Leserstimmen zu
Das Haus aus Stein

Aslı Erdoğan

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Die Sprache fließt wie ein Fluss, manchmal tobend laut, manchmal sanft und leise durch die Seiten des Buches. 'Wunden sprechen nur selten, und ihre Stimme klingt fürchterlich. In der endlosen Wüste der Worte wird die Stimme jedoch vom Wind davongetragen und verweht. Vielleicht werden manchmal ein paar Knochen sichtbar, jedoch von der Wüste schnell wieder bedeckt. Aber nur Worte können eine leere Wüste oder einen Schrei zum Leben erwecken. Mit winzigen und wundersamen Berührungen verwandeln sie einen Stein in eine Melodie und eine Melodie in einen Stein, und aus einer Handvoll Kiesel können sie eine endlose Welt entstehen lassen, in der wir alles und jeden wiedertreffen können, den wir je verloren haben oder noch verlieren werden.' Asli Erdogan hat mit “Ein Haus aus Stein“ einen einzigartigen Text verfasst. Es sind Sätze, Erzählstrukturen die ich noch nie gelesen habe und mich oft sowohl verzweifeln und staunen ließen. Auf den wenigen Seiten breitet sie eine Geschichte der Erdrückung, Schmerz und Ohnmacht aus. Die Geschichte ist gefangen zwischen Mauern. Einem der grauenvollsten Gefängnisse der Türkei. Es ist ein irres Spiel mit der Wirklichkeit, dass Asli Erdogan wenige Zeit nach dem sie dieses Buch über Gefangenschaft geschrieben hat, selber mit totaler Willkür ins Gefängnis gesperrt wurde. Ein sprachgewaltiger, hochliterarischer Roman, der mir alles abverlangt hat und den ich nicht immer verstanden habe aber der mich umso mehr beeindruckt hat. Möge die Vernunft zu den Menschen der Macht zurückkehren! Vielen Dank für das Rezensionsexemplar @randomhouse [Werbung - Markierung]

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Gerade mal knapp 120 Seiten umfasst Asli Erdogans "Das Haus aus Stein", eigentlich ein schmaler Band. Und doch habe ich on and off zwei Monate gebraucht, mich durch dieses Buch zu lesen. Nicht, weil es schlecht war oder mich nicht fesselte - im Gegenteil. Aber diese eigenartig poetische Erzählung über Verzweiflung und folter, über den Verlust von Individualität, das Wegdriften des "Ichs", die Einsamkeit hinter Gefängnismauern, das Ausgeliefert sein - das lässt sich nur in kleinen Dosen ertragen. Angesichts der zahhlreichen politischen Gefangenen in der heutigen Türkei, angesichts der Prozesse auch gegen Schriftsteller und Journalisten, angesichts der Tatsache, dass aus Asli Erdogan inhaftiert wurde, scheint "Haus aus Stein" von bedrückender Aktualität. Dabei ist das Buch in der Türkei schon vor zehn Jahren erschienen. Wie schreibt man über das, das eigentlich unaussprechlich ist, das Innerste der Betroffenen berührt, aufreißt, umdreht? Wie schreibt man über Gewalt, die sprachlos macht oder die zum Verrat zwingt? Das Dilemma ist nicht neu, schon in der Frage, ob es Poesie nach Auschwitz geben kann, wurde es angesprochen. Und doch wählt Erdogan den poetischen Ansatz, erspart sich und dem Leser den Realismus des Brutalen, hält sich mit Beschreibungen eigener Erfahrungen zurück, ja mit Protagonisten überhaupt. Von einem "A." ist die Rede - doch sind es seine Reflektionen, ist er der Engel mit den gebrochenen Flügeln, der von den Gefangenen heraufbeschworen wird, ist er derjenige, der das Haus aus Stein zwar verlässt, aber nie frei wird von ihm? Sind es die geisterhaften Stimmen von Toten, die sich zu Wort melden? Vieles bleibt offen für die Interpretation des Lesers. Vom "endlosen Strudel des Fürchterlichen" schreibt Erdogan, wo der Schmerz weder Anfang noch Ende habe, wo der Schrecken das Dasein bestimmt: "Ich war in ein endloses, einziges Jetzt gepfercht, sein Stundenzeiger war abgefallen, und sein Minutenzeiger drehte sich sinnlos im Kreis. Die Stunden waren blutig gepeitscht worden und vermochten ihre schwere Last nicht mehr zu tragen, keinen Schritt mehr vor oder zurück zu tun, die Zeit nicht mehr von der Stelle zu bewegen. Hatte ich denn zuvor nie bemerkt, wieviel Unrecht und Willkür es auf der Welt gab?" Von Angst, die wie ein langer spitzer Knochen ist, schreibt Erdogan, vom Granituniversum einer Gefängniszelle Mitunter scheint der Erzählfluss Kreise zu ziehen, was das Lesen nicht imer erleichtert. Trotzdem, sprachlich wie inhaltlich ein eindrucksvolles Buch

