Dieses Buch wird Ihnen das Herz brechen und es anschließend wieder heilen ...

Für Avery hat das Leben keine Geheimnisse. Bis sie auf May trifft. Die 90-Jährige erkennt ihr Libellenarmband, ein Erbstück, und besitzt auch ein Foto von Averys Großmutter. Was hat diese Frau mit ihrer Familie zu tun? Bald stößt Avery auf ein Geheimnis, das sie zurück in ein dunkles Kapitel der Geschichte führt … Memphis, 1939: Die junge Rill lebt mit ihren Eltern und Geschwistern in einem Hausboot auf dem Mississippi. Als die Kinder eines Tages allein sind, werden sie in ein Waisenhaus verschleppt. Rill hat ihren Eltern versprochen, auf ihre Geschwister aufzupassen. Ein Versprechen, das sie nicht brechen will, ihr aber mehr abverlangt, als sie geben kann …

Eine bewegende Familiensaga über das kraftvolle Band, das Geschwister verbindet, über verborgene Geheimnisse und ihre heilende Wirkung …

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Viele begeisterte Leserinnen!

„Ein bewegender und emotionaler Roman über Geschwister, Familie oder einfach über Gut und Böse.“ - Maria R.

„Das Buch basiert auf wahren Begebenheiten, was mich umso mehr in die Geschichte hat eintauchen lassen! Unfassbar, und von der Autorin so gefühlvoll aufgegriffen!“ - Sabine M.


„Ich bin immer noch ergriffen – was für ein wundervolles Buch!“ - Helena A.


„Der Roman hat mich tief berührt und in seinen Bann gezogen. Gerade der wahre Hintergrund lässt einen erstarrt zurück.“ Steffi L.


„Ein Buch, das man auch gerne an seine beste Freundin oder Schwester verschenkt oder empfiehlt.“ Andrea H.


Weitere Leserstimmen sind auf der Titelseite zu finden: Leserstimmen zu Libellenschwestern


Mehr Informationen zu den Hintergründen der Geschichte sind hier zu finden: www.blanvalet.de/wingate

Leseprobe

PROLOG

Baltimore, Maryland

3. AUGUST 1939


Meine Geschichte beginnt an einem schwülheißen Augustabend, an einem Ort, den ich niemals mit eigenen Augen sehen werde. Der Raum existiert lediglich in meiner Fantasie. Meistens ist er groß, die Wände sind weiß und sauber, die Bettwäsche frisch und gestärkt. Das Privatzimmer ist mit allem ausgestattet, was das Herz begehrt. Draußen geht eine träge Brise, und das rhythmische Zirpen der Zikaden dringt aus den hohen, schlanken Bäumen, deren Blattwerk das perfekte Versteck bietet. Die Fliegengitter wölben sich im Luftzug des Deckenventilators, der träge durch die feuchte, schwere Luft schneidet.
Der Geruch von Kiefernnadeln weht herein, und die Schreie der Frau hallen durch den Raum, während die Schwestern sie krampfhaft festhalten. Schweiß glänzt auf ihrer Haut, läuft ihr übers Gesicht, über Arme und Beine. Sie wäre entsetzt, wenn sie sich so sehen könnte.
Sie ist hübsch. Eine sanftmütige, zarte Seele, die niemals absichtlich irgendetwas tun würde, um diese Katastrophe heraufzubeschwören, die in diesem Moment ihren Lauf zu nehmen beginnt. Während meines langen Lebens habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen in aller Regel nur ihr Bestes versuchen. Anderen Kränkung und Schmerz zuzufügen, ist für die meisten kein bewusster Akt, sondern lediglich ein unerfreuliches Nebenprodukt des Überlebens.
Nichts von dem, was nach diesem letzten, erbarmungslosen Pressen geschieht, ist ihre Schuld. Ein letztes Mal, und dann ist es da – das Kind und zugleich das Schlimmste, was passieren konnte. Ein regloser Körper, winzig, blond, ein Mädchen mit einem hübschen Puppengesichtchen, aber blau angelaufen und still.
Die Frau ahnt nichts vom Schicksal ihrer neugeborenen Tochter, oder, falls doch, wird die Erinnerung an diesen Tag mit Hilfe der Medikamente zu einem diffusen Nebel verblassen. Schließlich erschlafft sie, ergibt sich dem Schlaf, eingelullt von Morphium und Scopolamin, die man ihr gegen die Schmerzen verabreicht hat.
»Es ist immer so traurig, wenn das passiert«, sagen die Schwestern mitfühlend, während der Arzt die Wunde vernäht und sie alles sauber machen. »Eigentlich darf ein Leben nicht enden, noch bevor es überhaupt angefangen hat«, sagen sie, und »Manchmal fragt man sich wirklich … warum … wenn sich Menschen so sehnlich ein Kind wünschen.«
Ein Schleier senkt sich herab. Winzige Augen umwölken sich. Augen, die niemals sehen werden.
Die Frau kann zwar hören, was sie sagen, doch die Worte ergeben keinen Sinn. Alles um sie herum verschwimmt. Es ist, als würde sie sich gegen die Wellen stemmen, doch das Wasser zerrinnt zwischen ihren Fingern, deshalb gibt sie irgendwann auf und lässt sich forttragen.
Ein Mann wartet. Vielleicht ist er draußen auf dem Flur. Er ist ruhig, würdevoll. Nicht an Hilflosigkeit gewöhnt. Eigentlich hätte er heute Großvater werden sollen.
Vorfreude ist in abgrundtiefen Kummer und Schmerz umgeschlagen.
»Es tut mir unendlich leid, Sir«, sagt der Arzt, als er aus dem Zimmer tritt. »Ich kann Ihnen nur versichern, dass wir alles Menschenmögliche getan haben, um Ihrer Tochter die Wehen erträglich zu machen und das Kind zu retten. Mir ist bewusst, wie schwierig das alles für Sie ist. Bitte drücken Sie dem Kindsvater mein aufrichtiges Beileid aus, wenn Sie ihn in Übersee erreichen. Nach all den Enttäuschungen hat sich Ihre Familie gewiss diesmal große Hoffnungen gemacht.«
»Wird sie weitere Kinder bekommen können?«
»Davon würde ich abraten.«
»Das wird sie umbringen. Und ihre Mutter ebenfalls, wenn sie es erfährt. Christine ist unser einziges Kind, müssen Sie wissen. Das Trippeln winziger Füßchen … das Heranwachsen der nächsten Generation …«
»Ich verstehe Sie vollkommen, Sir.«
»Wie sieht es mit den Risiken aus, falls sie …«
»Ihr Leben wäre gefährdet. Es ist absolut unwahrscheinlich, dass Ihre Tochter ein weiteres Kind bis zum Ende der Schwangerschaft austragen könnte. Falls sie es versuchen sollte, würde sie wohl …«
»Ich verstehe.«
Der Arzt legt dem zutiefst betrübten Mann tröstend die Hand auf den Arm. Zumindest male ich es mir so aus. Ihre Blicke begegnen sich.
Der Arzt blickt über seine Schulter, um sicherzugehen, dass die Schwestern ihn nicht hören können. »Dürfte ich Ihnen ei-nen Vorschlag machen, Sir?«, fragt er mit leiser, ernster Stimme. »Es gibt da eine Frau in Memphis …«

