Leserstimmen zu
Dopesick

Beth Macy

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“Ihre [Wirtschaftswissenschaftler Anne Case und Angus Deaton] im Dezember 2015 veröffentlichte hochbrisante Analyse belegte, dass die Sterblichkeit unter weißen Amerikanern zwischen 1999 und 2013 jährlich unbemerkt um ein halbes Prozent angestiegen war, während in anderen wohlhabenden Ländern die Sterblichkeit im mittleren Alter kontinuierlich zurückging.” (S.28) Als ich das Buch aufgeschlagen habe, wusste ich zunächst nicht so recht, was mich erwarten wird. Wie hat die Autorin Beth Macy ein so verschwiegenes Thema um die tausenden stummen Medikamententode aufgebaut? Wie verpackt sie alles so, das einem vor lauter Fakten nicht der Schädel brummt. In einem kurzen Vorwort teilt sie ein paar Hintergrundinformationen mit. So begann sie bereits 2012 über die Heroinepidemie in Roanoke zu schreiben. Sie besucht in der Zeit Familien, lernt Schicksale kennen und spürt die menschliche Scham. Trotzdem erlauben ihr viele später ihre privaten Geschichten zu verwenden. Niedergeschrieben in “Dopesick”. Es kommen Zahlen und Fakten. Zahlreiche Daten, Namen und Ereignisse. Es dröhnt der Schädel und man merkt direkt, wie der Kopf vor lauter Informationsfluss abschaltet. Also erstmal durchatmen, zuklappen, ablenken und dann weiterlesen. Der erste Teil “Das Volk gegen Purdue” ist regelrecht vollgepackt mit Informationen. Überall kleben Post-Its am Rand und unweigerlich stellte ich mir die Frage: Geht das jetzt die nächsten dreihundert Seiten so weiter? Wie soll ich das alles in mir aufnehmen? Wie lange soll ich an dem Buch zu knabbern haben? “Auch Van Rooyan, die in Folsom (Kalifornien) wohnte, hatte aus dem Buch Pain Killer von Van Zees Kampf gegen Purdue erfahren und wollte dem Landarzt eine entscheidende Frage stellen: >Warum zum Teufel ist ein derart starkes Medikament überhaupt auf den Markt gekommen?<” (S.89) Im zweiten Abschnitt lockert die Autorin die Zügel. Jetzt geht es zu den Familien, den Opfern, die erst den Medikamenten und später den “richtigen” Drogen verfallen sind. Wobei, manchmal war der zweite Schritt nicht einmal notwendig um zu sterben. Ganz häufig liest man, wie Patienten im Krankenhaus behandelt wurden. Es gab Medikamente zur Linderung, intravenös oder oral. Man vertraut seinem Arzt. Schließlich beherrscht er sein Fachgebiet und will Menschen helfen. Oder etwa doch nicht? Geht es hier nur um das schnelle Geld? Die Sucht nach Reichtum und Wohlstand? Sind ihnen ihre Patienten egal? Diesen Eindruck gewinnt man zunehmend. Der Begriff OxyContin fällt häufig. Es ist ein Schmerzmittel. Allerdings mit starkem Suchtpotenzial. Patienten werden so ungewollt zu Junkies. Wollen nach der Behandlung immer mehr und rutschen oftmals in den Heroinsumpf ab. Oft unbemerkt von dem eigenen Umfeld. Warum sollte auch der Sohn, der so gut in der Schule ist und perfekte Leistungen bringt, süchtig sein? Nein! Das kann nicht sein! Sehr oft liest man, dass die Familien es nicht sehen wollten und sie sich heute dafür schämen. “Als ich sie zwei Jahre nach dem Tod ihres Sohnes traf, war sie noch immer nicht dazugekommen, alle Türen wieder einzubauen. Zerfressen von Schuldgefühlen und Trauer konnte sie nicht mehr arbeiten.” (S.149) Somit beginnt eine Flucht nach vorne. Es muss Aufklärung betrieben werden. Es müssen die Ärzte daran gehindert werden, solche harten Medikamente zu verschreiben. Solche Medikamente sollten generell verboten werden. Doch der Weg ist lang und steinig. Am Beispiel der Familien sieht man die Entwicklung. Wo konnte man kleine Siege erringen und wo muss noch gekämpft werden. Dabei sollte man niemals denken, dass das nur in Amerika passiert. Dieser Medikamentenmissbrauch ist auch in Deutschland allgegenwärtig. Einfach mal das eigene Umfeld fragen, ob sie überhaupt wissen, was sie da zu sich nehmen. An frei käuflichen (Schmerz)Medikamenten. Selbst Rezepte sind nicht sicher. Hier ein Ziepen, dort ein Drücken und man bekommt ein Rezept. Hand hoch, wer kennt nicht die Ärzte, die einen sofort krankschreiben mitsamt Rezept ohne einen groß zu untersuchen? “Dopesick” rüttelt auf, ist voller Emotionen und interessanter Fakten. Ein bedrückender Kampf gegen behördliche Wundmühlen. Trotz den holprigen Einstiegs, kann ich das Buch nur jedem empfehlen. Selbst wenn man glaubt darüber alles zu wissen, wird hier sicher eines Besseren belehrt. “Der von Trump ernannte neue Justizminister Jeff Sessions verkündete im März 2017: >Wir müssen es so formulieren, wie Nancy Reagan es damals tat: >Sag einfach Nein. Tu es nicht!<< Und zwei Monate später schlug die Trump-Administration vor, die Behörde des Drogenbeauftragten des Weißen Hauses durch eine Budgetkürzung um 364 Millionen Dollar faktisch zu zerschlagen, obwohl der Kampf gegen die wachsende Opiodeepidemie zu Trumps Wahlversprechen gehört hatte.” (S.311)

