Drax, der als Harpunier angeheuert hat. Niemand auf diesem Schiff hat eine reine Weste, niemand spielt mit offenen Karten. Eine ganz unglückliche und gefährliche Mischung auf einem Schiff, diesem Mikrokosmos von Testosteron, Zorn und Gewalt, Mann gegen Mann, bis die eiskalte Natur der Arktis das Kommando übernimmt. „Nordwasser“ ist ein Abenteuerroman ohne Romantik und hehre Motive. Dreckig, verkommen, brutal nimmt Ian McGuire uns mit auf eine Reise in die tiefsten Abgründe menschlichen Seins. Wort- und bildgewaltig, von der ersten Seite an. „Er schlurft aus Clappison’s Courtyard heraus auf die Sykes Street und schnüffelt die vielschichtige Luft – Terpentin, Fischmehl, Senf, Grafit, der übliche durchdringende morgendliche Pissegestank geleerter Nachttöpfe. Er schnaubt einmal, streicht sich über den borstigen Kopf und rückt sich den Schritt zurecht. Er riecht an den Fingern, dann lutscht er langsam jeden einzelnen und leckt die letzten Rest ab, um auch wirklich alles für sein Geld bekommen zu haben.“ Sumner versucht anfangs noch, einen Anschein von Normalität und Zivilisation zu wahren, liest Homer, diskutiert mit dem bibelfesten Otto noch über Gott und die Welt. Letztlich verroht auch ihn der simple Kampf ums Überleben. „…dass großes Böses die Abwesenheit von Gutem ist und Sünde eine Art von Vergesslichkeit…“ So derb die Männer auf dem Schiff beschrieben werden, so atemberaubend sehen wir die unerbittliche Kälte und Reinheit des ewigen Nordeises. Nichts in diesem Buch ist eindeutig, die Charaktere nicht, das Genre eine gelungene Mischung, ein Alptraum und Lesevergnügen gleichermaßen.

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