Leserstimmen zu
Kopfkissenbuch

Sei Shonagon

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Sei Shonagon erblickt um 966 in Japan das Licht der Welt, als Tochter eines Provinzstatthalters. Sie erhält schon früh Zugang zu Literatur und Lyrik, ihr Vater ist ein anerkannter Experte für Dichtkunst. Das ist ungewöhnlich für ein Mädchen, aber es wird von einem sehr engen Verhältnis zwischen Vater und Tochter berichtet. Etwa um 990 tritt Shonagon in den Dienst als Zofe der Kaiserin Sadako, dort beginnt sie ihr Kopfkissenbuch zu schreiben, eine Art Tagebuch. Sie berichtet über Hofklatsch und Intrigen, über Feste, ihr Verhältnis zur Kaiserin, über Vorlieben und Abneigungen. Dem Manesse Verlag ist es zu verdanken, dass dieses Tagebuch nun erstmals vollständig übersetzt vorliegt. Nachwort, Personenverzeichnis und Anmerkungen komplettieren diese sorgfältig gestaltete Ausgabe, die es dem Leser ermöglicht seinen Blick eintausend Jahre zurück zu senden, an den japanischen Kaiserhof der Heian-Zeit. Shonagons Betrachtungen sind erstaunlich wenig gealtert, elegant formuliert und zeigen einen intelligenten und klaren Blick auf ihr Umfeld. Ihre Beschreibungen des Hofzeremoniells oder diverser Festlichkeiten sind lebendig und farbenfroh, ihre Charakterisierungen hochrangiger Persönlichkeiten sind zumeist überaus scharfzüngig und pointiert. Es ist ein wahres Lesevergnügen, Shonagon in ihre Welt zu folgen. Beeindruckend ist ihr Blick für Stimmungen, Natur oder Schönheit im Alltag. Die Kehrseite ist die Verachtung alles Häßlichen und Ärmlichen, ein typisches Verhalten privilegierter Menschen ihrer Zeit. Besonders hervorzuheben ist an dieser Übersetzung das Fehlen jeglichen Japankitschs. Die Sprache ist poetisch und präzise, ohne falsche Überzuckerungen oder schwülstige Formulierungen. Daher ist es nur angemessen, Michael Stein für diese wunderbar feinfühlige Ausgabe zu danken, die einen Klassiker japanischer Literatur zu neuem Leben erweckt hat.

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Das „Kopfkissenbuch“, geschrieben etwa um das Jahr 1000, ist ein Panoptikum von schlichter Schönheit und unbedingt lesenswert. Rezension von Sören Heim Mit einer partiellen englischen Übersetzung von Das Kopfkissenbuch von Sei Shōnagon hatte ich vor einigen Jahren wenig Spaß. Mag sein, dass die englische Sprache sich generell schwer tut, die schwebende Ästhetik dieses oft in sich gekehrten, dann von Beobachtung zu Beobachtung springenden, dieses reflektierenden Tonfalls zu treffen, der das Werk zumindest in der nun erschienenen ersten vollständigen deutschen Übersetzung von Michael Stein auszeichnet. Nicht, dass zerbrechliche Schönheit im Englischen nicht möglich wäre, Woolfe, (der junge) Joyce, Ali Smith, Arundhati Roy und viele andere beweisen das Gegenteil. Aber zumindest lag diese sprachliche Brillianz außerhalb der Reichweite der Übersetzung aus der Norton Anthology of World Literature. „Im Frühling liebe ich die Morgendämmerung, wenn das Licht allmählich wiederkehrt, die Umrisse der Berge sich schwach vor dem hellen Himmel abzeichnen und schmale, rosa angehauchte Wolkenstreifen über sie hinwegziehen.Im Sommer sind es die Nächte. Besonders die Mondscheinnächte, die es mir angetan haben. Aber selbst die Finsternis hat ihren Reiz. Wenn Glühwürmchen in großer Zahl umherschwirren. Wie hübsch der Anblick von einem oder zweien, die sich mit schwachem Glimmen bewegen! Regennächte sind ebenfalls stimmungsvoll.“ So hebt die Sammlung von Erinnerungen und Beobachtungen an, die sich ganz grob in jahreszeitliche Naturbilder gliedern lässt, in Szenen aus dem Leben am Hofe der Kaiserin Teishi sowie in essayistische Reflexionen, besonders zu der Dynamik der Geschlechter. Es ist leicht einsichtig, dass bei aller Unsicherheit, die Literatur dahingehend mit sich bringt, das Kopfkissenbuch eine fast unerschöpfliche Quelle zum Leben der Oberschicht im Japan der Heian-Zeit sein dürfte. Für den nicht Japanologen allerdings ist vor allem entscheidend: Die kurzen Szenen sind von klar-bildlicher sprachlicher Schönheit, die Beobachtungen wirken präzise, die vorgestellten Menschen erwachen in wenigen Sätzen zum Leben, wie es vielen anderen Autoren in ausufernden Beschreibungen nicht gelingt. Das Werk ist freilich ein Panoptikum, das am Stück zu lesen schwer fallen dürfte. Nicht einmal eine wirkliche Chronologie ist gegeben, da es sich, laut Nachwort, nicht um eine Art Tagebuch, sondern um später aufgezeichnete Erinnerungen handelt. Die sinnlos beifallheischende Werbung an eine buchfern vorgestellte Internetgeneration, Shōnagon sei die erste „Bloggerin“ gewesen, hätte der Verlag sich entsprechend sparen können. Das Kopfkissenbuch taugt wunderbar zur Lektüre jeweils einiger Seiten in stillen Stunden, an einem atmosphärisch passenden Platz. Stark ist auch das Nachwort, das nicht nur Entstehungszeit und Autoren so, weil sie ergeben vorstellt, sondern auch einige Fehleinschätzungen zur Niederschrift an, die meine Norton anthology of World Literature noch unkritisch kolportiert, richtig stellt. Auch optisch gefallen das handliche Format und der schicke, dennoch schlichte Umschlag, der die Haltung des Textes ins Äußere spiegelt. Ein literarisches Gesamtkunstwerk… … naja, wäre da eben nicht dieser Unsinn von der „ersten Bloggerin“ der Weltliteratur auf dem Buchrücken. Muss so ein Werbeunfug denn unbedingt sein?

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