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Ein Buch mit einer erschreckendes Message

Von: LeseBlick

28.09.2019

„Medikamentenüberdosen hatten in den letzten fünfzehn Jahren bereits 300 000 Amerikanern das Leben gekostet, und Experten sagen inzwischen weitere 300 000 Opfer in den nächsten fünf Jahren voraus. Bei Amerikanern unter fünfzig sind Überdosen inzwischen die häufigste Todesursache.“ (S.15f.) Dieses Buch hat mich damals in der Verlagsvorschau des Heyne Hardcore Verlages sofort angesprochen. Zum einen weil ich ganz der Meinung des Klappentextes bin, dass dieses Thema heruntergespielt wird. Zum anderen arbeite ich im therapeutischen Bereich und bekomme leider mit, wie leichtsinnig einige Patientin mit ihren Medikamenten umgehen. Die ersten 100 Seiten nutzt die Autorin, um den Leser einen Überblick zu verschaffen. Heißt sehr viele Zahlen und sehr viele Fakten und dadurch erschien mir der erste Abschnitt stellenweise sehr trocken. Spannend hingegen die Entwicklungs- bzw. Entstehungsgeschichte von Medikamenten wie Morphin und Heroin. Andererseits erschreckend war zu lesen, wie die Zusammenarbeit von Ärzten und der Pharmaindustrie erklärt wird. „In den 1870er –Jahren war es in den höheren Schichten Europas und der USA bereits derart üblich, Morphin zu spritzen, dass Ärzte es bei allen möglichen Leiden verordneten, von Menstruationsbeschwerden bis zu Augenentzündungen.“ (S. 36) Für mich vollkommen neu war, dass zum Beispiel Heroin bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine Rolle spielte. Ich hätte das viel mehr in die Neuzeit gesteckt. 1899 wurden sogar Hustentropfen für Babys mit Heroin versetzt. Und das der deutsche Pharmakonzern BAUER eine große Rolle spielte, im Vertrieb, ebenfalls eine neue Information für mich. Die Mitte des Buches ließ sich dann deutlich leichter und flüssiger lesen. Dies mag auch daran liegen, dass die Autorin hier einige Fallbeispiele nennt, in denen Angehörige von Suchterkrankten mit der Autorin sprachen. Die Berichtenden sind hier meist die Mütter, welche die Sucht ihres Kindes zu spät erkannt haben und welche dann machtlos waren. „Im Jahr 2013 war Jesse einer von 8257 heroinbedingten Todesfällen in den USA, die Mehrheit davon junge Männer – ein Anstieg von schwindelerregenden 39 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ (S. 240) Ein Fall, der auch mir berufsbedingt immer wieder auffällt ist, dass immer mehr Kinder heutzutage bereits unter dem Einfluss von Medikamenten stehen, darunter zählen vor allem ADHS-Medikamente, wie Ritalin und Medikinet. „Es ist unglaublich, bei wie vielen Menschen das genau nach diesem Muster lief: Oxy – Roxy – Heroin.“ (S. 246) Hinsichtlich dieses Zitats im Buch erklärt die Autorin anhand mehrerer Beispiele, wie die Betroffenen in den Teufelskreislauf gelangen. Ihnen wird das Medikament OxyContin vom Arzt verschrieben. Wenn dies seine Wirkung verliert, steigen viele auf Roxicodone um und sobald dieses auf dem Schwarzmarkt zu teuer wird, landen sie bei Heroin. „Ich habe nur noch gearbeitet, um Drogen nehmen zu können, und Drogen genommen, um arbeiten zu können, dazwischen gab es nichts mehr.“ (S. 258) Wirklich sehr spannend fand ich die angesprochene Thematik nach Hilfemaßnahmen. Was kann man tun, um diesen Süchtigen zu helfen? Die USA setzt auf eine medikamentengestützte Suchttherapie, das heißt, man gibt den Patienten andere Tabletten, welche die Nebenwirkungen eines Entzugs unterdrücken. Aber ist dies der richtige Weg? Diese Thematik hat mich wirklich zum Nachdenken angeregt und ich bin auch 2 Wochen nach Beenden des Buches noch auf keinen Nenner gekommen. Auch das Beispiel, dass man heroinsüchtigen kostenlos saubere Nadeln zu kommen lässt, lässt mich kritisch denken. Ist das wirklich Hilfe? „Ein berufstätiger Mann mittleren Alters war am Steuer bewusstlos geworden und hatte ihren Wagen gerammt – in seinem Arm steckte eine Heroinnadel.“ (S. 302) Besonders berührt hat mich die Geschichte von Tess. Eine junge Frau, welche den Absprung immer wieder versucht hat, von ihrer Mutter unterstützt wurde, aber dem Teufelskreis einfach nicht entkam. Im Nachwort bezieht sich die Autorin kurz auf die Situation in anderen Ländern, darunter auch Deutschland. Als mir die beiden Medikamente Tramadol und Gabapentin ins Auge fielen, schossen mir sofort einige meiner Patienten in den Kopf, welche sich einen Alltag ohne diese Medikamente gar nicht mehr vorstellen können. Ein erschreckendes Fazit. Mein Fazit Ein Buch mit einer erschreckenden Realität. Vor diesem Thema sollte niemand, wirklich niemand die Augen verschließen. Aufgrund der dominierenden Positionen der Pharmaindustrien rutscht man schneller in solche Angelegenheit hinein, als einem lieb ist. Wer sich für diese Thematik interessiert, sollte unbedingt einen Blick auf „Dopesick“ werfen, auch wenn jeden klar sein sollte, dass dies kein Roman ist, sondern ein Sachbuch, wodurch einige Stellen einfach sehr trocken sind und das Buch sich nicht durchgängig flüssig lesen lässt.

