Leserstimmen zu
Die Schauspielerin

Anne Enright

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Solange ich denken kann, liebe ich Kunst, Kultur, Bücher, Tanz, Gesang und ganz besonders Schauspiel. Der Roman „Die Schauspielerin“ von Anne Enright passt daher perfekt in mein Lesebeuteschema und zog daher just bei mir ein. Das Cover ist interessant gestaltet. Es sieht in den changierenden Grüntönen und dem vorwitzigen, angeschnittenen Porträt einer Frau mit Rotschopf, faszinierend aus. Sofort schießen mir bei dem Anblick zig Fragen durch den Kopf. Der Klappentext liest sich zudem spannend und zack fange ich gebannt an zu lesen. Die Protagonisten sind vortrefflich erdacht und gut von der „Ich-Erzählerin“ beschrieben. Ein Roman-Porträt vom Feinsten. Ungewöhnlich und fein und bestimmt kein „Aller-Welt-Roman“, wie ich finde. Die Charaktere haben vielfältige Schattierungen, wie von einem Makeup-Artisten aufgetragen, kunstvoll von der Autorin mit Worten beschrieben, was mir für eine Schauspielerin und deren Tochter ausnehmend gut gefällt. Ich bin zwar etwas enttäuscht, dass die beiden nur fiktiv sind, denn ich hatte irgendwie mehr eine „echte Schauspielerin“ erwartet und natürlich insgeheim ;-), etwas „sensationsgeil“, darauf gehofft. Nichtsdestotrotz merkt man dies nicht, wenn man es nicht weiss! Der Plot hingegen hat es in sich. Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Herkunft, dem sozio-kulturellem und dem biologischen überhaupt. Und natürlich auch den zwingenden Fragen: Wo komme ich her? Was sind meine Wurzeln? Und werde/wurde ich geliebt? Es enthüllt gnaden- und teils schonungslos, der Blick hinter die Fassade, wird gekonnt dargeboten. Die fiktive Geschichte wirkt wie ein gekonnter Paukenschlag. Die Fassade bröckelt, wie bei einem alten Gebäude und Strukturen werden nach und nach erkennbar. Nichts ist wie es scheint oder auf den ersten Blick aussieht. Mütter und Töchter haben meist keine unkomplizierten Verhältnisse. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass es zahlreiche Fälle gibt, wo enttäuschte Erwartungen, sei es zur Schulausbildung, Berufs- oder späteren Partnerwahl oder Ähnliches gibt. Mit zunehmendem Alter kommen dagegen bestimmt auch gegenseitige Schuldgefühle dazu. Bei den Töchtern, ob sie sich genug um die „alte“ Mutter kümmern. Aber auch, was in der eigen Kindheit nicht gut gelaufen ist, wird hin und wieder von den Töchtern der Mutter vorwurfsvoll auf dem Silbertablett präsentiert. Grins ☺, mit dem Zeigefinger auf andere, sei es hier die Mutter zu zeigen, bringt hingegen außer Krawall und Entfremdung gar nichts! Die Romanfiguren zeigen daher meines Erachtens einen Blick hinter die Kulissen. Im Buch wird der glamourösen Aufstieg der Schauspielerin Katherine O’Dell, deren Leben, Beziehungen insbesondere zu ihrer Tochter Norah und der dramatische Bühnen-Abgang fein geschildert. Spannend gemacht, wie es sich für ein Bühnenwerk gehört, kommen „Leichen aus dem Keller“ (Verbrechen) ebenso an die Oberfläche, wie die Fragen nach der Existenz und dem Erzeuger der Tochter. Und kunstvoll wie bei einem Spinnennetz werden die einzelnen Erinnerungen, Gesprächsfetzen gesponnen und zu einem beeindruckenden Lesespass zusammengeführt. Abschließend fällt mir eine Lebensweisheit von Gandhi ein, die mir persönlich sehr gut zu diesem Thema zu passen scheint: Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt. Inhalt: Ein großer Roman über die unstillbare Sehnsucht nach Anerkennung Kann man seine Mutter wirklich kennen? Norah blickt zurück auf das Leben ihrer Mutter, der einst gefeierten Schauspielerin Katherine O’Dell, die es von den irischen Dorfbühnen bis nach Hollywood geschafft hat. Doch mit zunehmendem Alter verblasste ihr Stern, sie betäubte sich mit Alkohol und Tabletten, bis es eines Tages zu einem bizarren Skandal kam: Ohne Vorwarnung schoss sie auf einen Filmproduzenten. Jeder Augenblick in Katherines Leben war große Geste, und Norah war ihr Publikum. Wer aber war diese Frau, die alles für die Kunst gab, deren Beziehungen kalt waren – und warum erzählte sie Norah nie, wer ihr Vater ist? »Die Schauspielerin« ist ein eindringliches Buch über die so starke und doch auch so verwundbare Beziehung zwischen Mutter und Tochter - frappierend ehrlich, scharfzüngig und augenzwinkernd erzählt. SWR-Bestenliste Juli/August 2020. Die Autorin: Anne Enright, 1962 in Dublin geboren, zählt zu den bedeutendsten englischsprachigen Schriftstellerinnen der Gegenwart und wurde 2015 zur ersten Laureate for Irish Fiction ernannt. »Das Familientreffen« wurde unter anderem 2007 mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet, ist in gut dreißig Sprachen übersetzt und weltweit ein Bestseller. Für »Anatomie einer Affäre« (2011) erhielt sie die Andrew Carnegie Medal for Excellence in Fiction und für »Rosaleens Fest« (2015) den Irish Novel of the Year Prize. »Die Schauspielerin« ist ihr siebter Roman; er wurde für den Women's Prize for Fiction nominiert. Weitere Bücher: Das Familientreffen, Anatomie einer Affäre, Rosaleens Fest, usw. Fazit: ***** Sterne. Der Roman “Die Schauspielerin“ ist im Penguin Verlag erschienen. Das gebundene Buch hat 304 Seiten, die durchaus Potential für ein Bühnenstück hätten und auch die Hass-Liebe zwischen Mutter und Tochter gut aufzeigen.

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Das beste Beispiel dafür, dass der schöne Schein nicht alles ist! Anne Enright zeigt uns mit Ihrem Meisterwerkt "Die Schauspielerin" wie viel Lug und Trug es bei den Stars und Sternchen gibt, und wie das Privatleben darunter leidet. Wir lernen den Hollywood Star Katherine O'Dell kennen und ihre Tochter Norah. Norah blickt auf das Leben Ihrer Mutter zurück. Während Sie dies tut erlebt man sehr viele innere Konflikte und kummer mit. Mutter und Tochter lieben sich aber können auch nicht miteinander. Warum? Dass erfahrt Ihr wenn Ihr das Buch lest! Eine absolute Leseempfehlung von mir.