KAPITEL 1

Avery Stafford

AIKEN, SOUTH CAROLINA, HEUTE


Ich hole tief Luft, rutsche vor an die Kante und streiche meine Jacke glatt, als die Limousine auf dem brüllend heißen Asphalt zum Stehen kommt. Übertragungswagen verschiedener Nachrichtensender säumen den Straßenrand, was zeigt, wie wichtig dieser scheinbar harmlose Termin in Wahrheit ist.
Keine einzige Sekunde an diesem Tag ist dem Zufall überlassen. Während der letzten beiden Monate ging es in South Carolina ausschließlich darum, an den Nuancen zu feilen – dafür zu sorgen, dass sich alles ausschließlich im Bereich von Andeutungen und Hinweisen bewegt.
Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für klare Ansagen.
Noch nicht.
Und wenn es nach mir geht, wird sich daran so schnell nichts ändern.
Ich wünschte, ich könnte einfach vergessen, weshalb ich nach Hause zurückgekehrt bin, doch allein die Tatsache, dass mein Vater weder seine eigenen Notizen noch das Briefing seiner überkorrekten PR-Beraterin Leslie durchgeht, lässt keine Zweifel aufkommen: Der Feind, der uns begleitet, lässt sich nicht ignorieren. Er ist da, auf dem Rücksitz, in dem dunkelgrauen Maßanzug, der eine Spur zu locker um die breiten Schultern meines Vaters sitzt.
Daddy hat den Kopf zur Seite geneigt und blickt aus dem Fenster. Seine Helfer und Leslie hat er in den zweiten Wagen verbannt.
»Geht’s dir gut?«, frage ich und zupfe ein langes blondes Haar – meins – vom Sitz, damit es beim Aussteigen nicht an seiner Hose kleben bleibt. Meine Mutter würde jetzt eine Mini-Fusselbürste zücken, aber sie ist zu Hause, um das zweite große Ereignis dieses Tages vorzubereiten – ein Familienweihnachtsfoto, das sicherheitshalber schon jetzt, Monate vor dem Fest, aufgenommen werden muss … falls Daddys Zustand sich verschlechtern sollte.
Er setzt sich ein wenig auf und hebt den Kopf. Sein graues Haar ist statisch aufgeladen und steht ab. Ich unterdrücke den Impuls, die Hand auszustrecken und es glatt zu streichen. Es wäre ein grober Verstoß gegen das Protokoll.
Im Gegensatz zu meiner Mutter – der Herrin über die kleinen, aber unerlässlichen Details unseres Lebens, wie ein Weihnachtsfoto im Juli oder eine Fusselbürste in der Hand­tasche – ist mein Vater distanziert, eine einsame Insel aufrechter Männlichkeit in einem Haushalt voller Frauen. Ich weiß, dass ihm meine Mutter, meine beiden Schwestern und ich sehr am Herzen liegen, doch er verleiht seiner Zuneigung nur sehr selten Ausdruck. Ich weiß auch, dass ich zwar sein heimliches Lieblingskind bin, ihn gleichzeitig jedoch am meisten durcheinanderbringe. Mein Vater stammt aus einer Ära, in der Frauen sich lediglich für einen höheren Bildungsabschluss entschieden haben, um auf dem College möglichst schnell einen Ehemann zu finden und eine Familie zu gründen, deshalb weiß er nie so recht, was er von einer dreißigjährigen Tochter halten soll, die ihr Jurastudium an der Columbia Law als Jahrgangsbeste abgeschlossen hat und die sichtlich Spaß daran hat, im U.S. Attorney’s Office zu arbeiten, wo es bekanntermaßen nicht gerade zimperlich zugeht.
Vielleicht weil der Platz der perfektionistischen Tochter und der süßen Tochter in unserer Familie bereits vergeben waren, bin ich immer die Schlauberger-Tochter gewesen. Ich bin gern zur Schule gegangen, und es war, wenngleich unausgesprochen, immer klar, dass ich gewissermaßen der Ersatzsohn bin, der in die Fußstapfen meines Vaters treten wird. Allerdings bin ich stets davon ausgegangen, dass ich älter sein würde, wenn es so weit wäre, und bereit dafür.
Ich sehe meinen Vater an. Wie kannst du all das nicht wollen, Avery? Genau darauf hat er doch sein ganzes Leben hingearbeitet. Und nicht nur er, sondern Generationen von Staffords, seit dem Unabhängigkeitskrieg, verdammt noch mal. Unsere Familie hat sich schon immer in den Dienst des Landes gestellt, und Daddy bildet da keine Ausnahme: Seit seinem Abschluss in West Point und seiner Tätigkeit als Pilot bei der Army hält er den Namen unserer Familie mit Würde und Entschlossenheit hoch.
Natürlich willst du das, denke ich. Schon immer. Du hast nur nicht damit gerechnet, dass es jetzt schon und auf diese Weise passiert. Das ist alles.
Insgeheim klammere ich mich verzweifelt an den bestmöglichen Ausgang: dass die Feinde an beiden Fronten – sowohl an der politischen als auch an der medizinischen – geschlagen werden. Mein Vater wird die Krankheit besiegen, mit Hilfe einer Kombi-Behandlung aus Operation und einem Chemo-Cocktail, der ihm über eine alle drei Wochen an sein Bein angeschlossene Pumpe verabreicht wird. Und mein Aufenthalt in Aiken wird nur ein kurzes Gastspiel.
Der Krebs wird schon bald kein Teil unseres Lebens mehr sein.
Er kann besiegt werden. Anderen Menschen ist das bereits gelungen, und wenn sie es geschafft haben, wird Senator Wells Stafford es schon zweimal schaffen.
Es gibt keinen stärkeren oder besseren Mann als meinen Vater, so viel steht fest.
»Bereit?«, fragt er. Erleichtert sehe ich zu, wie er die abstehende Haarsträhne glatt streicht. Noch bin ich nicht bereit, die Grenze von der Tochter zur Krankenpflegerin zu überschreiten.
»Ich bin direkt hinter dir.« Natürlich würde ich alles für ihn tun, trotzdem wäre ich heilfroh, wenn es noch viele, viele Jahre dauern würde, bis wir die Rollen von Elternteil und Kind tauschen müssen. Und wie heikel das ist, weiß ich nur zu genau, weil ich gerade aus nächster Nähe miterlebe, wie schwer es meinem Vater fällt, Entscheidungen für seine eigene Mutter zu treffen.
Grandma Judy, meine einst so geistreiche und humorvolle Großmutter, ist inzwischen bloß noch ein Schatten ihrer selbst. So schmerzlich es sein mag, aber Daddy kann mit niemandem darüber reden. Sollten die Medien dahinterkommen, dass wir sie in ein Heim gebracht haben – zumal in eine nicht einmal zehn Meilen entfernte Luxus-Seniorenresidenz –, wäre das politisch gesehen eine Katastrophe: Im Zuge des Skandals um eine Reihe ominöser Todes- und Missbrauchsfälle in diversen staatlichen Pflegeheimen South Carolinas, der die Öffentlichkeit derzeit umtreibt, würden Daddys politische Feinde entweder ins Feld führen, dass sich nur wohlhabende Leute eine angemessene Pflege leisten können, oder aber ihm vorwerfen, er habe seine arme alte Mom abgeschoben, weil er ein kaltherziger Mistkerl ist, dem das Schicksal der älteren Mitbürger am Arsch vorbeigeht und der bloß seinen eigenen Vorteil und den seiner Freunde und Wahlkampf-unterstützer im Sinn hat.
In Wahrheit haben seine Entscheidungen im Hinblick auf Grandma Judy absolut nichts mit Politik zu tun. In unserer Familie ist es genau wie bei allen anderen: Jeder lebt in einem undurchsichtigen Geflecht aus Schuld, Schmerz und Scham. Grandma Judys Aussetzer sind mittlerweile einfach problematisch, wir haben Angst um sie und machen uns große Sorgen, wo dieser grausame Abstieg in die Demenz enden könnte. Bevor wir sie endgültig ins Heim gebracht haben, ist sie sowohl ihrer Pflegekraft als auch ihren Hausangestellten mehrfach entwischt. Einmal hat sie ein Taxi gerufen und war den ganzen Tag spurlos verschwunden, bis sie in ihrem einstigen Lieblingseinkaufszentrum, das längst zu einem riesigen Geschäftskomplex angewachsen ist, aufgegriffen wurde. Wie sie es geschafft hat, dorthin zu gelangen, ist uns allen ein Rätsel, zumal sie sich mittlerweile nicht einmal mehr unsere Namen merken kann.
Ich trage heute Morgen eines ihrer Lieblingsschmuckstücke, spüre das Gewicht um mein Handgelenk, als ich aus der Limousine steige. Ich tue so, als hätte ich das Libellenarmband ihr zu Ehren ausgewählt, aber in Wahrheit soll es mich daran erinnern, dass die Frauen der Stafford-Familie nun einmal tun, was sie tun müssen, selbst wenn es ihnen noch so sehr gegen den Strich geht. Der Ort des Geschehens trägt auch nicht gerade zu meinem Wohlbehagen bei. Ich konnte Pflegeheime noch nie leiden.
Es ist nur ein Meet-and-Greet, denke ich. Die Presse ist hier, weil sie darüber berichten will, und nicht, um lästige Fragen zu stellen. Wir sollen Hände schütteln, einen Rundgang durch die Einrichtung machen und uns für eine Weile zur Geburtstagsgesellschaft einer Frau gesellen, die heute hundert Jahre alt wird. Ihr Ehemann ist neunundneunzig. Das ist wirklich beachtlich.
Drinnen riecht es, als hätte jemand den Drillingen meiner Schwester Desinfektionsmittel zum Herumspritzen in die Hand gedrückt. Darüber hängt ein künstlicher Jasminduft. Leslie schnuppert und nickt dann knapp, aber wohlwollend, ehe sie sich gemeinsam mit einem Fotografen sowie einer Handvoll Praktikanten und Helfer zu uns gesellt. Heute sind wir ohne Leibwächter unterwegs; ich gehe davon aus, dass sie bereits das Rathaus für den Termin am Nachmittag sichern. Im Lauf der Jahre hat mein Vater jede Menge Morddrohungen erhalten. Er selbst misst diesem Schwachsinn normalerweise keine Bedeutung bei, seine Sicherheitsleute hingegen sehr wohl.
Minuten später nehmen uns die Leiterin des Pflegeheims sowie zwei Nachrichtenteams in Empfang, und gemeinsam machen wir uns zu unserem Rundgang auf. Wir spazieren durch die Gänge. Sie filmen uns dabei. Mein Vater spult das volle Programm ab, schüttelt Hände, posiert für Fotos, nimmt sich die Zeit, um mit den Leuten zu reden, beugt sich zu Senioren in Rollstühlen hinunter, dankt den Schwestern dafür, dass sie sich tagtäglich aufs Neue dieser anspruchsvollen und kräftezehrenden Aufgabe stellen.