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Dopesick!

Von: elena_liest

09.09.2019

Beth Macy begleitet in ihrem Buch "Dopesick" Süchtige, deren Familienangehörige, Ärzte und Polizisten in ihrem Kampf gegen Drogen und Medikamentenmissbrauch. Sie geht dabei schonungslos und ehrlich vor, nimmt kein Blatt vor den Mund und schreckt vor der Wahrheit nicht zurück. Entstanden ist ein erschreckender Bericht über die derzeitige Situation in Amerika - und durch das Nachwort merkt man, dass auch Deutschland von diesem Problem betroffen ist. Macy macht den Lesern klar, dass die Drogensucht fast immer gleich anfängt. Jemand hat eine Verletzung, bekommt opioidhaltige Schmerzmittel verschrieben, wird danach süchtig und kommt von dort dann zu Heroin oder anderen Drogen, die leichter erhältlich sind als beispielsweise Oxy. Die Drogenabhängigen bestehlen ihre Familien, verkaufen ihren Körper und begehen Straftaten, um ihre Sucht zu stillen. Wirklich geholfen wurde ihnen lange nicht und wird ihnen auch heute oft noch nicht. Man sperrt sie weg oder führt einen kalten Entzug durch - was nachweislich zu Rückschlägen führt. Beth Macy hat die Betroffenen über 6 Jahre hinweg begleitet und interviewt, dabei sind teilweise sehr enge Beziehungen entstanden. Es wird ein nachvollziehbares und authentisches Bild geschaffen, das einen meist sprachlos und traurig zurücklässt. Manche Gesprächspartner sind bereits während der Recherche verstorben, diese Schicksale haben mich besonders bewegt. Der Schreibstil der Autorin ist sehr klar und verständlich. Da das Buch so interessant ist, lies es sich auch wirklich gut lesen, auch wenn der Inhalt teilweise harter Tobak war. Zudem ist das Buch auch toll aufgemacht. In der Mitte des Buches befinden sich einige Seiten mit Bildern der Menschen, mit denen Macy gesprochen hat und die sie in ihrem Kampf gegen die Pharmaindustrie und die Ärzte, die leichtfertig süchtigmachende Medikamente verkauft haben, begleitet hat. Ich kann jedem, der sich für dieses Thema interessiert nur empfehlen, "Dopesick" zu lesen. Man erhält einen guten und spannenden Einblick in die Thematik. Ich vergebe 4 / 5 ⭐.

