Leserstimmen zu
Im Unterland

Robert Macfarlane

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"Im Unterland" ist sicherlich kein übliches Sachbuch, sondern eine bunte Mischung aus wissenschaftlichem Bericht, Abenteuerroman und Geschichte. Allerdings alles unter dem Oberbegriff des Reichs unter der Erdoberfläche. Vielfalt Dabei streift der britische Autor durch eigene Gefilde in England und begibt sich anschließend nach Europa, wobei diese Aufteilung (ganz ohne Brexit) erkennen lässt, wie tief verwurzelt, die anti-europäische Denkweise bei so manchem Briten ist, obgleich dieses Buch nur wenig politisch ist, mal abgesehen von den schon fast obligatorischen Verurteilungen der Greueltaten die zwei Weltkriege im Unterreich zurückgelassen haben. Diese Streifzüge werden immer wieder von Zusatzgeschichten begleitet, die in meinen Augen zu sehr den Fokus auf das Wesentliche haben verlieren lassen. Macfarlane hat ein sehr facettenreiches Werk geschaffen, dass durch viele Themengebiete streift. Das ist meines Erachtens Fluch und Segen zugleich. Denn auf der einen Seite wird der Leser neben den wissenschaftlichen Informationen mit zahlreichen historischen Details gefüttert, auf der anderen Seite verliert sich so oftmals die Spur ins Unterreich. Sehr oft habe ich mich geärgert, dass er den eingeschlagenen Pfad verlassen hat, wo es doch gerade anfing spannend zu werden, wenn er von seiner Fazination berichtet. Das, was in der Presse allgemeinhin gelobt wird, nämliche diese Mischung aus wissenschaftlichem Bericht und Prosa, ist mir eher negativ aufgefallen, denn ich hätte mich viel lieber auf seine Berichte und Erfahrungen konzentriert, wie es in den jeweiligen Gebieten der Unterwelt ausschaut und was dieser Anblick mit dem Menschen macht. Fazit Die Zusammenstellung der unterschiedlichen Arten der Unterwelt (von Berghöhlen über Gletscher bis hin zur Pariser Unterwelt) ist zwar gut gelungen, aber die jeweiligen Berichte über diese Welten werden immer wieder störend unterbrochen, in dem die Gedanken des Autors immer wieder abschweifen. Das gibt zwar eine Mischung aus verschiedensten Textarten, die ich aber weniger spannend empfand. Und so konnte ich mich nur in Grenzen für dieses Buch begeistern.

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Robert MacFarlane gehört für mich zu den ganz großen Naturschriftstellern. Der 43-jährige Engländer, der oft in einem Atemzug mit John Muir und Edward Thomas genannt wird, schafft es, über Natur so zu schreiben, dass man das Gefühl hat, einen Krimi in der Hand zu halten. Sein aktuelles Werk, „Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde “, nimmt uns mit auf eine Reise in die Welt unter uns. Im Unterland unter unseren Füßen Unterwelt, das klingt unheimlich. Wir verbinden es mit dem Totenreich, mit Dunkelheit und überhaupt mit allem, vor dem wir Angst haben. Und während der Mensch das Weltall erforscht hat und ziemlich genau weiß, wie es auf dem Mond aussieht, weiß er erschreckend wenig über das, was unter seinen Füßen liegt. „Schauen wir nach unten, sehen wir kaum mehr als Gras, Erde, Asphalt. Selten habe ich mich der menschlichen Sphäre ferner gefühlt als neun Meter unter ihr, gefangen im schimmernden Schlund einer Schichtfläche aus Kalk, die sich in Urzeiten auf dem Grund eines ehemaligen Meeres gebildet hatte“, schreibt der vielfach