Ich folge ihm und tue es ihm nach. Ein reizender älterer Herr mit Melone flirtet mit mir und erklärt mit einem hinreißenden britischen Akzent, dass ich wunderschöne blaue Augen habe. »Wäre ich fünfzig Jahre jünger, würde ich Sie glatt zu einem Stelldichein überreden«, neckt er mich.
»Ich glaube, das haben Sie bereits getan«, gebe ich zurück, worauf wir beide zu lachen anfangen.
Eine der Schwestern warnt mich, Mr. McMorris sei ein unverbesserlicher Don Juan, worauf er der Schwester zum Beweis zuzwinkert.
Auf dem Weg zur Geburtstagsparty der Hundertjährigen ertappe ich mich dabei, dass ich mich tatsächlich amüsiere. Die Leute hier sind allem Anschein nach zufrieden mit sich und der Welt. Es mag nicht so luxuriös wie Grandma Judys Pflegeheim sein, aber definitiv weit entfernt von den katastrophalen Zuständen in den Einrichtungen, die die Anwälte der Klägerseite anprangern. Dabei wird keiner der Kläger jemals Geld sehen, völlig egal, welche Schadenersatzsumme ihnen von einem Gericht zugesprochen wird. Die Geldgeber hinter den Pflegeheimketten greifen auf ein Netzwerk aus Holdings und Strohfirmen zurück, die sie jederzeit pleitegehen lassen können, um sich finanzielle Forderungen vom Leib zu halten. Aber genau aus diesem Grund ist die Tatsache, dass einem der ältesten Freunde meines Vaters kürzlich Verbindungen zu einer der erwähnten Ketten nachgewiesen werden konnten, politisch so überaus heikel: Es macht meinen Vater zum potenziellen Sündenbock, gegen den sich sowohl der Zorn der Öffentlichkeit als auch die Vorhaltungen aus Politkreisen richten werden.
Wut und Schuldzuweisungen können mächtige Waffen sein. Was die Opposition nur zu genau weiß.
Im Gemeinschaftsraum wurde ein kleines Podium aufgebaut. Ich trete gemeinsam mit der Entourage meines Vaters vor die Glastüren, die in einen schattigen Garten voll bunter Blumen hinausführen, die trotz der sengenden Hitze in prächtigster Blüte stehen.
Eine Frau steht ganz allein mit dem Rücken zu uns auf einem der Pfade und scheint nichts von dem Trubel mitzubekommen. Ihre Hand liegt auf dem Knauf eines Gehstocks. Sie trägt ein schlichtes cremefarbenes Baumwollkleid und trotz der Wärme eine weiße Strickjacke. Ihr dichtes graues Haar ist zu einem Zopf geflochten und um ihren Kopf arrangiert, was ihr, in Verbindung mit dem hellen Kleid, eine fast gespenstische Aura verleiht, so als wäre sie ein Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit. Eine sanfte Brise rauscht durch die mit Glyzinien bepflanzten Spaliere, was den Eindruck des Surrealen noch verstärkt.
Ich wende mich der Heimleiterin zu, die die Anwesenden begrüßt und noch einmal die Besonderheit des Anlasses hervorhebt – schließlich habe man nicht jeden Tag Gelegenheit, jemanden zu feiern, der bereits ein ganzes Jahrhundert auf dieser Welt ist … von dem Glück, so lange verheiratet zu sein und seinen Gefährten bis zum heutigen Tage an seiner Seite zu haben, einmal ganz abgesehen. Dieser Anlass sei in der Tat eines Senatorenbesuchs angemessen.
Ganz zu schweigen davon, dass das Ehepaar meinen Vater bereits finanziell unterstützt, seit er für die Regierung von South Carolina tätig ist. Im Grunde kennen sie ihn länger als ich und sind ihm beinahe ebenso tief ergeben. Die Jubilarin und ihr Ehemann recken ihre dürren Hände hoch und klatschen begeistert, als der Name meines Vaters genannt wird.
Die Heimleiterin gibt die Lebensgeschichte der Liebenden am Ehrentisch zum Besten – Luci wurde in Frankreich geboren, als dort noch Kutschen das Stadtbild prägten. Schwer vorstellbar. Im Zweiten Weltkrieg war sie im Widerstand tätig, während ihr Ehemann Frank als Bomberpilot kämpfte und im Zuge eines Gefechts angeschossen wurde. Das Ganze mutet wie das Drehbuch einer romantischen Liebesgeschichte an. Luci half, ihn unbemerkt und trotz seiner Verletzungen außer Landes zu schaffen. Nach dem Krieg machte er sich auf die Suche nach ihr – sie lebte immer noch auf dem Bauernhof ihrer Eltern, verschanzt im Keller, dem einzigen Teil des Gebäudes, der noch stand.
Ich kann darüber nur staunen. So etwas überstehen Menschen nur, wenn sie sich wirklich und wahrhaftig lieben, wenn sie einander aufrichtig zugetan sind und alles opfern würden, nur um zusammen sein zu können. Genau so etwas wünsche ich mir auch für mich selbst, wobei ich mich manchmal frage, ob es diese Art der Liebe in unserer Generation überhaupt noch gibt. Wir sind immer so abgelenkt, so … beschäftigt.
Ich blicke auf meinen Verlobungsring. Elliot und ich haben alles, was man dafür braucht. Wir kennen uns gut. Waren immer füreinander da …
Mühsam stemmt sich das Geburtstagskind aus ihrem Stuhl hoch, nimmt den Arm ihres Geliebten und kommt gemeinsam mit ihm auf uns zu, ganz langsam und gebeugt. Der Anblick ist herzzerreißend. Ich wünsche mir, meinen Eltern ist es vergönnt, noch sehr, sehr lange zu leben … Ich hoffe, dass sie ihren Ruhestand gemeinsam genießen können … viele Jahre, nachdem mein Vater sich endlich durchgerungen hat, kürzerzutreten. Die Krankheit kann ihn unmöglich mit siebenundfünfzig Jahren dahinraffen. Er ist noch viel zu jung, wird dringend gebraucht, sowohl von der Familie als auch in seinem Beruf. Er hat noch so viel vor, und später haben meine Eltern ein Leben in Ruhe und Frieden und mit viel gemeinsamer Zeit verdient.
Zärtlichkeit regt sich in mir, die ich jedoch eilig verdränge. Keine übertriebene Zurschaustellung von Gefühlen in der Öffentlichkeit – Leslies ständige Ermahnungen klingeln mir in den Ohren. Frauen können sich so etwas in diesem Löwenzirkus nicht erlauben. Es wird beinhart als Inkompetenz und Schwäche ausgelegt.
Als wüsste ich das nicht längst. Im Gerichtssaal geht es nicht viel anders zu. Weibliche Anwälte sind grundsätzlich in mehrfacher Hinsicht gefordert; wir sind gezwungen, nach völlig anderen Regeln zu spielen.
Mein Vater salutiert vor Frank, als sie einander vor dem Podium gegenüberstehen. Der alte Mann richtet sich auf und vollzieht den Gruß mit militärischer Präzision. Ihre Blicke begegnen sich, ein kurzer Moment voller Respekt und Zuneigung, perfekt für die Kamera, aber keineswegs für die Öffentlichkeit inszeniert. Ich sehe, dass mein Vater Mühe hat, die Fassung zu wahren.
Es sieht ihm gar nicht ähnlich, sich so viel Gefühl anmerken zu lassen.
Wieder übermannt mich die Rührung, und ich muss schlucken. Dann straffe ich die Schultern, wende den Blick ab und richte ihn stattdessen auf die Frau im Garten, die immer noch reglos dasteht und in die andere Richtung sieht. Wer ist sie? Und was sieht sie?
Das »Happy Birthday« ertönt. Langsam dreht sie sich um und blickt zum Haus her. Ich weiß, dass die Kameras mir höchstwahrscheinlich folgen und mir anzusehen ist, dass ich mit den Gedanken anderswo bin, trotzdem kann ich den Blick nicht von der Gestalt im Garten lösen. Ich will ihr Gesicht sehen. Wie wird es sein? Ausdruckslos? Ist sie lediglich ein wenig wirr und spaziert gedankenlos im Garten herum, oder hat sie die Feier mit Absicht geschwänzt?
Leslie zieht mich von hinten an der Jacke, und ich zucke wie ein beim Schwatzen erwischtes Schulmädchen zusammen.
»Happy Birthday – Los, konzentrier dich«, singt sie dicht neben meinem Ohr. Ich nicke, während sie ein paar Schritte zur Seite tritt, um einen besseren Winkel für die Handyfotos zu finden, die später auf dem Instagram-Account meines Vaters gepostet werden sollen. Der Senator ist selbstverständlich in sämtlichen sozialen Medien vertreten, auch wenn er keine Ahnung hat, wie man sie pflegt, doch sein Soci-al-Media-Experte ist ein echtes Genie.
Die Zeremonie geht weiter. Blitzlichter flammen auf. Glückliche Familienangehörige wischen sich die Tränen ab und zücken ihre Videokameras, als mein Vater ein gerahmtes Glückwunschschreiben überreicht.
Dann wird die Torte mit hundert brennenden Kerzen hereingerollt.
Leslie ist komplett aus dem Häuschen. Rührung und Glück scheinen den Raum förmlich auszudehnen wie einen Heliumballon. Noch ein Quäntchen Freude mehr, und wir schweben alle in den Himmel hinauf.
Ich spüre, wie jemand meine Finger, mein Handgelenk berührt, und reiße vor Schreck meine Hand zurück, habe mich jedoch sofort wieder unter Kontrolle. Die Finger fühlen sich alt an, knochig und leicht zittrig, trotzdem ist der Griff verblüffend fest. Ich drehe mich um und sehe die alte Frau aus dem Garten vor mir stehen. Sie richtet sich auf und blickt mich an. Ihre Augen haben dieselbe Farbe wie die Hortensien zu Hause in Drayden Hill – ein sanftes, klares Blau, das zum Rand hin ein wenig heller wird. Ihre von zahllosen Fältchen umgebenen Lippen zittern.
Ehe ich mich vollends von meinem Schreck erholt habe, tritt eine Schwester zu uns und nimmt sie bei der Hand. »May«, sagt sie mit einem entschuldigenden Blick in meine Richtung. »Kommen Sie, bitte. Sie sollen doch unsere Gäste nicht belästigen.«
Statt mich loszulassen, verstärkt die alte Frau ihren Griff nur noch. Sie wirkt verzweifelt, als brauche sie dringend etwas, obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, was das sein könnte.
Forschend blickt sie mir ins Gesicht.
»Fern?«, flüstert sie.

