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Martha Grimes

Martha Grimes, Autorin der Inspektor Jury-Krimis - Goldmann Verlag

Liebenswert-exzentrisches England

Martha Grimes im Interview (2014)

Martha Grimes ist US-Amerikanerin, ihr Krimiheld very British, die erste Verfilmung deutsch. Als das ZDF sie vorstellte, kam die Autorin von Washington nach Berlin. Ohne Anzeichen eines Jetlags, frisch und gut gelaunt erzählte die 82-Jährige von ihrem Inspektor Jury und von ihrer zweiten Buchreihe um die zwölfjährige Emma Graham.

Martha Grimes
© Urban Zintel

Mrs. Grimes, wie gefällt Ihnen die erste Verfilmung eines Inspektor Jury-Falls?
Sehr gut: Die Atmosphäre der Krimis ist eingefangen, die Schönheit der englischen Landschaft – und besonders gefällt mir, dass der Humor der Romanvorlage gut getroffen ist. Dieser erste Fall entstand vor mehr als 30 Jahren.


Wie sind Sie dazu gekommen, Krimis zu schreiben?
Über einen Umweg: über Gedichte. Als ich studierte, nahmen alle meine Freunde an Lyrik-Workshops teil, und das wollte ich auch, obwohl ich damals noch keine einzige Zeile hervorgebracht hatte. Ich schrieb dann also Gedichte, irgendwann ein langes Werk über eine Frau, die ihr Leben lang von einem Killer verfolgt wird und darauf wartet, dass er sie erschießt.


Das klingt dramatisch.
Das war es auch, und vor allem dieses Gedicht hat mich dann ins Grübeln gebracht: Alle meine Werke waren erzählende oder dramatische Texte, alle waren irgendwie blutig und handelten von Menschen, die eine Treppe hinunterfallen oder anderes in dieser Art. Ich war von mir als Dichterin selbst nicht überzeugt und überlegte mir, dass ich es besser mit Geschichten versuchen sollte. Und da die Gedichte schon in die Richtung wiesen und ich Krimis mochte, habe ich mich für sie entschieden.


Warum wurden es britische Krimis?
Ich habe sehr gern Agatha Christie und andere britische Krimis gelesen. Und ich dachte: Wenn du sie gern liest, kannst du sie auch schreiben.


Long Piddleton spielt eine Rolle in Ihren Krimis: ein fiktiver kleiner Ort, der aber im realen Dorset angesiedelt ist. Woher kennen Sie die Gegend?
Ich habe in den 1970er Jahren mit meinem Sohn dort ein paar Monate gelebt. Ich hatte ein Haus gemietet, und er ist dort auch zur Schule gegangen. Ich mag die Landschaft, die Atmosphäre, die Pubs, die nebligen, diesigen Tage. Später bin ich dann immer wieder für kürzere Aufenthalte nach England gereist.


Inspektor Jury arbeitet bei Scotland Yard. Waren Sie auch dort, um zu recherchieren?
Nein, ich bin nicht so weit gekommen. Ein Freund nannte mir zwar einen Ansprechpartner bei Scotland Yard, das war noch in den 1980er Jahren, und nachdem ich die ersten drei Jury-Bücher veröffentlicht hatte, schrieb ich ihm einen Brief. Er antwortete in diesem typisch britischen Ton: Freundlich herablassend wandte er sich an diese amerikanische Autorin, die ausgerechnet britische Krimis verfasste. Er schlug vor, dass ich besser über Polizeieinheiten schreiben sollte, die ich kannte, also amerikanische – tatsächlich kannte ich die aber ebenso wenig wie britische – und erklärte, dass ich ihn nicht besuchen könne: „Wir sind nicht das
FBI, wir machen keine Führungen!“


Wie haben Sie dann für Ihre Krimis recherchiert?
Wenn ich in England war, habe ich manchmal Polizisten angesprochen und sie nach ihrer Arbeit gefragt. Aber so richtig getraut habe ich mich das nie, weil ich immer dachte, dass sie Wichtigeres zu tun haben, als mit mir zu sprechen. Ich habe aber zum Glück doch noch Kontakt zu einem Inspektor bei Scotland Yard bekommen, der sehr freundlich war und mir viele Informationen gab. Viel von dem, was die Polizeiarbeit betrifft, habe ich mir aber auch angelesen.


Wie kommen Sie zu Ihren Krimigeschichten?
Sie gehen auf die Namen von Pubs zurück. „The Black Cat“ zum Beispiel: Das ist ein Krimi, in dem dann auch eine schwarze Katze eine wichtige Rolle spielt („All die schönen Toten“). Sehr schön finde ich auch „The Horse You Came In On“ („Fremde Federn“). Das ist ein Pub in Baltimore, auf den ich stieß, als ich an der Johns Hopkins Universität unterrichtete. Ich fand diesen Namen so großartig, dass Jury, Plant und Wiggins in ein Flugzeug steigen und für diesen Fall in den USA ermitteln müssen.


Inzwischen haben Sie 22 Jury-Fälle veröffentlicht – wie finden Sie all diese Pubs mit den klingenden Namen?
Oft durch Zufall. Einmal war ich unterwegs nach Stonehenge und habe den Pub gar nicht sehen können. Aber das Schild, das auf ihn hinwies, hat mich gleich elektrisiert: „Rainbow’s End“. Was für ein großartiger Name! Daraus ist dann ein zweiter Krimi entstanden, der zum Teil in den USA spielt („Blinder Eifer“).