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„Die Schauspielerin“ von Anne Enright Dies ist ein wirklich erstaunlicher Mutter-Tochter-Roman. Nicht weil immer nur Friede, Freude, Eierkuchen herrschte in ihrem Leben, auch nicht, weil diese exotisch schillernde, schauspielernde Mutter eine sensible, bürgerliche, loyale Tochter erzog, sondern aufgrund der Liebe, die durch die Zeilen schimmert, wie ewiges Licht. Norah,eine Schriftstellerin Mitte Fünfzig, erinnert sich aufgrund der Anfrage einer Journalistin zunächst an ihre Kindheit und Jugend, die sie als einzige Tochter der alleinerziehenden, berühmten, irischen Schauspielerin Katherine O`Dell verbrachte. Sie springt dabei zwischen den Ereignissen hin und her, beginnt mit ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, erzählt von dem Schuss (Mordanschlag?) ihrer Mutter auf ihren Agenten 1980, von ihrer psychischen Erkrankung, ihrem Tod. Sie sucht nach ihrer Mutter Tod verschiedene Orte und Menschen ihres Lebens auf, um dem einzigen Geheimnis auf den Grund zu gehen, das diese niemals gelüftet hatte: den Namen von Norahs Vater. „Für Katherine O `Dell stellte Sex nur einen von mehreren Aspekten eines übergeordneten Problems dar, das sie manchmal Liebe nannte und manchmal die Kunst, und dieses Problem kam und ging. Enthaltsamkeit war so schwierig zu ertragen wie Arbeitslosigkeit und ein Liebhaber fast so gut wie eine Rolle.“ Anders als für das Publikum, die Liebhaber, die Bekannten, den Freundeskreis, verstellte sich Katherine O`Dell für ihre Tochter nicht. Was es hieß, in den Fünfziger Jahren berühmt zu sein und ein uneheliches Kind zu haben, versucht sie sich im Nachhinein zu vergegenwärtigen. Norah beschreibt die andere Seite der Ruhmes-Medaille, Verzweiflung, Angst vor dem Altern, Alkohol, Depression. Eine wirkliche Beziehung, eine Vaterfigur fehlte allerdings, dafür beteuerte Katherine immer wieder, wie sehr sie Norah liebe, und diese wiederum. „...war gebannt. Wenn ich zuschaute fühlte ich mich auserkoren, und unendlich allein.“ Katherine O`Dells Leben war eine einzige Inszenierung, vom gefärbten Haar bis zur irischen Abstammung und ihrer Fake-Hochzeit. In diesem Wechselspiel der Rollen, öffentlichen und privaten Auftritten, den Menschen zu erkennen, das schien Norah mal besser, mal schlechter zu gelingen. Sie schlug einen vollkommen anderen Weg ein, als ihre Mutter, versuchte sich von ihr zu lösen und blieb ihr doch für immer eng verbunden. „...eine Frau, die Apfelkuchen backt, kann nur eine Heuchlerin sein. Aber ich wollte lieber nett sein, statt schrecklich - vor allem wenn es doch ohnehin auf das Gleiche hinauslief. Außerdem hatte ich nichts gegen Kuchen.“ Dieser intensive Entwicklungsroman begleitet auf den ersten 150 Seiten die Schauspielerin, um sich in der zweiten Hälfte auch der Tochter zu widmen. Es ist ein Wechselspiel der beiden, das immer flankiert wird durch Männerbeziehungen, unterschwellige Konkurrenz, Verlust- und Versagensängste sowie eine wilde, untrennbare Liebe. Norah weigert sich den ganzen Text hindurch, ihre Mutter als monströs und egoistisch darzustellen, obgleich wir Leserinnen diese Züge durchaus erkennen können. Die Anbetung und Ablehnung ihrer Mutter in Norahs Teenagerjahren schweißen die beiden nur weiter zusammen und am Ende gerät die Frage nach dem Vater, der einen Namen nicht verdient hat, vollständig in den Hintergrund. Ich mochte das Buch sehr. Es zeigt in seinen splitterhaften Episoden eine Diskrepanz zwischen distanziert-stoischem, teils lakonischem Text und verwirrendem, emotionalem Inhalt, die mir äußerst überzeugend das Ringen der Tochter um einen adäquaten Umgang mit der toten Übermutter widerspiegelt. Letztendlich hat sie sich dazu entschieden, die Scharade der Mutter weiterzuführen. „Die Leute mögen meine Bücher, auch wenn sie nicht die Wahrheit sind. Sie sind die Lüge, die ich erzählen muss, nichts passiert, oh, seht mal!“ Der Schreibstil von Anne Enright wieder einmal brillant, poetisch, berührend. Daher eine herzliche Empfehlung von meiner Seite!

