Leserstimmen zu
Nagel im Himmel

Patrick Hofmann

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Hofmanns Protagonist Oliver Reuß hat es nicht immer leicht. Geboren im letzten Sommer der DDR wird er, als Resultat dessen, was man heute einen One-Night-Stand nennen würde, von seiner Mutter, die kein Interesse an ihm zu haben scheint, an seinen Vater abgegeben, dessen Interesse an dem Jungen aber auch nicht nennenswert höher ist. So lässt ihn sein Vater durchaus schon mal in der Wiege mehrere Stunden auf dem Balkon stehen und schreien, während er selbst in der Kneipe erst mal ein paar Bierchen zischt. Aufgezogen wird der junge Oliver daher in erster Linie von seiner Großmutter. Kein Wunder eigentlich, dass der junge Oliver auf diese Weise intensive Bindungsängste entwickelt, keinen Anschluss findet, lange Zeit auch keinen Anschluss finden will und lieber allein bleibt. So flüchtet er sich mit allem, was er hat, in die Mathematik, für die er ein außerordentliches Talent an den Tag legt, und die ihm augenscheinlich mit ihrer Logik den Halt und die Stabilität vermittelt, die er in seiner Familie nicht bekommen konnte. Und Patrick Hofmann schildert die Lebensgeschichte seines Protagonisten in mehrerer Hinsicht auf ziemlich großartige Weise. So wäre hier allen voran der Stil zu nennen. Dem Autor gelingt es, seine Figuren mit einer, je nach Umfeld, in dem sie leben, ganz charakteristischen Redeweise zu versehen. Insbesondere Olivers Mutter fällt durch einen sehr passenden, restringierten Code auf, der mich an irgendwas von Franz Xaver Croetz aus dem Deutsch-LK erinnert, ohne zu wissen, an was. Gleiches gilt in ähnlicher Form für seinen Vater. Allein durch die charakteristische Sprache einzelner Figuren hat man den Eindruck, es abseits der Geschehnisse rund um den Protagonisten phasenweise mit einer Milieu-Studie zu tun zu haben. Zwar sorgt all das, und ganz besonders die Verschriftlichung des sächsischen Dialektes, dafür, dass sich „Nagel im Himmel“ nicht immer einfach lesen lässt und man schon mit einer gewissen Aufmerksamkeit an die Sache herangehen sollte, aber gerade das machte für mich unter anderem den Reiz des Buches aus. Hofmanns Protagonist steht dem Stil des Buches in wenig nach. Allein durch seine Vorgeschichte, durch die Informationen darüber, wie Oliver aufwuchs, entwickelt sich bei der Leserschaft ein intensives Verständnis für Hofmanns Hauptfigur, verbunden mit dem Wunch, das alles für ihn gut werden möge. Die Nebenfiguren spielen nur eine vegleichsweise untergeordnete Rolle, was auch völlig in Ordnung ist, und eigentlich wünscht man sich, dass Oliver einigen davon auch mal gesagt hätte: „Es geht hier jetzt auch einmal um mich, und nicht um euch, verdammt.“ Hat er aber nicht. Und inhaltlich? Hierzu könnte ich unfassbar viel sagen, hätte alsbald vieles davon erzählt, was das Buch ausmacht, sowie seine komplette Handlung. Um dem entgegen zu wirken, sage ich mal: Vordergründig geht es um Mathematik. Und zwar um komplizierte, Mathematik, der Protagonist wendet sich nämlich im späteren Verlauf dem Beweis der Riemannschen Vermutung zu. Und diese Riemannsche Vermutung, so habe ich mir sagen lassen, gehört zu den sogenannten „Millenium-Problemen“, sieben ungelösten Fragen der Mathematik, die das Mathematische Institut der Uni Cambridge (Massachusetts) am Anfang dieses Jahrtausends veröffentlichte, und für die es Preisgelder in Höhe von jeweils einer Million Euro pro mathematischem Beweis auslobte. Meines Wissens wurde mit der Poincaré-Vermutung (was immer sie auch besagt) bislang erst eines dieser Probleme gelöst. Mithin scheint die Riemannsche Vermutung für Mathematiker so zu sein, als würde man als Bergsteiger den Mount Everest bezwingen wollen – auf einem Bein und ohne zu atmen. Nun kann ich nicht behaupten, auch nur irgendwas der mathematischen Bestandteile der Handlung begriffen zu haben. Und ich habe es versucht! Irgendwo war eine etwa sechsseitige Erläuterung dahingehend zu finden, was die Riemannsche Vermutung denn nun ist, und was sie besagt, und bis etwa zum ersten Drittel der ersten Seite fühlte ich mich dem Inhalt auch gewachsen … Segenswerterweise muss man davon allerdings auch nichts verstehen, um Vergnügen mit Hofmanns Roman zu haben, denn hintergründig, hinter der Mathematik, geht es um so viele andere Dinge. Hinter dieser Fassade ist „Nagel im Himmel“ beispielsweise eine Coming-Of-Age-Geschichte, eine Geschichte darüber, sich von den Dämonen seiner Vergangenheit zu lösen, sich nicht von Menschen, die einstmals einen negativen Einfluss auf uns ausübten den Lebensweg versauen zu lassen, davon, nicht alle Verantwortung für eigenes Scheitern diesen Menschen zuzuschustern, sondern sein eigenes Ding durchzuziehen, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und zu sein und noch so viel mehr. Dabei mag der Eindruck entstehen, „Nagel im Himmel“ sei in erster Linie ein tragisches Buch, und phasensweise stimmt das auch. Aber es vermittelt halt immer wieder auch etwas Positives, Hoffnungsvolles. Und es hat vor allem diese eine Szene, in der sich Olivers trinkfeste Familie zu einem der unzähligen Feste versammelt, die sie so feiert und bei dem man diese zum Zeitpunkt der Handlung neumodischen Kaffeevollautomaten beklagt, die unfassbar lange brauchen, um für alle Anwesenden eine Tasse Kaffee zu machen, während man früher einfach eine große Kanne Kaffee aufgesetzt hätte und fertig. In der Folge beschäftigen sich die männlichen Familienmitglieder dann damit, Wetten darauf abzuschließen, wann der Kaffeevollautomat seinen Geist aufgibt und lassen ihn erbarmunglos eine Tasse Kaffee nach der anderen kochen, bis aus der Maschine „ein flehentliches Falsett“ (S. 91) ertönt. Ich hab schon lange beim Lesen keine Tränen mehr gelacht, hier allerdings schon. Man muss vielleicht dabei gewesen sein, aber wer das manchmal kindliche Verngügen von Männern kennt, Dinge kaputtzumachen oder aber etwas auseinanderzubauen, um es dann nie wieder zusammenzusetzen, dürfte an der Stelle Spaß haben. :-) Kurz: Hofmanns preisgekröntes Debüt „Die letzte Sau“ ging seinerzeit an mir vorbei, was allerdings sicherlich kein Dauerzustand mehr sein wird. Und auch seinem Nachfolge-Roman wünsche ich eine möglichst große Leserschaft.

