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Mark Childress "Haben Sie das von Georgia gehört?"

Interview mit Mark Childress zum Roman "Haben Sie das von Georgia gehört?"

»Ich mag Bücher, in denen etwas passiert«

Mark Childress im Interview über seinen neuen Roman Haben Sie das von Georgia gehört?

Hauptfigur Ihres neuen Buches „Haben Sie das von Georgia gehört“ ist eine extravagante, Südstaatenschönheit: Georgia Bottoms. Selten beherrscht in der Literatur eine einzige Person einen Roman so stark wie Ihre Protagonistin. Wie würden Sie Georgia charakterisieren?
Georgia ist eine Frau, die viele Bälle gleichzeitig in der Luft hält. Neben dem Leben, das für alle Bewohner der Kleinstadt, in der sie lebt, sichtbar ist, führt sie im Geheimen noch sechs oder sieben weitere. Nach außen ist sie eine Stütze der Gesellschaft, die tragende Säule der Baptistengemeinde, und eine gesellschaftliche Größe, deren Gespür für Mode und Stil sie von den anderen Frauen der Stadt abhebt. Nachts jedoch verwandelt sich Georgia in eine völlig andere Frau – und das erzeugt Spannungen in ihrem Leben.

Was fasziniert Sie am Typ der exzentrischen Südstaatenfrau? Sehen Sie Georgia als Romanfigur in einer literarischen Tradition oder gibt es für Georgia Vorbilder in der Realität?
Also, es sind nicht nur die exzentrischen Südstaatenfrauen, die mich faszinieren, es sind alle Frauen und Männer aus den Südstaaten. Ich glaube, es ist immer noch ungewöhnlich für einen Mann, ein Buch aus der Sicht einer Frau zu schreiben, obwohl das schon viele Schriftsteller vor mir getan haben. Tatsächlich erzählen drei meiner Romane aus der Sicht einer Frau und vier aus der Perspektive eines Mannes. Ich versuche eben, alle in den Genuss kommen zu lassen… Jedenfalls denke ich, dass es sich bei Georgia um eine typische Vertreterin der starken Südstaatenfrau handelt, wie man sie in der Literatur nicht selten antrifft. Vielleicht ist das so, weil die Südstaaten seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg eindeutig ein Matriarchat sind.

Neben Georgia gibt es eine Reihe weiterer exzentrischer Charaktere: ihre starrsinnige und zunehmend demente Mutter, ihr jüngerer Bruder, der zwischen seinen Knastaufenthalten Station zu Hause einlegt, und Georgias beste Freundin Krystal, die überaus energische Bürgermeisterin des Ortes. Wie kommen Sie auf die Einfälle für diese außergewöhnlichen Figuren?
Dieses ganze Gespräch über Exzentrizität erinnert mich daran, was Flannery O´Connor über die Südstaatler sagte: „Wann immer ich gefragt werde, warum Autoren aus den Südstaaten mit Vorliebe über Freaks schreiben, entgegne ich, es liegt daran, dass wir noch in der Lage sind, sie zu erkennen.“ Obwohl mir die Figuren sehr wirklichkeitsgetreu erscheinen, verstehe ich, dass einige ihrer Verhaltensweisen von anderen als unmöglich empfunden werden. Dazu kann ich nur sagen, dass ich gern Bücher lese, die interessant sind, und Bücher über belanglose Leute zu schreiben, die sich gegenseitig langweilige Sachen zuraunen, wäre nicht interessant. Ich mag Bücher, in denen etwas passiert.