KAPITEL 2

May Crandall

AIKEN, SOUTH CAROLINA, HEUTE


Manchmal fühlt es sich an, als wären die Riegel in meinem Kopf defekt, so dass sich die Türen gänzlich ohne mein Zutun öffnen und schließen – ein kurzer Blick hier, gähnende Leere dort, ein dunkler Abgrund, in den ich lieber nicht blicken will.
Ich kann nie im Vorhinein sagen, wann eine dieser Türen aufschwingt oder warum.
Trigger. So nennen die Psychologen im Fernsehen das Phäno­men. Ein Auslöser wie bei einer Kamera. Als würde mein Gehirn automatisch auf den Auslöser drücken, sobald meine Augen irgendetwas erkennen. Eine hübsche Metapher, finde ich.
Ihr Gesicht löst etwas in mir aus.
Eine Tür in die Vergangenheit öffnet sich weit. Anfangs tappe ich vorsichtig durch den Raum, unsicher, was darin verschlossen gewesen sein mag. Sobald ich sie Fern genannt habe, war mir klar, dass es nicht Fern ist, die mir in den Sinn gekommen ist. Ich bin sogar noch weiter in die Vergangenheit zurückgegangen. Queenie ist diejenige, die ich sehe.
Queenie, unsere starke Mama, der wir unsere blonden Locken zu verdanken haben; alle, außer der armen Camellia.
Im Geiste schwebe ich federleicht über Baumwipfel und durch tiefe Täler, reise den ganzen Weg durch das tief gelegene Mississippi-Tal, zurück zu dem Tag, als ich Queenie das letzte Mal gesehen habe. Die sanfte, weiche Sommerhitze einer typischen Nacht in Memphis umschmeichelt mich, doch der nächtliche Frieden trügt.
Die Nacht ist nicht sanft. Sie verzeiht nicht.
Nach dieser Nacht wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.
Ich bin zwölf, zaundürr und linkisch. Ich sitze auf der Reling unseres Hausboots, lasse die Beine baumeln und warte darauf, dass sich das gelbliche Licht der Lampe in den Augen eines Alligators spiegelt. Eigentlich sollten sich die Viecher nicht so weit stromaufwärts herumtreiben, aber in letzter Zeit hat man häufiger welche hier beobachtet. Viele Hausbootkinder betreiben es als Spiel, nach ihnen Ausschau zu halten; es ist eine nette Abwechslung.
Und Abwechslung können wir weiß Gott gebrauchen.
Fern klettert neben mich auf die Reling und lässt den Blick auf der Suche nach Glühwürmchen über den Wald schweifen. Sie ist knapp vier und lernt gerade Zählen. Sie streckt ihren pummeligen Finger aus und beugt sich ganz weit vor, ohne daran zu denken, dass ein Alligator aus dem Wasser schnellen und sie packen könnte. »Da! Ich hab eins gesehen, Rill! Ich hab eins gesehen«, ruft sie.
Ich ziehe sie an ihrem Kleidchen zurück. »Pass auf! Ich zieh dich jedenfalls nicht raus, wenn du ins Wasser fällst.«
Ehrlich gesagt, wäre es wahrscheinlich sogar genau die richtige Lektion für sie, wenn so etwas passieren würde. Unser Boot, die Arcadia, liegt in einem ruhigen Abschnitt des Flussarms, gegenüber von Mud Island. Mir reicht das Wasser gerade einmal bis zur Hüfte; Fern könnte möglicherweise eben noch stehen, aber wir fünf Kinder schwimmen ohnehin wie die Otter, selbst der kleine Gabion, der noch nicht mal in ganzen Sätzen sprechen kann. Wenn man am Fluss geboren wird, ist Schwimmen so natürlich wie Atmen. Man lernt von Kindesbeinen an die Geräusche des Wassers, kennt seine Tücken, seine Eigenheiten. Flussratten wie wir fühlen sich im und am Wasser zu Hause. Für uns ist es buchstäblich ein sicherer Hafen.
Aber heute liegt etwas in der Luft … Etwas ist anders. Etwas stimmt nicht. Ich spüre, wie mich eine Gänsehaut überläuft. Ich hatte das schon immer, diese Vorahnungen; zwar würde ich nie einer Menschenseele davon erzählen, trotzdem sind sie da. Ich erschaudere. Der Himmel ist bedeckt, die Wolken sind wie Melonen, die zu platzen drohen. Ein Sturm zieht auf, aber das ist nicht alles. Da ist noch mehr.
Queenies leises Stöhnen dringt aus dem Innern des Hausboots, immer schneller inzwischen, dazwischen die Stimme der Hebamme mit ihrem Südstaatenakzent, dick und zähflüssig wie Melasse. »Nicht pressen, Miss Foss, nicht mehr pressen. Wenn das Kind verkehrt rum liegt, schafft er’s nicht, und Sie genauso wenig. Deshalb müssen Sie sich beruhigen. Schön ruhig sein. Alles ist gut.«
Queenie stößt einen tiefen, gurgelnden Laut aus, der sich anhört, als würde sich ein Boot aus dem zähen Bayou-Morast lösen. Uns fünf hat sie gewissermaßen im Galopp verloren, mit kaum mehr als einem tiefen Atemzug, aber jetzt dauert das Ganze schon so lange. Ich streiche mir über die Arme, um die Gänsehaut zu vertreiben. Da draußen im Wald ist etwas. Etwas Böses. Es beobachtet uns. Warum ist es da? Wegen Queenie?
Am liebsten würde ich den Steg hinunterlaufen und ganz laut schreien: »Hau ab! Verschwinde! Du kriegst meine Mama nicht!«
Ich würde das sofort machen, aber ich habe Angst vor den Alligatoren. Stattdessen sitze ich reglos da, wie ein Regenpfeifer auf dem Rand seines Nests, lausche der Stimme der Hebamme, die laut durch die Dunkelheit schallt.
»Du lieber Himmel! Gütiger Herr, sei uns gnädig. Da ist ja noch eins drin. Ach, herrje!«
Ich höre meinen Daddy etwas murmeln, kann die Worte aber nicht verstehen. Dann knallen seine Stiefel auf dem Dielenboden. Er geht ein paar Schritte, bleibt stehen, geht weiter.
»Mista Foss, ich kann da nix machen. Sie müssen die Frau, so schnell, wie’s geht, ins Krankenhaus bringen, sonst schaffen die Babys es nicht, auf die Welt zu kommen, und ihre Mama schafft es auch nicht.«
Briny antwortet nicht sofort. Stattdessen drischt er mit beiden Fäusten gegen die Wand, so fest, dass Queenies Bilderrahmen leise klirren. Etwas löst sich und landet auf dem Fußboden. Das Geräusch von Metall auf Holz verrät mir, was es ist und wo es liegt. Vor meinem geistigen Auge sehe ich das schmale Kruzifix mit dem traurig dreinblickenden Mann und würde am liebsten hineinlaufen, es mir schnappen, mich vors Bett knien und diese geheimnisvollen polnischen Worte flüstern, so wie Queenie es in stürmischen Nächten manchmal macht, wenn Briny nicht da ist, der Regen durchs Dach tropft und die Wellen gegen die Bootswände schlagen.
Aber ich spreche diese seltsame, harte Sprache nicht, die Queenie von der Familie gelernt hat, die sie zurücklassen musste, als sie mit Briny durchgebrannt ist. Die wenigen polnischen Worte, die ich spreche, habe ich mir vom Zuhören zusammengereimt. Trotzdem würde ich es am liebsten tun – dem blechernen Mann, den Queenie immer küsst, wenn ein schwerer Sturm aufzieht, all die Worte zuflüstern, die mir auf der Seele brennen.
Ich würde fast alles tun, damit die Geburt endlich vorbei ist und Queenie wieder lächelt.
Wieder höre ich Brinys Stiefel auf den Dielen, gefolgt von einem anderen Geräusch, als das Kruzifix über den Fußboden schlittert. Briny späht durch das blinde Fenster. Es stammt aus dem alten Farmhaus, das er abgerissen hat, um dieses Boot bauen zu können. Damals war ich noch nicht mal geboren. Brinys Mama lag im Sterben, und auch in diesem Jahr würde die Ernte wegen der Trockenheit mager ausfallen, deshalb gehörte das Haus praktisch sowieso schon der Bank. Briny gelangte zu dem Entschluss, dass es das Beste sei, an den Fluss zu ziehen. Und sein Instinkt trog ihn nicht. Als die Depression das Land heimsuchte, führten er und Queenie ein angenehmes Leben auf dem Wasser. Nicht mal die Depres-sion kann den Fluss austrocknen lassen, sagt er immer, wenn er die Geschichte erzählt. Der Fluss hat seinen ganz eigenen Zauber. Er lässt die Leute nicht im Stich. Niemals.
Aber heute hat dieser Zauber offenbar versagt.
»Mister? Hören Sie, was ich sage?« Die Hebamme wird allmählich wütend. »Ich will jedenfalls ihr Blut nicht an meinen Händen kleben haben. Sie müssen die Frau ins Krankenhaus bringen, und zwar schnell.«
Brinys Miene verzerrt sich. Er kneift die Augen zusammen, schlägt sich mit der Faust auf die Stirn, dann gegen die Wand. »Das Gewitter…«
»Ist mir egal. Und wenn der Teufel höchstpersönlich draußen rumtanzt, Mista Foss. Ich kann nix für das Mädel da tun. Ich will ihr Blut nicht an meinen Händen haben, das kann ich Ihnen versichern, Sir.«
»Aber sie hatte doch nie Schwierigkeiten … bei den anderen …«
Queenies Schreie sind hoch und laut, dringen durch die Nacht wie das Kreischen einer Wildkatze.
»Sie hat auch noch nie zwei gleichzeitig im Bauch gehabt«, gibt die Hebamme zurück.
Ich rutsche von der Reling, um Fern auf die Veranda zu bringen, wo sie mit Gabion, der zwei ist, und meiner sechsjährigen Schwester Lark warten soll. Camellia sieht herüber. Ich schließe das Tor am Ende des Stegs, sperre die Kleinen auf der Veranda ein und sage Camellia, sie solle aufpassen, dass sie nicht rüberklettern. Camellia ist zehn und hat von Briny nicht nur das dunkle Haar und die dunklen Augen geerbt, sondern auch seinen Dickschädel. Sie kann es nicht ausstehen, wenn ich ihr sage, was sie tun soll. Manchmal kann sie so stur wie ein Esel sein. Aber wenn die Kleinen jetzt anfangen zu quengeln, wird die Sache noch komplizierter.
»Das wird schon«, sage ich und tätschele ihre goldenen Lockenköpfchen, als wären sie kleine Hunde. »Queenie geht es gerade nicht so gut. Deshalb dürfen wir ihr nicht noch zusätzlichen Ärger machen. Ihr bleibt schön hier. Der Rougarou geht um, ich hab ihn vorhin erst gesehen. Deshalb müsst ihr hierbleiben, wo ihr in Sicherheit seid.« Jetzt, wo ich zwölf bin, glaube ich an diesen Quatsch von Rougarou, dem schwarzen Mann und sonstigen Horrorgestalten nicht mehr. Zumindest nicht so richtig. Und ich bezweifle, dass Camellia unserem Vater seine Gruselgeschichten jemals abgekauft hat.
Sie streckt die Hand nach dem Türriegel aus.
»Nicht«, zische ich. »Ich gehe rein.«
Man hat uns gesagt, wir sollen draußen bleiben, was Briny niemals ohne guten Grund macht. Aber jetzt hört es sich so an, als hätte er keine Ahnung, was er tun soll, und ich mache mir Sorgen um Queenie und mein neues Geschwisterchen. Wir sollten alle draußen warten, bis klar wäre, was es ist, ein kleiner Bruder oder eine kleine Schwester. Eigentlich sollte es noch gar nicht zur Welt kommen. Es ist zu früh – sogar noch früher als bei Gabion, dem Winzling, der in die Welt flutschte, noch bevor Briny Gelegenheit hatte, das Boot an Land zu steuern und jemanden zu finden, der seiner Frau bei der Geburt zur Seite stand.
Das neue Baby dagegen scheint es Queenie nicht so leicht machen zu wollen. Vielleicht sieht es ja aus wie Camellia, wenn es erst mal auf der Welt ist … und vielleicht ist es ge-nauso stur wie sie.
Babys, denke ich. Erst jetzt dämmert mir, dass es mehr als nur eines ist. So wie bei Hunden. Das ist nicht normal. Drei Leben liegen dort, halb hinter dem Bettvorhang versteckt, den Queenie aus den schönen Golden-Heart-Mehlsäcken genäht hat. Drei Körper, die darum kämpfen, sich voneinander zu lösen, es aber scheinbar nicht schaffen.
Ich mache die Tür auf. Die Hebamme hat mich bereits gepackt, noch bevor ich mich entschließen kann, ob ich reingehen oder es lieber lassen soll. Ihre Hand schließt sich wie ein Schraubstock um meinen Oberarm. Es ist, als würde sie zweimal darum passen. Ich blicke nach unten, sehe die dunklen Finger, die sich von meiner bleichen Haut abheben. Sie könnte mich ohne weiteres in zwei Stücke reißen. Wieso kann sie meinen Bruder oder meine Schwester nicht retten? Wieso schafft sie es nicht, ihn oder sie aus dem Bauch meiner Mama und auf die Welt zu holen?
Queenies Hände sind im Bettvorhang verkrallt. Sie schreit und zerrt daran, ihr ganzer Körper wölbt sich vor Schmerz. Drahtösen reißen. Ich sehe das Gesicht meiner Mama, das blonde Haar, das ihr schweißnass im Gesicht klebt, ihre blauen Augen; diese wunderschönen, hellblauen Augen, die wir alle, außer Camellia, geerbt haben. Die Haut spannt sich so straff über ihren Wangenknochen, dass ich das Netz aus Adern erkennen kann, wie auf dem Flügel einer Libelle.
»Daddy?«, flüstere ich, als Queenies Schrei verklingt, aber trotzdem den Raum immer noch zu erfüllen scheint. Ich nenne meine Eltern nur dann Daddy oder Mama, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert. Sie waren so jung, als ich geboren wurde, dass sie vermutlich nicht auf die Idee kamen, mir die Worte beizubringen. Stattdessen war es all die Jahre so, als wären wir Freunde im selben Alter. Aber ab und zu brauche ich einen Daddy oder eine Mama – zuletzt, als wir die aufgedunsene Leiche eines Mannes an einem Baum hängen gesehen haben.
Ob Queenie wohl genauso aussehen wird, wenn sie tot ist? Wird sie zuerst sterben und dann die Babys? Oder umgekehrt?
Mein Magen verkrampft sich dermaßen, dass ich nicht einmal mehr die Pranke um meinen Oberarm spüre. Vielleicht bin ich ja sogar froh, dass sie da ist, weil sie mich festhält, dafür sorgt, dass ich mich nicht vom Fleck rühre. Ich habe Angst, näher an Queenie heranzutreten.
»Los, sag du es ihm!« Die Hebamme schüttelt mich wie eine Puppe. Es tut weh. Ihre Zähne schimmern weiß im Schein der Laterne.
In der Nähe grollt Donner, und eine heftige Bö erfasst das Boot steuerbord. Die Hebamme taumelt nach vorn und reißt mich mit sich. Queenies und mein Blick begegnen sich. Sie sieht mich an, als wäre sie der Überzeugung, dass ich ihr helfen kann, und würde mich inbrünstig darum bitten.
Ich schlucke. »D-Daddy?«, stammle ich noch einmal, doch er stiert immer noch stur geradeaus. Er ist völlig erstarrt, wie ein Kaninchen, das eine drohende Gefahr spürt.
Ich sehe Camellia, die sich die Nase an der Fensterscheibe platt drückt. Die Kleinen sind auf die Bank geklettert, um ebenfalls hereinzuspähen. Dicke Tränen kullern über Larks mollige Wangen. Sie erträgt es nicht, ein Lebewesen leiden zu sehen. Sogar die Köderfische wirft sie ins Wasser zurück, wenn sie sie in die Finger kriegt. Und wann immer Briny ein Opossum, ein Eichhörnchen oder Wild erlegt, führt sie sich auf, als wäre ihr liebster Freund direkt vor ihren Augen getötet worden.
Sie sieht mich an. Fleht mich stumm an, Queenie zu retten. Und die anderen tun dasselbe.
In der Ferne zuckt ein Blitz auf, heller als das Licht der Petroleumlampe, dann verglüht er. Ich versuche, die Sekunden bis zum Donner zu zählen, damit ich weiß, wie weit das Gewitter noch entfernt ist, bin aber viel zu durcheinander.
Wenn Briny Queenie nicht schleunigst ins Krankenhaus bringt, wird es zu spät sein. Wie immer haben wir am unbefestigten Ufer festgemacht. Memphis liegt ganz am anderen Ende des breiten, dunklen Mississippi.
Ich huste gegen den Kloß in meiner Kehle an, mache den Hals ganz lang, damit er nicht wiederkommt. »Briny, du musst sie auf die andere Seite des Flusses bringen.«
Ganz langsam dreht er sich zu mir um. Seine Augen sind immer noch glasig, trotzdem scheint er genau darauf gewartet zu haben – dass ihm jemand außer der Hebamme sagt, was er zu tun hat.
»Briny, du musst sie hier wegbringen, bevor das Gewitter kommt. Du musst das Ruderboot nehmen.« Mit dem Hausboot würde es viel zu lange dauern. Was auch Briny wüsste, wenn er einen klaren Gedanken fassen könnte.
»Los, sag es ihm!«, drängt mich die Hebamme weiter und schiebt mich in seine Richtung. »Wenn Sie die Frau nicht gleich von dem Boot runterschaffen, ist sie spätestens morgen früh tot.«