ausgezeichnete Autor. In der Höhle von Mendip Hills Genau in diese Welten unter uns nimmt uns Robert MacFarlane mit. Einige sind sichtbar, andere versteckt. Da gibt es die Begräbnisstätte von Mendip Hills in Somerset (Großbritannien), die 1797 von zwei Kaninchenjägern entdeckt wurde. Sie stießen bei der Verfolgung eines Kaninchens auf eine gewaltige Höhle voller Gebeine, die mindestens 10.000 Jahre alt waren. Großartiger Schreibstil Was das Buch so besonders macht, ist MacFarlanes großartiger Schreibstil. Einige Beispiele: An den Anfang setzt der Autor das Kapitel „Erste Kammer“, das mit dem Satz beginnt: „Der Weg ins Unterland führt durch den gespaltenen Stamm einer alten Esche.“ Und das letzte Kapitel, „Aufstieg“, beginnt ähnlich spannend: „Der Weg aus dem Unterland liegt dort, wo neun klare Quellen aus dem Fels treten.“ Begegnungen mit besonderen Menschen Sätze wie „Spätnachmittag, Frühherbst, unzumutbare Hitze. Flirrende Luft, brennend heiße Autotüren. Aber im Haus von Sean und Jane Borodale, im Schatten eines stillen Seitenarms des Nettlebridge Valley, ist es kühl wie in einer Vorratskammer“ versetzen den Leser direkt in dieses Haus, dessen Besitzer Sean Imker, Höhlenkletterer, Wanderer und Dichter ist. MacFarlane beschränkt sich im Buch nämlich nicht aufs Unterland, sondern beschreibt auch die Menschen, die ihm diese fremde Welt zeigen. So fühlt sich der Abstieg an Wem die dunkle Tiefe unheimlich ist, der findet sich in „Im Unterland“ bestätigt: „Der Einstieg ist mühsam – wir zwängen und winden uns in die Tiefe, bis ich jäh in einen Raum falle, der rundum geschlossen scheint, eine zylindrische Zelle.“ Wem jetzt nicht klaustrophobisch zumute ist, der muss selbst Höhlenkletterer sein. Unterwelten in vielen Regionen Europas Die Orte, die Robert MacFarlane in „Unterland“ besucht, liegen in unterschiedlichen Regionen Großbritanniens, in Paris, Italien oder Slowenien. Und im Norden, auf den Lofoten, in Norwegen und Grönland. Die Höhlen, die er beschreibt, beherbergen nicht nur Tote, sondern auch radioaktiven Müll. Und er stößt auch auf Insekten und anderes Getier, das kaum jemals einer zu Gesicht bekommt. Ein Grab für atomaren Müll Der Leser lernt das alles kennen, staunt über die grandiose Schönheit und erschrickt darüber, wie sehr der Mensch auch schon in der Tiefe eingegriffen hat. Am erschreckendsten ist tatsächlich das Kapitel über das atomare Endlager in Finnland. Es ist ein Grab, sicherer als ein Hochsicherheitsgefängnis. Und man hofft, dass das, was hier begraben liegt, dieses Grab niemals verlassen wird. „Wir wissen, wie wir mit Uran Strom erzeugen und Tod bringen können, aber wir wissen immer noch nicht, wie wir es entsorgen sollen, wenn es sein Werk getan hat“, so Robert MacFarlane. Er schätzt, dass weltweit zurzeit über eine Viertelmillion Tonnen hochradioaktiver Abfälle auf ihre Endlagerung warten. Und pro Jahr kommen etwa 12.000 Tonnen dazu. „Im Unterland“ ist spannend wie ein Krimi All das, das Schöne, das Unheimliche, das Spannende und das Erschreckende, beschreibt Robert MacFarlane auf eine so intensive, eindringliche Weise, dass man das Buch nicht mehr beiseitelgen möchte. Seine Sätze sind gedruckte Kunstwerke. Und so geschieht es, dass man das Buch mit seinen 560 Seiten, in einem Zug durchliest. Selten wurden Geschichten über Natur und Landschaften so spannend erzählt wie hier.

