SPECIAL zu Liz Balfour

Interview mit Liz Balfour zu »Ich schreib dir sieben Jahre«

„Ich schreib dir sieben Jahre“ ist eine bewegende Geschichte, in der eine Frau über ihren Schatten springen muss, um herauszufinden, wo ihr Glück liegt, das sie doch schon gefunden zu haben glaubt. Wie kamen Sie auf die Idee für die vielschichtige Heldin Ally?
Liz Balfour: Ich kenne es von Freunden und Bekannten, und nicht zuletzt von mir selbst: Man steckt sich Ziele und tut alles dafür, sie zu erreichen, man hat genaue Vorstellungen, was man zum Glücklichsein braucht. Irgendwann steht man da und denkt sich: Da fehlt doch was, da ist doch was falsch gelaufen, obwohl alles so ist, wie ich es immer wollte … Dann beschäftigt mich das Thema „Heimat“ immer sehr – wo ist man wirklich zu Hause? Da, wo man herkommt? Für die meisten Menschen ist es unheimlich wichtig, ihre Heimat gefunden zu haben. Ich kenne viele, die nach ein paar Jahren des Herumreisens (so will ich es mal nennen) wieder an dem Ort landen, an dem sie aufgewachsen und zur Schule gegangen sind. Ich bin schon so oft umgezogen, auch als Kind, dass ich sagen kann: Ich reise immer noch herum auf der Suche nach dem Ort, der sich richtig anfühlt. Manchmal glaube ich auch für eine Weile, ihn gefunden zu haben.

Ihr Roman spielt an der irischen Küste. Die Wildheit der Landschaft auf der grünen Insel spielt eine große Rolle in ihrem Roman. Sie selbst leben einen Teil des Jahres in Irland. Was bedeutet diese Landschaft für Sie? Wie inspiriert Sie Irland im Allgemeinen?
Liz Balfour: Irland lässt mich zur Ruhe kommen. Allein dadurch, dass alles etwas langsamer läuft – man wird dadurch selbst ruhiger, schöpft endlich Atem. In Irland gibt es für mich keinen engen Terminplan, keine durchgetaktete Woche, keine Wochenenden, an denen man nur arbeitet. Vieles dort passiert spontan – wann man sich mit jemandem trifft, wohin man Essen oder spazieren geht, wie man eben den Tag gestaltet. Das Land fordert abseits der großen Städte wie Dublin und Cork viel mehr Geduld. Man lernt wieder, für ein paar Minuten oder auch mal Stunden nichts zu tun, sich nicht zu stressen, sich nicht aufzuregen, wenn etwas nicht läuft wie geplant. Außerdem sind die Menschen, die so gerne Geschichten erzählen, und die Landschaft unheimlich inspirierend. Die Phantasie bekommt dort den Raum, den sie braucht.

Irland ist ein Land, das ein geteiltes Land ist und nun die Kehrseite des Wirtschaftsbooms erlebt. Kann man diese Faktoren beim Schreiben eines zeitgenössischen Romans ausklammern, wie gehen Sie damit um?
Liz Balfour: Nein, das kann man nicht ausklammern. Es ist allgegenwärtig, und wenn ich es nicht einfließen lasse, würde die Geschichte in einem ausgedachten Land spielen. Natürlich denke ich mir die Menschen aus, und auch, wenn die Ortsnamen und die meisten Gebäude stimmen, nehme ich mir die Freiheit, ein Cottage dazuzuerfinden, ein Pub an eine andere Stelle zu schieben usw. Aber Irlands Geschichte ist so wichtig, für die Menschen, für alles, was man dort erlebt. Ich habe familiär bedingt einen englischen Akzent, genau wie meine Heldin, und die Reaktionen einiger Iren auf die Engländer gehören genauso mit dazu wie die Armut (die das Land seit Jahrhunderten ja nun viel besser kennt als wirtschaftliche Blüte), der Katholizismus, die Pferde, die Landschaft, die Grenze im Norden ...

Die Heldin findet Briefe eines geheimnisvollen Schreibers an ihre Mutter Deirdre, die nahelegen, dass es eine große Liebe im Leben der Mutter gab, die nicht der Ehemann war. Ally ist als Tochter zunächst geschockt, es fällt ihr schwer, ihre Mutter außerhalb der Mutterrolle zu betrachten. Ist das ein gewöhnliches Problem von Töchtern?
Liz Balfour: Wenn man die eigene Mutter nur in dieser Rolle kennt, dann kann es ein Problem sein. Vor allem, wenn man feststellen muss, dass der eigene Vater nicht die große Liebe der Mutter war. Für mich war es immer irgendwie komisch und schwierig, sich die Eltern, die ich ja nun als Erwachsene in der verantwortungsvollen Rolle der Erzieher kennengelernt habe, als Jugendliche oder gar Kinder vorzustellen, die natürlich oft genug genau das machen, was sie später ihren Kindern verbieten. Meine Mutter zum Beispiel war unheimlich streng, wenn es darum ging, auf Partys zu gehen. Irgendwann fand ich heraus, dass sie als Jugendliche keine einzige Party ausgelassen hat und nicht gerade still in der Ecke saß.