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Der Gesetzgeber hat lange unbeteiligt zugesehen, aber nun endlich bewegt sich etwas. Vergangene Woche wurde Johnson & Johnson zu einer Geldstrafe von 572 Millionen Dollar verurteilt. Begründet wurde dieses Urteil damit, dass ihre abhängig machenden Schmerzmittel mitverantwortlich für die Drogenkrise in den Vereinigten Staaten sind. Aber natürlich läuft ein Berufungsverfahren. Gleichzeitig gibt es Gerüchte über Vergleichsverhandlungen des Pharmakonzerns Purdue und dessen Eignerfamilie Sackler, Hersteller des Schmerzmittels OxyContin, gegen die rund 2000 Klagen anhängig sind. In der Gesamtsumme geht es dabei um ca. 12 Milliarden Dollar. 400.000 Todesfälle zwischen 1999 und 2017, in 2018 pro Tag ca. 250 Tote in den USA durch ihre Schmerzmittelsucht. Das ist der Stoff, aus dem sich Beth Macys „Dopesick“ speist, die auf ihrer Reise durch die USA Betroffene und Hinterbliebene besucht und befragt hat. Fast alle eint der Fakt, dass ihnen die Opioide erstmalig von ihren Ärzten verschrieben wurden. Ärzten, denen Vertreter des Pharmagiganten Purdue ab 1996 weisgemacht haben, dass sie mit OxyContin ein wahres Wundermittel gegen Schmerzen auf den Markt gebracht hätten. Wobei die verheerenden Nebenwirkungen natürlich verschwiegen und die Risiken heruntergespielt wurden. Denn natürlich drehte sich alles um den Profit. Ganz gleich ob Stadt oder Land, Arbeitsloser oder Akademiker, die Abhängigkeit zieht sich durch sämtliche gesellschaftlichen Schichten. Und nicht selten folgt dem Medikament, der Opioid-Abhängigkeit, der Umstieg auf Heroin. Die Geschichten ähneln sich allesamt. Sie zeigen beeindruckend nicht nur das Ausmaß sondern auch die Auswirkungen der Sucht, nicht nur auf den Einzelnen sondern auch auf die Gesellschaft. Aber es gibt auch Licht am Ende des Tunnels, denn gerade die Konsumenten, die sich aus der Sucht befreit haben, bekämpfen deren Verursacher nun mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel. Im Kleinen wie im Großen. Die Lektüre von „Dopesick“ macht traurig, aber auch wütend. Wütend, weil so lange weggeschaut wurde. Wütend, weil gerade unter Trump die Profite, nicht nur von Big Pharma, über das Wohl der Menschen gestellt werden. Wütend, weil diese Konzerne unantastbar scheinen. Aber nun das Urteil gegen Johnson & Johnson. Der Anfang ist gemacht.

