Leserstimmen zu
Herr Katō spielt Familie

Milena Michiko Flasar

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Poetisch, melancholisch, leise... und gut!

Von: Naibenak aus Pinneberg

19.03.2019

err Kato tritt in den Ruhestand ein und prompt findet er sich in einem Leben wieder, das ihm doch ziemlich fremd ist. Er, der sich bislang extrem über den Job definiert und vom Familienleben nur am Rande etwas wahrgenommen hat, hat es nun äußerst schwer, sich an seinen neuen Lebensabschnitt zu gewöhnen. So ohne eine richtige Aufgabe lebt er in den Tag hinein, wirkt chronisch unzufrieden und unausgeglichen. Bis er auf eine junge Frau trifft, die ihn auf der Stelle für ihre „Agentur“ begeistern will und es auch schafft. Herr Kato wird als Schauspieler engagiert. Und zwar spielt er fortan „Familie“. Er wird als jeweilig gewünschtes Familienmitglied gebucht, als sogenannter „Stand-in“ (Ersatz). Klingt schräg? Ja, das könnte man meinen. Aber es ist in gewisser Weise (leider) gar nicht so abwegig. Und wie schlägt sich Herr Kato wohl in dieser neuen Rolle? Welche Auswirkungen hat diese Aufgabe möglicherweise auf sein Leben? Stilistisch in einer poetischen, sehr leisen und melancholischen Weise erzählt die Autorin von einem Mann, der einer Depression entgegenschlittert und durch diese Aufgabe vorerst noch einmal die Kurve kriegt. Denn: hier muss er plötzlich die Empathie hervor holen, die ihm in den Jahren zuvor scheinbar verloren gegangen ist. Dass sie aber vorhanden ist, merkt man nun deutlich und man wundert sich als Leser nicht selten, wie schnell diese „Verwandlung“ dann doch von statten geht. Insbesondere in Bezug auf seine Ehefrau ändert sich Herr Kato mir persönlich etwas zu schnell. Und so schnell, wie diese Veränderung fortschreitet, ist der Job auch schon wieder beendet. Ein bisschen zu fix und holprig das Ganze für mein Gefühl, und dennoch: schöne Szenen und Gedanken werden in diesen kurzen Roman – insbesondere in diesen Abschnitt der „Stand ins“ - eingebracht, die einen innehalten und reflektieren lassen. Zum Ende hin wird die Geschwindigkeit dann rausgenommen und wir erleben, wie sich Herr Kato nun langsam, aber kontinuierlich an das Familienleben gewöhnt, wie unbeholfen und voller Ängste dieser Mann ist und wie er zaghaft versucht, etwas zu bewegen. Das Ende ist recht offen und lässt Platz für verschiedene Interpretationsansätze. Das gefällt mir und zeigt gleichermaßen, dass dieser Einschnitt im Leben mancher Menschen, wenn sie in Rente gehen, sehr tief ist und es einfach Zeit braucht, sich damit zu arrangieren. Dies darzustellen, ist der Autorin meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Insgesamt ist mir die Geschichte aber ein bisschen zu kompakt und hätte gut und gern noch 50-100 Seiten mehr vertragen. Trotz allem habe ich mich in den Herrn Kato sehr gut einfühlen können, von daher ist der Kritikpunkt nur zweitrangig. Fazit: Eine leise, melancholische Geschichte über den Renteneintritt und die damit verbundenen, teils dramatischen Einschnitte im Leben. In schöner, poetischer und reflektierender Sprache zeigt die Autorin dabei gesellschaftliche Missstände auf. Ein bisschen zu kurz im Ganzen, dennoch berührend und offen für Interpretationen. Hat mir gut gefallen!

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