KAPITEL 3

Avery Stafford

AIKEN, SOUTH CAROLINA, HEUTE


Avery! Wir brauchen dich hier unten!«
Nichts lässt einen schneller wieder zur Dreizehnjährigen werden, als die Stimme der eigenen Mutter, die wie ein Tennisball nach einem schnittigen Slice die Treppe herauffetzt. »Komme schon! Bin gleich da!«
Elliots leises Lachen am anderen Ende der Leitung ist tröstlich und angenehm vertraut, weckt Erinnerungen in mir, die bis in unsere Kindheit zurückreichen. Unter den strengen Augen unserer beiden Mütter hatten wir nicht einmal ansatzweise Gelegenheit, aus der Reihe zu tanzen, ganz zu schweigen von dem Unfug, den andere Teenager so treiben. Wir waren mehr oder weniger dazu verdammt, anständig zu sein. Zu-sammen. »Klingt, als würde dein Typ verlangt, Schatz.«
»Das Weihnachtsfoto.« Ich streiche mir ein paar blonde Korkenzieherlocken aus dem Gesicht, die sofort wieder zurückschnellen. Nach der Rückkehr aus dem Seniorenheim bin ich zu Fuß zum Stall gegangen, worauf sich mein Haar prompt in der Hitze zu kräuseln begonnen hat. Natürlich wusste ich, dass ich meine typischen Grandma-Judy-Locken bekommen würde, aber eine der Zuchtstuten hat in der Nacht zuvor gefohlt, und bei Pferdenachwuchs kann ich einfach nicht widerstehen. Und jetzt zahle ich den Preis dafür. Kein noch so tolles Glätteisen schafft es, der schwülen Brise des Edisto River Paroli zu bieten.
»Weihnachtsfotos im Juli?« Elliot hüstelt, was mich daran erinnert, wie sehr ich ihn vermisse. So weit voneinander getrennt zu sein, ist unglaublich hart, dabei sind es gerade erst zwei Monate.
»Meine Mutter macht sich Sorgen wegen der Chemotherapie. Sie haben ihr zwar versichert, dass Daddy seine Haare behalten wird, aber sie hat trotzdem Angst.« Kein Arzt der Welt schafft es, meine Mutter wegen Daddys Darmkrebsdiagnose zu beruhigen. Mama war schon immer diejenige, die alles im Griff hatte, und sie ist fest entschlossen, sich auch jetzt nicht das Ruder aus der Hand nehmen zu lassen. Wenn sie sagt, dass Daddys Haar schütter werden wird, dann ist das so.
»Klingt ganz nach deiner Mutter.« Wieder lacht Elliot. Er muss es wissen. Schließlich sind seine Mutter Bitsy und meine eigene aus demselben Holz geschnitzt.
»Sie hat einfach fürchterliche Angst, Daddy zu verlieren.« Meine Stimme zittert. Die letzten Monate sind uns allen an die Nieren gegangen. Jeder Einzelne fühlt sich innerlich wund, blutet still und leise vor sich hin.
»Das ist nur zu verständlich.« Elliot hält inne und schweigt eine gefühlte Ewigkeit. Ich höre das Klappern der Computertastatur und führe mir vor Augen, dass er eine neu gegründete Makleragentur zu leiten hat, deren Erfolg ihm alles bedeutet. Eine Verlobte, die ihn während eines Arbeitstags grundlos anruft und ihm die Ohren volljammert, ist so ziemlich das Letzte, was er jetzt gebrauchen kann. »Ich finde es gut, dass du bei ihnen bist, Aves.«
»Ich hoffe nur, es hilft auch. Manchmal denke ich, dass ich da bin, macht den Stress bloß noch schlimmer.«
»Aber du brauchst dieses Jahr in South Carolina, damit du deinen Wohnsitz nicht verlierst … nur für alle Fälle.« Elliot erinnert mich jedes Mal daran, wenn wir dieses Gespräch führen – jedes Mal, wenn mich das Bedürfnis überkommt, meine Sachen zu packen und zurück nach Maryland zu fli-gen, zu meinem alten Leben mit meinem Job im U.S. Attorney’s Office, wo ich mir keine Gedanken über Krebsbehandlungen, vorverlegte Weihnachtsfotos, die Wählerschaft und Menschen wie diese verzweifelte alte Dame im Seniorenheim machen muss, die mich am Arm gepackt hat.
»Hey, bleib kurz dran, Aves. Entschuldige. Heute Morgen ist wirklich der Teufel los.« Elliot legt mich in die Warteschleife, während er ein anderes Gespräch annimmt. Meine Gedanken schweifen zum Vormittag zurück. Ich sehe diese Frau – May – in ihrer weißen Strickjacke im Garten stehen. Dann ist sie plötzlich neben mir. Sie reicht mir gerade bis zur Schulter, und ihre dürren Hände krallen sich um mein Handgelenk, während ihr Gehstock in einer Schlaufe an ihrem Arm baumelt. Selbst jetzt kann ich den gehetzten Ausdruck in ihren Augen sehen. Sie schien mich wiederzuerkennen, schien ganz sicher zu wissen, wer ich bin.
Fern?
Wie bitte?
Fernie, ich bin’s. Sie hatte Tränen in den Augen. Oh, ich hab dich so vermisst. Die haben mir gesagt, du wärst weg. Aber ich hab immer gewusst, dass du dein Versprechen halten würdest.