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„Bei Amerikanern unter fünfzig sind Überdosen inzwischen die häufigste Todesursache. Es sterben daran mehr Menschen als durch Schusswaffen oder Autounfälle und mehr als auf dem Höhepunkt einer HIV-Epidemie.“ Öffentliche Toiletten, in denen sich Kanülenbehälter befinden, Bibliothekare, die Naloxon (ein Medikament, das die Wirkung von Opioiden aufhebt)verabreichen müssen und Abhängige, die ihre Familie in den Ruin treiben. Amerika befindet sich mitten in einer Epidemie. Alleine im Jahr 2018 starben in den USA täglich etwa 250 Menschen an Opioiden, also an Schmerzmitteln wie Oxycodon, Vicodin oder Fentanyl. Viele der Abhängigen bekamen die Medikamente anfangs infolge eines Unfalls oder einer Krankheit von ihrem Arzt verschrieben und kamen dann nicht mehr von ihnen los. Jahrzehntelang spielten profitgierige Pharmafirmen die Risiken dieser Mittel herunter, bewarben ihre Produkte aggressiv und nahmen damit leichtfertig den Tod unzähliger Menschen in Kauf. In ihrem erschütternden Buch Dopesick beschreibt Beth Macy, deren vorherige Bücher wie Truevine (2016) oder Many Years, Many Worlds (2014) bereits allesamt auf der New York Times-Bestsellerliste standen, wie Ärzte, Pharmakonzerne und das amerikanische Gesundheitssystem tausende Existenzen ruinieren und wie einige mutige Gegner den Kampf aufnehmen, indem sie sie große Pharmakonzerne verklagen oder Therapieangebote in Brennpunkten aufbauen. Die renommierte Autorin und Journalistin sprach mit Familienangehörigen, ehemaligen Süchtigen, Dealern, Ärzten, Therapeuten, Pflegepersonal, Richtern, Anwälten, den Strafverfolgungsbehörden und vielen anderen Institutionen. Eines wird dabei ganz deutlich: Die Opioidepidemie kennt keine gesellschaftlichen Schichten und keine Altersbegrenzung. Besonders schockierend sind die Einzelschicksale der jüngeren Abhängigen, die teilweise noch unter 20 waren, als sie an ihrer Sucht starben. Die Autorin berichtet zum Beispiel von Scott, einem sympathischen jungen Mann, der Sonnenblumen liebte und gerne für seine Freunde kochte. Seine Mutter ahnte lange Zeit nicht, dass ihr Sohn, der noch die Highschool besuchte, längst der Heroinsucht verfallen war. Doch dann fand sie eines Tages Nadeln in seinem Zimmer und obwohl sie alles tat, um Scott zu helfen, wöchentliche Drogentests bei ihm durchführen ließ und zu Hause alle Türen aushängte, damit er hier keine Drogen konsumieren konnte, war sie nicht in der Lage, sein Leben zu retten. Noch immer begreift sie es nicht und es sind Angehörige und besonders Eltern wie Scotts Mutter, die nun anderen Angehörigen und Süchtigen in diesem Kampf beistehen, den sie selbst nicht gewinnen konnten. Mit dieser Darstellung von Einzelschicksalen und einer entsprechenden Fotostrecke im Innenteil des Buches, verleiht sie der Epidemie ein Gesicht, lässt Betroffene zu Wort kommen und Daten und Fakten, die zuvor anonym erschienen, werden plötzlich bedrohlich real. „Bevor wir nicht verstehen, wie wir in diese Situation geraten konnten, wird Amerika ein Land bleiben, in dem es deutlich leichter ist, abhängig zu werden, als eine Therapie zu bekommen.“ Um zu verstehen, wie Amerika in diese Lage geraten konnte, stellt Macy auch die Geschichte des Opiums sowie die Kämpfe vor Gericht dar. Ursprünglich wurden Opioide Soldaten gegen ihre Kriegsleiden verschrieben, doch schon bald wurden sie gegen alle Beschwerden eingesetzt. Arzneimittel auf Opiumbasis wurden sogar bei Babys angewandt. Heroin wurde ihnen z.B. gegen Husten verabreicht. Immer wieder wurden kritische Stimmen laut, die vor dem erheblichen Suchtrisiko der Medikamente warnten, doch die mächtigen Pharmafirmen hielten den Klagen stand und kauften mit Geschenken, kostenlosen Reisen und teurem Essen weiterhin viele Ärzte, damit diese ihre Medikamente in Massen verschrieben. Nur sehr langsam und nach unzähligen Klagen von Angehörigen sowie Ärzten, die sich nicht kaufen ließen, verschärfte sich das Gesetz. Doch da war es für viele Menschen längst zu spät. Jedoch sind nicht nur Ärzte oder Pharmafirmen an der Epidemie schuld. Vielmehr krankt das gesamte amerikanische Gesundheitssystem, in dem die Behandlung mit Opioiden billiger und schneller ist als andere, natürliche Verfahren zur Schmerzbekämpfung, wie z.B. Akupunktur bei Rückenschmerzen. Die deutsche Ausgabe des Buches ist ergänzt um ein Nachwort von Prof. Dr. Christoph Stein, Arzt an der Charité Berlin. Er zeigt, dass sich die Opioidkrise keinesfalls auf die USA beschränkt. Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern ist der Konsum von Schmerzmitteln enorm angestiegen. Stein konstatiert sogar, dass der Missbrauch von Opioiden in den USA, Europa und anderen Regionen mittlerweile in vergleichbarem Ausmaß stattfinde, denn das Betäubungsmittelgesetz, welches das Werben für verschreibungspflichtige Medikamente eigentlich verbietet, sei für Pharmafirmen leicht zu umgehen. Dopesick – ein sorgfältig recherchierter, facettenreicher und vor allem schockierender Bericht, der spannend ist wie ein guter Roman.

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