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Lutz Schumacher - „Wenn möglich, bitte wenden“

SPECIAL zu Lutz Schumacher - „Wenn möglich, bitte wenden“

Perseritni ju lutem!

Lutz Schumachers Autofahrerhasserbuch „Wenn möglich, bitte wenden“

Buchempfehlung von Sabine Schmitt

Von Autobahnvollnervern
Fast jeder Autofahrer schwört, dass er es nur noch mit Vollnervern zu tun hat, sobald er auf Deutschlands Autobahnen unterwegs ist. Da gibt es zum Beispiel den Imletztenmomentrauszieher. Er tritt immer dann auf, wenn sich im alltäglichen Verkehrskollaps doch einmal die sprichwörtliche Wolkendecke öffnet und ein Autobahnabschnitt mit einem Mal gut und schnell befahrbar wäre. Während man gerade links auf 160 beschleunigt, zieht plötzlich ohne jede Vorwarnung (und selbstverständlich ohne zu blinken) ein schäbiger Hundefängerwagen (wahlweise auch ein Golf D oder ein Fiat Uno) auf die linke Spur und fährt gemächlich an dem gefühlt mindestens noch fünf Kilometer entfernten Truck vorbei.

Noch mehr Vollnerver
Nicht minder nervtötend ist der Präventivblinker, der obwohl er hinter einem Lastwagen fest hängt, unablässig blinkt und den deswegen sich niemand zu überholen traut, denn er könnte ja tatsächlich ganz unvermittelt rausziehen. Ganz zu schweigen vom Angsthasen, der unabhängig vom vorausfahrenden Verkehr immer (wirklich immer!) rechts fährt. Was ihn zu einer beliebten Nachhut von Gülletransportern, Traktoren und holländischen Wohnwagen macht. Aus einem ganz anderen Holz geschnitzt ist der Präzisionstachometerbenutzer. Zwar fährt er (wenn's passt) durchaus mal schnell. Sobald er jedoch in der weiten Ferne auch nur die Silhouette eines Geschwindigkeitsbeschränkungsschildes vermutet, hält er sich sklavisch an die zu diesem Zeitpunkt noch geschätzte, später jedoch mit Gewissheit erspähte Höchstgeschwindigkeit. Außerdem wären da noch das aggressive Nervenbündel, der Rechtsvorbeizieher, der Synchronfahrer, der flexible Quälgeist und…und…und…

Der Stauspezialist
Und niemand hasst diese Typen so sehr wie der Held des Buches, denn als Berufspendler hat er fast täglich das Pech, ihnen zu begegnen. Dass Auto fahren nicht immer die reine Freude ist (eigentlich nie), davon kann Harald Grützner, Mitte Vierzig, alleinstehend und selbständiger Vertreter ein Lied singen. Von den mehr als 55 Millionen in Deutschland zugelassenen PKWs scheinen sich gefühlte 90 Prozent immer gerade auf der Autobahn zu drängeln, auf der auch Harald unterwegs ist. Das heißt, unser Mann steht eigentlich die meiste Zeit im Stau. Und auch sonst läuft bei ihm – verkehrstechnisch gesehen – alles schief, was nur schief laufen kann.

Der Feind im Armaturenbrett
Das fängt bereits beim Autokauf an. Dass der eigentlich schönste Moment im Leben eines Mannes auch nicht mehr das ist, was er früher einmal war, muss Harald feststellen, als er sich, froh darüber, den aufdringlichen (Verzeihung!) freundlichen Verkäufer endlich losgeworden zu sein, in seinen neuen Mittelklassewagen Modell Epremo brillianza setzt. Nachdem er die Öffnung für den Zündschlüssel endlich aufgespürt hat (unter der Sonnenblende!) bekommt er es mit dem äußerst kapriziösen Bordcomputer zu tun.
„Auf dem Armaturenbrett war eine lachende Sonne erschienen, die Sprechlaute imitierte und den komplett fassungslosen Harald an etwas erinnerte, auf das er aber gerade nicht kam. ‚Folgen Sie nun dem Sprachmenü', fuhr die Sonne fort, indem Sie jeweils eine der genannten Optionen wählen. Möchten Sie sich erst zu einem späteren Zeitpunkt festlegen, sagen Sie einfach ‚weiter'.
‚Weiter', sagt Harald.
‚Diese Funktion steht augenblicklich nicht zur Verfügung' antwortete die Sonne lachend. ‚Wir beginnen nun mit der Festlegung des Sitzprofils. Sitzen Sie augenblicklich bequem?'“

