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Lisa Wingate: Die wahre Geschichte zu den "Libellenschwestern"

Wollen Sie ein echtes, lebendiges Weihnachtsgeschenk?

Ein TCHS-Kind, das mit „Fragen Sie einfach nach ihm“ in der Zeitung von Memphis angeboten wurde. Bilder wie dieses wurden so alltäglich, dass manche Einwohner von Memphis sich schon auf die Bilder der niedlichen Waisen mit einprägsamen Überschriften und Geschichten freuten.

Die Foss-Kinder und die Arcadia wurden aus dem Staub der Fantasie und dem schmutzigen Wasser des Mississippi erschaffen. Doch auch wenn Rill und ihre Geschwister nur auf den Seiten dieses Buches existieren, spiegeln ihre Erfahrungen doch die von Kindern wieder, die zwischen 1920 und 1950 ihren Familien entrissen wurden.

Die wahre Geschichte von Georgia Tann und der Memphis-Zweigstelle der Tennessee Children's Home Society ist ein bizarrer und trauriger Widerspruch. Es gibt keine Zweifel daran, dass die Organisation viele Kinder aus verabscheuungswürdigen, gefährlichen Situationen befreit hat oder ungewollten Kindern ein liebevolles Zuhause vermittelt hat. Genauso wenig Zweifel gibt es aber daran, dass zahllose Kinder ohne Grund oder gerichtlichen Prozess von ihren liebevollen Eltern getrennt und von ihrer verzweifelt trauernden Familie nie wieder gesehen wurden. Überlebende berichten von Müttern, die sich jahrzehntelang nach ihren Kindern gesehnt haben, und von Kindern, die in Pflegeheimen untergebracht wurden, in denen man sie vernachlässigt, missbraucht, geschlagen und wie Dreck behandelt hat.

Alleinerziehende Mütter, indigene Eltern, Frauen in psychiatrischer Behandlung oder jene, die Hilfe durch den Staat oder von Frauenhäusern gesucht haben, waren besonders beliebte Ziele. Mütter wurden dazu genötigt, noch halb betäubt direkt nach der Geburt Dokumente zu unterschreiben; man sagte ihnen, dass eine temporäre Übertragung des Sorgerechts nötig wäre, um eine medizinische Behandlung ihrer Kinder zu gewährleisten, oder man hat einfach behauptet, die Kinder wären gestorben. Kinder, die alt genug waren, um sich an ihr altes Zuhause zu erinnern, berichten davon, dass sie aus Vorgärten oder auf dem Schulweg entführt wurden, ja sogar von Hausbooten auf Flüssen. Kurz gesagt, wenn du arm warst und in der Nähe von Memphis lebtest oder dort auch nur Halt gemacht hast, dann waren deine Kinder in Gefahr.

Blonde Kinder wie die Foss-Geschwister waren besonders beliebt in Georgia Tanns System und wurden oft von den „Spähern“ ausgewählt, die in Krankenhäusern oder öffentlichen Einrichtungen arbeiteten. Normale Bürger der Stadt, mochten sie auch ihre Methoden nicht kennen, wussten durchaus über ihre Arbeit Bescheid. Jahrelang sahen sie die Zeitungsannoncen mit den Fotos süßer Kinder und Babys mit Bildunterschriften wie „Fragen Sie einfach nach ihm“, „Wollen Sie ein echtes, lebendiges Weihnachtsgeschenk?“ oder „George will Fangen spielen, aber er braucht einen Vater“. Georgia Tann wurde als die „Mutter der modernen Adoption“ angepriesen, und sogar Eleanor Roosevelt fragte sie nach Tipps für den Kinderschutz.

Für die Allgemeinheit war Tann nur eine mütterliche, wohlgesinnte Frau, die ihr Leben der Rettung von Kindern in Not verschrieben hatte. Dadurch dass sie die Adoption von Kindern durch reiche, bekannte Familien so zelebrierte, wurden Adoptionen allgemein immer beliebter. Waisenkindern haftete nicht länger der Ruf an, dass sie unerwünscht oder von Grund auf verdorben waren. Georgias hochkarätige Kunden waren Politiker wie der New Yorker Gouverneur Herbert Lehman, und Hollywood-Stars wie Joan Crawford und June Allyson und ihr Mann, Dick Powell. Ehemalige Mitarbeiter aus Tanns Waisenhaus in Memphis erzählen von bis zu sieben Babys an einem Tag, die alle im Schutz der Dunkelheit zu „Pflegefamilien“ nach Kalifornien, New York und in andere Staaten gebracht wurden. In Wahrheit wurden diese Kinder zu lukrativen Preisen außerhalb des Staates adoptiert und Tann behielt den Löwenanteil der exorbitanten Vermittlungsgebühren für sich. Als man sie wegen ihrer Methoden befragte, lobte Georgia ihre Vorgehensweise selbst in höchsten Tönen, denn die Kinder wurden schließlich von armen Eltern, die sie angeblich nie angemessen großziehen könnten, zur „feinen Gesellschaft“ gebracht.