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Lieber Leser, Robert MacFarlane steigt tief hinunter. Bei sich trägt er zweierlei: eine Eule aus Walknochen, die ihn schützen soll; ein bronzenes Kästchen, das er vergraben soll an der tiefsten Stelle, damit es für immer unten bleibt. Mit diesen beiden im Gepäck und mit uns steigt er in Karsthöhlen, klettert durch die Katakomben von Paris, fährt mit dem Aufzug in ein Bergwerk hinunter, besucht spaltendurchzogene Gletscher. Er geht nicht allein. Macfarlane schreibt über Orte, aber vor allem über Menschen: Höhlenkletterer, die letzten Entdecker, die ihre Landkarten selber zeichen müssen. Kataphile und Urban Explorer, der Autor darf uns ihre Namen nicht verraten, steigen über Zäune und brechen Gesetze, um hinunter zu kommen unter die Stadt. Ein Bergwerksarbeiter rast durch die Stollen, dass der Jeep abhebt. Ein Fischer nimmt Robert Macfarlane mit hinaus aufs Meer und erzählt von seinem Kampf gegen die Ölfirmen, die dort ins Unterland bohren wollen. Tief in einem Salzstollen erklärt ein Forscher, wie er Neutrinos sehen kann im absoluten Dunkel. Der Autor lässt sie erzählen. Selbst wechselt er ab zwischen seinen Reisen, seinen Gefühlen, den Geschichten seiner Gesprächspartner und ein paar Sachbuch-Absätzen über die Orte, die wir besuchen. Oft müssen wir Leser zwei Gedankengänge gleichzeitig im Kopf behalten und uns darauf verlassen, dass Macfarlane den roten Faden wieder aufnehmen wird. Sprache und Blick sind die eines Dichters. Er überrascht mit Vergleichen, zitiert Bücher, sieht die schönen und die furchtbaren Seiten des Unterlands. Macfarlane erzählt von Höhlenkletterern, die stecken geblieben sind, und von Tauchern, die nur noch tot zurück ans Licht kamen. Manche freilich müssen drunten sterben. Höhlen als Gräber, als Hinrichtungsstätten, aber auch als Verstecke, aus denen Menschen zurück nach oben kamen, als die Gefahr vorüber war. Ein Wissenschaftler ist Robert Macfarlane nicht. Das sagt ihm ein Glaziologe ins Gesicht. Man merkt es auch, wenn er trauert um die schmelzenden Gletscher in Grönland. Der Autor scheint zu glauben, diese Gletscher wären alle über 100.000 Jahre alt, und die Robbenjäger der wenigen Siedlungen auf der Insel verlören gerade eine jahrtausendealte Kultur. Die Geschichte Grönlands hat er nicht nachgeschlagen. Die Küstengletscher, die sich heute zurückziehen, sind kaum 500 Jahre alt. Im Mittelalter war es warm genug, dass Wikinger auf Grönland siedelten und Kühe hielten. Die Inuit kamen erst, als es kalt wurde in der Kleinen Eiszeit. Ein Schreckenswort wiederholt der Autor immer wieder: Anthropozän, das Zeitalter der Menschen, das Zeitalter von Plastik am Strand und Atommüll unter der Erde. Seitenlang erschaudert Macfarlane über ein kommendes Artensterben, ohne jemals eine Art zu erwähnen, die ausgestorben wäre. Ihm entgeht die Ironie, dass er auf einem Boot mit tuckerndem Dieselmotor mit Bjornar Nicolaisen spricht, einem Gegner neuer Ölbohrungen vor Norwegen. Ihm entgeht die anderen Waagschale: Das, was wir kaufen mit dem Öl und den Atomkraftwerken. Robert Macfarlane wird mit einiger Wahrscheinlichkeit länger leben als alle seine Vorfahren. Er kann Orte besuchen, die keiner von ihnen gesehen hat, und auf einem Computer ein Buch darüber tippen. Noch nie hatten so viele Menschen wie heute die Zeit und das Geld, es zu lesen. Ich empfehle Im Unterland als fesselnden Ausflug in entlegene Regionen. Nur darf man sich nicht anstecken lassen von Robert Macfarlanes masochistisch-scheinheiligen Schuldgefühlen. Hochachtungsvoll Christina Widmann de Fran