Die Geschichte spielt in einem verschlafenen Provinznest in Alabama, dem fiktiven Ort „Six Points“. Obwohl die ambitionierte, attraktive Georgia, oberflächlich betrachtet, gar nicht in den Ort passt, hat sie es bis zu ihrem 36. Lebensjahr dort ausgehalten. Warum bildet gerade „Six Points“ eine ideale Kulisse für Georgias Scheinwelt aus heimlichen Liebschaften, kalkuliert gesponnenen Kontakten und halblegalen Geschäften?
Vielleicht hätte Georgia Six Points vor langer Zeit verlassen und sich zu verheißungsvollen Orten wie Mobile, Birmingham oder sogar ihrer Traumstadt New Orleans aufgemacht, wenn sie nicht so eine gute Tochter und Schwester wäre. Ihre Mutter braucht sie. Ihr Bruder braucht sie. Sie wird von ihrer Familie und ihrer Geschichte festgehalten. Also hat sie versucht, hier in Six Points das Leben zu führen, das sie wollte. Wie Sie schon sagen, fällt ihr das schwer, weil sie sich für kultivierter hält als einige ihrer Nachbarn. Bis zu den Ereignissen, die im Buch geschildert werden, kam es ihr nie in den Sinn, dass sie sich tatsächlich auf und davon machen könnte. Diese Spannung zwischen dem Wunsch fortzugehen und dem Zwang bleiben zu müssen, ist eines der Hauptthemen des Buches.

Ein Südstaatenroman wäre undenkbar ohne das Thema „Rassenkonflikte“, das auch in ihren Romanen „Verrückt in Alabama“ und „Abgebrannt in Mississippi“ eine wichtige Rolle spielt. „Georgia“ allerdings ist nicht wie ihre beiden anderen Bücher in den 60er und 70er Jahren angesiedelt, sondern zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Ist der Rassenkonflikt hier ein Relikt, das nur noch die greise Generation wie „Little Mama“ beschäftigt?
Wissen Sie, obwohl Sie behaupten, Rassismus sei unausweichlich Thema in einem Südstaatenroman, ist das nicht zutreffend. Es gibt ein ganzes Genre sogenannter „Wohlfühl-Literatur“ innerhalb des Südstaatenromans, in dem Rasse allenfalls beiläufig erwähnt wird und in dem die Ansicht vorherrscht, all diese unerfreulichen Begebenheiten lägen weit zurück. Es gibt einige Leute, die sich darüber beschweren, ich würde mich in meinen Büchern zu sehr darüber ausbreiten. Aber um ehrlich zu sein, bin ich der Meinung, ein Buch in den modernen Südstaaten anzusiedeln und Rassenkonflikte nicht zu thematisieren, ist dasselbe, wie ein Buch über Deutschland in den 1940er Jahren zu schreiben und den Nationalsozialismus mit keinem Wort zu erwähnen. Für mich ist das unbegreiflich.

Ich würde sagen, dass Georgia, die sich selbst in Rassenangelegenheiten für fortschrittlich hält, glaubt und hofft, dass Rassenkonflikte der Vergangenheit angehören oder nur in den Köpfen existieren. Aber im Verlauf der Geschichte macht sie die Erfahrung, dass das nicht stimmt – in Wirklichkeit vertritt sie selbst einige sehr altmodische Einstellungen und wird gezwungen, diese zu hinterfragen. Sie stellt fest, dass die Rasse auf subtile Weise alles beeinflusst, was sich in den Südstaaten abspielt. Little Mamas Einstellungen sind lediglich in der Hinsicht altmodisch als sie sie so unverhohlen äußert. Viele der heutigen Rassisten verbergen ihre Ansichten, außer vor ihresgleichen.

Es gibt zwei Themen in ihrem Roman, von denen ich mir vorstellen kann, dass sie unter ihren Lesern in den USA Diskussionen ausgelöst haben: Die Darstellung des 11. September 2001 und Georgias Religiosität. Welche Resonanz hat es hervorgerufen, dass Sie die Attentate vom 11. September mit Situationskomik in ihren Roman aufgenommen haben und dass diese Katastrophe für Georgia nichts als ein Ärgernis ist, das ihre große Jahresparty zum Platzen bringt?
Als allererste Reaktion auf die Ereignisse des 11. September verübelt Georgia es Al Quaida, ihren September-Lunch ruiniert zu haben. Obwohl das möglicherweise selbstsüchtig aussieht, kommt es mir sehr aufrichtig und ehrlich vor. Die meisten von uns denken zuerst daran, wie weit uns Ereignisse persönlich betreffen. Als Georgia jedoch aufgeht, was tatsächlich geschehen ist, versucht sie auf ihre Weise zu helfen… sie fährt in der ganzen Stadt herum und versucht das Essen, das sie so aufwändig zubereitet hat, zu verteilen, mit dem Gedanken, sie könne ihren Teil zur Menschlichkeit beitragen, indem sie jemandem helfe.

