Leserstimmen zu
Der zweite Schlaf

Robert Harris

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Lesenswert

Von: jorpheus aus Karlsruhe

16.10.2019

ich habe das Buch in 24 Stunden (2 Abende) „verschlungen“. Viele gute Ideen, leider auch einige Inkohärenzen. Man liest immer weiter bis zum Schluss in größter Spannung. Lesenswert auf jeden Fall.

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Inhalt: Priester Fairfax, der eher von einer Karriere in der Kurie träumt, als von der Begegnung mit dem gläubigen Volk, wird nach Addicott St. George geschickt um dort den verstorbenen Pfarrer Thomas Lacy beizusetzen und seinen Nachlass zu regeln. In Addicott St. George angekommen ist es zu spät um an diesem Tag noch zu beerdigen und so bleibt Fairfax nichts anderes übrig als sich für die Nacht einzurichten. In Lacys Arbeitszimmer findet er jedoch seltsame ketzerische Schriften und verbotene Bücher. Zunehmend verwirrt möchte er nur noch den Pfarrer unter die Erde bringen und wieder nach Hause zurückkehren. Der Beerdigungsgottesdienst wird allerdings gestört. Ein Unbekannter behauptet während der Totenrede hartnäckig und lautstark, dass Pfarrer Lacy nicht durch einen Unfall gestorben sei, sondern ermordet wurde. Fairfax ahnt immer mehr, dass hier etwas nicht stimmt. Als seine Rückreise durch einen Erdrutsch vereitelt wird, entschließt er sich dem Geheimnis um Lacys Tod auf den Grund zu gehen. Allerdings muss er sich dazu über Gebote der Kirche hinwegsetzen .... Fazit: Lass mich eine Frage stellen, bevor du das Fazit oder das Buch liest: Wenn unsere Kultur morgen untergehen würde, was bliebe von uns? Welche unserer Gebäude würde die Zeiten überdauern? Welche Bücher blieben, welche unserer Errungenschaften oder Forschungsergebnisse könnten in 800 Jahren ausgegraben oder entdeckt werden? Diese Frage habe ich mit kurz nach den ersten Seiten des Buches gestellt und ich hatte eine Vielzahl von Antworten. Als ich etwas länger über die Frage nach dachte, kam ich zu einer anderen Antwort, nämlich: Nichts. Wie lange unsere neuen Gebäude halten, sieht man schön in Tschernobyl. Noch zwanzig Jahre und dort wird kaum ein Haus mehr stehen. Unsere Bücher sind so schlecht gebunden und geklebt, viele fallen schon nach dem dritten Male lesen auseinander. Unsere Fotos verblassen nach 10 Jahren und wer schreibt schon etwas mit der Hand, wenn er es auch gut verpackt im Computer aufbewahren kann. Genau damit setzt sich Robert Harris in "Der zweite Schlaf" auseinander. Die Welt, so wie wir sie kennen, geht in einer Apokalypse unter und 800 Jahre später hat die Kirche die Bevölkerung zurück erobert. Strukturen und Gesellschaft sind mittelalterlich und keiner weiß noch etwas von der Kultur, die die Apokalypse auslöste. Es ist kaum etwas überliefert und Artefakte aus dieser Zeit gibt es kaum noch. Nur Plastik ... das findet sich überall. Davon abgesehen, dass "Der zweite Schlaf auch ein sehr spannender Kriminalroman ist, regt die Geschichte unheimlich dazu an, unsere Gesellschaft und unsere Art zu leben zu reflektieren. Es ist zum Teil erschreckend, zu welch einem Resümee man kommen kann. Robert Harris beschreibt zwar eine Welt, die in 800 Jahren existiert, aber eigentlich beschreibt er unsere Welt. Er beschreibt, was wir hinterlassen, was wir erschaffen, wie wir leben. Damit passt die Geschichte unheimlich gut in die Zeitqualität, aber spricht auch jeden Einzelnen in seiner Lebensart an. Wer diesen Roman als Kriminalroman lesen möchte, kann dies durchaus tun. Wer mehr darin sucht, wird vielleicht mehr finden, als ihm lieb ist.

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Großbritannien in der Zukunft, nach der Apokalypse. Eine Zeit, bestimmt durch Unterdrückung. Eine Gesellschaft, die auf ein Level zurück katapultiert wurde, das dunkler als das Mittelalter ist. Keine Industrie, alle Errungenschaften der Moderne sind verloren. Die Menschen hungern, Sterblichkeit ist hoch. Es sind die Vertreter der Kirche, die sämtliche Fäden in der Hand halten, bestimmen, wo’s lang geht. Autoritäre und wissenschaftsfeindliche Kirchenmänner festigen ihre Macht durch Knechten der Menschen und die Unterbindung jeglichen Fortschritts. Das Leben ist hart, ein brutaler Kampf ums Überleben. Robert Harris‘ Roman „Der zweite Schlaf“ eine Dystopie, deren Handlung angesiedelt ist zwischen dem, was wir in belletristischen Publikationen über die mittelalterliche Historie und fiktionalen Gedankenspielen über die Zukunft gelesen haben. Er spielt mit den Erwartungen des Lesers, verunsichert, stellt in Frage. Ein zweifelnder Priester, ein neugieriger Forscher, ein zupackender Kapitalist, ein übermächtiger Bischof. Sie alle halten unserer Gesellschaft den Spiegel vor. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann daraus für die Gegenwart lernen, kann einen neuen Aufbruch wagen, einen Bogen von der Gegenwart in die Zukunft schlagen. Und genau das macht der Autor, denn es sind die Themen unserer Zeit, die er geschickt und äußerst spannend in diesen Roman packt. Klimawandel, Naturkatastrophen, Atom- und Cyberkriege, Pandemien. Themen, die heute aktueller denn je sind. Und natürlich auch der unbändige Willen der Herrschenden nach Macht und Kontrolle. Ein faszinierender Roman, der nachdenklich macht und lange nachhallt. Eine höchst ungewöhnliche Dystopie, die aktueller nicht sein könnte. Vor allem dann, wenn man den Blick in Richtung Großbritannien und Brexit wendet.

