Leserstimmen zu
Vaters Wort und Mutters Liebe

Nina Wähä

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Einen Roman über eine Familie mit 14 Kindern zu schreiben, ist für die Autorin eine Herausforderung. Aber auch für die Leserin. Insbesondere wenn die Autorin, wie im vorliegenden Fall, fast alle diese Kinder und ihre eigenen Geschichten ausführlich vorstellt. Dann kann das zu einigen Längen im Roman führen, auch wenn natürlich die Beleuchtung der Lebensläufe der Figuren viel zum Verständnis ihres späteren Handelns beiträgt. Von daher passt es, dass die Autorin selbst in einer Art Prolog warnt: „Vielleicht wirst du beim Lesen hin und wieder innehalten und denken: Was soll denn das jetzt? Aber hab Geduld. Reich mir die Hand, und ich werde dich durch dunkle Zeiten führen und durch helle.“ (S. 5) Nina Wähä erzählt die Geschichte der Familie Toimi, die im Norden Finnlands auf einem Bauernhof lebt, Vater Pentti, Mutter Siri und ihre 12 noch lebenden und die zwei früh verstorbenen Kinder. Das Geschehen spielt Anfang der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, blickt aber auch zurück auf die Jahre vor und während des Zweiten Weltkriegs. Es ist ein karges Leben mit viel Arbeit, und die ältesten Kinder haben fast alle kurz nach dem Erwachsenwerden den elterlichen Hof verlassen und sind ihrer eigenen Wege gezogen. Bis auf Esko, den ältesten Sohn, der in der Nachbarschaft einen eigenen Bauernhof betreibt. Die älteste Tochter Annie, die eigentliche Hauptfigur des Romans, kehrt kurz vor Weihnachten zu Besuch nach Hause zurück, so wie fast alle Kinder sich wie jedes Jahr um diese Zeit hier versammeln. Sie erwartet ein Kind, findet sich aber nicht so recht in die Mutterrolle. Sie hadert ebenso wie alle ihre Geschwister mit dem herrischen, unberechenbaren Vater. Kurz vor dem Fest geschieht ein Unfall, der Vater handelt immer unbeherrschter, immer ist unvorhersehbar, was er als nächstes tun wird. Besonders leidet darunter Siri, die Mutter, die schon lange nur noch wenig spricht und die durch ihre Liebe zu den Kindern vieles auszugleichen versucht. Nach dem Unfall, bei dem eines der kleineren Kinder schwer verletzt wird und nachdem Esko eine ungeheuerliche Tat des Vaters beobachtet hat, drängen die Kinder gemeinsam ihre Mutter zur Scheidung. Sie tut das und löst dadurch noch etliche andere Geschehnisse aus, bis hin zu einem Todesfall. Zwischen die Handlungsabschnitte fügt Nina Wähä immer wieder längere Episoden ein, Rückblicke auf das Leben der Eltern, den Beginn ihrer Ehe und den Tod der ersten Kinder. Und sie schildert von den meisten Kindern ihr jeweiliges bisheriges Leben, warum sie wurden wie sie sind. Denn jede und jeder hat Narben, echte und seelische, vom Vater zugefügt bekommen, alle sind gezeichnet von ihrer Angst, ihrem Widerstand oder ihrer Kapitulation vor dem Vater. So läuft das Geschehen unweigerlich auf die Katastrophe zu, man möchte als Leserin manches Mal rufen: Haltet ein. Doch alle Familienmitglieder sind irgendwie „verkorkst“ und daher scheint das Ende unausweichlich. Nina Wähä erspart ihren Lesern fast nichts, viele unaussprechliche Dinge erzählt sie schonungslos und offen und zeichnet damit ein wirklich dunkles Bild dieser Familie voller kaputter Menschen. Der Stil von Nina Wähä ist ungewöhnlich, das heißt, man muss sich tatsächlich daran „gewöhnen“. Aber wenn man das geschafft hat, dann liest sich dieser Roman wie ein Thriller, nur eben leider mit einem sehr großen Personaltableau. Allein bis es der Leserin gelingt, die vielen Figuren, deren finnische Vornamen für deutsche Augen ebenfalls gewöhnungsbedürftig sind, auseinanderzuhalten, dauert etliche Seiten. Aber durch ihre subtile Beobachtungsgabe und ihren Schreibstil hält sie das Interesse an allen Figuren wach und die Leserin bei der Stange. Und das auch durch nachdenklich machende Betrachtungen: „Im Nachhinein erscheint das Leben immer so klar und deutlich. Doch während man es lebt und mittendrin steckt, kommt es einem vor, als würden die Dinge, Ereignisse, Worte oder Handlungen einfach geschehen, eine Sache nach anderen oder auch parallel zueinander, ohne erkennbare Zusammenhänge. … und dann, wenn einem die Dinge nicht mehr bevorstehen oder man nicht mehr mittendrin steckt, begreift man plötzlich, wie alles zusammenhängt.“ (S. 26) Kurzum, wer die ersten etwa einhundert Seiten durchhält, wird mit einem spannenden, emotionalen und unüblichen Roman belohnt. Und ganz nebenbei lernt man viel über Geschichte, Landschaft und die Menschen Finnlands. Nina Wähä: Vaters Wort und Mutters Liebe Wilhelm Heyne Verlag, Juni 2020 Gebundene Ausgabe, 543 Seiten, 22,00 €

