Leserstimmen zu
Kein Freund außer den Bergen

Behrouz Boochani, Omid Tofighian

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Fazit: Wenn der in Sidney geborene Historiker Christopher Clark im ZDF oder dessen digitalen Ablegern zur Australien-Saga anstimmt, dann vermittelt er ein Bild von zwar gestählten und Kummer gewöhnten, nichtsdestotrotz aber auch sehr freundlichen Menschen. Und sicherlich stimmt das auch vollumfänglich. Das schließt aber eben nicht aus, dass die australische Regierung wiederum in der Vergangenheit nicht trotzdem die eine oder andere Entscheidung getroffen hat, die man bestenfalls als zweifelhaft bezeichnen konnte. Dazu gehört einerseits die Abschottungspolitik hinsichtlich der Aufnahme von Bootsflüchtlingen und im Zusammenhang dazu eben auch die Eröffnung der Flüchtlings…, ach, sagen wir besser Internierungslager auf Nauru und Manus. Noch im September 2019, als die Auswirkungen dieser Politik und die Zustände in den Lagern allenthalben bekannt waren, war Alice Weidel der Meinung, dass man sich diese Abschottungspolitik zum Vorbild nehmen solle, und untermauerte ihre Argumentation mit unzutreffenden Behauptungen. Ich lasse das mal so stehen. Die Logik, die hinter der Eröffnung der Flüchtlingslager steckt, ist so simpel wie perfide. Wer als Flüchtling australischen Boden betritt, hat damit automatisch das Recht auf eine Asylprüfung erworben. Daher drängt die australische Marine einerseits in großem Stil Flüchtlingsboote mit allen Menschen an Bord wieder auf das offene Meer ab, andererseits werden aber auch immer wieder Flüchtlinge an Bord genommen, die dann nach Nauru und Manus gebracht werden. Denn weder der Inselstaat Nauru noch die zu Papua-Neuguinea gehörende Insel Manus sind eben australisches Hoheitsgebiet, die Flüchtlinge haben somit keinerlei Ansprüche an Australien auf irgendwas und damit hat es sich für die Verantwortlichen dann weitgehend erledigt. Behrouz Boochani legt nun einen Erfahrungsbericht aus erster Hand vor, für dessen Lektüre man, das gebe ich gerne zu, nicht zu zart besaitet sein sollte. Er beginnt, chronologisch sinnvoll, mit der Überfahrt nach Australien. Und bereits hier wird deutlich, dass eben diese Überfahrt etwas ganz anderes ist, als der sogenannte „Shuttleservice“, von dem unser ehemaliger Verfassungsschutzpräsident in entweder nahezu rührender Ahnungslosigkeit oder aber grenzenloser Menschenverachtung seinerzeit salbaderte. Bereits in diesem Teil fällt auf, dass Boochani seinen Text immer wieder durch Verse unterbricht. Oder sagen wir besser, er ergänzt ihn durch besagte Verse. Und die sind mehrheitlich sehr schön zu lesen, so wenig ich auch sonst von Lyik verstehe. Nach den dramatischen Umständen der Überfahrt wendet sich der Autor dem Lager selbst zu. Er beschreibt Abläufe, wie die Essensausgabe, bei der die Internierten gezwungen sind, stundenlang in sengender Sonne anzustehen und dabei Gefahr laufen, nichts mehr zu bekommen, wenn sie das Pech haben, am Ende der Schlange zu stehen. In Ermangelung eines strukturierten Tagesablaufs richten einige Flüchtlinge ihren Tagesablauf vollständig auf die Essensausgabe aus und versuchen, immer vorne in der Schlange zu stehen. Er beschreibt den Umgang der Wärter mit den Internierten. Die Gruppe der Wärter setzt sich einerseits aus den Einheimischen zusammen, die eigentlich geregelten Tätigkeiten, zumeist in der Landwirtschaft und ähnlichem, nachgingen, dann aber von Australien „überzeugt“ wurden, doch lieber im Lager zu arbeiten. Und andererseits aus Australiern. Und während die Erstgenannten zumeist recht fair mit den Flüchtlingen umgehen, schauen die Letztgenannten sowohl auf die einheimischen Wärter und erst recht auf die Flüchtlinge herab und nehmen sich viele Freiheiten heraus, ihnen das Leben so beschwerlich wie nur möglich zu machen. Ich vermute, sie lassen hier ihren Frust heraus, der sich entwickelt, wenn sie so darüber nachdenken, wo in ihrem Berufsleben sie falsch abgebogen sein müssen, um jetzt auf einer kleinen Insel mitten in der Bismarcksee Flüchtlinge zu drangsalieren … Er beschreibt anhand einzelner Schicksale der Männer im Lager die Willkür, der die augenscheinlich völlig rechtlosen Flüchtlinge ausgesetzt sind, die wochenlang auf den versprochenen juristischen Beistand warten. Als dieser Beistand dann kommt, kommt er in Form mehrerer wohlriechender und hübscher Anwältinnen in Businesskleidung, was vor dem Hintergrund, dass die Flüchtlinge zu diesem Zeitpunkt alle bereits seit Wochen keine Frauen mehr zu Gesicht bekommen haben, sicherlich so gewollt ist. Anstatt aber wirklich juristischen Beistand zu leisten, haben diese Anwältinnen lediglich ein Schreiben im Gepäck, das die Internierten unterzeichnen sollen und mit dem sie auf jegliche Anprüche an die australische Regierung verzichten und sich zur Rückreise in ihre Heimatländer verpflichten würden. Und er beschreibt die Gewalt, die im Lager herrscht. Die Gewalt untereinander, aber auch die Selbstverletzungen und die Selbstmordversuche. Manche davon erfolgreich. Bis zum Erscheinen des Buches sind in den Internierungslagern mindestens 16 Menschen ums Leben gekommen. Auch das wird Frau Weidel sicherlich wissen … Geblieben ist ein wirklich eindringliches Zeitdokument, das beeindruckend beschreibt, wie man etwas nicht machen und wie man nicht mit Menschen umgehen sollte. Und vielleicht trägt dieses Buch ja auch ein bisschen dazu bei, die Flüchtlingsthematik auch in Zeiten von Corona im Gedächtnis zu behalten. Flüchtlinge sind nämlich nicht plötzlich alle weg, nur weil man nicht mehr darüber berichtet. Um das zu erkennen, muss man auch gar nicht bis nach Australien sehen, das zugegebenermaßen weit weg ist. Man könnte auch nach Jordanien, in den Libanon oder die Türkei blicken. Oder nach Griechenland, wo nach wie vor über 40.000 Menschen in überfüllten Flüchtlingslagern festsitzen. Ganze 47 davon hat die Bundesregierung im April nach Deutschland holen und sich dafür feiern lassen wie für die Entdeckungs des Penicillins. „Dies ist das Ergebnis monatelanger Vorbereitungen und intensiver Gespräche mit unseren europäischen Partnern.“ sagte Horst Seehofer seinerzeit. Ernsthaft, die Aufnahme ganzer 47 Flüchtlinge von über 40.000 ist das Ergebnis „monatelanger Vorbereitungen“? Na dann, das lasse ich auch lieber unkommentiert so stehen ...