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Aufmerksam wurde ich auf „Das Haus aus Stein“ von der 1967 in Istanbul geborenen Schriftstellerin Aslı Erdoğan durch die Literatursendung „Bücherjournal“. Der Bericht über die Autorin, die eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Türkei ist und weltweit zu einer Symbolfigur für den Widerstand gegen die Willkürherrschaft in ihrer Heimat wurde, beeindruckte mich. Als junge Physikerin forschte Aslı Erdoğan am Genfer Spitzeninstitut CERN. Doch ihre Beobachtungsgabe und ihr Sinn für Sprache brachte sie zur Schriftstellerei, wodurch sie mit einer Vielzahl von Auszeichnungen geehrt wurde, unter anderem erhielt sie 2010 mit dem Sait-Faik-Preis den bedeutendsten Literaturpreis der Türkei. Aslı Erdoğan wird als Schriftstellerin und als Kolumnistin zu einer wichtigen Stimme der Türkei. 2016 hört sie von massiven Menschenrechtsverletzungen, die türkische Sicherheitskräfte in der überwiegend von Kurden bewohnten Stadt Cizre begangen haben. Sie schreibt darüber und ist bei der ersten großen Verhaftungswelle dabei, als die türkische Regierung nach dem gescheiterten Militärputsch 2016 den Ausnahmezustand verhängt. In dem bis heute andauernden Gerichtsprozess wird ihr „Propaganda für eine terroristische Organisation“, „Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation“ und „Aufruf zur Volksverhetzung“ vorgeworfen. Aus der gefeierten Autorin wird eine Staatsfeindin, die 132 Tage lang im Instanbuler Frauengefängnis Bakirköy inhaftiert bleibt. Neun Monate nach der Haft erhält sie ihren Pass zurück und verlässt ihre Heimat. Die Romane Asli Erdoğans wurden aus allen Bibliotheken der Türkei entfernt. Sie lebt im Exil in Deutschland. „Das Haus aus Stein“, ihren poetischen Roman über Gefangenschaft und den Verlust aller Sicherheiten, hatte Aslı Erdoğan bereits 2009 veröffentlicht und nun für die am 18. März 2019 erschienene deutsche Erstausgabe um einen eigens dafür verfassten Beitrag über die Monate, die sie 2016 selbst im Gefängnis verbrachte, ergänzt. Im Nachwort dieses insgesamt knapp 128 Seiten umfassenden Buches steht abschließend noch Wissenswertes über den Roman und die Autorin. Wie ein besonderes Kleinod hielt ich dieses Buch in meinen Händen und habe bis zur letzten Seite gehofft, dass ich es vielleicht doch noch mögen würde. Aber dem war leider nicht so. Die Sprache ist poetisch und springt von einer bildhaften Beschreibung zur nächsten, ohne dabei einen roten Faden zu haben, der einen durchs Buch führen oder dabei helfen könnte zu erfassen, was dieses Buch einem eigentlich vermitteln möchte. „Die Melodie war bekannt, doch den Text verstand ich nicht, vielleicht war es ja ein Lied, das in der Welt der Wörter keine Entsprechung hatte.“ (S. 46/47) Wenn das Beschriebene beschreibend umschrieben und bildhaft verbildlicht wird, verliere ich den Sinnzusammenhang und übrig bleibt mir nur die unschön gerunzelte Stirn. Aber ich wollte verstehen und fühlte mich, als sei dieses Buch verschlüsselt und ich hätte nicht den richtigen Code dazu. Dabei mochte ich aufgrund der eindrucksvollen Wortwahl manche Textstellen recht gern, weil die Autorin ein schönes Gespür für Sprache hat und kraftvolle Bilder damit zeichnet. „Er war überzeugt, dass Mörder durch die Pupillen ihrer Opfer auf ewig überführt werden können. Wie Millionen von Jahren in Bernstein erhaltene Fliegen. Im eigenen Verbrechen gefangen, wie ein zweidimensionales erstarrtes Bild in einem Universum rasch verlöschenden Lichts.“ (S. 102) Umso mehr fand ich es schade, zu diesem Buch keinen Zugang zu finden, das sich in einer Zerrissenheit zwischen schönen Formulierungen und Nichtverstehenkönnens für mich las. Ob das an der Übersetzung oder einer blumigeren Originalsprache mit ganz eigenen und dem deutschen vielleicht fremden Bildsprache liegt, kann ich nicht beurteilen. Möglicherweise fehlt es mir auch einfach an erweiterter Erfahrung mit lyrischen Texten, was ich nicht ausschließen will und daher empfehle, sich unbedingt selbst einen Eindruck durch das Lesen der Leseprobe zu verschaffen. Mir selbst gefiel die Geschichte um das Buch und die Autorin jedenfalls besser, als das Buch selbst.