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Familie extrem

Von: kuddel

11.07.2020

Die vierzehnköpfige Familie Toimi wohnt im finnischen Tornedal, nahe der schwedischen Grenze. Die Eltern, Siri und Pentti, sind sehr gegensätzlich. Während die Mutter der Kinder versucht alles ordentlich und liebevoll zusammenzuhalten, ist der Vater ein herrischer, liebloser manchmal auch brutaler Sturkopf, um den die Kinder gerne einen großen Bogen machen. In dem ungemütlichen familiären Klima bleibt es nicht aus Front zu beziehen, der Großteil steht dabei auf Seiten der Mutter. Die erwachsenen Kinder sind teilweise ausgezogen, teils sogar ins Ausland geflüchtet, die jüngeren Geschwister leben bei den Eltern. Zu Weihnachten gibt es ein Familientreffen, das mit einem Unfall einen tragischen Anfang findet und dessen Folgen sich dramatisch zuspitzen. Der Leser begleitet die Familie über die Festtage ins neue Jahr hinein. Die einzelnen Kapitel sind den sehr unterschiedlichen Kindern und der Mutter gewidmet, so dass man über jeden etwas mehr erfährt, hierbei gibt es auch große Zeitsprünge, da sich aus der Vergangenheit teils die Eigenheiten der jeweiligen Person erklären, manchmal tun sich wahre Abgründe auf. Die Autorin hat hier einen Wälzer über eine Familie geschrieben, in der Liebe, Loyalität, Hass und Sprachlosigkeit sehr nahe beieinanderliegen und der Auslöser für vielfältige Kommunikations- und Beziehungsprobleme sind, man wird immer wieder von Entscheidungen der Einzelnen überrascht. Die vielen einzelnen Erzählungen /Perspektiven fügen sich am Ende zu einem Ganzen zusammen, das dies gelingt, hatte ich anfangs nicht gedacht. Die Autorin wählt einen ungewöhnliche Erzählstil, ab und an spricht sie den Leser direkt an und bringt ihn so näher ans Geschehen, viele Formulierungen wirkten jedoch irgendwie unrund, der Spannungsbogen war nicht immer stimmig. Insgesamt konnte ich das Buch aber schlecht aus der Hand legen und war immer neugierig, wie sich diese Familiengeschichte weiterentwickelt. Hier hat wirklich jeder sein Päckchen zu tragen, wie in einer Studie wird aufzeigt, wie sich Kinder ohne feste Basis und Liebe entwickeln und wie sie später in diesen Prägungen gefangen sind. Am Ende bleibt man wie so oft im Leben mit der Frage zurück, ob jemand die Geschehnisse frühzeitig hätte erkennen und verhindern können. Ein lesenswertes Buch mit kleinen Schwächen, das aber nachdenklich stimmt und nachhallt.

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Familienbund

Von: Pijewski Mariola aus Laaber

05.07.2020

Ein Hof in finnischen Tornedal, dort lebt eine Familie mit Mutter Siri , Vater Pentti und die Kindern, nicht alle sind noch auf den Hof, einige sind gestorben, einige sind umgezogen, doch etwas ist passiert und alle lebende Kinder versammeln sich auf den Hof um eine große Entscheidung zu treffen.... Das Buch war für mich auf die ersten Seiten bisschen zäh, doch später hat sich einen richtigen Sog entwickelt, so dass die Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen, nur eine bis zum Ende hat mich gestört, die ironische Ton, für mich die kleine bisschen Ironie passt hier nicht, das ganze ist zu ernsthaft und zu düster. Die Autorin ist gelungen eine familiäre Geschichte zu schreiben wo die Atmosphäre sehr dunkel ist, der Luft ist schwer und ganze Zeit beim lesen habe ich die Gefühl von Beklommenheit und trotz das die Leute von die Seiten waren mir persönlich nah und habe ich eine gewisse Symphatie gespürt ( natürlich nicht zu allen, einige waren abscheulich ). Die Geschichte ist ab und zu schwer zu lesen , wegen der Inhalt und der Brutalität, aber trotzdem ist sehr lesenswert, die Liebe hier hat ganz andere Ton als normal, blass und grau genauso wie die karge Landwirtschaft in Finnland.