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Genial

Von: Jenny

11.05.2020

Keine leichte Kost und ein fordernder aber gut zu lesender Schreibstil. Oliver wird als er 4 Wochen alt ist von der Mutter weggeben zum Vater der sich nur desinteressiert um den Jungen kümmert. Im Internat ist er Einzelgänger, sein riesiges Mathetalent wird entdeckt, Oliver versteckt sich hinter den Zahlen jedoch interessiert ihn Erfolg nicht wirklich. Bei einem Wettbewerb löst er alles Prima, streicht die ersten Aufgaben durch und schreibt zu einfach daneben, aber wie es scheint nicht aus Arroganz sondern eher gelangweilt. Alkohol spielt eine Rolle in seinem Leben, der Vater Achim trinkt und die Mutter die er als Erwachsener nach dem Tot des Vaters kennen lernt auch. Auch Oliver fängt zeitig damit an aber lässt es nachdem er mit seinem Vater abgeschlossen hat sein. Er lernt Ina kennen, mag sie aber vergisst sie auch wieder weil er wie besessen arbeitet und nach langen Jahren den Durchbruch erreicht. Er wird berühmt - ein Genie. Menschlich bzw. sozial ein Einzelgänger was aber nicht nur seinem Talent sondern auch seiner einsamen Kindheit verschuldet ist. Selbst witzige Begebenheiten haben etwas trauriges. Das Ende hat mich kalt erwischt. Tiefsinnig, traurig und klug. 4,5/5⭐️