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Norah erzählt die Geschichte ihrer Mutter, der berühmten irischen Schauspielerin Katherine O'Dell, die eigentlich Engländerin war. Es handelt sich um eine fiktive Schauspielerin, allerdings steht sie stellvertretend für viele europäische Filmdiven, die in den 50er und 60er Jahren zu internationalem Ruhm gelangten und es sogar bis nach Hollywood schafften. Man kann sich also sehr gut vorstellen, dass es den echten Töchtern berühmter Schauspielerinnen tatsächlich ähnlich ergangen ist. Wir tauchen in diesem Roman ein in das Künstler- und Schauspielermilieu der irischen und britischen Bohème der 1920er bis 1980er Jahre, denn bereits die Großeltern der Erzählerin waren Theaterschauspieler. Norah erzählt die Lebensgeschichte ihrer Mutter - und zunehmend auch ihre eigene - nicht chronologisch. Sie springt zwischen den Ereignissen vor und zurück und erzeugt damit den Eindruck authentischen Erinnerns. Erinnerungen sind Momentaufnahmen des Geistes und erfolgen selten in der richtigen Reihenfolge. Es ist also keine typische (fiktive) Biographie, sondern ein Memoir. Norah hadert nicht mit ihrer Vergangenheit. Ihr stoischer, fast abgeklärter Tonfall zeigt, dass sie mit sich und ihrem Leben im Reinen ist und auch mit ihrer Mutter. Sie kann sie jetzt von außen betrachten und über sie schreiben, denn Schreiben ist Norahs Beruf. In der Erzählung dann tut sich nicht nur ein tiefer Graben zwischen ihrem eigenen, zurückgenommenen Selbst und dem extrovertierten Charakter ihrer Mutter auf, sondern auch zwischen Schein und Sein des vermeintlich glamourösen Lebens als Schauspielerin. Obwohl die erzählten Dinge an sich sehr tragisch und dramatisch, manchmal auch absurd und komisch sind, bleibt zwischen Leser und Geschichte eine gewisse Distanz. Diese gefühlte Mauer hat bei mir dafür gesorgt, dass ich emotional nicht involviert war, das Erzählte eher als Zuschauer wahrgenommen habe. So wie es von Bertolt Brecht, der auch in diesem Zusammenhang im Roman genannt wird, im "Epischen Theater" vorgesehen ist. Die Distanz “zum Publikum” wird auch durch die verwendete Du-Anrede deutlich. Norah erzählt die Geschichte nicht etwa einem abstrakten Leser, sondern ihrem langjährigen Ehemann und Partner. Teil an dieser “Intimität” hat der natürliche, echte Leser somit allenfalls als Voyeur dieser Beziehung, bei der die Identität des männlichen Parts erst zum Schluss gelüftet wird. Ein erzählerischer Kniff. "Die Schauspielerin" ist daher für meine Begriffe eher ein intellektueller Roman, der den Kopf und weniger das Herz des Lesers anspricht. Aber solche Romane haben auch ihre Daseinsberechtigung. Nicht immer möchte man weinen und mitfiebern, manchmal möchte man nur zur Kenntnis nehmen und froh sein, dass man nicht in der Haut der beschriebenen Figuren steckt. Zur Sprache: Anne Enright ist eine virtuose Autorin, die nicht umsonst 2007 den renommierten Booker-Prize gewonnen hat. Ihre Ausdrücke sind glasklar, sie erzählt die ineinander verwobenen Lebensgeschichten von Mutter und Tochter lebhaft und ohne viel Aufhebens um ihre Sprachkunst zu machen. Was ich aber besonders hervorheben möchte, ist die hervorragende Übersetzung von Eva Bonné ins Deutsche. Das Buch wirkt überhaupt nicht übersetzt und das ist die große Leistung einer außergewöhnlich guten sprachlichen Übertragung.