Wie würden Sie Georgias religiöse Haltung beschreiben?
Sehr vereinzelt schrieben mir ein paar Leser, sie seien empört über Georgias Aussage, dass sie, obwohl sie jeden Sonntag zur Kirche gehe, nicht an Gott glaube. Solche Leute gibt es viele auf der Welt. Das ist einfach eine Tatsache. So ist das Leben. Ich entschuldige mich nicht dafür, über jemanden zu schreiben, der nicht wahrhaftig an Gott glaubt. Allerdings glaube ich, dass sich Georgia die ganze Zeit über ununterbrochen auf einer spirituellen Suche befindet. Sie sucht nach einem Sinn. Sie fordert Gott heraus, ihr seine Existenz zu beweisen. Am Ende des Buches ist sie immer noch auf der Suche.

In einem Gespräch erwähnten Sie, dass der Bericht eines Freundes Sie zu Ihrem Roman über Georgia inspiriert habe. Genauer gesagt, eine Episode aus dem Leben der Großmutter dieses Freundes, die 2001 Bürgermeisterin in einem kleinen Ort in Alabama war. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen?
Am 11. September 2001 lebte ich in Manhattan, und Sie können sich vorstellen, dass ich diesen Tag als ziemlich unwirklich erlebt habe. Gegen Abend, als die Telefonverbindung wieder funktionierte, sprach ich mit einem Freud aus Alabama, dessen Großmutter dort Bürgermeisterin eines kleinen Ortes war. Er berichtete mir, sie habe als Reaktion auf die Nachrichten vom 11. September den einzigen Polizisten des Ortes dazu abkommandiert, den Wasserturm zu bewachen für den Fall, dass irgendwelche Terroristen versuchen sollten, ihn anzugreifen. Zuerst lachte ich – aber je länger ich darüber nachdachte, desto heldenhafter erschien mir ihre Aktion. Während wir übrigen ununterbrochen vor dem Fernseher saßen und uns hilflos vorkamen, ging sie zur Tat über, sie machte das Einzige, was sie tun konnte, um die Bürger ihrer kleinen Stadt zu beschützen. Ich glaube, das ist Heldentum. Und ich wollte einen Roman schreiben, in dem so etwas passiert.

In Ihren Romanen verbinden sich Tragik und Komik, man könnte sogar von einer gegenseitigen Steigerung sprechen: Je schrecklicher die Ereignisse, desto witziger die Situationen, in die sie eingebettet sind. Was möchten Sie mit den Mitteln der Komödie erreichen?
Es stimmt, dass ich in meinen Büchern die Tragödie gern mit komödiantischen Elementen kombiniere und die Komödie mit Elementen der Tragödie. Das Lachen lässt die Tränen noch schmerzhafter werden. Das Weinen macht das Lachen noch ausgelassener. So ist das Leben. Ich versuche Bücher zu schreiben, die wahr erscheinen, die einem vorkommen wie das richtige Leben, auch wenn die Ereignisse nicht immer realistisch sind.

Sie genießen die Freiheit, immer wieder Ihren Aufenthaltsort zu wechseln. Nach Stationen in Costa Rica und New York leben Sie gegenwärtig in Key West, Florida. Gibt es noch andere Orte, wo Sie in Zukunft gerne einmal leben würden?
Als Romanschriftsteller habe ich die Freiheit zu leben, wo ich möchte. Das ist ein seltener Luxus, und ich war immer der Meinung, ich sollte das ausnutzen. Außerdem braucht man, wenn man Tag für Tag am Schreibtisch sitzt und tippt und tippt, etwas, das einem frische Impulse gibt. Für mich bedeutet das, den Wohnort zu wechseln, neue Gewohnheiten zu entwickeln, neue Freundschaften zu schließen. Ich fühle mich immer belebt, wenn ich meine Umgebung wechsele.

Ja, es gibt viele Orte, an denen ich gern leben würde. Südamerika, Asien – und ganz besonders Europa. Ich habe dort noch nie gelebt! Ich würde sehr gern eine Zeitlang in Deutschland leben – Berlin halte ich für eine der interessantesten Städte der Welt.

Interview: Elke Kreil