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Inhalt: Wer weiß eigentlich genau, was sich unter der Erde alles verbirgt? Wer fühlt sich in den Katakomben von Paris Zuhause? Wer weiß, wie viele Lebewesen sich im Wald direkt unter der Erdoberfläche verstecken? 🌲🌱 Und wer versteht auch, wie wichtig es ist, dass wir gut zu der Welt da unten sind und sie nicht nur ausbeuten? . Meine Meinung: Sachbücher verbindet man oft mit trockenen Beschreibungen, langen Texten und Passagen, die so hochgestochen formuliert sind, dass man schnell den Ueberblick verliert. Dass Sachbücher nicht so sein müssen, beweist Robert MacFarlane in seinem Buch "Im Unterland". 🤗 . Er konnte mich von der ersten Seite an abholen und mit seinem wundervollen, erzählendem Schreibstil mit auf seine Reise durchs Unterland entführen. Egal ob man mit ihm durch die Katakomben von Paris streift, im Wald den Boden betrachtet, oder ein Versteck für hochradioaktiven Müll aufsucht - Der Mann weiß wie man darüber schreibt und den Leser sehr in seinen Bann zieht! 😍 . Man lernt in diesem Buch wahnsinnig viel über unsere Welt, unseren Boden, aber auch die Gefahren, die eine Ausbeutung des Bodens bedeuten kann. Immer wieder berichtet er von seinen Erlebnissen im Untergrund, verflochten mit Erzählungen seiner Begleiter oder aus seinem eigenen Leben, wodurch es einem manchmal vorkommt, als würde man gerade gar kein Sachbuch, sondern einen Roman vor sich haben. ☺ . Am Anfang jedes Kapitels gibt es zur Einstimmung auch immer ein Bild des Ortes, den Robert MacFarlane im kommenden Kapitel aufsuchen wird. Ich hätte mir im Buch jedoch gerne noch ein paar mehr Bilder gewunschen, wobei ich auch verstehen kann, dass es natürlich extrem schwierig ist, unter der Erde Fotos zu machen. 🙈 . Wenn man sich für all die Geheimnisse, die teils unter Städten, in Höhlen oder einfach unter dem sichtbaren Erdboden verborgen sind, sollte man sich auf jeden Fall auf dieses Buch einlassen! Nur dank dem Buch weiß ich jetzt, was "Kronen-Schüchternheit" bei Bäumen bedeutet oder auch was es mit einem "Mithräum" auf sich hat! 🤓 . Ein Buch, für das man sich Zeit nehmen muss, das es aber auf jeden Fall mehr als wert ist! 😍 . 5/5 Sternen ⭐

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Dieses Buch mit wenigen Worten zusammenzufassen und einem Genre zuzuordnen ist eine Sache der Unmöglichkeit. Es ist ein Reisebericht, es ist ein philosophisches Werk, es hat eine lyrische Sprache, befasst sich oft mit dem Klimawandel… es ist so Vieles in einem – genau, wie sein Autor. Robert Macfarlane, dessen unbändige Abenteuerlust von seinem schüchternen Lächeln sehr gut getarnt wird, ist Literaturwissenschaftler und Bergsteiger. Zehn Jahre hat er für dieses Buch recherchiert, in dem er in die Tiefe steigt. „Wir wissen so wenig über die Welt unter unseren Füßen“, sagt er, und will das ändern. Dabei begibt er sich in Karsthöhlen, in die Katakomben unter Paris, in Bergwerke