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So, wie man es sich vorstellt, ist es auch. Das Leben und Feiern mit und bei großen Filmstars. Jedenfalls so, wie es Anne Enright in ihrem siebten Buch beschreibt. Wenn sich Ex-Diva Katherine O'Dell die Ehre gibt, ist am Dartmouth Square stets ein ständiges Kommen und Gehen angesagt. Obwohl an diesen Abenden niemand einfach so geht. "Man verabschiedete sich nicht, man schmolz dahin." Und genau so ergeht es dem Rezensenten, jenem Wurm, der sich jetzt wiederholt mit einem Werk Anne Enrights auseinandersetzen will. Auch jetzt wird es ihm nicht gelingen, weshalb es bei einem erneuten lächerlichen Versuch bleiben wird. Wie sollte man auch in der Lage sein zu erklären, weshalb ein Mutter-Tochter-Drama so überaus spannend und gehaltvoll sein kann? Ist dieser unter erbarmungslosem Flutlicht beleuchtete Familienkram nicht ebenso langweilig wie belanglos? Und dann auch auf dem unsicheren Terrain der Legenden, die sich um den Alltag prominenter Zeitgenossen ranken? Mitnichten. Es ist, wie immer, die Art und Weise, wie die irische Schriftstellerin dieses Leben neben der Bühne erzählt. Nicht so banal, wie der Klappentext suggeriert, denn "frappierend ehrlich und augenzwinkernd" könnte sich auch auf das eine oder andere Heftchen einer Bahnhofslektüre beziehen. Das ganze Ausmaß ihrer Kunst offenbart sich in völlig anderen Dimensionen. Nach Hilfe und Worten suchend bleibt einem nichts anderes übrig, als nach Originalzitaten zu greifen, statt sich in indirektuellen Lobeshymnen zu verlieren. Filmproduzent Boyd O'Neill, dem Katherine später mittels einer Waffe aus der Requisite ein besonders Andenken hinterlässt, steht mit erhobenem Kopf vor einer mit blauem Damast tapezierten Wohnzimmerwand: "In dieser Pose sah er aus wie ein jahrhundertealtes Gemälde, im Gesicht die Gleichgültigkeit mächtiger, ermüdeter Männer." Und so macht sie uns mit Personen bekannt, indem sie deren Charaktere aus zahllosen Bildern zusammensetzt, um sie damit, mit elegant weit ausholender Geste, regelrecht "vorzuführen". Ihre Möglichkeiten multipliziert sie in der Darstellung der Beziehung von Mutter und Tochter, in der Ambivalenz von Erbarmungslosigkeit und Pracht, gleich mehrfach und ebenso ausführlich. Das führt bis zu den Großeltern zurück, jenen umherziehenden Theaterleuten, und dramatisiert sich in Kindheit und Jugend ihrer Mutter. Trotz aller Wortkunst kann es aber mitunter etwas spröde werden, wenn man sich im wiedergekäuten Kaleidoskop komplizierter Befindlichkeiten der Protagonisten manchmal nicht mehr auskennt. Das kann Sexualität zum Abgewöhnen sein, die der unbekannten Ehefrau ihres Vaters unterstellte schlechte Behandlung eines Hundes und ähnliche Nebensächlichkeiten, oder eine gar seltsame Metaphorik: "Der Klang seiner Stimme war wie eine Weißdornhecke am Wegesrand..." Die Auseinandersetzung mit dem Scheinleben der Mutter, die nur auf der Bühne und vor der Kamera brillierte, der vergeblichen Suche nach dem Vater und das mühsame Aufbauen der eigenen Existenz sind ein tiefsinniges und doch seltsam nüchternes Abenteuer. Wenn nur diese ewige Ambivalenz nicht wäre: "Die Tage sind hinreichend öde, nicht aber die Jahre, und die Jahrzehnte sind ein Wunder." Das Leben nach der Vorstellung. Wenn nach Filmaufnahmen das Licht ausgeht. Die Rückkehr in eine Normalität, die es vielleicht nie gegeben hat. Auch damals, zu Zeiten jener Wanderbühnen nicht. Was kann Norah mitnehmen? Ziemlich viel und wenn es nur jene Gabe ist, richtig zu blinzeln. So, wie ihre Mutter es ihr einst beibrachte: "Denk an Kirschblüten, die im Wind davonwehen."

