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Martin Cruz Smith

SPECIAL zu Martin Cruz Smith

Martin Cruz Smith

Wie der Erfolgsautor zum Schreiben kam

Martin Cruz Smith
© Luisa Cruz Smith

Mill Valley, nur eine halbe Autostunde von San Francisco über die Golden Gate Bridge entfernt, ist ein idyllischer Ort mit hübschen kleinen Häusern, attraktiven kleinen Läden und einer Buch handlung. Früher gaben Künstler dem Ort sein Flair, aber als die Preise stiegen, wurden sie von Rechtsanwälten, Managern und Bankiers verdrängt. Der Ort liegt am Fuße jenes Berges, auf dem ganz oben das Haus von Martin Cruz Smith steht. Er ist Anfang der achtziger Jahre von New York, wo er fast sein halbes Leben verbracht hat, nach Mill Valley gezogen, um sich nach dem Millionenerfolg seines Romans »Gorki Park« endlich den lang ersehnten Traum vom Haus auf dem Land für sich und seine Familie zu erfüllen. Dort lebt er mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Durch das Fenster seines Arbeitszimmers sieht man über die ganze Bay von San Francisco – ein grandioser und inspirierender Ort zum Schreiben.

»Der Mann, der die schönsten, finstersten Krimis aus Russland schreibt« (Kulturnews)


Aber nicht immer sahen die Zeiten für den Autor und seine Familie so golden aus wie nach dem ersten großen Bucherfolg. Martin Cruz Smith wurde 1942 in Reading bei Philadelphia als Sohn einer indianischen Sängerin und eines weißen Jazzmusikers geboren. Eigentlich heißt er William und wird Bill gerufen. Aber da es zu viele Schriftsteller mit diesem Namen gab, nannte er sich nach seiner indianischen Großmutter Cruz, als er im College in Philadelphia seine kurze journalistische Karriere begann. Dort lernte er auch seine Frau kennen, mit der er seit über 40 Jahren verheiratet ist und die – inzwischen hauptberuflich – seine Bücher lektoriert. Als zweites von drei Kindern versuchte Cruz Smith, der ständig in der Familie präsenten Musik zu entrinnen und zog sich in seine Welt der Bücher zurück. Am liebsten las er Evelyn Waugh, Aldous Huxley und George Orwell. Aber schreiben wollte er eigentlich nicht. Doch als er seine Jahresprüfung in Soziologie am College nicht bestand, entschied er sich als Hauptfach für Kreatives Schreiben, weil ihm dies am einfachsten erschien.

Martin Cruz Smith stimmt zu, dass man Schreiben nicht lernen kann. »Aber wenn man die Grundkenntnisse beherrscht«, so meint er, »gibt einem so ein Kurs Raum und Zeit, und man darf schreiben, wird sogar dazu ermutigt, anstatt darum kämpfen zu müssen.« Nach dem College bekam Cruz Smith einen Job als Redakteur bei einer Lokalzeitung. »Ich schrieb über alles, Sportberichte, politische Artikel, Nachrufe und Restaurantkritiken. Es war ein großartiges Training. Man durfte nicht über sich selbst, sondern musste über andere Leute schreiben. Und das ist das Wichtigste, was ein Schriftsteller lernen muss.«

Da der Job jedoch sehr wenig Geld einbrachte, versuchte Cruz Smith zu reisen. »Ich verließ die Zeitung und tingelte als Eisverkäufer in einem weißen Truck durch die Gegend. Und ich verdiente so viel Geld, dass ich ein halbes Jahr in Spanien leben konnte. Dort las ich weiterhin mit großer Begeisterung Orwell und ebenso Hemingway, freute mich an dem billigen Leben im Spanien der sechziger Jahre, jobbte als Autohändler und Englischlehrer.« Zurück in den USA, wandte sich Cruz Smith wieder dem Journalismus zu, arbeitete bei der Zeitung Philadelphia Daily News, dann in New York für Associated Press und für ein Männermagazin. »Ein Jahr lang schrieb ich zahllose lächerliche Geschichten, als jedoch immer schrecklichere Stories von mir verlangt wurden, protestierte ich beim Verleger.« Mit unvermeidlichen Folgen.

