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Lisa Unger - Der Fluch der Wahrheit

SPECIAL zu Lisa Unger

Die Büchse der Pandora

Rezension von Bianca Reineke

Manche Geheimnisse bleiben besser für immer verborgen. Schließlich liegen sie nicht ohne Grund seit Jahrzehnten in Kisten versteckt und unter Gedächtnisschutt begraben. Wie beruhigend, wenn man sie nur mit wenigen geteilt hat und die Erinnerungen aller Beteiligten allmählich Staub ansetzen.

Wenn die eigene Familie die Vergangenheit totschweigt, nicht einmal Fotos existieren und Nachfragen mit an den Haaren herbei gezogenen Erklärungen beantwortet werden, wird man misstrauisch. Entweder man findet sich mit den fadenscheinigen Antworten der Eltern ab - und sei es nur, um des harmonischen Familienfriedens willen - oder man schürft tiefer, auch auf die Gefahr hin, dass die Wahrheiten, die man ans Licht zerrt, äußerst schmerzhaft sind.

Ein Wimpernschlag verändert das Leben
Die US-Amerikanerin Lisa Unger, die viele Jahre im Verlagswesen gearbeitet hat und mit „Das Gift der Lüge“ ein fulminantes Debüt als Thrillerautorin lieferte, widmet sich mit eiskalter Präzision genau dieser Thematik und lässt ihre Heldin Ridley Jones am eigenen Leib bitter erfahren, wie viel Leid mutwillig gelüftete Geheimnisse verursachen können.

Ein Wimpernschlag nur, eine einzige Sekunde verändert das Leben der jungen New Yorker Journalistin und stellt ihre gesamte Existenz in Frage, als sie erfahren muss, dass Mum und Dad nicht ihre leiblichen Eltern sind, sondern ihr verstorbener Onkel Max und eine ermordete Unbekannte. In „Das Gift der Lüge“ dringt Ridley, getrieben von einer hartnäckigen Neugier, immer tiefer in die dubiosen Umstände ihrer Adoption vor. Am Ende des Buches ist die mutige junge Frau immer noch verzweifelt auf der Suche nach sich selbst, denn ihre wahre Herkunft verliert sich weiterhin im Dunkeln.

Auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit
In „Der Fluch der Wahrheit“ begleitet der Leser Ridley Jones auf ihrem Weg durch ihr neues Leben, in dem sie sich ihrer Vergangenheit zu stellen versucht und dabei immer tiefer in Gefahr gerät. Denn ihr geliebter Onkel Max Smiley, der sich als ihr leiblicher Vater entpuppt hat, scheint seinen Unfalltod lediglich vorgetäuscht zu haben.

Aufgeschreckt von dieser Vermutung lässt Ridley ihren Alltag hinter sich und beginnt Nachforschungen über das Leben ihres leiblichen Vaters anzustellen. Die Erkenntnisse, die sie dabei gewinnt, erfüllen sie mit Entsetzen: Der erfolgreiche Bauunternehmer Max Smiley, der mit seinem Charme und seinem Vermögen die New Yorker High Society beeindruckte, entpuppt sich als brutaler und skrupelloser Verbrecher, der offensichtlich auch Kontakte zum weltumspannenden Netz der Mafia unterhielt.

Waren schon die Umstände ihrer Adoption eher fragwürdig und hart am Rande der Legalität, konnten sich Ridley und ihre Adoptiveltern doch immer noch einreden, dass all das nur zum Wohle eines unschuldigen Kindes geschehen war. Was Ridley jetzt aufdeckt, entbehrt jedoch jeglicher Moral und kann nur als abscheuliches Verbrechen bezeichnet werden.

Ridleys Adoptiveltern, die ihre gutbürgerliche Vorstadtidylle pflegen und bis zum Äußersten verteidigen, erteilen den Vermutungen ihrer Tochter eine entschiedene Abfuhr. Stattdessen begeben sie sich auf eine lange Kreuzfahrt, um sich den bohrenden Fragen Ridleys nicht stellen zu müssen.

Ein Strudel aus Hass und Rache
Diese stochert immer weiter in der Vergangenheit ihres leiblichen Vaters, gerät dabei unversehens in einen tödlichen Strudel aus mörderischem Hass und blutiger Rache. Als sich das FBI Hilfe suchend an die junge Journalistin wendet und Fotos auftauchen, die mutmaßlich einen immer noch lebenden Max zeigen, wird Ridley zum hilflosen Spielball der konkurrierenden Parteien, die Max endlich zur Strecke bringen wollen. Denn nicht alle, die den Untergetauchten jagen, haben ehrenhafte Motive. Als Ridley Zeugin eines Mordes wird und selbst schwer verletzt wird, erkennt sie nicht nur das wahre Ausmaß der Verbrechen ihres Vaters, sondern auch, dass sie als Köder missbraucht werden soll.

Es beginnt eine rastlose Verfolgungsjagd durch die halbe Welt, in der sich das organisierte Verbrechen, die Polizei und die Geheimdienste schier überschlagen, um Max zur Strecke zu bringen. Die junge Ridley wird von den sich rasant entwickelnden Ereignissen mitgerissen und wächst dabei über sich hinaus. Sie entwickelt ungeheure psychische und physische Kräfte und entpuppt sich so als echte Tochter ihres mächtigen Vaters. Doch unter der harten Schale, die Ridley die Kraft zum Durchhalten gibt, steckt das unsichere und zutiefst verletzte Mädchen, das endlich seinen Vater treffen und zur Rede stellen will.

Zu viele Tote und zu wenige Antworten
Als Ridley Jones dann dem Mann gegenüber steht, der all ihr Leiden, ihre Ungewissheit und ihre Angst verursacht hat, handelt sie ganz anders, als sie es sich ausgemalt hatte. Am Ende von „Der Fluch der Wahrheit“ gibt es zwar auch Sieger, doch einen Triumph feiert keiner. Auf dem Weg zur Wahrheit mussten zu viele Menschen ihr Leben lassen oder zumindest ihre Integrität opfern; viele Träume wurden zerstört - und noch mehr Lügen erzählt.

Ridley Jones findet ihren Vater, sie findet wieder Liebe und Geborgenheit und schließlich auch zu sich selbst, aber sie steht dennoch auf der Verliererseite. Sie verliert ihre Unbeschwertheit, ihre Sicherheit und ihren Frieden, denn das Ende ist erst der Anfang: die Macht des Max Smiley scheint für ewig ungebrochen zu sein …

Ein Thriller voller Tempo und Action
Lisa Unger hat mit „Der Fluch der Wahrheit“ einen ungeheuer schnellen, atemberaubend spannenden und lebendigen Thriller geschrieben, der um so faszinierender ist, als die Hauptfigur eine ganz normale Frau aus unserer Mitte zu sein scheint, die plötzlich entdecken muss, dass ihr bisheriges Leben eine Lüge war. Die gefährliche und rasante Verfolgungsjagd wird zur Zerreißprobe, die der jungen Frau alles abverlangt und sie auf Augenhöhe mit brutalen Verbrechern, gnadenlosen Killern und ehrgeizigen Polizisten bringt. Wie sich Ridley Jones gegen diese Gestalten behauptet, das ist Actionliteratur vom Feinsten.

Lisa Unger schreibt bereits am dritten Buch um Ridley Jones. Fast möchte man die sympathische Heldin bedauern, der von der Autorin so viel zugemutet wird. Aber dann überwiegt der Egoismus des Lesers, der jetzt schon der Fortsetzung entgegenfiebert.

Bianca Reineke
Cuxhaven, Februar 2008