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Mein Leseeindruck: Wieder habe ich zu einem Buch von Anne Enright gegriffen, da mich ihr Bestseller *Das Familientreffen* total begeistert hatte. Zusätzlich hat mich die Thematik einer Mutter-Tochter Beziehung angelockt. Ich bin sehr gut in den Fluss dieser Erzählung hineingekommen, obwohl ich etwas enttäuscht darüber war, dass es keine autobiografische Erzählung ihrer eigenen Mutter-Tochter Beziehung war. Alles was in diesem Buch zu erlesen ist, besteht angeblich aus einer Fiktion dieser Thematik, wobei ich das trotz allem nicht ganz glauben kann. Eigene Erfahrungen treiben bei Autoren*innen oft ganz unterschwellig in solchen Fiktionen dahin, unbemerkt, still und leise. Norah, die Tochter der berühmten irischen Schauspielerin Katherine O’Dell,beobachtet ihre Mutter, wertet deren Leben, wägt ab zwischen Liebe, Sympathie - aber auch zwischen Nichtverstehen, Ablehnung ja sogar fast Hassgefühlen. Ihre Mutter Katherine feierte grosse Erfolge in den Nachkriegsjahren in England , Irland und sogar in Hollywood. Eine solche Kindheit in diesem Umfeld ist für mich schwer vorstellbar, doch Anne Enright schafft es mit ihrer brillanten Schreibweise und Erzählkunst diese Erfahrung zu vermitteln. Auf der Höhe ihrer Schauspielkarriere in Hollywood bekommt Katherine ein uneheliches Kind, die kleine Norah. Sie kehrt mit ihr nach England zurück, verzichtet auf Ruhm und Anerkennung zugunsten des Kindes. Über die Vaterschaft verliert sie auch gegenüber ihrer Tochter später nie ein Wort. Es bleibt ein Geheimnis. Norah wächst im Irland der 1970er Jahre auf, entwickelt sich zu einer selbstbewussten, feministischen jungen Frau, während ihre Mutter ihrem ehemaligen Ruhm und früheren Erfolgen hinterher trauert und in Depressionen verfällt. Auf der Suche nach ihren Wurzeln entdeckt Norah ihr unbekannte Seiten der Mutter und begegnet allen früheren Geschehnissen kaum wertend und mit viel Verständnis und Liebe. Die Autorin lässt durch Norah's Sichtweise sehr viele andere Personen und Charaktere in die Geschichte einfliessen. Ich hatte oft Schwierigkeiten all diese bunten Protagonisten auseinander zu halten und wieder zu erkennen nach einigen Kapiteln und Lebenszeiten. Es waren mir oft einfach zu viele Personen und Lebens-Schicksale, die nur kurz angekratzt wurden. Ich war manchmal verwirrt, musste nachschlagen oder einige Seiten öfter nachlesen. Das hat meinem Lesefluss- und Verständnis leider nicht so gut getan. Trotz dieses Kritikpunktes hat mich der faszinierende und nie langweilige Schreibstil der Autorin immer wieder begeistert und auch gefordert! Meine Bewertung: VIER **** Sterne für dieses eindrucksvolle Werk der Autorin! Herzlichen Dank an die Autorin und den Penguin Verlag für dieses schöne, gebundene Rezensionsexemplar!