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Siri und Pentti Toimi leben auf einem Bauernhof im Norden Finnlands und haben vierzehn Kinder. Zwei von ihnen sind bereits im Kleinkindalter verstorben. Siri kümmert sich um die Kinder, die 1981 noch zu Hause wohnen, auch wenn sie nicht alle gleich liebt. Pentti wird dagegen von den Kindern gefürchtet und betrachtet sie nur als billige Arbeitskräfte. Im Winter 1981 ereignet sich ein schwerer Unfall, bei dem das zweitjüngste Kind Arto schwer verletzt wird. Dadurch wird eine Kette von Ereignissen ausgelöst, die das Familienleben dauerhaft verändern. "Vaters Wort und Mutters Liebe" ist eine komplexe Familiengeschichte, die kapitelweise aus der Perspektive von Siri oder eines ihrer Kinder erzählt wird, während der Vater Pentti selbst nur in Form eines langen Briefes eine eigene Stimme bekommt. Dabei beginnt der Roman im Winter 1981 als Ausgangspunkt, springt jedoch während der Erzählungen immer wieder in die Vergangenheit und zu Episoden, die für einzelne prägend waren. Auf diese Weise lernt man die ganz unterschiedlichen Charaktere kennen, wobei es trotz der Vielzahl der Figuren aufgrund ihrer differenzierten Eigenheiten nicht schwierig ist, den Überblick zu behalten. Die vergangenen Ereignisse sind ohne Zusammenhang, während in der Gegenwart der Unfall dazu führt, dass sich die Familie räumlich entzweit, die Kinder jedoch durch ein weiteres "Unglück" wieder bei ihrer Mutter zusammenfinden. Diese Zusammenkunft zeigt wiederum auf, wie unterschiedliche die Geschwister sind und dass sie nach wie vor gemeinsam einsam sind. Es ist eine außergewöhnliche Familiengeschichte, die trotz der Vielzahl jeden einzelnen Charakter bildhaft darstellt, wobei die Kinder auf unterschiedliche Art und Weise von ihrem Elternhaus geprägt sind und Probleme haben, Beziehungen zu führen oder Liebe zu empfinden. Ein Band der Geschwister ist nicht zwischen allen spürbar, was das Netzwerk untereinander eher locker erscheinen lässt. Es ist eine Erzählung über eine dysfunktionale Familie, über Liebe und Hass, über Gerechtigkeit und den Traum von Freiheit sowie über Selbsterkenntnisse und den Mut, eigene Wege zu gehen. Die Geschichte ist etwas sperrig und im Mittelteil weiß man nicht so genau, wohin sie eigentlich führen wird. Das Ende hat jedoch den erhofften Aha-Effekt, ist nicht unbedingt happy, schenkt jedoch Hoffnung und macht die Geschichte insgesamt gerade aufgrund ihrer Andersartigkeit faszinierend und lesenswert.

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,Inhalt: Weihnachten 1981 im finnischen Norden. Siri und Pentti Toimi haben zwölf Kinder, von denen einige bereits das Elternhaus verlassen haben. Doch anlässlich der Feiertage kommen (fast) alle nach Hause zurück, zum Teil voller Freude, die Geschwister und die Mutter zu sehen, zum Teil mit Angst vor den Launen des Vaters. Es muss etwas geschehen, es muss sich etwas ändern. Und so nimmt das (Un-) Glück seinen Lauf … Meine Meinung: Nina Wähäs neues Werk entstand nach ihren eigenen Angaben aus einer Sammlung von Kurzgeschichten, die sie zu einem Roman zusammenfügte. Dieser Ursprung ist im fertigen Werk (leider) immer noch zu spüren. Jede Person - die Eltern Siri und Pentti sowie die zwölf überlebenden Kinder - bekommen ein oder mehrere Kapitel, in denen es hauptsächlich um sie geht. Hier lernt man den jeweiligen Charakter gut kennen. Seine Vergangenheit, seine Position im Familiengefüge oder einfach seine Suche nach dem Sinn des Lebens werden gut dargestellt, sodass die Figur tiefgründig und lebendig erscheint. Die gegenwärtige Rahmenhandlung bleibt dabei fast ein bisschen zu sehr im Hintergrund. Die Autorin zeigt hier, wie unterschiedlich Menschen, selbst Geschwister, sich entwickeln können, obwohl sie unter äußerlich gleichen Bedingungen aufwachsen. Auf den ersten Blick erscheinen die meisten Familienmitglieder sehr ungewöhnlich, doch bei näherer Betrachtung finden sich dann doch Eigenschaften und Verhaltensweisen der Menschen aus unserer Umwelt in ihnen. Es gefiel mir gut, dass der auktoriale Erzähler immer wieder die Leserschaft anspricht und hier auch kleine Prisen Humor aufblitzen. So wird man direkt in die Geschichte involviert. Überhaupt fand ich den Schreibstil sehr gelungen. Er ist gut verständlich und einfach zu lesen, aber nicht trivial. Die Vielzahl der Personen stellt auch kein Problem dar. Im Personenregister sind alle Familienmitglieder mit einer kurzen Anmerkung dazu aufgeführt, sodass man sie leicht einordnen kann. Insgesamt hat mir dieses Buch gut gefallen, obwohl es mir stellenweise etwas zu sehr in die Länge gezogen war. Doch je mehr ich las, desto gefesselter war ich schließlich auch von dieser Familiengeschichte.

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