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In Istanbul steht das „Sansaryan Han“, ein Haus aus Stein, das das Vorbild für Aslı Erdoğans Roman bildet. In jenes Haus wurden die politischen Häftlinge, die Schwerkriminellen, die Staatsgegner gebracht und gefoltert. Hiervon schreibt die Autorin, die nach dem Militärputsch 2016 selbst zum Opfer des türkischen Staates wurde und 132 Tage im Gefängnis verbringen musste. Was sie 2009 literarisch verarbeitete, musste sie selbst am eigenen Leib nur wenige Jahre später erfahren. Der Roman, der mit dem bedeutendsten türkischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, hat keine Handlung im klassischen Sinn. So wie sich die Persönlichkeit in der Gefangenschaft zunehmend auflöst, ist auch der Text schwer greifbar, er kreist spiralförmig auf ein Ziel hin, von dem man nicht weiß, was es sein wird: Tod oder Leben, Erlösung oder Verdammnis. Einer, der einstmals offenbar hinter den Mauern lebte, lebt nun außen, in den Schatten der Gemäuer, aus denen die unzähligen Stimmen dröhnen. Aber für ihn ist es gleich, auf welcher Seite der Mauer er steht, er trägt die Erfahrungen tief in sich und kann sie wie böse Dämonen nicht mehr los werden. Man kann den Roman nur als kafkaesk im klassischen Sinn bezeichnen. Es gibt kein Verbrechen, keine Anklage und kein Urteil für eine Tat. Es herrschen eine diffuse Angst und Verunsicherung und die Verzweiflung wird zunehmend stärker. Das Individuum kann die Lage nicht überschauen, schon gar nicht kontrollieren, sondern ist ausgeliefert. So fühlt es sich an im Gefängnis, wo Willkür herrscht, vor der nur der Tod schützt. So schwer der Text auf der Handlungsebene zugänglich ist, so sehr strahlt er doch sprachlich. Aslı Erdoğan spricht in Metaphern, verbildlicht so das Innen- und Außenleben ihrer Figuren und lässt zugleich Deutungsspielraum. Sie erspart dem Leser so auch deutliche Beschreibungen der Folter und Qualen, deren Folgen jedoch auch so spürbar werden. Die Realität der politischen Lage hat hier die Literatur eingeholt und einmal mehr bewiesen, dass der Mensch zu mehr fähig ist, als man sich in den schlimmsten Alpträumen ausmalen mag.