Gleich nach der Hochzeit reisten Cruz Smith und seine Frau an die damals noch unverdorbene Algarve. Sie wohnten in einem Haus auf einer Felsklippe, ohne Elektrizität, und dort schrieb Cruz Smith sein erstes Buch – das einzige Buch, das nie veröffentlicht wurde. Wieder in New York, ernährte er seine wachsende Familie als frei arbeitender Journalist. Er schrieb vor allem Auftragsarbeiten von eher trivialer Natur, über Indianer, Zigeuner und andere Outlaws. »Sie bezahlten mir einen Hungerlohn, deswegen musste ich wahnsinnig schnell schreiben, oft 200 Seiten pro Woche. Immerhin entwickelte ich allmählich ein sicheres Gefühl für eine Erzählstruktur.«

Der Wendepunkt kam mit dem Roman »Sing, Zigeuner,sing …«, für den Cruz Smith 2.500 Dollar Vorauszahlung erhielt. Ein bescheidener Erfolg für ein Hardcover und eine Taschenbuchausgabe, die in der ganzen Welt verkauft wurden, aber immerhin signalisierte dies Cruz Smith, dass er endlich an dem richtigen Punkt angekommen war. Als ihm jedoch der Verleger für seinen nächsten Roman nur 2.200 Dollar anbot, dachte er: »Irgend etwas stimmt mit mir nicht. Nimmt denn keiner wahr, dass ich inzwischen so viel besser geworden bin? Außerdem, wie soll ich meine Frau und meine Kinder ernähren, die auf die High School gehen sollen? Eines Tages legte ich alles zum Schreiben bereit und sagte zu mir: Okay, jetzt ist Zynismus gefragt – was kaufen die Leute? Zu dieser Zeit waren Vampirgeschichten heiß begehrt. Also schrieb ich Vampirgeschichten und verkaufte sie glänzend.« »Flügel der Nacht« lag in allen Buchhandlungen und wurde dann auch noch verfilmt. Und so erhielt Cruz Smith endlich wirklich Geld, das er dazu benutzte, an einem Werk weiterzuarbeiten, mit dem er schon einige Jahre vorher begonnen hatte: »Gorki Park«.

Auf einem seiner Spaziergänge stöberte der Autor in einer Buchhandlung herum und entdeckte auf einem Tisch das Buch »Ich suchte Gesichter« von Gerassimov, in dem ein russischer Anthropologe aus Skelettknochen die Gesichter von prähistorischen Menschen wiederherstellte und der Moskauer Miliz beim Präparieren von verstümmelten Schädeln half. Da kam Cruz Smith auf die Idee, einen Roman über einen amerikanischen Detektiv zu schreiben, der nach Moskau geht und in eine solche Präparierarbeit hineingezogen wird, sich mit einem russischen Polizisten anfreundet, den Kriminalfall löst und danach nach Hause zurückkehrt. »Ich verkaufte meine Idee 1972 dem Verlag Putnam und fuhr 1973 nach Moskau, um vor Ort zu recherchieren. Dort wurde mir bewusst, dass ich den amerikanischen Detektiv durch einen russischen ersetzen musste, um einen wirklich authentischen Roman zu schreiben.« Zurück in den Staaten schrieb Cruz Smith die ersten 200 Seiten und zeigte sie seinem Verleger. Doch dieser war – es war die Zeit des Kalten Kriegs – über einen Russen als Helden ganz und gar nicht erfreut und verweigerte die Publikation. Als Cruz Smith die Rechte zurückkaufen wollte, wurde ihm dies verweigert. Es folgte ein acht Jahre währender Rechtsstreit, den Cruz Smith schließlich gewann. In dieser Zeit verdiente der Autor tagsüber sein Geld mit den üblichen Brotarbeiten und arbeitete nachts an der ersten Arkadi-Renko-Geschichte, die er nochmals umschrieb. Als die Neufassung fertig war, kaufte Random House das Manuskript für den sagenhaften Preis von einer Million Dollar Vorschuss. »Es kam mir vor wie ein Traum. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass mein bisheriges Leben ziemlich verrückt gewesen war.«

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