SPECIAL zu den Romanen von Mariette Middelbeek

Mariette Middelbeek über ihren Roman »Das Leben ist jetzt«

Mariette Middelbeek
© Hadewych Veys
Sara, die Protagonistin von »Das Leben ist jetzt«, ist eine erfolgreiche, unbekümmerte junge Frau, die es liebt, ihr Leben zu genießen. Schlechte Nachrichten sind kein Teil ihres Lebensentwurfs. Basiert der Charakter auf jemandem, den Sie kennen?
Mariette Middelbeek: Nein, sie ist niemandem im Besonderen nachempfunden. Ich habe sie als Person entworfen, die das Leben bis zum Maximum auskostet, und die sich nicht zu viele Sorgen machen muss, da es in ihrem Leben einfach nichts gibt, worüber sie sich sorgen müsste, und dann wird sie mit etwas völlig Neuem konfrontiert. Natürlich hat Sara Eigenschaften von Menschen, die ich kenne, sogar von mir selbst; denn um eine Protagonistin zu schaffen, mit der sich der Leser identifizieren kann, gebe ich ihr immer wirklichkeitsgetreue Eigenschaften. Aber ich denke nicht: »Lasst uns jemanden erfinden, der so ist wie diese oder jene Freundin!« Eher greife ich einzelne Dinge, die sie sagt oder tut, von einem Freund oder Familienmitglied auf. Nichtsdestotrotz sieht Max wie mein fünf Jahre alter Neffe aus. Dinge, die mein Neffe sagte oder tat, wanderten direkt ins Buch, denn als ich das Buch schrieb, hatte ich nicht viele Vierjährige um mich herum. Ich brauchte etwas Inspiration, um Max zu einem Kind zu machen, zu dem der Leser einen Bezug haben kann. Als meine Mutter das Buch zum ersten Mal las, erkannte sie sofort ihren eigenen Enkelsohn ...

Und war erwähnte »Die Protagonistin-in-eine-neue-Situation-werfen-und-dann-sehen -wie sie-sich-entwickelt« ihr zentraler Gedanke zu Beginn des Romans?
Mariette Middelbeek: Ja, das war so. Ich dachte mir, Sara in eine solche Situation mit ihrer Schwester und ihrem Neffen zu bringen, wäre interessant, denn sie war zu einer Entwicklung gezwungen, die sie reifer und sogar netter machen würde. Bevor ich mit dem Schreiben anfing, hatte ich Sara natürlich gründlich durchdacht, und ich wusste bereits, wie sie auf diese neue Situation reagieren würde. Denn ich dachte, ich würde sie schon vor dem Schreiben ziemlich gut kennen müssen, um aus ihr eine realistische Person zu machen. Aber als sich die Geschichte weiter entwickelte mit dem Krebs der Schwester und Sara auf ihren Neffen aufpassen musste, merkte ich, dass meine Überlegungen zu Sara nicht genügten. Sie brauchte noch mehr Entwicklung, und ich musste über ihre Lage tiefer nachdenken. Wie würde ich reagieren, wenn so etwas in meinem – ich muss es zugeben – sorglosen Leben passierte? Es war nicht immer einfach, über solche Dinge nachzudenken, da ich doch selbst eine ältere (sehr gesunde!) Schwester habe. Aber ich glaube, dass es das Buch realistischer und somit auch besser gemacht hat.

In Ihrem Buch behandeln Sie viele Themen auf einmal (Schwester sein, Krankheit, Elternschaft und Liebe), und alles das auf eine sehr unterhaltsame, gefühlvolle, manchmal witzige, doch auch genauso authentische Weise. Wie kamen Sie darauf, einen Frauenroman zu schreiben, der so viele fesselnde und vielschichtige Themen auf einmal behandelt?
Mariette Middelbeek: Ich begann mit der Idee, ein Buch über ein Thema zu schreiben, das so viele Frauen – junge wie alte – heutzutage betrifft und das nicht genug Aufmerksamkeit bekommen kann: Brustkrebs. Dann entschied ich mich für die Schwester der Patientin als Protagonistin, denn es könnte einfacher für den Leser, sich in sie hinein zu versetzen und ihre Entwicklung könnte interessant sein. Diese zwei Dinge bildeten also die Grundlage. Aber das Leben ist nicht eindimensional. Ich konnte kein Buch über eine Frau schreiben, deren Schwester krank wird, und das wäre dann alles. Denn wenn eine Tragödie dieser Art in einer Familie passiert, muss jeder über viel mehr nachdenken als nur die Krankheit, besonders wenn Kinder beteiligt sind. Also musste Sara sich über ihre eigene Beziehung zu ihrer Schwester und auch zu ihrer Mutter neu klar werden, deren Rolle sich mit der Erkrankung von Saras Schwester änderte. Sie musste ihre eigenen Ideen von Elternschaft definieren und sie musste herausfinden, wie sie eine Ersatzmutter für Max sein könnte. Gleichzeitig musste sie einen Weg finden, wie sie ihm Liebe geben konnte, während sie Gefühle entdeckte, die sie nie zuvor gehabt hatte. Aber abgesehen davon wollte sie die glamouröse Frau bleiben, die ihre Freiheit genoss. So war es eigentlich nicht zu vermeiden, alle diese Schichten in den Roman zu integrieren, denn er sollte so nahe am wahren Leben wie nur möglich sein.