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Aslı Erdoğan erzählt eine Geschichte über das menschliche Dasein in einem Gefängnis und die Zeit danach im vergeblichen Kampf um Normalität. Die namenlosen Figuren zeigen mit ungebrochener Vehemenz die Verzweiflung und die pure Hoffnungslosigkeit in all ihren Facetten und lassen autobiographische Einblicke vermuten, wobei die Autorin tatsächlich jedoch erst Jahre später nach Erscheinen dieses Romans selbst Erfahrungen in monatelanger Haft machen musste. Für diese deutsche Erstausgabe hat die Autorin zusätzlich ein Vorwort verfasst, das bereits den düsteren Klang der nachfolgenden Geschichten erahnen lässt. Ich habe mich bei diesem Buch ausnahmsweise mal nicht auf die Originalsprache gestürzt, bevor ich die deutsche Ausgabe in Händen hielt. Und ich kann nur sagen, wenn diese Geschichte auf Deutsch schon so auf poetischer Ebene beeindruckt - wenn da auch an einigen Stellen auf Grund vereinzelter Ungereimtheiten womöglich die Übersetzung nicht wirklich gelungen sein mag -, dann muss die türkische Version Einen auf Grund der bildhaften Sprache völlig umhauen. Daher werde ich dieses Buch auch unbedingt in der Originalfassung lesen. So viel Leid, Qualen und Hoffnungslosigkeit kann man als Leser wirklich nur bei völliger eigener seelischer Gesundheit ertragen. Die Sprache ist zwar nicht immer flüssig oder einwandfrei verständlich, aber ich habe einige schöne Stellen aus diesem Buch mitgenommen, die mir vor Augen führen, wie wundervoll man mit Worten zaubern kann. Sätze wie "Die Finger des wandernden Mondscheins fahren mir fiebrig über die Lippen." oder "...der Knochen hält das aus, dieser bleiche Mitwisser der Zeit." Trotz der schönen Sprache ist die geschaffene Atmosphäre durchgehend beklemmend und lässt den Leser tief betrübt zurück mit dem Gedanken, wie grausam und unbarmherzig doch das Leben für manch Anderen sein kann. Ein beeindruckendes poetisches Werk von Aslı Erdoğan, das einen durchweg verstörenden Einblick in den menschlichen Geist gewährt, was man nur mit gesundem Verstand zu ertragen und begreifen im Stande ist.

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„Was in dem Roman erzählt wird, ist natürlich frei erfunden. Erfunden aber hat es die Wirklichkeit.“ Diesen und weitere solch wunderbare Sätze finden sich in Aslı Erdoğans Roman „Das Haus aus Stein“, der bereits 2009 in der Türkei erschien und jetzt erstmals auf Deutsch zu lesen ist. Die Autorin hat ein aktuelles Vorwort vorangestellt, das unter anderem auch auf ihren eigenen Gefängnisaufenthalt hinweist und die Leserin staunen lässt, wie sie in diesem lange vorher erschienenen Roman bereits wie eine Wissende oder doch zumindest Ahnende über ein Gefängnis schreibt, über das Haus aus Stein. Absurd ist zudem, das Erdoğan für dieses Buch in der Türkei damals den bedeutendsten Literaturpreis bekam und Jahre später wegen ihres Schreibens inhaftiert wurde. Die Autorin war 132 Tage lang im Istanbuler Frauengefängnis und erzählt, dass sie nach ihrer Freilassung, die einfachsten Dinge nicht mehr tun konnte – „In der Haft entwickelt man sich zurück, wird wieder zum Kind ohne Rechte und Verantwortung.“. Heute lebt sie im Exil, aber sicher, in Frankfurt am Main. Über die Erfahrung zu schreiben, fällt ihr schwer, macht sie sogar krank, heißt es im Nachwort. Sie wird es dennoch tun. “ – ist das Schreiben nicht gewissermaßen die Kunst, in der Glut zu rühren, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen? – „ Es ist ein nur etwa 100 Seiten zählender Text, der allerdings das Gewicht eines 1000-Seiters hat. Die Autorin schreibt in einer Dichte und Intensität, wie ich sie schon aus ihren vor zwei Jahren erschienen Essays „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ kenne. Diese Dichtheit macht es auch schwer, etwas über den Inhalt zu sagen. Denn es geht um nicht mehr und nicht weniger, als das Thema im Gefängnis sein/Gefangensein/unfrei Sein. Und wie kann man über dieses Thema mit solcher Schönheit und Poesie schreiben? Aslı Erdoğan kann es. „Heute werde ich vom Haus aus Stein erzählen, dem das Schreiben gern ausweicht, dem es nur aus sicherer Entfernung zusieht, durch die Wörter hindurch.“ Es passiert vermeintlich nicht viel in dieser Geschichte. Ein junger Mann, nur A. genannt, der früh einen Gefängnisaufenthalt hatte, schafft es nach der Entlassung nicht mehr ins Leben zurück. Wir lesen von dem unendlichen Schmerz, körperlich uns seelisch und vom Leid in der Zeit danach. A. lebt auf der Straße, gegenüber des Gefängnisses, des Haus aus Stein. Er ist ein Niemand geworden. Die vorüber Eilenden beachten ihn nicht. Er ist für die Welt verloren. Eindringlich, wie eine einzige fortlaufende Suada, Sätze wie Refrains wiederholend, beschreibt die Autorin diese brüchige Existenz, die selbst keine Worte mehr findet, mitunter nur noch in wildes lautes Gelächter ausbricht. Ver-rückt. Den Verstand verloren. Erneut unfrei. „Jedes Menschenleben ist schließlich eine Niederlage, nur fällt sie bei manchen grandioser aus als bei anderen.“ Dieses Buch ist hart, geht in die Tiefe des Schmerzes und ist eigentlich nicht auszuhalten, würde Asli Erdoğan nicht solche Worte dafür finden. Und auszuhalten vielleicht auch dann, wenn die Leserin sich vor Augen führt, dass die Autorin womöglich ähnlich Unerträgliches er- und überlebt hat. Und dass es immer noch überall auf der Welt solche furchtbaren Orte gibt – solche Häuser aus Stein.

