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John Williams: AUGUSTUS – Das Making-of

John Williams: „Augustus“ – Die Lesung. Interview mit dem Regisseur Burkhard Schmid

Wie holt man die Antike in die Gegenwart?
Der Autor bietet uns da eine ganz spezielle Form an, eben diesen Briefroman. Und es ist nicht nur ein Briefroman, sondern innerhalb dieses Romans kommen auch Tagebuchnotizen vor, kommt ein Memorandum von Cleopatra vor, es kommen Texte vor, die schlicht irgendwelche Todesurteile beinhalten, es kommen Erinnerungen vor, die z. B. Agrippa aufgeschrieben hat. Und das bedeutet, dass man für jede Form immer auch eine andere Sprechhaltung finden muss. Denn ein Text, der an einen persönlichen Freund gerichtet ist, hat natürlich eine ganz andere Farbe als eine offizielle Verlautbarung. Und ich würde sagen, dass das sogar manchmal fast die Grenze zum Hörspiel berührt. Denn dieser sehr lange Text, den Octavius am Schluss des Werkes anbietet, ist stellenweise ein Selbstgespräch. Er berührt sozusagen eine der Formen des Hörspiels: den inneren Monolog. Und das find ich schon eine sehr große Herausforderung: Einen solch langen Text auf der einen Seite nach außen zu richten, an den Briefpartner Nikolaos von Damaskus, auf der anderen Seite aber eine Haltung für Gedanken zu finden, die, wie Octavius selbst sagt, in der Sekunde des Schreibens erst entstehen.

Was macht das Besondere an dem Werk aus?
Was mich sehr an diesem Werk interessiert, ist, dass darin etwas passiert, was in der Literatur meiner Ansicht nach nur in einem Werk von Jakob Michael Reinhold Lenz mal vorkommt, nämlich in „Der neue Menoza“. Da gibt es eine Hauptfigur, die nur im ersten Drittel mal präsent ist und dann in einem Wirbel von unterschiedlichsten Nebenhandlungen verschwindet. Und dadurch bekommt diese Figur eine unglaubliche Präsenz. Hier, bei diesem Werk von John Williams, ist das vollkommen anders: Da werden wir in einen Strudel von ungeheuer vielen Fakten und Bürgerkriegen und Intrigen geschmissen, einen Wust geradezu, und die Hauptfigur ist nie da. Sie wird immer nur über die anderen geschildert, die ihre Beobachtungen über Augustus kundtun. Und die Hauptfigur kommt mit ihrem eigentlichen Text erst am Ende des Romans vor. Das finde ich eine ungeheuer spannende Herangehensweise: einen Unbekannten in den verschiedensten Schattierungen präsentiert zu bekommen, und dann am Ende dieser Vorstellung vom Autor die Essenz dieses Charakters dargeboten zu bekommen.

Wie verstehen Sie die Hauptrolle, den Octavius und späteren Augustus?
Der Octavius ist für mich deshalb so überraschend in den letzten 70 Seiten des Textes, weil er eben nicht genau den Klischees entspricht, die man vorher angedeutet bekommen hat. Natürlich ist er der Herrscher der Welt, natürlich ist er der mächtigste Mann im Reich, natürlich hat er auch eine ganze Menge Tode verursacht. Aber er stellt sich zum Schluss als ganz einfacher Mann heraus, der seine Weltherrschaft nur als Schicksal angenommen hat. Und der einen großen Gestaltungswillen in sich trägt. Er hat auch immer versucht zu dichten, aber es nie geschafft. Und er sagt dann: Vielleicht war ja die Welt mein Gedicht. Und er wollte die Welt eben nicht gestalten mit einer Vorstellung, die er der Welt überstülpt, sondern er wollte die Welt gestalten gemäß ihrer Natur, die sich ihm aber erst im Prozess des Gestaltens offenbart. Und das finde ich einen ungeheuer tollen Gedanken, der auch so wunderbar antiideologisch ist, dass ich nur sagen kann: Hut ab, Autor, wunderbar gemacht!

Der Brief von Augustus bildet den Schluss, den dritten Teil des Romans. Wie unterscheiden sich die ersten beiden Teile?
Der erste Teil beschäftigt sich mit der Machtergreifung, mit den politischen Wirrnissen, die von Augustus bestanden werden müssen, bis er wirklich die Weltherrschaft errungen hat. Der zweite Teil beschäftigt sich dann eher mit dem Machterhalt und mit der Klientel, die um diese Macht herum existiert. Was für die Frauenfiguren bedeutet, dass sie eine wichtige Rolle für den Machterhalt spielen. Denn über Heiraten – und das waren alles Zwangsheiraten, mehr oder weniger – versucht nicht nur Augustus, sondern versuchen alle Beteiligten in dieser kleinen Elite, ihre Macht entweder zu bewahren oder neue hinzuzugewinnen. Und das bedeutet natürlich für die Frauenfiguren immer auch ein Erfüllen ihrer Pflicht. Julia hat das irgendwann mal ganz gnadenlos formuliert und gesagt: Sie war Bruthenne für Rom. Sie steigt dann ja auf eine gewisse Art und Weise auch aus. Und diesen Emanzipationsprozess, den das bedeutet, finde ich schon beachtlich. Bei Octavia ist dies noch eindeutiger, denn: Julia wird durch ihre letzte Liebe, die sie als die erotisch erfüllendste betrachtet, in ein Komplott gegen ihren Vater hineingezogen. Es ist eine sehr, sehr spannende Geschichte zwischen Vater und Tochter, wie das von der jeweiligen Perspektive aus beurteilt wird. Bei Octavia, der Schwester von Augustus, finde ich bemerkenswert, dass sie ihm, in einer Zeit und in einem Alter, als sie sich durchaus noch verheiraten könnte, einen Brief schreibt und sagt: Bitte erspare mir das. Ich habe jetzt mein ganzes Leben lang meine Pflicht erfüllt, ich habe sogar meinen leiblichen Sohn Rom geopfert, ich habe den Antonius geheiratet und versucht, ihm eine gute Frau zu sein, obwohl das bestimmt nicht ohne Spannungen abgegangen ist, aber jetzt, lieber Bruder, möchte ich mich einfach nach Velletri zurückziehen. Ich möchte einfach meine Bücher um mich scharen und ein Haus führen, das offen ist für alle, die ich liebe, aber das frei von diesem Machtgeplänkel bleibt – weil ich erkannt habe, dass der Preis für Ruhm und Macht mir persönlich zu hoch ist.

Die Fragen stellte Julika Tillmanns.

AUGUSTUS - Die Lesung
Eine Produktion der ARD-Kulturradios für das ARD Radiofestival 2016.
Regie: Burkhard Schmid
Ton und Technik: Mike Wayszak
Besetzung: Cordula Huth
Redaktion: Karoline Sinur, Hessischer Rundfunk, hr2-kultur
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Fotonachweise:
Produktionsfotos © hr/Ben Knabe, hr/Eberhard Krieger, Nicole Kohlhepp
John Williams © University of Denver Archives
Julius Cäsar © bpk/Scala, Augustus © mauritius images/Santi Rodriguez/Alamy, Julia © Interfoto, Livia © imago/United Archives, Octavia © imago/Leemage, Agrippa © ullstein bild, Maecenas und Nikolaos von Damaskus © akg-images, Cicero © Interfoto, Marcus Antonius © Bridgeman, Cleopatra © Shutterstock/REX
Corinna Kirchhoff © Binh Truong

Audionachweis:
hr2-kultur: Nicole Kohlhepp, Burkhard Schmid, Karoline Sinur, Julika Tillmanns

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