Sie haben ein ziemlich ernstes Thema zum Kern Ihres Romans, wobei Sie es aber geschafft haben, ein wirklich unterhaltendes Buch zu schreiben. Wie machen Sie das? Was ist ihr Geheimnis?
Mariette Middelbeek: Es beginnt damit, eine Protagonistin zu erschaffen, mit der der Leser in die Situation hineinwachsen kann. Jemand, der deine Freundin sein könnte, und jemand, der wirklich überrascht von allem ist, was so passiert, und der versucht, damit humorvoll umzugehen. Humor ist sehr wichtig, sogar bei einem ernsten Thema. Ich weiß nicht, ob ich ein echtes Geheimnis habe, aber wenn ich eins habe, würde ich sagen, es ist, dass ich mir selber treu bleibe, auch wenn es um ein schweres Thema geht, und sogar, wenn ich selbst noch nie in so einer Situation wie jener im Roman gewesen bin. Während des Schreibens überlege ich mir immer, wie ich selbst in einer solchen Lage reagieren würde, wie ich mit den verschiedenen Problemen umgehen würde – welche auch immer es sein mögen –, mit denen sich die Protagonistin auseinanderzusetzen hat. Währenddessen frage ich mich immer, wie ich an der Stelle der Heldin die Probleme auf ein erträgliches Level bringen und das Beste daraus zu machen könnte. Ich versuche, die positive Seite der Situation zu sehen, auch wenn sie so traurig ist wie die Krankheit von Saras Schwester. Indem ich auch die angenehme Seite betrachte oder versuche, Humor in die Situation zu bringen, wird das Buch unterhaltsam.

Wussten Sie von Anfang an, was Sara und Anouk am Ende des Romans passieren würde, oder haben sie während des Schreibens ein gewisses Eigenleben angenommen?
Mariette Middelbeek: Ich war mir über den Ausgang im Klaren. Vor dem Schreiben habe ich mir zwei mögliche Schlussszenarien zurechtgelegt und beide mit meiner Lektorin diskutiert. Danach entschied ich mich für eine Variante, und bin während des Schreibens auch bei meinem Entschluss geblieben. Ich muss das Ende kennen, während ich ein Buch schreibe, denn ich kann ein besseres Buch schreiben, wenn ich weiß, wohin die Geschichte läuft.

Sie haben sich nicht von Anfang an vorgenommen, Romane zu schreiben. Schreiben Sie jetzt hauptberuflich? Wann finden Sie die Zeit zu schreiben, und wie lange dauert es, einen Roman fertigzustellen
Mariette Middelbeek: Ich bin jetzt fast eine Vollzeit-Roman-Schriftstellerin. Ich schreibe aber auch gerne andere Sachen als Romane. Ich habe zum Beispiel zwei Sachbücher geschrieben, eines über Sanitäter im Notdienst in einem Krankenwagen und eines über Menschen, die als Rettungsschwimmer und auf Rettungsbooten arbeiten. Ich mag es, Leute zu interviewen und ihre Geschichten aufzuschreiben. Abgesehen davon schreibe ich auch für ein paar Magazine. Ich mag die Kombination von allen diesen Dingen, auch wenn ich, wenn ich wählen müsste, sicher die Romane nehmen würde.

Was kommt zuerst: Die Entwicklung der Protagonistin/des Charakters oder ist es eher die Handlung?
Mariette Middelbeek: Eigentlich ist das Thema, das Motiv, zuerst da. Und dann kommt die Handlung, die zu dem Thema passt. Erst danach kommt die Protagonistin; ich versuche immer, jemanden zu finden, der der Handlung gerecht wird, aber manchmal muss ich die Geschichte der Entwicklung der Protagonistin anpassen. Das Wichtigste ist, dass sowohl die Story wie auch die Protagonistin nicht unrealistisch werden. Die Hauptperson muss eine wirklichkeitsnahe Person sein, mit sowohl guten Eigenschaften als auch ihren Macken. Sie ist keine Heldin, die alles mit einem Fingerschnippen gerade rückt. Wenn die Geschichte das von ihr verlangt, muss ich eben die Geschichte anpassen. Story und Protagonistin müssen immer Hand in Hand gehen.

Woran arbeiten Sie gerade? Können Sie uns schon Neuigkeiten über Ihr neues Buch verraten?
Mariette Middelbeek: Gerade arbeite ich an einem Buch über eine junge Frau, die kurz zuvor ihren Mann verloren hat. Nun muss sie die Scherben aus ihrem alten Leben zusammen suchen, um das Beste daraus zu machen. Sie zieht vom Land in die Stadt und versucht, ein neues Leben zu beginnen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Das Buch erscheint in den Niederlanden unter dem Titel Crash.

Wie hat sich ihr Leben verändert, seit Sie Beststeller-Autorin sind?
Mariette Middelbeek: Es hat sich nicht gravierend verändert, doch seit meine Verkaufszahlen nach oben gegangen sind, bekomme ich viel positive Rückmeldung von meinen Leserinnen und Lesern, und das gibt mir Sicherheit beim Schreiben. Denn trotz allem ist die Veröffentlichung eines neuen Buches immer noch nervenaufreibend. Werden es meine Leserinnen und Leser mögen? Verstehen sie, was ich meine? Lachen sie über das, was ich lustig finde? Und wenn ich merke, dass sie es mögen, weiß ich, dass ich mit meinen Büchern auf dem richtigen Weg bin.

Wer bekommt Ihre Manuskripte als erstes zu lesen?
Mariette Middelbeek: Das ist immer meine Lektorin. Sie ist ziemlich streng mit mir, und die E-Mail mit ihrer Reaktion auf die erste Version des Manuskripts macht mich immer wahnsinnig nervös. Meistens ist es etwas wie: »Großartige Rahmenhandlung, viel umzuschreiben«. Sie betreut mich großartig, und es gelingt ihr immer, dass das Buch viel besser wird. Darum schätze ich ihre Meinung sehr. Der Zweite, der mein Buch zu lesen bekommt, ist der Verleger, und die erste, die das Buch nach dem Druck liest, ist immer meine Mutter.

Das Leben ist jetzt

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