Ally und ihre Mutter Deirdre haben ein sehr widersprüchliches Verhältnis, das sowohl von Liebe als auch unerfüllten gegenseitigen Erwartungen geprägt ist. Man kann sich sofort in beide hineinfühlen. Wie schaffen Sie es, die Figuren so real zu gestalten?
Liz Balfour: Ich weiß es nicht, vielleicht, weil mich Menschen und ihre Geschichten, ihre Schicksale, ihre Lebensläufe schon immer interessiert haben. Ich habe als Kind die Figuren aus den Geschichten, die mir vorgelesen wurden, mit mir herumgetragen, sie im Kopf weiterleben lassen. Deshalb bin ich wohl auch am Theater gelandet, wo alte und neuere Geschichten immer wieder neu, immer wieder anders erzählt werden. Die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten der Stücke und der Charaktere finde ich unglaublich spannend. Aus der Arbeit mit Schauspielern konnte ich außerdem viel lernen: wie sie sich auf eine Rolle vorbereiten, der Figur Leben geben, sich den Alltag vorstellen, die Vergangenheit, ihre Reaktionen in allen möglichen Situationen, die mit dem eigentlichen Stück vielleicht auf den ersten Blick nichts zu tun haben, der Darstellung aber erst Substanz geben. Ich denke mir auch gerne einfach so Lebensläufe zu Leuten aus, die ich auf der Straße sehe. Ob die stimmen oder nicht, ist ja völlig egal, aber so etwas an äußeren Details, Gesten oder Gesprächsfetzen festzumachen, ist schon witzig. Wenn ich mit Kollegen unterwegs bin, machen wir so etwas dauernd. Und natürlich lerne ich gerne viele unterschiedliche Menschen kennen und löchere sie mit Fragen. Vielleicht hilft das alles, Charaktere in einem Roman lebensnah auszugestalten. Aber letztlich hab ich den Hang zum Geschichtenerzählen wohl von meinem Vater, der mir jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte von einem seiner Spielkameraden erzählte. Ein verwegener Bursche, der nur Unsinn im Kopf hatte! Ich war doch sehr überrascht – und enttäuscht, als ich herausfand, dass es ihn nie gegeben hatte, dass er eine Erfindung war. Für mich war er so real, ich hätte ihn zeichnen können, so deutlich habe ich ihn vor Augen gehabt.

Ich schreib dir sieben Jahre ist auch ein Roman über Liebe, in der Gegenwart, wie in der Vergangenheit. Es geht um Sehnsucht, unerfüllte Liebe und die Entscheidungen, die wir im Leben zu bestimmten Zeitpunkten treffen. Was macht für Sie Liebe aus? Und denken Sie, dass es im Leben mehr als die eine große Liebe geben kann?
Liz Balfour: Aber ja! Wäre es nicht ganz furchtbar, wenn es sie nur einmal gäbe? Man verändert sich doch, entwickelt sich weiter, und der Mensch, den man liebt, verändert sich auch. Manche passen ein Leben lang zusammen und entwickeln sich gemeinsam. Andere leben sich auseinander und verlieben sich neu. Ich glaube, das Problem ist oft, dass viele Menschen glauben, es gäbe nur diese eine große Liebe, und wenn die scheitert, sei alles vorbei. Aber was es natürlich auch gibt, ist dieser eine besondere Mensch, an den man sein Leben lang denkt und dem man immer nachtrauern wird – besonders bei unglücklich verlaufenen oder unerfüllten Beziehungen. Da spielen Sehnsüchte mit rein, die vielleicht mit diesem speziellen Menschen in der Realität gar nichts zu tun haben. Aber die romantische Verklärung dessen, was hätte sein können, lässt einen so schnell nicht los. Jede Liebe, die danach kommt, wird an diesem Traum gemessen und ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Genau das passiert Deirdre: Sie ist ihr Leben lang nie von diesem einen Mann, den sie eigentlich nicht lieben durfte, losgekommen. Wer weiß, wenn sie geheiratet hätten, hätten sie sich vielleicht schon nach einem halben Jahr miteinander gelangweilt? Oder wären sie doch so glücklich geworden, wie sie es sich wünschten? Aber darum geht es nicht. Unerfüllte Sehnsüchte sind wohl das Stärkste, das uns Menschen umtreibt.

Sympathische Figuren oder Gegenspieler, gefühlvolle Liebesszenen oder traurige Liebesbriefe – was macht Ihnen beim Schreiben den größten Spaß?
Liz Balfour: Ehrlich gesagt sind mir die dramatischen Szenen am liebsten. Große Gefühle zu beschreiben ist eine große Herausforderung, und darauf lasse ich mich gerne ein! Und die Gegenspieler, die spröden oder zerrissenen Gestalten, die machen auch sehr viel Spaß.

Wenn „Ich schreib dir sieben Jahre“ verfilmt würde, wie sähe Ihrer Meinung nach die ideale Besetzung aus?
Liz Balfour: Für Ally kann ich mir jemanden mit Kelly Macdonald oder auch eine etwas jüngere Katharina Müller-Elmau vorstellen. Beides sehr wandlungsfähige Schauspielerinnen, die sowohl Allys antrainierte Stärke als auch ihre Zerbrechlichkeit, also ihr gesamtes Gefühlschaos hervorragend wiedergeben können. Ihr Ehemann Benjamin wird ja von Ally selbst als jemand beschrieben, der auf den ersten Blick wie ein Hugh Grant-Typ aussieht, aber in seiner Art doch sehr anders ist, sehr viel klarer und direkter als die meisten Charaktere, die von Grant gespielt wurden. Eoin ist ganz klar ein Clive Owen-Typ, und Deirdre eine Helen Mirren. Natürlich nicht die glamouröse Mirren, sondern die spröde, schwierige, distanzierte Frau, unter deren Schale doch so viel Liebe und Gefühl steckt. Und Allys beste Freundin Kate muss die Energie und Power einer Inga Busch mitbringen.

Arbeiten Sie schon an einem nächsten Buchprojekt?
Liz Balfour: Immer!