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Familiengeschichten sind das grosse Thema der irischen Autorin Anne Enright, die für ihren Roman „The Gathering“ (deutscher Titel „Das Familientreffen“) 2007 mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. In ihrem neuen Roman „Die Schauspielerin“ geht es um eine Mutter-Tochter-Beziehung, es ist die (fiktive) Biografie eines aufgehenden und früh verblassenden Stars im Geflecht der Machtstrukturen von Film und Bühne… Eindringlich schildert die Autorin den Werdegang der egomanischen Schauspielerin Katherine O’Dell, von ihren Anfängen auf der Bühne, ihren Weg zum Erfolg in Hollywoods Filmgeschäft, bis hin zum Abstieg – feinfühlig erzählt, teilweise mit viel Humor und einer köstlich-bösen Bissigkeit (etwa die Anekdote, in der Katherine als Ikone in einem Werbespot für irische Butter brilliert…). Die politischen Verhältnisse Irlands werden angerissen, aber nicht weiter vertieft. Dazu interessante Nebenfiguren, die das ganze Leben dieser beiden so unterschiedlichen Frauen begleiten, wie etwa die Haushälterin Kitty oder ein Priester, der neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit auch als Psychotherapeut und Liebhaber der Diva fungiert – zum Lebensende sogar ihre Beisetzung gestaltet. Gegen Ende dieses Romans verlässt Enright den Erzählstrang, die Geschichte wird mehr und mehr zu einer Collage der Gedanken von Mutter und Tochter. Einblicke ins Innenleben beider Protagonistinnen erhält man von Anbeginn, der Leser hat nie das Gefühl, einer Fiktion – die Figuren sind plastisch und real erzählt, als hätte es die grosse Katherine O’Dell tatsächlich gegeben. Das erzählte Leben von Mutter und Tochter lässt nichts aus – Sex, Medikamentensucht, Ruhm, Vergewaltigung, und Abhängigkeiten jeglicher Art – ohne jemals plakativ zu wirken. Und nach einem letzten verwirrten Lebensabschnitt in der Psychiatrie dann ein früher Tod mit 58 Jahren. Das Leben für sich und die Tochter – eine einzige Inszenierung. Ein mehr oder weniger glückloses Leben und die Beantwortung zumindest einer der beiden dringlichen Fragen, die das ganze Buch durchziehen: Wer ist der Vater von Norah, der Ich-Erzählerin? Und warum hat Katherine auf den Produzenten Boyd O’Neill geschossen? Die Romane von Anne Enright sind immer wieder eine grosse Freude, man taucht ein und saugt sich fest. Wunderbar.

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Die scheinbar offensichtliche Antwort lautet: Sie war einst Irlands bekannteste Schauspielerin und verzauberte die Massen mit ihrem charmanten Akzent und ihrem liebreizenden Auftreten. Doch da verbirgt sich schon die erste Falltür, durch die der unbedarfte Leser stolpert – denn diese irische Volksheldin wurde als Katherine Anne FitzMaurice in England geboren und ist im Grunde so irisch wie Yorkshire Tea. Sie hatte ihr Schauspieldebüt im Alter von zehn Jahren noch unter ihrem Mädchennamen ‘Odell’, änderte das später jedoch etwa zur gleichen Zeit in ‘O’Dell’, als sie sich die Haare rot färbte und das fortan als ihre natürliche Haarfarbe ausgab. Ihre Tochter Norah nennt sie einmal eine ‘begabte Hochstaplerin’. Tatsächlich ist die vorgetäuschte irische Herkunft nur der Beginn einer Karriere, die Katherines Leben zunehmend verzehrt und verzerrt. Bis ins Privatleben zieht sich die stetige Maskerade, so dass Katherine irgendwann selber nicht mehr weiß, was wirklich passiert ist und was sie sich nur als filmtauglichen Teil ihrer Legende zurechtfabuliert hat. Norahs Erinnerungen zerstören die Hochglanz-Illusion und zeigen überdeutlich, was der Ruhm ihre Mutter kostete. Privatleben. Familie. Echte, bedeutsame Beziehungen. Katherine opfert alles dem Moloch Hollywood, bis sie scheinbar den Verstand verliert und auf einen Produzenten schießt. “Die Leute fragen mich: »Wie war sie?