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Von Aslı Erdoğan habe ich bisher Die Stadt mit der Roten Pelerine als einen der ästhetisch vollendetsten Romane unserer Zeit besprochen, sowie die bisher nur auf Englisch vorliegende Sammlung dreier Erzählungen und eine Novelle The Stone Building and other Places. Sonst ist es immernoch schwer, an Werke der Autorin zu kommen. Den neuesten Roman Kabuk Adam (Schneckenmensch) bekommt man auf Französisch, für alle weiteren Werke heißt es Türkisch lernen. Immerhin, Penguin hat nun Das Haus aus Stein (Taş Bina) in deutscher Fassung vorgelegt. Vorweg ein Wermutstropfen. Die Übersetzung von Gerhard Maier enthält nicht die im englischen Buch eingeschlossenen Erzählungen, die jenes als and other Places zusammenfaste. Es fehlt die Auftakterzählung „The Morning Visitor“, die sich von klaustrophobischem Bild zu klaustrophobischem Bild bewegt ebenso, wie das herrliche „Die Holzvögel“, das auf so hintergründige Weise den Schwarzwald exotisiert. Allein die längere Erzählung Das Haus aus Stein macht den schmalen Band aus. Das Haus aus Stein spielt in und um ein Gefängnis. Die knapp hundertseitige Novelle setzt die Erfahrungswelt eines namenlosen Protagonisten aus Beobachtungen von hoher Symbolkraft zusammen, wobei das Gefängnis mal eher physisch, mal eher geistiger Natur zu sein scheint. Dabei stößt die Erzählweise Erdoğans manchmal an Grenzen: Die nach allen Seiten offene, nirgends genau verortete Szenerie, droht zeitweise ins Eintönige zu kippen. Doch auch dieser Text wartet wieder mit Szenen und Bildern auf, die sich lang in Erinnerung halten werden. Ein längeres Vorwort der Autorin ordnet den Text in die lange türkische Geschichte der Gefängnisse und Folterzentren ein, und hilft, das Werk von der jüngeren Verfolgungsgeschichte, die Erdoğan traf, zu entkoppeln, mit der es dann doch im Klappentext gleichermaßen assoziiert wird. Es ist schön, dass diese Schriftstellerin, die in reiner stilistischer und kompositorischer Brillianz den heute wohl berühmtesten türkischsprachigen Autoren, Orhan Pamuk, bei weitem überragt (und ganz besonders in ihrer Fähigkeit, Themen stringent durchzuführen) jetzt langsam auch außerhalb der Türkei als Schriftstellerin wahrgenommen wird. Dass es dazu allerdings erst das traurige Schicksal der politischen Haft brauchte, ist weniger schön. So oder so: Erdoğans Essay ist ein lesenswerter Zusatz zu einem lesenswerten Buch, das nicht der Autorin bestens ist, bis auf weiteres aber wohl vom Lauf der Geschichte als ihr bedeutendstes auserkoren ward.

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