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"Der zweite Schlaf" von Robert Harris

Von: Fraggle

08.10.2019

Fazit: Ich bin ja bekennender Fan der Bücher von Robert Harris. Und ich erwähne das auch nahezu immer bei den Rezensionen seiner Bücher vorneweg, um der Leserschaft zu verdeutlichen, dass das, was folgt, möglicherweise nur so semi-objektiv sein könnte. Trotz der Tatsache, dass ich bekennender Fan der Bücher von Robert Harris bin, hat er mich allerdings zuletzt weder mit „München“ noch mit „Konklave“ so wirklich überzeugt. Wir steuerten also auf eine eher schwierige Leser-Autor-Beziehung zu, der Robert und ich. Glücklichweise hat er mit „Der zweite Schlaf“ alles nur Mögliche getan, um die früher vorherrscheinde Harmonie wieder in diese Beziehung einziehen zu lassen. Postapokalyptische Romane, Filme, Spiele gibt es wie Sand am Meer. Darin kämpft sich der Protagonist dann entweder durch die U-Bahn-Tunnel des verstrahlten Moskau, ballert mit PS-Boliden durch wüste Einöde und trifft auf Tina Turner oder trinkt Nuka-Cola und bezahlt mit Kronkorken. Harris´ Postapokalypse unterscheidet sich von oben genannten in erster Linie dadurch, dass sie weniger trostlos und trotzdem kein bisschen weniger faszinierend wirkt. Um ehrlich zu sein, ist das Setting des Romans, und das, was Harris, daraus macht, größtenteils das, was den Roman trägt und ihn so besonders macht. Zu Beginn des Romans begleiten wir den jungen Priester Fairfax an einem „Nachmittag des neunten Tages im April des Jahres Unseres Auferstandenen Herrn 1468“ zu Pferde auf dem Weg in ein abgelegenes Dorf, in dem der dort ansässige Priester verstorben ist. Spätestens bei der Beschreibung eines durch die Gegend fliegenden Sittichs wird allerdings deutlich, dass wir uns unmöglich in England des 15. Jahrhunderts befinden können, denn Sittiche hatten dort zu dieser Zeit nichts in freier Wildbahn verloren. Und wir befinden uns auch gar nicht im uns bekannten 15. Jahrhundert. In Harris Roman ist die Welt, wie wir sie kennen, nämlich untergegangen – im Jahr 2025 übrigens, lasst also, ihr, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren – und die Überlebenden haben eine neue Zeitrechnung etabliert. Um nicht zu viel zu verraten, verrate ich diesbezüglich nicht mehr viel. Wie es nun zur Apokalypse gekommen ist, die, wie es sich für eine anständige Apokalypse gehört, den Großteil der Menschheit das Leben gekostet hat, nun, diese Frage macht einen Großteil der Faszination des Romans aus, neben der Frage, wie sich die Gesellschaft nach der Apokalypse entwickelt hat. Spannenderweise hat neben Kakerlaken und Keith Richards, denen ja, wie allgemein bekannt, eine Apokalypse nichts anhaben kann, auch die Religion überlebt. Das führt nun wieder zu Problemen, insbesondere für den Protagonisten Fairfax. Manche Dinge ändern sich halt nie … Besagter Fairfax ist es auch, dem ich im Bereich der Charaktere als Einzigen genauer betrachten möchte. Die Nebenfiguren taugen in erster Linie dazu, zu verdeutlichen, dass sich die Menschen eben doch nicht ändern und sich bestimmte Charaktereigenschaften der Menschen, beispielsweise Habgier, auch von einer Apokalypse nicht ausrotten lassen. Fairfax dagegen ist gut gelungen, seine persönliche Entwicklung ist nachvollziehbar und sein innerer Konflikt angesichts seines bewussten Handelns gegen die Richtlinien der Kirche ist überzeugend dargestellt. Stilistisch ist auffällig, dass sich Harris Charaktere einer eher anachronistisch wirkenden Redeweise bedienen, die allerdings begründet wird und für mich nicht nur deshalb absolut stimmig wirkt. Abgesehen davon konnte ich Harris stilistisch – „München“ vielleicht mal ausgenommen – noch nie sonderlich viel vorwerfen und kann es auch hier nicht. Was bleibt, ist ein wirklich spannender Roman, der zum Denken anregt und der im Grunde einen topaktuellen Bezug hat. Beispielsweise hätte ich mich diesbezüglich auch noch über die Brexit-Thematik, auf die sein Buch mit Sicherheit etwas abzielt, oder auch die Entwicklung des Frauenbildes in seinem Setting auslassen können, aber einerseits würde das den Rahmen sprengen und andererseits muss man ein bisschen geistige Arbeit ja auch der Leserschaft überlassen. :-) Wer also Harris-Fan ist, für den ist „Der zweite Schlaf“ meines Erachtens absolutes Pflichtprogramm, aber auch jedem der das nicht ist, kann ich eine absolute Leseempfehlung aussprechen.

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