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SPECIAL zu Mark Haddon

Die Ehe in Pension

Rezension von Karl Hafner

Die Familie wird allerorts gefördert als Kern der Gesellschaft, als zu bevorzugende Lebensform. Falls es dann damit tatsächlich klappt und sich zwei finden, um eine Familie zu gründen, dann spielt sich das gemeinsame Leben über viele Jahre perfekt ein, Alltagsroutine, der Mann geht in seine Arbeit, die Kinder werden groß, es läuft so dahin. Bis der Mann in Rente geht.

In Mark Haddons Roman "Der wunde Punkt" muss sich George Hall dem Ruhestand stellen. Er ist der Typ Mann, der dann sofort anfängt, in seinem Garten ein Atelier zu bauen, weil er vorhat, mit dem Malen anzufangen. Zur Not auch mit Wasserfarben. An seine Frau Jean hat er sich gewöhnt, aber manchmal findet er sie auch reichlich unattraktiv. Jetzt muss er sie jeden Tag sehen. Aber so etwas spielt für ihn sowieso bald keine Rolle mehr, er wird demnächst an Hautkrebs sterben. Zumindest glaubt er das, auch wenn sein Arzt ein harmloses Ekzem diagnostiziert hat. Doch George ist ein furchtbarer Hypochonder, der hinter allem den Tod lauern sieht. Da helfen alle rationalen Beschwichtigungen nichts. Wenn er in ein Flugzeug steigt, sieht er es schon abstürzen. Und trotzdem muss er jedes Jahr in den Flieger, ans Mittelmeer zum Urlaub machen mit seiner Frau. Es ist kein Wunder, dass er seinen Hautkrebs in einer Herrenumkleide entdeckt, als er einen schwarzen Anzug für eine bevorstehende Beerdigung kaufen will. Und weil er ja nicht ewig leiden will, wird er sich wohl oder übel umbringen müssen.

Ordnung und Durchschnitt
George Hall ist das typische Familienoberhaupt einer Durchschnittsfamilie mit Sohn und Tochter im Durchschnittsmittelstand mit vollkommen durchschnittlichen Problemen - von außen betrachtet. Intern ist natürlich für die Einzelnen die Hölle los.

Tochter Katie eröffnet den Eltern eines Tages ohne Vorwarnung, sie werde ihren Freund Ray heiraten, den niemand in der Familie so richtig mag, ohne zu wissen, warum. Ray ist zwar kein Intellektueller, aber das ist auch sonst niemand aus der Familie. Und doch ist es ein Kriterium, wenn es um den idealen Mann für die eigene Tochter geht. "Das Hauptproblem, fand George, war Rays Erscheinung. Er sah wie ein normaler Mensch aus, der vergrößert worden war. Er bewegte sich langsamer als andere Leute, so wie die großen Tiere im Zoo. Giraffen. Büffel." Katie findet es reichlich unfair, dass man ihrer Hochzeit skeptisch gegenübersteht. Ray hat immerhin Geld, einen sicheren Job und ein schönes Haus. Und außerdem kümmert er sich ganz reizend, um Katies zweijährigen Sohn Jacob. Genug Gründe sind das für eine Hochzeit, auch wenn Katie kaum ein "Ich liebe dich" über die Lippen geht.

Katies schwuler Bruder Jamie hat mit der Hochzeit ein sehr konkretes Problem. Er will seinen Lebensgefährten Tony dorthin nicht mitnehmen und seiner Verwandtschaft vorstellen müssen. Eigentlich wissen alle, dass er schwul ist, aber sogar der eigene Vater tut so, als wäre Tony nur ein Arbeitskollege seines Sohnes. Tony wird das Herumgedruckse seines Freundes, wenn es um den gemeinsamen Auftritt auf der Hochzeit geht, bald zu dumm, und er beendet die Beziehung. Er sieht das Hin und Her in diesem konkreten Fall prinzipiell - und wahrscheinlich hat er damit Recht. Jamie mag keine Unordnung, keine Kompliziertheiten in seinem Leben. Auch nicht aus Liebe. Ein Bekenntnis zu Tony sähe anders aus.