und unterirdische Labore, sogar unter das Eis. Unterwegs findet er immer wieder Freunde, die ihn begleiten. Denn anders als beim Bergsteigen, braucht man unter der Erde immer Führer, die sich auskennen und ihm den Weg zeigen. Von einem Freund, der ihm sonst Socken zu Weihnachten schenkt, bekommt er zwei Gegenstände für seine unterirdische Wanderungen. Das eine ist eine Eule, aus dem Knochen eines Wals geschnitzt. Sie soll ihm helfen, in der Dunkelheit zu sehen. Das andere ist ein kleines, aber doch schweres Kästchens. Sein Freund schrieb alle schlimmen Dinge, die ihn verfolgten, auf ein Papier, verbrannte es, packte die Asche in ein Kästchen. Dann überzog er dieses Kästchen mit einer Bronzeschicht. Und zur Sicherheit schlug er auch noch ein paar Nägel hinein. Macfarlane soll nun dieses Kästchen an einem Ort loswerden, wo es niemals gefunden werden kann. Zwei interessante „Begleiter“, aber nicht minder interessant sind die Reiseführer, die Macfarlane auf seinen Erkundungen unterstützen. Da wäre zum Beispiel Merlin Sheldrake, ein junger Pilzforscher. Er beschäftigt sich mit den Netzwerken, die Pilze untereinander und mit anderen Pflanzen ausbauen. In seiner Freizeit braut er Apfelcider… den Apfel dafür holt er sich allerdings nicht unbedingt nicht immer auch die übliche Weise. So hat er mal von Newtons berühtem Apfelbaum sich was geklaut, und auch aus Darwins Garten. Dann die „Lina“ genannte junge Frau, die natürlich nicht so heißt. Das ist nur ihr Deckname, denn sie erkundet regelmäßig und verbotener Weise die Pariser Katakomben. Sie kennt jeden Weg auswendig und Macfarlane folgt ihr auch dann noch mit vollstem Vertrauen, als er an so engen Stellen herumkriecht, wo er nicht mal mehr seinen Kopf drehen kann. Die Reisen und die Erlebnisse würden das Buch schon zu einer interessanten Lektüre machen, Macfarlane macht aber immer wieder gedankliche Abstecher. Mal, um die historischen Hintergründe zu beleuchten, mal um darüber zu sinnieren, was wir Menschen mit der Erde getan haben und noch immer tun. Er kehrt immer wieder zu der Frage zurück, ob man das Zeitalter, in dem wir leben, tatsächlich Anthropozän nennen kann. Und ob wir gute Vorfahren für kommende Generationen sind. Was mir die Kehle zugeschnürt hat, waren seine Ausflüge in verlassene Gegenden, wo kein Mensch lebt, und wo er doch immer auf menschliche Spuren stößt. Wie zum Beispiel auf den Lofoten: "Die orangen Kugeln liegen über den gesamten Strand verteilt. Es sind, wie ich jetzt sehe, hohle eiserne Schwimmer von Fischernetzen – unzählige sind hier gestrandet und verrostet, wie Alien-Eier. Dazwischen und rundum ein dichtes Gewebe aus angespültem Plastik, das an dieser wilder Küste besonders abscheulich wirkt: Plastikflaschen, Fäden von Nylonnetzen, Bretter von Fischkisten." (Seite 312) Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an gefesselt, beziehungsweise bereits mit dem Cover – das übrigens das Gemälde einer seiner Freunde ist. Hier passt für mich alles, das Thema ist spannend und bringt mich zum Nachdenken, der Schreibstil ist mitreißend, sachlich, aber auch lyrisch. Und der Autor scheint eine faszinierende Persönlichkeit zu sein. Falls jemand die Möglichkeit hat, ihn bei einer Lesung zu erleben, kann ich das auch nur empfehlen.