Für einen kurzen Moment wünschte ich mir, Fern zu sein, nur um sie glücklich zu machen – dafür zu sorgen, dass sie nicht länger ganz allein im Garten stehen und ins Leere star-ren muss. Sie wirkte so verloren. So einsam.
Aber bevor ich ihr gestehen musste, dass ich nicht diejenige war, für die sie mich hielt, kam mir jemand zu Hilfe. Die Schwester. Ihr Gesicht war rot angelaufen, und sie war sichtlich verlegen. Entschuldigen Sie bitte, sagte sie so leise, dass nur ich es hören konnte. Mrs. Crandall ist noch ganz neu hier. Sie legte Mrs. Crandall den Arm um die Schultern und löste entschlossen ihre Finger um mein Handgelenk. Doch die Frau verfügte über eine verblüffende Kraft. Nur widerstrebend ließ sie von mir ab, während die Schwester beschwörend auf sie einredete. Kommen Sie, May, ich bringe Sie zurück in Ihr Zimmer.
Ich blickte ihnen hinterher, wünschte mir immer noch, ich könnte etwas für die Frau tun, hatte aber keine Ahnung, was.
Elliots Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. »Halt die Ohren steif«, sagt er. »Du machst das schon. Ich habe gesehen, wie du dich im Gerichtssaal mit den schärfsten Verteidigern der ganzen Stadt anlegst, da ist Aiken doch ein Klacks für dich.«
»Ich weiß«, seufze ich. »Entschuldige, dass ich dir auf den Keks gehe. Es ist nur … Ich glaube, ich musste kurz deine Stimme hören.« Ich werde rot. Normalerweise bin ich nicht so unselbständig. Vielleicht liegt es daran, dass es Dad gesundheitlich schlecht geht, dazu noch die Probleme mit Grandma Judy, jedenfalls ist die Sterblichkeit mit einem Mal schmerzlich in mein Bewusstsein vorgedrungen, wie ein dichter, beharrlicher Nebel über einem Fluss – eine undurchdringliche Suppe, durch die ich mich hindurchtasten muss, ohne zu wissen, was mich erwartet.
Erst jetzt wird mir bewusst, was für ein herrliches Leben ich führe, unbeschwert und ohne Sorgen.
»Sei nicht so streng mit dir.« Ein zärtlicher Tonfall schleicht sich in Elliots Stimme. »Du hast gerade ziemlich viel am Hals. Entspann dich. Ungeduld bringt überhaupt nichts.«
»Du hast recht. Ich weiß, dass du völlig recht hast.«
»Kann ich das schriftlich kriegen?«
Ich muss lachen. »Vergiss es.« Ich ziehe meine Handtasche heran und kippe den Inhalt aufs Bett, in der Hoffnung, etwas zu finden, womit ich mein Haar bändigen kann. Zwei silberne Spangen fallen heraus. Das wird genügen. Ich werde einfach ein paar Strähnen nach hinten schieben und es ansonsten offen lassen. Grandma Judy wird begeistert sein, wenn sie das Foto sieht. Schließlich habe ich die Locken-pracht ihr zu verdanken, und sie hat ihr Haar stets offen getragen.
»Das ist meine Aves.«
Elliot begrüßt jemanden, der offenbar gerade sein Büro betreten hat. Wir verabschieden uns knapp, dann richte ich meine Frisur, werfe einen letzten Blick in den Spiegel und streiche mein grünes Etuikleid glatt. Ich hoffe nur, dass die Stylistin meiner Mutter das Etikett nicht überprüft – das Kleid stammt von einer dieser Mega-Ketten. Mein Haar sieht ganz gut aus, finde ich … so gut, dass sogar die Stylistin zufrieden sein wird. Sofern sie hier ist … was garantiert der Fall ist. Sie und Leslie sind sich einig, dass ich dringend ein wenig aufgepeppt werden muss.
Es klopft an der Tür, ganz leise. »Nicht reinkommen! In meinem Schrank sitzt ein Riesenkrake!«, warne ich.
Courtney, meine zehnjährige Nichte, streckt ihren blonden Lockenkopf herein. Auch sie ist unübersehbar eine von Grandma Judys Abkömmlingen. »Letztes Mal hast du gesagt, es wäre ein Grizzlybär«, schimpft sie und verdreht die Augen – ein klares Signal an mich, dass mein netter kleiner Trick vielleicht funktioniert haben mag, als sie neun war, aber jetzt, mit zehn, allenfalls eine lasche Kindergartennummer ist.
»Ja, und zwar ein Mutanten-Bär, der seine Gestalt jederzeit verändern kann«, erkläre ich und spiele damit auf ihr aktuelles Lieblings-Videogame an, mit dem sie sich meiner Ansicht nach viel zu intensiv beschäftigt. Seit der Geburt der Drillinge ist Courtney ziemlich oft sich selbst überlassen, was sie nicht unbedingt zu stören scheint, mir jedoch Sorgen macht.
Sie stemmt eine Hand in die Hüfte und wirft mir einen vernichtenden Blick zu. »Wenn du nicht gleich runterkommst, wirst du den Grizzly wohl brauchen, weil Honeybee dir die Hunde auf den Hals hetzt.« Honeybee ist Daddys Kosename für meine Mutter.
»Na, da habe ich aber Muffensausen.« Mums Scottish Terriers sind dermaßen verwöhnt, dass sie einen Eindringling höchstwahrscheinlich schwanzwedelnd begrüßen würden, in der Hoffnung, dass er ihnen ein Leckerli aus der Nobelzoohandlung mitgebracht hat.
Ich zerzause Courtney das Haar und schiebe mich an ihr vorbei. »Allison!«, rufe ich und laufe los. »Wegen deiner Tochter schaffen wir es nicht rechtzeitig zum Familienfoto!«
Kreischend macht Courtney auf dem Absatz kehrt. Gemeinsam rennen wir zur Treppe. Sie ist schneller, weil sie so klein und wendig ist und ich hohe Absätze trage. Eigentlich bin ich groß genug, aber ich weiß, dass Mutter nicht allzu erfreut wäre, wenn man mich auf dem Weihnachtsfoto mit flachen Schuhen sieht.
Unten im Salon herrscht bereits reges Treiben. Der Fotograf und die Hausangestellten wuseln herum und bereiten alles vor … der übliche Weihnachtsfoto-Wahnsinn. Als wir es endlich überstanden haben, sind die Sprösslinge meiner ältesten Schwester hoffnungslos genervt, und ich brauche dringend ein Nickerchen. Stattdessen schnappe ich mir eines der Kleinkinder, lasse mich aufs Sofa fallen und kitzele es, bis es vor Begeisterung zu quieken beginnt. Im Handumdrehen sind auch die anderen zur Stelle.
»Du liebe Zeit, Avery!«, protestiert meine Mutter. »Treib’s nicht zu wild. In zwanzig Minuten musst du deinen Vater zum nächsten Termin begleiten.«
Leslie wirft mir mit einem Auge einen Blick zu – eine eindrucksvolle Demonstration ihrer Chamäleon-Fähigkeit, in zwei Richtungen gleichzeitig zu schauen – und deutet auf mein grünes Kleid. »Das ist viel zu förmlich für eine Bürgerversammlung, und das von heute Morgen ist nicht förmlich genug. Zieh den blauen Hosenanzug mit dem Litzenbesatz an, das wirkt seriös, aber nicht übertrieben. Du weißt, welchen ich meine?«
»Ja.« Ich würde viel lieber mit den Kleinen balgen oder mit Missys Kids über ihre Pläne reden, im Sommerlager Gruppenhelfer zu werden, aber offenbar steht das nicht auf dem Programm.
Ich gebe meinen Nichten und Neffen einen Abschiedskuss und gehe nach oben, um mich umzuziehen. Wenig später sitze ich erneut neben meinem Vater auf dem Rücksitz einer Limousine.
Er zieht sein Telefon heraus und liest die Einzelheiten zu den Nachmittagsterminen durch. Dank eines hervorragend organisierten Netzes aus Leslie, einer Handvoll Aushilfen und Praktikanten, seinen Mitarbeitern hier und in D. C. und der Medien ist er stets hervorragend informiert. Was er auch sein muss. Sollte ihn sein Kampf gegen den Krebs zwingen, beruflich kürzerzutreten, würde dies das fragile Gleichgewicht der Senatorensitze garantiert verändern, und mein Vater würde eher sterben, als so etwas zuzulassen. Die Tatsache, dass er die Symptome einfach ignoriert hat und während der Legislaturperiode in D. C. geblieben ist, zeigt das ganz deutlich; ebenso der Umstand, dass man mich gebeten hat, nach Hause zurückzukehren, um mich vorzubereiten und meinen Wohnsitz nicht zu verlieren … nur für alle Fälle, wie Elliot ge-sagt hat.
In South Carolina hat der Name Stafford schon immer etwas gegolten, unabhängig von politischen Lagern, doch der Pflegeheim-Skandal bringt alle hier ins Schwitzen wie eine Horde Touristen an einem Sommernachmittag in Charleston. Jede Woche kommen neue Details ans Licht – Bewohner, die sterben, weil ihre wundgelegenen Stellen nicht versorgt wurden, unzureichend geschultes Personal, Einrichtungen, in denen gesetzliche Vorschriften, nach denen mindestens 1,3 Stunden Pflege pro Tag für jeden Patienten gewährleistet sein müssen, missachtet und dennoch Medicare und Medicaid gewaltige Summen in Rechnung gestellt wurden. Familien, die ihre Angehörigen in besten Händen glaubten, waren völlig entsetzt. Die ganze Situation ist katastrophal und bricht einem das Herz, und die – wenngleich kaum sichtbare – Verbindung, die meinem Vater nachgewiesen werden kann, hat seinen politischen Feinden Munition geliefert. Sie wollen die Bevölkerung glauben machen, dass mein Vater nicht davor zurückschrecken würde, seinen Freunden dabei zu helfen, sich ungestraft am Leid anderer zu bereichern und sich schamlos die Taschen zu füllen.
