Leserstimmen zu
Was ist so schlimm am Kapitalismus?

Jean Ziegler

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Der Schweizer Soziologieprofessor Jean Ziegler ist mir 2005 zum ersten mal begegnet in dem mehrfach ausgezeichneten Film „We feed the world“ des österreichischen Filmemachers Erwin Wagenhofer. Die Kritik an der Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion richtete ihren Fokus auf die EU, auf die Ausbeutung der Natur und der Nutztiere, und vor allem auf die Ungleichgewichte, die weltweit durch unsere Übernutzung entstehen. Jean Ziegler war damals UN-Botschafter für das Recht auf Nahrung und UN-Sonderberichterstatter (2000 – 2008), und ich werde im Leben nie seine Beschreibung in diesem Film vergessen, wie eine Mutter in der armen ländlichen Region des reichen Brasiliens am Abend Steine in eine Pfanne mit kochendem Wasser legt und ihren vor Hunger weinenden Kindern sagt: „Wartet nur bis sie weich gekocht sind“ – in der Hoffnung, dass sie irgendwann einschlafen. 2019 hat Jean Ziegler eine fiktive Unterhaltung mit seiner Enkeltochter veröffentlicht, in der er versucht, die komplexen Zusammenhänge möglichst einfach zu erklären. Man könnte dieses Buch durchaus Jugendlichen empfehlen, aber auch für erwachsene Leser hält es eine komprimierte Fülle von Informationen bereit, die aus der Perspektive des ehemaligen UN-Botschafters alle die Argumente zusammenfasst, die darlegen, warum der Kapitalismus als eine „kannibalische Weltordnung“ bezeichnet werden kann. Und Jean Ziegler ist immer schon unbequem darin, der Bürgerin/dem Bürger den Spiegel vorzuhalten. Und trotz aller niederschmetternden Informationen bewahrt er einen Rest-Optimismus, in dem aber auch eine Aufforderung liegt: „Ein neues historisches Subjekt entsteht, Zohra: die weltweite Zivilgesellschaft.“ S.122 Der Kapitalismus ist eine gesellschaftliche Organisationsform und ist verbunden mit der Geschichte der Klassenkämpfe. Jean Ziegler erklärt das Kolonialsystem des 16. Jahrhunderts, die Sklavenhaltergesellschaft, die Entwicklung des Bürgertums in Konkurrenz zum Adel und die entstehende Kritik an einem ausbeuterischen System durch Karl Marx und Friedrich Engels. Und dann kommen Zahlen: von 70 – 90 Millionen Menschen Ende des 15. Jahrhunderts in Südamerika – Azteken, Maya, Inkas – sind hundert Jahre später noch 3,5 Millionen übrig. „Das Kapital kam also in der Tat >>aus allen Poren blut- und schmutztriefend<< zur Welt.“ S.31 Die Heiligsprechung des Eigentums durch die Jakobiner zur Zeit der französischen Revolution sei die Grundlage der kapitalistischen Ausbeutung. Als Beispiel für die Auswüchse dieses Eigentumsanspruchs führt er Guatemala in Südamerika an, wo es genau 47 extrem große Besitzungen gibt, mit jeweils mehr als 3700 Hektar Land, während 90 % der Grundbesitzer auf höchstens einem Hektar ums Überleben kämpfen. (nach S.48/49). Und mit welchen Mitteln das erreicht wird in einem Land, das bis heute kein Grundbuch kennt, kann man sich vorstellen: Pistoleros dringen in das benachbarte Maya-Dorf ein und erschießen … Alle Eingaben vor den Vereinten Nationen zu einer Agrarreform wurden abgeschlagen, die US-Regierung versteht es erfolgreich mit ihren Lakaien eine Stimmenmehrheit herzustellen. Was Ziegler wirklich gut herausarbeitet: solange es Steuerparadiese gibt, die über Holdings als Schlupflöcher für Firmen fungieren, sind nicht einmal erlassene Gesetze wirksam. Das Gesetz von Obama zur Identifizierung von Erzen, die unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut werden – von Trump mittlerweile abgeschafft – zeigt wenig Wirkung, wenn die Geschäfte über Steueroasen weiter florieren. Auch wenn Namen genannt werden, Ziegler geht es nicht um Personen, sondern um das „kannibalische Wesen“ einer kapitalistischen Weltordnung (nach S.56). Viele Einzelbereiche sind Teil eines Systems, das uns alle – mehr oder weniger – versklavt und krank macht. 