Aus moderner Sicht ist es schwer vorstellbar, wie Georgia Tann und ihr Netzwerk es geschafft haben, jahrzehntelang größtenteils ungestört zu agieren. Man fragt sich, wo sie Mitarbeiter finden konnte, die bei der unmenschlichen Behandlung der Kinder in den Heimen der Organisation und den illegalen Einrichtungen wie der, in der Rill und ihre Geschwister landen, beide Augen zudrücken konnten, und doch ist es passiert. Einmal hat das US-Ministerium für Kinderschutz einen Ermittler nach Memphis geschickt, der die drastisch angestiegene Kindersterblichkeitsrate der Stadt überprüfen sollte. In einem viermonatigen Zeitraum im Jahr 1945 waren 40 bis 50 Kinder in einer von Georgias Einrichtungen an einer Durchfall-Epidemie gestorben, obwohl ein Arzt seine Hilfe angeboten hatte. Doch Georgia bestand darauf, dass nur zwei Kinder gestorben waren. Unter Druck verabschiedete der Staat ein Gesetz, nach dem von nun an jedes Kinderheim in Tennessee eine staatliche Lizenz brauchte. Das neue Gesetz enthielt aber eine Klausel, die eine Ausnahme für alle Pflegeheime von Georgia Tanns Organisation beinhaltete.

Wenn Sie das hier lesen, fragen Sie sich vielleicht Wie viel von alldem ist wahr? Diese Frage ist, in manchen Punkten, schwierig zu beantworten. Wenn Sie noch mehr über die wahre Geschichte von Baby-Farmen, Waisenhäusern, Adoptionen, Georgia Tann und den Skandal um die Tennessee Children's Home Society in Memphis wissen wollen, dann gibt es exzellente Informationen in Pricing the Priceless Child: The Changing Social Value of Children von Viviana A. Zelizer (1985), Babys for Sale: The Tennessee Children’s Home Adoption Scandal von Linda Tollett Austin (1993), Alone in the World: Orphans and Orphanages in America von Catherine Reef (2005) und The Baby Thief: The Untold Story of Georgia Tann, the Baby Seller Who Corrupted Adoption von Barbara Bisantz Raymond (2007), welches auch Interviews mit einigen von Georgia Tanns Opfern enthält. Für eine Sicht auf den Skandal, als er gerade erst ans Licht kam, eignet sich der Report to Governor Gordon Browning on Shelby County Branch, Tennessee Children’s Home Society (1951), der über das amerikanische Bibliotheken-Netzwerk verfügbar ist. Es gibt außerdem zahlreiche Zeitungs- und Zeitschriftenartikel über den Skandal und über Wiedervereinigungen von Familien in den darauffolgenden Jahren, sowie ein Bericht in 60 Minutes, Unsolved Mysteries und Investigation Discovery's Deadly Women. All diese Quellen waren unbezahlbar für mich als Recherchematerial.

Geschwister aus einer „Weihnachts-Baby“-Werbung. Die Weihnachts-Babys waren jahrelang eine beliebte Rubrik in Zeitungen in Memphis.
Georgia Tann posiert mit Baby Lucy, die für eine Adoption vorbereitet wird.
Georgia Tann posiert im Empfangsbereich der Poplar Street Villa, die als Hauptstelle ihrer Pflegeheime und Zentrale ihres Kinderhandel-Geschäfts gedient hat.
Ein junges Mädchen der Tennessee Children's Home Society, das in der Zeitung angeboten wird.