«, und ich versuche zu verstehen, was genau sie damit meinen. Wie war sie als normaler Mensch, wenn sie Pantoffeln trug und Marmeladentoast aß? Als Mutter, als Schauspielerin? – das Wort »Star« verwenden wir nicht. Die meisten Leute wollen wissen, wie sie war, bevor sie verrückt wurde, gerade so, als könnte auch ihre eigene Mutter über Nacht schlecht werden wie eine Flasche Milch, die nicht in den Kühlschrank zurückgestellt wurde.” (Zitat) Die Leere hinter der Nahaufnahme: Anne Enright zeigt in bestechender Klarheit die Probleme, mit denen eine erfolgreiche Frau wie Katherine zu einer Zeit zu kämpfen hatte, als Emanzipation (nicht nur in der Filmbranche) noch ein Fremdwort war. Doch sie lässt den Leser auch teilhaben an der trügerischen Magie des Rampenlichts, der Faszination des Films, dem Zauber der Verwandlung. Nicht weniger intensiv richtet sie das Augenmerk auf die schwierige Beziehung zwischen Katherine und Norah, die notgedrungen immer nur im Schatten ihrer Mutter stand: als Vertraute, Gehilfin, Therapeutin, Requisite, doch nie wirklich als Tochter. Sie betrachtet sich gleichzeitig als das große Glück ihrer Mutter – und die Ursache für deren Ruin. Im Alter von Ende 50 resümiert Norah das Leben ihrer Mutter, weil eine Journalistin für eine Doktorarbeit über Katherine um Auskunft bat. Aber es dauert nicht lange, bis die Bonmots, die kleinen Dramen und die Charakterstudien im inneren Monolog zum Selbstläufer werden, denn Norah hat vieles nie wirklich aufgearbeitet und sich schon ihr ganzes Leben lang entwurzelt gefühlt – besonders weil Katherine ihr die Identität ihres Vaters nie verraten hat. Nun recherchiert sie, besucht Katherines Geburtshaus, durchwühlt den Bodenschlamm ihrer Erinnerung auf der Suche nach echter Substanz. Aus der Anfrage der Journalistin wird ein später Versuch Norahs, sich von ihrer überlebensgroßen Mutter zu befreien. Anne Enright hat ein feines Gespür für Nuancen und Nichtausgesprochenes – Ambivalenz ist ein ständig mitschwingender Unterton. Sie zeichnet ihre Charaktere subtil und ungemein komplex, der Star ist jedoch immer Katherine – selbst nach ihrem Sturz aus dem Götterhimmel, als verbrauchte Frau mit Hang zu Alkohol und Opiaten. Das Buch wird nicht chronologisch erzählt; der Leser muss sich die Geschichte aus vielen kleinen Episoden zusammensetzen. So nach und nach kann man die verschiedenen Charaktere zuordnen und bekommt ein Gespür für die unterschwelligen Spannungen, die Machtstrukturen und die Dynamiken, die Katherines Leben und damit auch Norahs beherrschen. Das ist erst anstrengend, aber je länger man liest, desto schwerer kann man sich davon lösen – es entwickelt seine ganz eigene Spannung. Der Schreibstil trägt viel dazu bei, das das funktioniert. Anne Enright findet wundervolle, starke Formulierungen, viele ihrer Sätze sind zugleich prägnant und poetisch. Sie zeichnet ihre Schauplätze sehr bildlich, die Atmosphäre ist dicht, viele Nebencharaktere werden aufs Wesentliche reduziert und sind so schnell zu erfassen. Durch die Zeitsprünge und die verschiedenen im Fokus stehenden Personen wirkte das Buch auf mich wie ein Theaterstück mit häufigen Kostüm- und Szenenwechseln. Sehr passend und gelungen für einen Roman über eine (fiktive) Schauspielerin! Fazit: Romanschriftstellerin Norah O’Dell wird von einer Journalistin um Informationen zum Leben ihrer berühmten Mutter gebeten: Katherine O’Dell, Irlands vergöttertste Schauspielerin, die ihre Karriere mit einem Schlag beendete, indem sie auf einen Produzenten schoss. Norah springt gedanklich von Episode zu Episode und lässt das Leben ihrer Mutter sowie das schwierige Verhältnis zu ihr Revue passieren. Obwohl sie selber schon Ende 50 ist und mehrere Kinder großgezogen hat, konnte sie sich nie lösen von ihrer Mutter, die emotional nur wenig zu geben hatte – oder von der Frage, wer ihr Vater war. Anne Enright schreibt das in einem wunderbaren, ausdrucksstarken Stil, der nicht verkitscht und weder zu viel noch zu wenig verrät. Es bleiben einige Fragen offen, aber meines Erachtens tut das dem Roman keinen Abbruch – der Weg ist hier das Ziel, und die Einblicke in diese ganz besondere Mutter-Tochter-Dynamik sind faszinierend.

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