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Markus Zusak im Interview

Markus Zusak im Interview zu seinem Buch »Nichts weniger als ein Wunder«

Wie würden Sie Ihren Roman in einem Satz zusammenfassen?
Nichts weniger als ein Wunder handelt von einem Jungen, der alles aufs Spiel setzt, was er hat: um zu werden, was er werden muss – ein Brückenbauer –, und um die Größe zu erlangen, mit einer Tragödie umzugehen.

Was hat Sie zu diesem Roman inspiriert?
Die Idee zu dem Roman hatte ich schon vor mehr als zwei Jahrzehnten (so verrate ich auch, wie alt ich bereits bin!) … Ich war damals vielleicht neunzehn oder zwanzig, als ich erstmals über einen Jungen namens Clayton nachdachte, der eine Brücke bauen sollte. Und im selben Moment wusste ich, dass diese Brücke aus Stein oder aus Holz, in Wahrheit aber aus ihm bestehen sollte – wirklich aus Clay selbst. Bis das Buch oder vielmehr die komplette Welt dieses Buches tatsächlich fertig war, hat es lang gedauert. Doch am Ende lag alles vor mir, was ich dafür brauchte: fünf Brüder. Ihre Eltern. Fünf Tiere. Und Clay mittendrin.

Was unterscheidet diesen Roman von Ihren anderen Büchern?
Einerseits fühlt es sich für mich an, als würde dieses neue Buch all meine vorherigen Romane enthalten. Andererseits steht es ganz für sich allein. Ich wollte mich nach der »Bücherdiebin« auch weiterhin selbst herausfordern, wollte ein weiteres Buch schreiben, das mir alles bedeutete – und jetzt, nach dreizehn Jahren, glaube ich, ist es mir gelungen. Letztlich besteht der Unterschied darin, dass es dem Leser mehr denn je abverlangt. Zugleich hoffe ich, dass es für den Leser einen umso größeren Gewinn darstellt.

Wie kamen Sie darauf, einen »Erwachsenenroman« zu schreiben? Haben Sie sich bewusst dafür entschieden, oder hat sich das Buch im Lauf des Schreibprozesses dorthin entwickelt?
Die Entscheidung war nie eine bewusste – ich glaube, meine Bücher werden einfach mit mir erwachsen … Ich versuche, nicht allzu sehr über derlei Kategorisierungen nachzudenken oder darüber, in welchem Regal in der Buchhandlung oder Bibliothek mein Buch irgendwann stehen wird. Ich versuche einfach, ein Buch zu schreiben, das für sich selbst Sinn ergibt – und eins, das nur ich hätte schreiben können … und hoffe insgeheim, dass das genügt.

Warum haben Sie sich für die Brücke als Leitthema und Metapher entschieden?
Richtig entschieden habe ich mich nicht; die Brücke war einfach irgendwann da. Es gab sie als zentrale Idee bereits lange bevor daraus ein Buch über einen Bruder wurde, der sich selbst aufopfert, um seine Familie zu retten. Ich nehme an, gewisse Details haben mich einfach fasziniert – die Brückenbogen, der Junge, der sein ganzes Leben dort hineinbaut … Das hat sich für mich einfach ganz natürlich angefühlt – und wenn man eine Idee hat, an der man nicht zweifelt, dann verfolgt man sie eben.

Macht es Sie nervös, nach so langer Zeit ein neues Buch herauszubringen?
Na klar, gleichzeitig fühle ich mich ein bisschen wie damals in der Schule, als ich einen Aufsatz oder eine Hausaufgabe am Vorabend des Abgabetermins fertig gemacht habe … Puh, geschafft – ich kann jetzt nichts mehr daran ändern, aber ich habe mein Bestes gegeben. Ich habe mir immer gesagt, dieses Buch soll bis zu meinem Tod noch zwanzig Prozent besser werden, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man diese zwanzig Prozent besser in das nächste Buch investiert. Fürs Erste bin ich zufrieden mit dem, was ich geschafft habe. Ich hätte noch mehr Änderungen vornehmen können, aber womöglich hätte ich das Wesen des Romans verändert, wenn ich weitergemacht hätte. Der Roman wird sich selbst gerecht, und mehr kann ich von mir selbst nicht erwarten.

Wer ist Ihre Lieblingsfigur im Roman und warum?
Die Figuren begleiten mich alle bereits seit Jahrzehnten, am intensivsten natürlich die vergangenen zehn Jahre, insofern ist das nicht ganz leicht zu sagen. Ich würde mich da für einen Menschen und für ein Tier entscheiden: für Matthew, der seinen Bruder zurücksehnt und unter diesem Eindruck diese Geschichte erzählt. Und für Achilles, das Maultier, das im Hinterhof lebt. Von der ersten bis zur letzten Seite ist er eine zentrale Figur.

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Ich finde ja, für die umwälzendsten Szenen kann man sich am leichtesten motivieren; die notwendigen Szenen sind wesentlich schwieriger – diejenigen, die einen zum Kern des Romans führen. In gewisser Hinsicht kann jeder spannende Passagen verfassen, aber es sind letztlich mitunter die Szenen, die es am Ende gar nicht ins Buch schaffen, die enorm schwerfallen. Die bilden nämlich das Fundament und helfen einem, die Figuren und die gesamte Romanwelt besser kennenzulernen – aber sie sind eben schwer zu schreiben, und am Ende fallen sie raus. Und es bekommt sie nie jemand zu Gesicht.

Welche Leser werden an Ihrem Roman Freude haben?
Das dürfte die einzige Frage sein, auf die ich keine Antwort habe – weil ich mich ganz ehrlich damit nicht beschäftigen kann. Ich hatte damals geglaubt, »Die Bücherdiebin« würde nie jemand lesen wollen, und sie hat sich als mein meistgelesenes Buch erwiesen. Ich bin bei jedem meiner Romane dankbar, wenn jemand sie zur Hand nimmt. Immerhin gibt es Abermillionen Bücher auf der Welt, und wenn irgendjemand ausgerechnet eins von mir liest, ist das ein Privileg, das ich hoffentlich nie für selbstverständlich erachte.

Welche Lehren aus Ihrem Buch wünschen Sie Ihren Lesern?
Ich wünsche ihnen glaube ich, dass sie sich in eine andere Welt versetzt fühlen und dass sie am Ende wieder daraus auftauchen und das Gefühl haben, die Figuren wahrhaft kennengelernt zu haben – und zu wissen, wie sehr sie einander geliebt haben, auch wenn sie gestritten und miteinander gerungen und dann gelacht und weitergemacht haben. Vielleicht will ich auch, dass sie fühlen, wie Clay sich gefühlt hat – dass wir alle eines Tages diese eine Gelegenheit haben, zu wahrer Größe heranzuwachsen und – auch wenn wir wissen, dass wir unser Ziel nicht erreichen – uns trotz allem weiter darum bemühen.

Würden Sie bitte ein paar Worte an Ihre deutschsprachigen Leser richten?
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Sie waren immer die Ersten, die zu meinen Büchern gegriffen haben, die so weit weg in Australien erschienen waren … Danke, dass Sie auch zu Clay und seinen Brüdern greifen, zu seinen Schwierigkeiten, zu seinem Wunderwerk und zum Ausbuddeln eines Hundes, einer Schreibmaschine und einer Schlange. Meine Leser schulden mir nichts, während ich ihnen alles verdanke. Danke schön für alles, was Sie mir beschert haben.
Alles Gute,
Markus

Markus Zusak

Nichts weniger als ein Wunder

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