SPECIAL zu Lisa See

Zwei Schwestern, zwei Kulturen

Rezension von Holger Sweers

„Wie oft hören wir, die Geschichten von Frauen seien unwichtig? Wen interessiere es schon, was im Wohnzimmer, in der Küche oder im Schlafzimmer passiert? Wen kümmert die Beziehung zwischen Mutter, Tochter und Schwester?“

Lebensreise zweier Schwestern
Lisa See erzählt Geschichte und Geschichten vor allem aus der Sicht von Frauen. Schließlich sind es meist sie, die unmittelbar erleben, was später in den Geschichtsbüchern verzeichnet wird – und das sind nur allzu oft Krisen, Kriege und Gewalt. In Töchter aus Shanghai zeichnet die in Los Angeles lebende Autorin irisch-chinesischer Abstammung den Lebensweg zweier Schwestern nach – und mit ihm ein halbes Jahrhundert radikaler Umwälzungen im „Reich der Mitte“. Vor dem Hintergrund des japanischen Überfalls auf die Chinesische Republik, des Zweiten Weltkriegs und schließlich der Politik Mao Zedongs verfolgt der Leser, wie sich die Ich-Erzählerin Pearl und ihre jüngere Schwester May durchs Leben schlagen, nachdem ihre sorgenfreie Jugend ein jähes Ende gefunden hat und sie nur knapp in die Vereinigten Staaten entkommen konnten.

Süßer Vogel Jugend
Rückblende: Pearl und May genießen ihr Leben – das Shanghai der 1930er-Jahre ist eine Weltstadt mit internationalem Flair, und um Geld müssen sich die beiden keine Gedanken machen. Als Mitglieder der chinesischen Bourgeoisie, der bu-er-ch'iao-ya, pflegen sie einen westlichen Lebensstil, verwenden äußerste Sorgfalt auf ihre elegante Garderobe, sitzen Modell für Reklamebilder und Kalender, gehen ins Kino und träumen von der großen Liebe. Sie sind Schwestern und beste Freundinnen, doch auch Konkurrentinnen um Aufmerksamkeit und Liebe: die gebildete Pearl, deren Haut zu ihrem großen Kummer nicht perlweiß ist, und May, ihre bildschöne jüngere Schwester, der alle Herzen zufliegen.
Doch ihr Mädchenglück ist nicht von Dauer: Während sich am Horizont bereits drohend die japanische Aggression abzeichnet, teilt ihr Vater den beiden mit, dass er sie verheiratet habe.

Flucht und Neuanfang
Ihr geliebter „Baba“ hat das gesamte Vermögen der Familie verspielt. Rettung sollen nun chinesische Ehemänner aus den USA bringen. Notgedrungen willigen Pearl und May ein, denken aber gar nicht daran, nach Los Angeles zu gehen – bis ihre Männer nach dem japanischen Angriff auf China plötzlich ihre einzige Chance sind, außer Landes zu kommen. Nach einer strapaziösen Flucht, auf der die Schwestern und ihre Mutter japanischen Soldaten in die Hände fallen (was die Mutter nicht überlebt und Pearl für ihr Leben traumatisiert), erreichen sie schließlich das rettende Schiff – und finden sich nach der Ankunft in New York im Aufnahmelager Ellis Island wieder, das sie monatelang nicht verlassen dürfen. Die Lagertore öffnen sich für sie erst, als ihre konstruierten und auswendig gelernten Identitätslegenden keine Widersprüche mehr aufweisen – und als Mays Tochter Joy geboren ist, die Pearl allerdings als ihr Kind ausgeben muss. Kaum in Freiheit, zeigt sich, was ihr Schwiegervater, das Oberhaupt ihrer neuen Familie, vor allem von ihnen erwartet: harte Arbeit und Enkelsöhne.

Zwei Wege, eine Geschichte
Die Schwestern gehen fortan ihren eigenen Weg, immer stärker auch in Abgrenzung voneinander und in Konkurrenz um die kleine Joy. May, die wagemutigere, amerikanisiert sich gewissermaßen selbst und fasst Fuß in Hollywood, während Pearl sich nur langsam in der Kulissenwelt der Restaurants und Geschäfte von China City hocharbeitet und zwischen beiden Kulturen schwankt. Doch bei allen Unterschieden und allen Verletzungen, die sie sich auch gegenseitig zufügen, bleiben sie verbunden durch eine tiefe geschwisterliche Liebe, ihre „geteilte“ Tochter und ihr gemeinsames Schicksal als Chinesinnen in einem Land, das ihnen mit Ablehnung und Misstrauen begegnet.
Am Ende des Buches – der Erzählrahmen reicht bis zum Jahr 1957 – zeichnet sich schon die Geschichte der Frauen aus der nächsten Generation ab: Die von Mao und dem kommunistischen China begeisterte Joy bricht in das Land ihrer Mütter auf, um ihre Wurzeln zu suchen, und Pearl findet endlich den Mut, China City zu verlassen und ihr zu folgen.

Streiterin für das Bewahren der Erinnerung
Die Bestseller-Autorin Lisa See – ihr historischer Roman „Der Seidenfächer“ wurde in 36 Sprachen übersetzt – versteht es meisterhaft, sorgfältig recherchierte Einzelheiten und Erinnerungen aus unterschiedlichsten Quellen zu kombinieren und in glaubwürdige, lebendige Figuren und Geschichten zu gießen. Töchter aus Shanghai liest sich wie ein raffiniert erzählendes Tagebuch und lässt den Leser hautnah heran an die Protagonistinnen. Doch Sees Roman bietet noch mehr: Er ermöglicht uns nicht zuletzt einen kleinen, aber authentischen Einblick in eine jahrtausendealte Kultur – die Kultur der aufsteigenden Supermacht China.

Holger Sweers
(Literaturtest)
Berlin, Oktober 2009

Töchter aus Shanghai

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