Dass die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine noch einige Zeit in Anspruch nehmen und möglicherweise für eine der Parteien zu keinem befriedigenden Ergebnis führen wird, lässt sich an dieser Stelle bereits erahnen.

Parkplatzfreie Zone
Doch kaum hat Harald gelernt, seinen Bordcomputer einfach zu ignorieren, droht das nächste Ungemach. Das Zweitschlimmste nach verstopften Autobahnen sind völlig parkplatzfreie Innenstädte. Diese Erfahrung muss Harald machen, als er auf der Suche nach einer Parkgelegenheit – und sei sie auch noch so winzig – Stunde um Stunde und dabei seinen Geschäftstermin verpassend durch Köln irrt. Schließlich liefert er sich mit einem BMW-Fahrer ein spektakuläres Rennen um einen der letzten freien Parkplätze in einem Parkhaus, das er leider verliert, um dann wenig später vor der geschlossenen Parkhausschranke zu stehen und festzustellen, dass er kein Kleingeld für den Parkautomaten hat. Überflüssig zu erwähnen, dass die vielen Autofahrer hinter ihm ganz und gar nicht amüsiert sind. Aber es soll noch schlimmer kommen:
„Mit zitternden Händen bewegte Harald den Chip auf den Einwurfschlitz zu, da passierte es: Eine Mücke flog in Haralds Gesicht, er zuckte zusammen und verlor den Coin, der zu Boden fiel und die Ausfahrtrinne entlang rollte. Unter dem Wagen des Karierten blieb sie liegen. Die Hupen waren unerträglich.“

Eine Reise, die ist lustig
Die Weltverschwörung vor der Haustür, nicht enden wollende Verkehrskontrollen, eine Irrfahrt mit Olga, dem albanisch sprechenden Navi („Perseritni ju lutem!“), die fast im Rhein endet, zu viele echte Blitzgeräte unter lauter Attrappen… – Dies alles toppt nur der Pfingstausflug mit der attraktiven Sylvia (atemberaubende Figur in knallengen weißen Jeans und roten Lackstilettos), bei der Harald so gerne landen würde. Nachdem unser Held Sylvias drei Großraumkoffer in seinem Epremo verstaut und damit sein altes Rückenleiden neu belebt hat, führt der Weg schnurstracks in einen Stau (Sylvia muss mal – dringend!) und unter dem munteren Geplapper des Bordcomputers („Binng. Bitte wiederholen Sie die Eingabe!“) anschließend in die Katastrophe. Was Harald vorher nicht wissen konnte: Die aufgebrezelte Dame ist ein recht empfindliches und anspruchsvolles Geschöpf („Das mache ich nicht mehr mit, du widerwärtiges Scheusal!“) und hat neben ihrem viel zu umfangreichen und schweren Gepäck auch sonst noch ein paar gravierende Macken.
Armer Harald!

Zurücklehnen und Humor tanken
Schadenfreude dürfte beim Lesevergnügen wohl ebenfalls eine Rolle spielen, denn Harald schöpft die Palette an misslichen Autofahrerabenteuern voll aus. So darf sich der Leser genüsslich zurücklehnen und zur Abwechslung einmal jemand anderen im Verkehrschaos bundesdeutscher Straßen leiden lassen. Zugegeben, alles ist ein wenig auf die Spitze getrieben, aber dafür umso erheiternder.

Sabine Schmitt
Mainz, September 2009

»Wenn möglich, bitte wenden« ist auch als Hörbuch erhältlich!
Gesprochen von Lutz Schumacher.
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