Während Mrs. Murphy und ihr Heim aus der Geschichte fiktiv sind, so sind Rills Erfahrungen doch inspiriert von den Erfahrungsberichten von Überlebenden. Es gibt auch viele, die durch Missbrauch, Vernachlässigung, Krankheit oder unzureichende medizinische Behandlung nicht lange genug gelebt haben, um ihre Geschichte zu erzählen. Sie sind die stummen Opfer eines nicht überwachten Systems, das durch Habgier und finanzielle Unterstützung ermöglicht wurde.

Man schätzt, dass an die 500 Kinder unter Georgia Tanns Obhut einfach verschwunden sind, Tausende wurden entwurzelt durch teure Adoptionen, bei denen Namen, Geburtsdaten und Geburtsunterlagen geändert wurden, damit biologische Eltern ihre Kinder nie wiederfinden konnten.

Man würde nun denken, nach all diesen schrecklichen Statistiken, dass Georgia Tanns Schreckensherrschaft in einem Inferno aus öffentlichen Offenbarungen, Polizeibefragungen und rechtlichen Folgen geendet ist. Wäre der Roman Libellenschwestern rein fiktiv, dann hätte ich das Ende so geschrieben, mit Szenen, in denen die Gerechtigkeit siegt. Leider war es nicht so. Georgias viele Jahre im Adoptionsgeschäft endeten erst 1950. Auf einer Pressekonferenz im September jenes Jahres umging Gouverneur Gordon Browning die herzzerreißende menschliche Tragödie der Geschichte und setzte das Geld in den Fokus – Frau Tann, so berichtete er, habe illegale Einnahmen von 1 Million US-Dollar (entspricht heutzutage ungefähr 10 Millionen Dollar) gehabt, während sie für die Tennessee Children's Home Society gearbeitet hat. Trotz der Offenbarung ihrer Verbrechen war eine gesetzliche Handhabe gegen Tann zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr möglich. Innerhalb von wenigen Tagen nach der Pressekonferenz erlag sie zuhause in ihrem Bett dem Gebärmutterhalskrebs. Eine Gedenkschrift zierte neben ihrer Todesanzeige die Frontseite der lokalen Zeitung. Ihre Kinderheime wurden geschlossen und ein Ermittler beauftragt, doch sah dieser sich schnell mit mächtigen Leuten konfrontiert, die Geheimnisse, einen Ruf und, in manchen Fällen, eine Adoption zu schützen hatten.

Obwohl die Schließung der Heime trauernden Familien einen Grund zur Hoffnung gab, wurde ihnen diese Hoffnung schnell wieder genommen. Rechtssprecher und politische Vermittler verabschiedeten Gesetze, die selbst die fragwürdigsten ihrer Adoptionen legalisierten und die Unterlagen dazu geheim halten sollten. Von den 22 Kindern, die zu Tanns Tod noch in ihrer Obhut waren, wurden nur zwei mit ihren Familien wiedervereint – und das nur, weil ihre Adoptionsfamilien sie abgelehnt hatten. Tausende Familien sollten niemals erfahren, was aus ihren Kindern geworden ist. Allgemein war man der Ansicht, dass die Kinder nun besser dran waren, wo sie von Armut in den Wohlstand überführt wurden, egal, wie es zu den Adoptionen gekommen sein mag.

Während es einigen Adoptierten, getrennten Geschwistern und biologischen Eltern gelang, einander wiederzufinden, ob durch rekonstruierte Erinnerungen, unerlaubte Einsicht in Gerichtsakten oder die Hilfe von Privatdetektiven, wurden Georgia Tanns Unterlagen erst 1995 für ihre Opfer einsehbar gemacht. Für viele Adoptierte und Eltern, die ihr Leben lang über den Verlust getrauert haben, kam das einfach zu spät. Für andere war es der Beginn von langersehnten Familienzusammenführungen und die Möglichkeit, endlich die eigene Geschichte zu erzählen.

Wenn es nur eine Sache gibt, die man von den Foss-Kindern und der wahren Geschichte der Tennessee Children's Home Society lernen sollte, dann ist es die, dass Babys und Kinder, egal aus welchem Teil der Welt sie kommen, keine Gebrauchsgegenstände sind, keine Dinge, oder „leere Seiten“ wie Georgia Tann ihre Waisenkinder so oft dargestellt hat; sie sind Menschen mit einer Geschichte, mit Bedürfnissen und Hoffnungen und ihren eigenen Träumen.

Libellenschwestern Blick ins Buch

Lisa Wingate

Libellenschwestern

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