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Meine Meinung: Ich fühlte mich auf geradezu hypnotische Weise von dem Cover des Romans „Nagel im Himmel“ vom Autor Patrick Hofmann angezogen und wollte unbedingt herausfinden, welche Art von Heldengeschichte sich hinter dem bestechenden Blick verbirgt. Schnell ist mir ein emotionaler Zugang zum Protagonisten/Helden Oliver Reuß gelungen, dessen Vorstellung mit seiner Kindheit/Jugend anschaulich und mit zeitgeschichtlichen Anekdoten geschmückt dargestellt wird. Das beschriebene Familienleben wirkt durchgehend sehr authentisch und durch den verwendeten Dialekt als sprachliches Stilmittel wurde dieses Gefühl nunmehr verstärkt, was für manche Leser aber auch „abschreckend“ wirken könnte. Olivers Faszination für Zahlen bzw. deren für ihn tiefere Bedeutung habe ich als sehr (be-)greifbar empfunden und ich hatte Spaß daran, die immer wieder begleitende Reihe von Primzahlen im Kopf weiterzuführen. Ansonsten tanzten die Zahlen/Formeln der im Text auftauchenden Mathematikaufgaben aber nur fröhlich Fernsehballett in meinem Kopf. Das Bestehen dieser ebnet Oliver seinen beruflichen Werdegang, bei dem es neben Erfolgen auch in seinem Privatleben immer wieder Momenten des Scheitern zu verbuchen gilt und es einzig die Liebe zu sein scheint, in der er eine Form von Erlösung finden kann. Letztendlich ist es das Gefühl von berührendem Schmerz, mit dem Patrick Hofmann die Geschichte seines Helden enden lässt und ich empfehle diese Lesern, die auf der Suche nach einer Lektüre sind, durch die sie im „Kopf des Protagonisten“ getragen werden. Fazit: Vom Leben und Aufstieg eines jungen Mathegenies - tragisch, komisch und am Ende sehr berührend. Ein Roman, der viel mehr Aufmerksamkeit verdient!

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„Die Zahlen sind Olivers Zuflucht. Die Mutter ist schon kurz nach seiner Geburt im Sommer 1989 aus der sächsischen Kleinstadt abgehauen, der Vater straft ihn mit Gleichgültigkeit. Mit siebzehn erfährt Oliver zum ersten Mal Anerkennung, als er bei der Mathematik-Olympiade in Montreal eine Auszeichnung erhält. Danach ist alles anders – und doch nichts besser.“ so die ersten Zeilen in der Ankündigung zum Buch „Nagel im Kopf“ des Autoren Patrick Hofmann, erschienen Anfang März 2020. Ich gebe zu, der Titel hat mich neugierig gemacht, aber auch das Thema. Eine „Geschichte von Scheitern und Erfolg, Finsternis und Licht, Sehnsucht und Liebe. Ein Bildungsroman über genialische Wissenschaft, rauschhafte Fantasie und menschliche Größe.“ so heißt es weiter vom Penguin Verlag. Für mich war auch klar, dass ich Patrick Hofmann zum Interview treffen wollte – nun steht die Welt Kopf, keine Buchmesse, keine Gespräche mit Autoren. Hofmanns Debüt „Die letzte Sau“ 2010 wurde mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet. Auch wenn das neue Buch „Nagel im Kopf“ etwas dauerte, das warten hat sich gelohnt. Der Autor zieht seine Leser sofort in den Bann, Spannung von der ersten bis zu letzten Seite. Und ein Ende, soviel sei verraten, das einen eiskalt erwischt. Eine sehr dichte Erzählweise mit interessanten Wendungen. Wie sein erster Roman spielt die Geschichte um Oliver in der Nähe von Leipzig. Die Region, der sich der Autor wohl sehr verbunden fühlt, seine eigene Heimat. Im Mittelpunkt des Romans steht Oliver mit einer außergewöhnlichen Begabung für die Mathematik. Patrick Hofmann lässt der Leser teilhaben an dem Weg des Protagonisten, von seiner Zeit als Jugendlicher, gerade 14 geworden, bis in die Jahre nach dem Studium als Erwachsener. Aufgewachsen auf dem Dorf in einer großen Familie, ohne leibliche Mutter, aber mit einer Stiefmutter, versucht Oliver seinen Weg zu finden. Ein schwieriges familiäres Umfeld. Mit der sehr dichten Sprache des Romans durchzogen von der Muttersprache des Autors, dem sächsischen, aber auch mit vielen mathematischen Gedanken, die in Olivers Kopf herumschwirren, ist der Leser Mitten im Leben der Hauptfigur. Jemand wie Du und ich und so lässt Patrick Hofmann Oliver nicht nur mit aller Konsequenz sein gewähltes Ziel in der Mathematik erreichen sondern auch immer mal wieder scheitern. Auch der Bezug zu aktuellen Themen fehlt nicht. Nach seinem Studium erhofft sich Oliver, dass sich die Welt mit der Mathematik versöhne, weil diese davor Angst habe, wie vor der Chemie und Atomphysik. Das ist ihm in Zeiten, wo die Menschen von Algorithmen wissen, die ihre Kommunikation mit der Welt beeinflusst, wichtig.

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