Banalität und Alltag
Irgendetwas liegt bei allen Familienmitgliedern der Halls im Argen, jeder hat seinen wunden Punkt. Haddon erzählt emotionale Krisen jeweils vier, fünf Seiten lang aus der Sicht eines der Familienmitglieder, dann wechselt er die Perspektive. Frappierend banal stellt er dabei das Leben der einzelnen Figuren dar, voller trockenem Humor, ohne dabei dick aufzutragen. Vor allem die kleinen, beiläufigen Beobachtungen machen das Buch so unterhaltsam. Immer wieder konstruiert Haddon allzu menschliche Momente, die man als Leser nur zu gut kennt: die Gedanken beim Blick in den Spiegel. Die eigene Sprachlosigkeit im Dauergeplapper des Smalltalks. Momente lächerlicher Eifersucht ohne Grund und das mutwillige Ignorieren des Offensichtlichen, wenn doch ein Grund dafür bestünde. Das ständige Zögern und Zaudern, in der Hoffnung, dass noch etwas oder jemand Besseres im Leben kommen könnte. Schnell identifiziert man sich mit den Figuren. Weil sie einem nur allzu vertraut sind. Die Familie lebt einen einzigen Selbstbetrug. In erster Linie ist das gar nicht mal unsympathisch, sondern vor allem hilflos. Lächerlich wirkt es allemal - zumindest von außen betrachtet.

Entscheidung und Vermeidung
George findet eine Methode, sein Eheleben wieder spannender zu machen. Er redet jetzt über seine Gedanken, manchmal auch über seine Gefühle, und fängt an, sich für seine Frau zu interessieren. Jean findet das eher merkwürdig und außerdem kommt es ihr gerade gar nicht gelegen: Seit einem halben Jahr hat sie ein Verhältnis mit David, einem ehemaligen Arbeitskollegen ihres Mannes. David beachtet, versteht und umhegt sie, während ihr Mann George doch tatsächlich anfangs noch glaubt, ihre neuen Klamotten hingen irgendwie mit ihrem kürzlich begonnenen Italienisch-Kurs zusammen. Erst als George die beiden inflagranti im eigenen Ehebett sieht - kein schöner Anblick, wie er findet - wird ihm klar, was in Wirklichkeit geschieht.

George fängt an, langsam durchzudrehen. Er trinkt zuviel und verschwindet für ein paar Tage in einem Hotel. Seine rege Fantasie hat ihn allmählich im Griff. Erst Krebs und jetzt auch noch das! Seiner Frau erzählt er weder von seiner Angst, krebskrank zu sein, noch davon, sie im Bett mit David gesehen zu haben. Auf keinen Fall will er selbst noch zusätzlich Scherben produzieren. Es ist so schon schlimm genug.

Die große Kunst der Problemvermeidung, darin versucht sich jedes Familienmitglied. Nur keine Entscheidung treffen müssen! Doch natürlich führt genau das zu immer neuen Problemen. Es ist bezeichnend, dass man sehr bald anfängt, vor allem die Nebenfiguren zu schätzen, obwohl man deren Gedanken nie aus erster Hand erfährt. Aus Sicht der Halls ist keiner von ihnen wirklich gut genug. Irgendetwas gibt es an jedem auszusetzen. Und doch sind genau die Nebenfiguren, David, Tony und Ray, die eigentlichen Helden des Buches. Sie meinen es ernst mit den Halls, sie können diese Durchschnittsfamilie ertragen, und sie würden sich sogar für das Leben mit ihr entscheiden. Doch dafür braucht es immer zwei, und das bedeutet, dass sich auch die Halls entscheiden müssten …

Karl Hafner
München, März 2007