62 % aller Krebserkrankungen in den Industrieländern seien auf ein gestörtes Ökosystem oder Industrienahrung zurückzuführen (nach S.69). Der Standort auf diesem Planet entscheidet über die Existenz. Der von Adam Smith einst beschriebene „Trickle Down Effekt“, nach dem von wachsendem Reichtum immer auch bei den Ärmsten etwas ankommt, funktioniert nicht: „Die Finanzmacht der 562 reichsten Personen der Welt ist zwischen 2010 und 2015 um 41 % angewachsen, während der Besitz der 3,5 Milliarden ärmsten Menschen um 44% abgenommen hat.“ (S.74/75) Ach ja, und die ganzen großzügigen Geberkonferenzen … Südsudan, Somalia, Kenia, Jemen: von dem was beschlossen wurde sind nur 10% angekommen. Im Zusammenhang mit Corona wird ja derzeit diskutiert, ob nicht in allen armen Regionen ein bedingungsloses Grundeinkommen für sechs Monate gezahlt werden könnte, finanzierbar, wenn die „Geberländer“ auf ihre Schuldenrückzahlungsraten für diese Zeit verzichten würden. Dass dieses ganze fiktive Geld in erster Linie ein Machtmittel ist, ist bekannt. Der Schuldendienst sichert jeweils die Herrschaft über die anderen Länder und zwingt sie zu Privatisierungen, zu Verkauf an ausländische Investoren, deren Gewinne natürlich abfließen ins Ausland. Den Rest erledigt die Korruption, unterstützt von ausländischen Banken, wie z.B. der Schweizer Bank. Mabuto, ehemals Diktator der heutigen Republik Kongo, hat vier Milliarden Dollar auf westlichen Banken versteckt, die Staatsverschuldung des Kongo beträgt 13 Milliarden. Im Kongo gibt es so gut wie keine wild lebenden Tiere mehr, weil niemand etwas zu essen hat. Während der Wirtschaftskrise 2008/2009 wurden an der Börse Vermögenswerte an High-Tech-Papieren vernichtet, die 70 mal so hoch waren wie der Gesamtwert der Auslandsschulden aller 122 Dritte-Welt-Länder. (S.89) Trotzdem: diese Staaten sind die Hochrisikoschuldner mit vernichtenden Zinsen. Würde man nun diese Zins- und Schuldzahlungen stunden, könnten alle Menschen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen versorgt werden. Es ist schon erstaunlich, was alles so legal ist. „Geierfonds“ kaufen die Wertpapiere eines zahlungsunfähigen Landes zum Schleuderpreis und verklagen dann die Länder trotzdem auf die ursprüngliche Schuld, Erfolgsquote vor Gericht: 77 %. Wie ist so etwas möglich? „Ganz einfach. Bei den Verhandlungen über den Teilerlass der Auslandsschulden sitzen die Direktorinnen und Direktoren der großen Gläubigerbanken am Verhandlungstisch den Finanzministern der Länder gegenüber, die sich in ihrem Würgegriff befinden. Dann kehren sie nach New York, Paris, London, Frankfurt und Zürich in ihre klimatisierten Büros zurück … und gewähren den Geierfonds schamlose Kredite.“ (S.95) Die Großbanken sind Aktionäre dieser Fonds. Jean Ziegler ist der Meinung, dass wir es nicht wagen, wirklich hinzusehen, wo sich das große Leid, das sich aus diesen finanziellen Abhängigkeiten ergibt, abspielt. Und was ins kollektive Bewusstsein einsickert, ist auch eine Entscheidung der Medien. Zum Beispiel in Frankreich sind es fünf Milliardäre, die 80 % der Monats-, Wochen- und Tagespresse besitzen (nach S.98). Das Kapital bewegt sich dahin, wo es den maximalen Gewinn erzielt. Ziegler entlarvt die neoliberale Ideologie von der Handelsfreiheit als einen Kampf der ungleichen Voraussetzungen und der Konzentration der gewünschten Ergebnisse bei den internationalen Konzernen. Die Gier der Kosmokraten ist unendlich. Politiker können sich diesem Markt nicht mehr widersetzen. In der Schweiz verfügen 2 % der Bevölkerung