Aber jeder, der meinen Vater kennt, weiß genau, dass das nicht stimmt. Leider ist er nicht in der Position zu verlangen, dass all jene, die seinen Wahlkampf unterstützen, ihre Finanzen offenlegen, und selbst wenn, läge die Wahrheit unter zahllosen Schichten aus Konzern- und Firmenstrukturen verborgen, die auf den ersten Blick über jeden Zweifel erhaben wären.
»Dann wollen wir mal sehen, was heute noch ansteht«, sagt Dad, drückt die Abspieltaste der Videonachricht und hält das Telefon zwischen uns, so dass ich das Display sehen kann. Mit einem Mal fühle ich mich wieder, als wäre ich sieben; dasselbe warme, leicht überschwängliche Gefühl wie damals, als meine Mutter mit mir durch die Flure des Capitols schritt, bis wir vor Daddys Bürotür standen und ich allein hineingehen durfte. Ganz leise und so majestätisch, wie ich nur konnte, marschierte ich zum Schreibtisch seiner Sekretärin und verkündete, ich hätte einen Termin beim Senator.
»Dann wollen wir mal sehen«, erwiderte Mrs. Dennison dann jedes Mal mit hochgezogenen Brauen und einem mühsam unterdrückten Lächeln, während sie die Taste auf der Gegensprechanlage drückte. »Senator, ich habe hier eine … Miss Stafford, die Sie gern sprechen möchte. Darf ich sie hineinschicken?«
Nachdem diese Hürde überwunden war, nahm mich mein Vater in seinem Büro in Empfang und schüttelte mir die Hand. »Guten Morgen, Miss Stafford. Ich freue mich sehr über Ihren Besuch. Sind sie bereit, hinauszugehen und sich der Öffentlichkeit zu stellen?«
»Ja, Sir, das bin ich!«
Seine Augen blitzten dann vor Stolz, und ich drehte mich einmal um die eigene Achse, um ihm zu zeigen, dass ich dem Anlass entsprechend gekleidet war. Der eigenen Tochter zu signalisieren, dass sie seine Erwartungen mehr als übertrifft, gehört gewiss zu den schönsten Gesten, die ein Vater machen kann – genau das tat mein Dad, und ich kann ihm gar nicht dankbar genug dafür sein. Ich würde alles für ihn tun, genauso wie für meine Mutter.
Nun sitzen wir Schulter an Schulter und lauschen den Angaben über die bevorstehenden Termine – Themen, die zur Sprache kommen, und heikle Angelegenheiten, die tunlichst nicht aufs Tapet kommen sollten; wir lauschen sorgfältig formulierten Antworten auf Fragen über schlimme Zustände in Pflegeeinrichtungen, abgewehrte Klagen und Scheinfirmen, die wundersamerweise pleitegehen, bevor es zu Schadenersatzforderungen kommen kann. Was will mein Vater dagegen unternehmen? Hat er Freunde oder politische Weggefährten vor den Fängen der Justiz bewahrt? Wird er nun seine Kontakte nutzen, um den Abertausenden von älteren Mitbürgern zu helfen, die vergeblich versuchen, eine Unterbringung in einer angemessenen Einrichtung zu finden? Was ist mit all jenen, die immer noch zu Hause sind und mit den Folgen der Jahrhundertfluten kämpfen? Wie sollte diesen Menschen Daddys Ansicht nach am besten geholfen werden?
Der Fragenkatalog ist endlos. Und auf jede einzelne Frage gibt es eine perfekt ausformulierte Antwort. Auf einige haben wir mehrere Antwortmöglichkeiten, je nach Situation und Kontext, dazu eine Auswahl an Widerlegungen. Zwar sind die für diese heutige Bürgerversammlung zugelassenen Medien handverlesen, trotzdem weiß man nie genau, wer sich das Mikrofon unter den Nagel reißt. Das Ganze könnte ziemlich hitzig werden.
Wir erhalten sogar Anweisungen, wie wir reagieren sollen, falls jemand Fragen zu Grandma Judy stellt – warum wir das Siebenfache des Tagessatzes für einen älteren Mitbürger mit niedrigem Einkommen hinblättern.
Warum? Weil Grandma Judys Hausarzt uns Magnolia Manor ans Herz gelegt hat und weil sie mit dem Heim bereits vertraut ist – eine ihrer ältesten Freundinnen aus Kindertagen war dort unterbracht, bevor es in ein Pflegeheim umgewandelt wurde, deshalb fühlt sie sich dort gewissermaßen wie zu Hause. Zum einen wollten wir ihr eine vertraute Umgebung bieten, zum anderen sind wir um ihre Sicherheit besorgt. Wie viele andere Familien auch müssen wir uns mit einem komplexen und heiklen Problem auseinandersetzen, für das es keine einfache Lösung gibt.
Komplexes und heikles Problem … keine einfache Lösung …
Ich merke mir die beiden Formulierungen, nur für alle Fälle. Es ist erheblich klüger, sich bei so persönlichen Fragen gar nicht erst an einer spontanen Antwort zu versuchen.
»Guter Auftritt heute Morgen im Heim, Wells«, sagt Leslie, als wir ein paar Blocks von unserem Ziel entfernt eine Kaf-feepause machen und sie bei uns einsteigt. »Wir sind drauf und dran, die ganze Geschichte im Keim zu ersticken«, fügt sie mit noch größerer Eindringlichkeit als sonst hinzu. »Sollen Cal Fortner und seine Leute doch versuchen, sich an der Geschichte abzuarbeiten. Die rollen damit nur das Seil ab, an dem wir sie aufhängen werden.«
»Inzwischen haben sie allerdings schon einige Meter beisammen«, kontert Dad, doch sein Scherz verpufft. Die Opposition hat sich einen sorgsam orchestrierten Schlachtplan zurechtgelegt, eine ausgefeilte Strategie, die meinen Vater als realitätsfremden, elitären Machtmenschen hinstellt, einen eingefleischten Washingtoner Parlamentarier, der nach all den Jahrzehnten in höchsten Regierungskreisen längst das Gespür für die Bedürfnisse der Bevölkerung in seinem Heimatstaat verloren hat.
»Das gibt uns nur noch mehr in die Hand, um sie fertigzumachen«, kontert Leslie. »Okay, Leute, kleine Planänderung. Wir betreten das Gebäude von der Rückseite aus. Vor dem Eingang sind ein paar Demonstranten zugange.«
Sie sieht mich an. »Du bist auch auf dem Podium, Avery. Der Senator sitzt gegenüber vom Gastgeber, damit es schön entspannt und lässig wirkt. Du sitzt rechts neben deinem Vater auf dem Sofa … die besorgte Tochter, die nach Hause zurückgekehrt ist, um sich um ihren geliebten Vater zu kümmern und die Familienangelegenheiten zu regeln. Du hast noch keine Kinder, die dich brauchen, außerdem steht die Hochzeit an, die organisiert werden will, und so weiter, und so weiter. Du kennst das ja. Nicht zu politisch, aber du darfst trotzdem gern zeigen, wie besorgt dich die Angelegenheit macht. Das Ganze soll so locker und spontan wie möglich aussehen, also kann es sein, dass auch persönlichere Fragen auf dich zukommen. Es werden nur lokale Medien anwesend sein, deshalb ist es die perfekte Gelegenheit, ohne große An-strengung ein bisschen Kamerazeit für dich zu gewinnen.«
»Klar.« Während der letzten fünf Jahre war ich den auf-merksamen Blicken von Geschworenenjurys und Verteidigern ausgesetzt, denen keine noch so winzige Regung entgeht. Daher bringen mich Auftritte bei Bürgersammlungen ganz bestimmt nicht aus dem Takt.
Zumindest rede ich mir das ein. Aber aus irgendeinem Grund hämmert mein Herz wie verrückt, und mein Mund fühlt sich staubtrocken an.
»Pokerface, Schatz«, sagt mein Vater mit seinem »Millio-nen-Dollar-Schmunzeln«, wie wir es manchmal nennen – einem Lächeln voller Selbstvertrauen und Zuversicht, wie flüssiger Honig, warm, sämig und unwiderstehlich.
Hätte ich doch nur halb so viel Charisma wie mein Vater.
Leslie fährt fort mit dem Briefing. Als wir vor dem Gebäude anhalten, redet sie immer noch. Im Gegensatz zu unserem Termin im Seniorenheim unterliegt die Veranstaltung hier strengen Sicherheitskontrollen. Ich höre die Stimmen der Protestierenden vor dem Haus, und die hintere Zufahrt wird von einem Streifenwagen gesichert.
Beim Aussteigen schaut Leslie drein, als würde sie im Zweifelsfall jedem ins Gesicht springen, der sich uns in den Weg stellt, während mir in meinem konservativen dunkelblauen Hosenanzug der Schweiß ausbricht.
»Du sollst Vater und Mutter ehren«, schallt eine Stimme herüber.
Am liebsten würde ich auf die Straße treten und diesen Idioten anständig die Meinung geigen. Wie können sie es wagen!
»Keine Konzentrationslager für Senioren!« Dieser Spruch verfolgt uns, bis wir das Gebäude betreten haben.
»Was sind das für Leute? Spinner?«, murmele ich, worauf Leslie mir einen warnenden Blick zuwirft und diskret mit der Schulter auf die wartenden Polizisten deutet. Man hat mir eingetrichtert, meine Meinung in der Öffentlichkeit für mich zu behalten, solange sie nicht offiziell abgesegnet ist. Aber jetzt bin ich stocksauer … was vielleicht sogar gut ist. Mein Puls wird langsamer, und ich spüre, wie ich meine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle bekomme.