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Der kurdisch-iranische Journalist und Autor Behrouz Boochani floh 2012 vor den iranischen Sicherheitsbehörden über Indien und den Indischen Ozean nach Australien. Dort wurde er in einem Gefangenenlager der australischen Regierung auf der Insel Manus in Papa-Neuguinea sechs Jahre lang gefangen gehalten. Seine Erlebnisse während der Flucht und später im Gefängnis verfasste er in kurzen Textnachrichten an den iranisch-australischen Philosophen und Übersetzer Omid Tofighian, der ihm half ein Manuskript zu erstellen und dieses in Englisch zu übersetzen. So entstand sein Buch "Kein Freund ausser den Bergen", das "eine Mischung aus literarischer Sprache und journalistischem Bericht, um den strategischen Einsatz von Hunger, Durst, Schlafentzug, Krankheit, emotionalem und psychologischen Druck als Mitteln der Folter zu beschreiben" ist. (Seite 408) Und diese Beschreibungen sind qualvoll zu lesen. Grausame Verhältnisse werden ausführlich und bis ins kleinste Detail von ihm wiedergegeben und haben bei mir viel Wut und Mitgefühl ausgelöst. Im Kontrast dazu stehen die immer wieder eingesetzten Verse, die seinen Bericht eindrucksvoll vervollständigen. "Kristallene Wasserfläche, so weit das Auge reicht / Das Glitzern blendet mich, es ist alles, was ich sehe / Urplötzlich umfängt Stille das ganze Boot / Das Meer ist eine weiße Ebene / Das Wasser ein grelles Licht." (Seite 78) Mich hat dieses Buch sehr erschüttert, da die Verhältnisse und Ungerechtigkeiten gegenüber den Geflüchteten auf der ganzen Welt so treffend beschrieben werden und es kaum auszuhalten ist, wie die Rechte dieser Menschen so stark verletzt werden. Auch die Entstehungsgeschichte, die zum Ende des Buches noch ausführlich von Boochani und Tofighan beschrieben wird, macht dieses Buch zu etwas Besonderen, sodass es viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Deshalb möchte ich es euch unbedingt ans Herz legen, auch wenn es schmerzhaft zu lesen ist. Übersetzt wurde "Kein Freund ausser den Bergen" aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.

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