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Dass Im Unterland von Robert MacFarlane gut werden könnte, legt bereits die Gestaltung des Umschlags nahe. Da streckt sich ein tiefer Hohlweg, Äste verzweigen sich in zahlreichen Farben, der Blick geht auf eine gelbe Nebelwand. Doch auch die skizzierten Äste könnten bereits an Höhlen, Stollen erinnern, und die gesamte Farbgebung hat etwas von der Pracht steinzeitlicher Höhlenmalereien. Solch ein Titelbild wählt man nicht (oder sollte es nicht), wenn man nicht überzeugt ist, Großes liefern zu können. Im Unterland ist eine faszinierende Mischung von Beobachtungen und Überlegungen, die der Autor auf die ein oder andere Weise unter Tage gemacht hat. Schon geradezu „klassische“ Örtlichkeiten werden besucht, wie etwa die Katakomben von Paris, ebenso auch ganz unerwartete, etwa das Unterholz des Londoner Epping Forest. MacFarlane schildert plastisch die Eindrücke seiner Abstiege in die Unterwelt, und spart dabei weder mit persönlichen Emotionen, noch mit dem Aufrufen des unterweltlichen Mythenschatzes oder gänzlich freien Assoziationen. Er erzählt Geschichten wie die des Höhenkletterers Neil Moss, dessen langsames Sterben in einer Spalte der Peak Cavern 1959 ganz Großbritannien live mit erlebte, oder die des Dichters Sean, den die verzweigten Höhlensysteme unter den Mendip Hills zu seinen Texten anregen. Immer wieder versucht sich Im Unterland auch an gesellschaftsphilosophischen Fragestellungen. Dass etwa derzeit in Westeuropa die ersten Generationen leben dürften, die in der Breite nicht wissen, wo ihre sterblichen Überreste einmal begraben werden (oder ob überhaupt) scheint durchaus ein bedeutender Aspekt, der die Unstetigkeit der modernen Gesellschaft verdeutlicht, doch eher selten bedacht wird. Im Unterland ist mehr als ein nettes Buch über Höhlenkletterei. Es möchte das westliche Verhältnis zur Unterwelt überhaupt ausloten, und versteht die Unterwelt dabei auch regelmäßig metaphorisch, als Teil der einzelnen und kollektiven Psychologie. Was wollen wir verstecken, verbergen, was an den Tag bringen? Was suchen wir dort unten, wovor fliehen wir ? – das sind ex- wie implizit immer wieder gestellte Leitfragen. Die Unterwelt spielt ihre Rolle als Rohstofflager, als der Ort, wo nach dunkler Materie geforscht werden kann, als prekäres Endlager für radioaktive Materialien usw usf. Doch wirken die gesellschaftlichen Überlegungen MacFarlanes niemals aufdringlich. Im Unterland Ist keines dieser noch immer typisch deutschen Bücher, die vor allem einen zentralen Gedanken rüber bringen möchten, sondern ein Spiel mit Ideen, das aus einem Spiel mit Bildern erwächst. Und dabei ist Im Unterland auch sprachlich wagemutiger, als so manches Stück moderne Literatur. MacFarlane ringt sichtlich um eine Sprache, die den Zauber seiner Unterwelt auch tatsächlich auszudrücken vermag, und meist mit großem Erfolg. Die deutsche Übersetzung ist voller Passagen, die direkt aus der Feder eines Kurzeck, einer Röckel, stammen könnten, und fällt nur durch einige wenige (dann allerdings schmerzhafte) Misstöne auf. Ein faszinierendes Buch, dessen Umschlagsgestaltung nicht zu viel verspricht. Allerdings hätte ich mir auch im Inneren durchaus ein paar großformatige farbige Bilder gewünscht. Es stimmt, es braucht nicht unbedingt Bilder als Supplement zu solchen Beschreibungen, vielleicht könnten sie sogar eher stören. Aber es gibt ja Bilder: Kleinformatige, in Schwarzweiß. Und wenn man schon bebildert, warum dann nicht gleich ordentlich? Aber was solls. Man wird die Lektüre sowieso regelmäßig in der Nähe eines Computers verbringen, um all die Wunder der Unterwelt, die MacFarlane vorstellt, dann doch einmal mit eigenen Augen zu betrachten.

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