Sobald die Tür hinter uns zufällt, kehrt Ruhe ein. Andrew Moore, der Koordinator unseres heutigen Gastgebers, einer Vereinigung, die sich für die Rechte älterer Mitbürger einsetzt, nimmt uns in Empfang. Er wirkt erstaunlich jung für jemanden in so einer Position; ich schätze ihn auf maximal Mitte zwanzig. Er trägt einen tadellosen Anzug mit einer leicht schief sitzenden Krawatte, unter der sich sein Hemdkragen ein bisschen wellt, was ihn wie einen Jungen wirken lässt, dem zwar jemand morgens die Sachen herausgelegt hat, ohne ihm jedoch beim Anziehen zu helfen. Er erzählt, dass er bei seinen Großeltern aufgewachsen sei, die große Opfer für ihn gebracht hätten, und dies sei seine Art, seine Dankbarkeit zu zeigen. Als jemand erwähnt, dass ich als Staatsanwältin arbeite, beäugt er mich und meint, das Political Action Committee könnte eine fähige Anwältin gut gebrauchen.
»Ich behalte es im Hinterkopf«, gebe ich scherzhaft zurück.
Wir betreiben noch ein wenig Smalltalk, während wir warten. Er ist ein angenehmer Mensch – aufrichtig, voller Engagement und Hingabe. Meine Zuversicht, dass dies eine faire Diskussion werden wird, wächst.
Wenig später werden wir dem Lokaljournalisten vorgestellt, der die Moderation übernehmen soll. Wir schieben die Mikrofone unter unsere Jacken, befestigen sie am Revers und haken die Sender am Hosenbund fest.
Dann warten wir neben der Bühne, während der Gastgeber das Podium betritt, sich bei den Organisatoren bedankt und allen Anwesenden noch einmal die Funktion der heutigen Veranstaltung erläutert, ehe er uns vorstellt. Unter dem Beifall der Anwesenden betreten wir das Podium und winken fröhlich. Alle benehmen sich tadellos, auch wenn ich einige skeptische, besorgte oder gar unfreundliche Gesichter ausmache. Andere betrachten den Senator mit etwas, das sich nur als Helden-verehrung bezeichnen lässt.
Routiniert beantwortet mein Vater die einfachen Fragen, wiegelt jedoch alles ab, das sich nicht mit wenigen Worten abhandeln lässt. Es gibt nun einmal keine einfachen Lösun-gen für komplexe Probleme wie die Finanzierung von Renten, die wegen der höheren Lebenserwartung der Menschen im-mer länger ausbezahlt werden müssen; ebenso wenig wie eine Antwort auf die Frage, warum die Generationen heutzu-tage nicht länger unter einem Dach leben oder die allgemeine Tendenz, die Pflege in professionelle Hände zu geben, statt sich der älteren Angehörigen zu Hause anzunehmen, wie es früher üblich war.
Trotz der sorgsam zurechtgelegten Antworten merke ich ihm an, dass er nicht ganz bei der Sache ist wie sonst. Ein junger Mann fragt: »Sir, ich würde gern hören, was Sie zu Cal Fortners Vorwurf zu sagen haben, dass das Ziel privat geführter Pflegeheimketten in erster Linie darin besteht, Senioren so billig wie möglich unterzubringen und so viel Profit wie möglich mit ihnen zu machen, und dass Ihre wiederholte Ent-gegennahme von Wahlspenden von L. R. Lawton und seinen Investmentpartnern ein eindeutiges Indiz dafür ist, dass Sie diese Haltung billigen, Profite über den Menschen zu stellen. Ist Ihnen bewusst, dass in diesen Pflegeheimen ältere Mitbürger von unterbezahltem und mangelhaft oder sogar gänzlich ungeschultem Personal versorgt wurden, sofern sich überhaupt jemand um sie gekümmert hat? Ihr Gegner fordert, dass jeder, der Profit aus einer Pflegeeinrichtung schlägt, persönlich für die Qualität der zur Verfügung gestellten Pflege haftet, ebenso wie für die im Zuge eines Rechtsstreits erwirkten Zahlungen. Fortner fordert sogar die Besteuerung wohlhabender Privatpersonen wie Ihnen, um eine bessere Versorgung unserer ärmsten Mitbürger zu gewährleisten. Würden Sie diesen Vorschlag im Senat angesichts der jüngsten Entwicklungen unterstützen?«
Ich kann beinahe hören, wie Leslie hinter dem Vorhang mit den Zähnen knirscht. Diese Fragen standen in keinem Protokoll … und schon gar nicht auf der Karteikarte, die der Typ in der Hand hält.
Mein Vater zögert, wirkt einen Moment lang irritiert. Los, mach schon, denke ich. Schweißtropfen rinnen mir über den Rücken. Meine Muskeln spannen sich an, und ich kralle die Finger um meine Armlehne.
Die Stille ist qualvoll. Minuten scheinen zu vergehen, obwohl ich weiß, dass es sich nur so anfühlt.
Schließlich setzt mein Vater zu einer ausführlichen Erklärung der bestehenden Bundesgesetzgebung zu Pflegeheimen an, zu Steuergesetzen und der staatlichen Unterstützung von Medicaid. Er wirkt kompetent und selbstsicher. Als wüsste er ganz genau, wovon er spricht. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht in der Position ist, die Finanzierung von Medicaid, die Steuergesetzgebung und die aktuelle Situation im Pflegesektor im Alleingang zu ändern, jedoch gern dafür Sorge tragen will, dass diese Themen in der nächsten Sit-zungsperiode des Senats diskutiert werden würden.
Anschließend werden etwas sanftere Töne angeschlagen.
Schließlich richtet jemand die Frage an mich, ob ich hier sei, um mich darauf vorzubereiten, den Senatssitz meines Vaters zu übernehmen: Ich sage weder »Ja« noch »Nicht in einer Million Jahren«, sondern »Nun, es ist in jedem Fall verfrüht, jetzt schon darüber nachzudenken … es sei denn, ich will gegen diesen Mann hier«, ich zeige auf meinen Vater, »kandidieren. Und wer ist schon verrückt genug, sich auf so etwas einzulassen?«
Die Anwesenden lachen leise, worauf ich verschmitzt zwinkere, wie ich es von meinem Vater kenne. Er freut sich sichtlich über meinen Auftritt und strahlt die ganze Zeit, während er ein paar letzte Fragen beantwortet.
In der Erwartung, dass Leslie mich lobt, verlasse ich die Bühne, doch sie nimmt mich mit besorgter Miene zur Seite. »Das Pflegeheim hat gerade angerufen. Offensichtlich hast du dein Armband verloren«, sagt sie leise, als wir den Ausgang ansteuern.
»Was?« Plötzlich fällt mir wieder ein, dass ich es angelegt hatte. Aber an meinem Handgelenk ist nichts. Ja, das Armband ist verschwunden.
»Eine der Heimbewohnerinnen hatte es um. Die Direktorin hat ihre Handyfotos überprüft, weil sie ziemlich sicher war, dass sie es an dir gesehen hat.«
Die Frau im Pflegeheim heute Morgen … die, die mich gepackt hat …
Erst jetzt entsinne ich mich der winzigen goldenen Beinchen der drei kleinen Libellen. May Crandall. Sie muss mein Armband an sich genommen haben, als die Pflegerin sie weggeführt hat. »Ohhh, jetzt weiß ich, wie das passiert ist.«
»Die Direktorin hat sich natürlich entschuldigt. Die Patientin ist noch ganz neu und hat Mühe, sich einzuleben. Man hat sie vor zwei Wochen in einem Haus am Fluss gefunden, mit der Leiche ihrer Schwester und einem Dutzend Katzen.«
»Wie entsetzlich!« Unwillkürlich sehe ich das grausige Szenario vor mir. »Das war bestimmt ein Versehen … das mit dem Armband, meine ich. Sie hat meine Hand gepackt, als ich dort gestanden und Vater zugehört habe. Die Pflegerin musste sie regelrecht von mir wegziehen.«
»Das hätte nicht passieren dürfen.«
»Halb so wild, Leslie. Ist ja nicht weiter schlimm.«
»Ich schicke jemanden zum Abholen rüber.«
Ich erinnere mich an May Crandalls blaue Augen, an die Verzweiflung darin, stelle mir vor, wie sie mit meinem Armband in ihr Zimmer zurückkehrt ist, es in Augenschein genommen, es über ihr Handgelenk gestreift, es voller Entzücken bewundert hat.
Wäre es kein Erbstück, ich würde es ihr lassen. »Weißt du was? Ich fahre einfach noch mal hin und hole es selbst ab. Es hat meiner Großmutter gehört.« Dies ist ohnehin mein letzter Termin mit Daddy für den heutigen Tag. Er wird noch eine Weile im Büro bleiben, ehe er mit einem Kollegen essen geht, während meine Mutter in Drayden Hill ein paar Mitglieder ei-ner Frauenvereinigung empfängt. »Kann mich jemand hinbringen? Oder soll ich lieber einen Wagen nehmen?«
Leslies Augen blitzen auf, und einen Moment lang bin ich sicher, dass es gleich Ärger gibt, deshalb lasse ich mir eine plausibler klingende Ausrede einfallen. »Ich sollte ohnehin auf eine Tasse Tee bei Grandma Judy vorbeisehen, wenn ich gerade ein bisschen Zeit habe. Sie freut sich bestimmt, wenn sie sieht, dass ich ihr Armband trage.« Nach der Bürgerversammlung habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Großmutter schon über eine Woche nicht mehr besucht habe.
Ich sehe Leslies angespannten Unterkiefer, der keinen Zweifel daran lässt, wie unprofessionell sie mich findet.
Ich kann auch nichts dafür. Ich muss immer noch an May Crandall und an die Zeitungsartikel über die katastrophalen Zustände in den Pflegeheimen denken. Vielleicht will ich ja nur hinfahren, um mich zu überzeugen, dass May nicht in Schwierigkeiten steckt.
Vielleicht hat auch ihre makabre, traurige Geschichte meine Neugier geweckt. Man hat sie vor zwei Wochen in einem Haus am Fluss gefunden, mit der Leiche ihrer Schwester …
War der Name ihrer Schwester Fern gewesen?

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