über 96 % der Vermögenswerte (S.109). Klar, dass hier über Geld und Macht auch jedes Referendum beeinflusst wird. Ziegler bezeichnet die Schweiz als eine „simulative Demokratie“ (S.110) Zehn transkontinentale Privatgesellschaften kontrollieren 85 % von Produktion, Lagerung, Transport und Vertrieb der Lebensmittel. Und trotzdem sagt Jean Ziegler, angesichts der Hilflosigkeit, die die meisten Zuhörer solcher faktischen Ungeheuerlichkeiten befällt und lähmt: „In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Ihr habt alle Waffen in der Hand, um diese kanibalische Weltordnung zu stürzen.“ (S.115) Es gibt ein Recht auf Widerstand, eine Pflicht zur Revolte und es gibt bereits eine Utopie, die als Basis dient: Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Ziegler beobachtet weltweit eine Vervielfältigung von Widerstandsfronten und das macht Mut. Deshalb zählt auch das Handeln jedes Einzelnen. „Ein neues historisches Subjekt entsteht, Zohra: die weltweite Zivilgesellschaft. (…) Die internationale Zivilgesellschaft setzt sich aus unzähligen Widerstandsfronten zusammen, die heute auf allen Kontinenten – an den überraschendsten Orten- gegen die kannibalische Weltordnung aktiv sind.“ S.122

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„Entweder wir zerstören den Kapitalismus jetzt oder er zerstört uns“ - der das sagt, ist 85 und einer der bekanntesten Kapitalismus- und Globalisierungskritiker: Jean Ziegler. Im März 2019 erschien im Bertelsmann Verlag die Streitschrift des Schweizer Soziologen und Politikers „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“. Der Titel wirkt etwas zynisch, eigentlich ist der Kapitalismus gar nicht so schlimm, produziert er doch die Wohlstandsgesellschaft, mag der ein oder andere denken. Aber Jean Ziegler, der passionierte Provokateur wie er zuweilen genannt wird, legt ein Sachbuch vor, dass an „Marx 2.0“ erinnert. All das, was Karl Marx in seinen unzähligen Schriften schon vor 150 Jahren niedergeschrieben hat, erleben wir tagtäglich. Jean Ziegler offenbart es schonungslos. Mit seiner Streitschrift wählt der Autor eine interessante Form, den Leser für seine Gedanken zu wecken. Im Untertitel des Buchs „Antworten auf die Fragen meiner Enkelin“ zeigt sich, wen Jean Ziegler konkret ansprechen will. Ein Zwiegespräch mit seiner Enkelin Zohra, die stellvertretend für ihre Generation steht, zeigt dem Leser auf, in welcher Gesellschaftsform wir heute leben. Das mit all seinen Vor- und Nachteilen. Der Kapitalismus nährt sich tagtäglich von den unzähligen Lieferanten der Konsumgüter – diese wiederum verschulden sich immer mehr. Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus im Ostblock Anfang der 1990er Jahre konnte der Finanzkapitalismus sich rasant ausbreiten und neue Märkte erschließen. Der Autor macht dies an zahlreichen Fakten und Beispielen fest. Der Kritiker des Kapitalismus zeigt aber auch auf, dass die „die Utopie eine machtvolle historische Kraft“ ist. Sie ist „der Wachtraum, der in uns lebt, die einklagbare Gerechtigkeit, die unser Bewusstsein beherrscht, die neue, glückliche und gerechtere Welt, die wir fordern.“ So war es beim Kampf gegen die Sklaverei, bei der Emanzipation der Frauen im Westen und auch bei der allgemeinen Sozialversicherung. Und so macht Jean Ziegler der Generation seiner Enkelin Mut, einen radikalen Umbruch der Gesellschaft einzufordern. Auch, wenn in kleinen Schritten. Che Guevare sagte schon „Auch die stärksten Mauern fallen durch Risse.“ Die „Fridays for Future“-Bewegung ist ein Anfang. Mit der Streitschrift gibt Jean Ziegler seinen Lesern einen ersten Denkanstoß an die Hand den Kapitalismus in Frage zu stellen.

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