Haben Sie in Stonehenge für einen Krimi recherchiert?
Ja, ich wollte wissen, ob es für einen Mörder möglich wäre, eine Leiche dort abzulegen, das wollte ich nämlich unbedingt. Aber ich habe nicht herausgefunden, wie das möglich sein könnte bei den Zäunen und den Sicherheitsdiensten, die 24 Stunden im Einsatz waren. Sie erklärten, dass sie verhindern sollten, dass Besucher auf die Steine schreiben oder etwas anderes mit ihnen machen, und waren sehr streng zu mir. Ich habe deshalb die Idee mit der Leiche in Stonehenge aufgegeben, finde das aber sehr schade.


Haben Sie an reale Personen gedacht, als Sie zum ersten Mal über Inspektor Jury und seinen Freund Melrose Plant schrieben?
Nein – die beiden sind für mich allerdings eigentlich auch eine Person oder so etwas wie die zwei Seiten einer Münze. Jury war plötzlich in meinem Kopf, und ich habe einfach angefangen, über ihn zu schreiben. Er ist jemand, den ich sehr mag, ein tröstender Mensch, den ich gern um mich habe. Deshalb tritt er auch in meiner zweiten Serie auf, die in den USA, in Maryland, spielt, der Buchreihe um die zwölfjährige Emma Graham: Der Sheriff in dieser Reihe ist ein amerikanischer Richard Jury.

Martha Grimes
© Urban Zintel

Emma wächst in einem Hotel auf, das ihrer Mutter gehört, so wie Sie auch. Sind diese Bücher autobiographisch?
Ja. Die Serie spielt in einem alten Sommerhotel, wie auch meine Mutter eins hatte. In diesem Fall gehen die Figuren auf reale Personen zurück. Meine Mutter, ihre Geschäftspartnerin und deren Tochter, mein Bruder, sein Freund und sogar die Kellnerinnen von damals treten in meinen Büchern auf, wenn auch ein wenig verändert. Ich unternehme jetzt mit ihnen, was ich will, und das macht mir viel Spaß. Auch die Kulisse, das alte Hotel in Maryland, gefällt mir sehr.


Emma ist viel allein, sie ist auf sich selbst gestellt und versucht sich bei rätselhaften Geschehnissen als Detektivin. Vor allem treibt sie um, dass in der Nachbarschaft vor Jahren ein Baby verschwand. Was gefällt Ihnen an den Geschichten über sie?
Ich mag Emma sehr, ihren aufgeweckten, altklugen Tonfall, und ich mag das, was sie sagt. Auch in den Jury-Geschichten gibt es viele Kinder, die irgendwie allein und in gewisser Weise wild sind, meist sind ihre Eltern tot. Sie kommen oft in gefährliche Situationen, und es ist nicht der Inspektor, der sie rettet, sie müssen es vielmehr selbst tun. Ich schreibe gern über starke Kinder, die auf sich aufpassen müssen.


Emma ist das Kind, dem Sie am meisten Raum geben: Sie haben fünf Bücher über sie geschrieben. Sind Sie Emma?
Nein, aber ich wünschte, ich wäre sie gewesen: so einfallsreich und clever.


Sie haben bis jetzt 34 Bücher veröffentlicht – wo schreiben Sie?
Ich wohne in einem kleinen Ort bei Washington D.C. Ich habe ein Büro mit einem Computer, meine Geschichten schreibe ich aber mit der Hand in Notizbücher, und zwar an allen möglichen Orten. Sehr gern in Cafés, aber auch auf einer Parkbank oder in einer Flughafenlounge. Es stört mich nicht, wenn Leute um mich herum sind. Das einzige, was mir auf die Nerven geht, sind Rasenmäher, besonders, wenn drei Nachbarn gleichzeitig mit ihnen Krach machen.


Welcher Autorentyp sind Sie: Schreiben Sie nachts oder lieber tagsüber?
Am liebsten fange ich gleich morgens an, jeden Tag etwa vier Stunden. Wenn mir andere Autoren erzählen, dass sie acht Stunden arbeiten, kann ich das kaum glauben: Ich finde es sehr anstrengend, weil man sich so sehr konzentrieren muss, und habe nie mehr als vier Stunden geschafft. Am schwierigsten finde ich es immer noch, jeden Morgen wieder in das Schreiben hineinzufinden. Oft brauche ich dafür bis zu einer Stunde. Meine Studenten haben mir das nie glauben wollen, aber es ist so, auch noch nach so vielen Büchern.


Gerade ist ein Emma Graham-Band erschienen. Gibt es dann demnächst einen neuen Richard Jury-Krimi?
Ja, er erscheint im Juni 2014 in den USA unter dem Titel „Vertigo 42“, in der deutschen Übersetzung etwas später. Dieses Mal hat mich nicht ein Pub zu der Geschichte angeregt, sondern eine Champagnerbar in London, ganz oben auf einem der „Towers“ im Finanzdistrikt. Der Name mit seiner Hitchcock-Anspielung ist zu schön, als dass ich ihm hätte widerstehen können.

Das Gespräch führte Sabine Schmidt im Januar 2014.