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Mathis Oberhof im Interview

Mathis Oberhof im Interview – Der Autor über sein Buch „Refugees Welcome“

Die aktuelle Flüchtlingssituation stellt Deutschland vor eine große Herausforderung. Viele Menschen zweifeln daran, dass Kanzlerin Angela Merkels Worte „Wir schaffen das!“ wirklich umsetzbar sind. Wie sehen Sie die Situation?

Nach drei Jahren Flüchtlingshilfe in Wandlitz bin ich der festen Überzeugung, dass wir das nicht nur schaffen müssen, sondern, dass wir das auch schaffen können. Und ich gehe noch einen Schritt weiter. Es wird diesem Land gut tun es gemeinsam mit den Neuankömmlingen zu verändern – offener, toleranter, pluralistischer, in Richtung einer „Globalisierung der Herzen“. Um es mit Angela Merkels Worten zu sagen: Wir müssen neben „deutscher Gründlichkeit“ einen Schritt vorwärts in Richtung „deutsche Flexibilität“ machen.

„Refguees Welcome“ soll Mut machen statt zu verunsichern. Empfinden Sie die aktuell geführte Flüchtlingsdebatte als zu negativ?


Ja, ich finde die Debatte derzeit zu negativ. Auch mir stellen sich Fragen, die für den Moment unbeantwortet bleiben. Es geht jetzt aber nicht darum, immer nur neue Probleme aufzulisten, sondern Lösungen zu finden. Die ca. 2000 Willkommensinitiativen, die in den letzten Monaten entstanden sind, leisten Unglaubliches. Von dem Wirken dieser kreativen, sich selbst steuernden Graswurzelinitiativen wird jedoch, trotz aller Fortschritte, noch viel zu wenig in der Öffentlichkeit sichtbar. Dem soll mein Buch abhelfen. So schrecklich es ist, dass wir in Deutschland derzeit mehrmals in der Woche einen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft erleben – in all diesen Orten gibt es meist auch Willkommensinitiativen. Das sind Menschen, die monatelang (in Wandlitz und anderswo oft schon jahrelang) einen Großteil ihrer Freizeit für fantasievolle, ausdauernde, empathische Integrationsinitiativen einsetzen. Diesen positiven Aspekt in den Vordergrund zu stellen und den Menschen Mut zu machen, ist das Hauptziel meines Buchs!

In Ihrem Buch erzählen Sie, wie die gelebte Willkommens-Kultur einiger engagierter Wandlitzer zu einem Stimmungswandel in der ganzen Stadt geführt hat. Was hat Sie dazu bewegt, sich aktiv den Gegnern des Flüchtlingsheims entgegenzustellen und sich für die Flüchtlinge vor Ort einzusetzen?

Als ich vor drei Jahren auf der Wandlitzer Bürgerversammlung, die gegen die Einrichtung eines Flüchtlingsheims gerichtet war, das Wort ergriff, habe ich mir nichts Großes gedacht, sondern bin einfach meinem Herzen gefolgt. Dass daraufhin eine so großartige Welle der Solidarität und Kreativität in unserem Provinzstädtchen losbricht – damit hätte ich nie gerechnet.
Von meiner Mutter, die aus Ostpreußen flüchten musste und meinem Vater, dessen Schwester von den Nazis im Rahmen der Euthanasie-Operation ermordet wurde, bin ich im Geist der Toleranz, des Pluralismus und des Widerstands gegen jede neue Spielart der Diktatur erzogen worden. Daher war es mir einfach ein Anliegen, für Solidarität mit den Flüchtlingen zu werben. Dass sich dann so viele Menschen in so vielen verschiedenen Bereichen engagieren würden – ob Deutschunterricht, Ausflüge mit Kindern, Begegnungsfeste oder die Öffentlichkeitsarbeit in den sozialen Netzwerken – das hätte ich nie zu hoffen gewagt. Das war die direkte Reaktion auf den Schock der Ausländerfeindlichkeit einer kleinen Minderheit. Eine Minderheit, die so laut und aggressiv auftrat, dass man zunächst glauben konnte, es sei die Mehrheit. Das ist sie aber nicht.

Wie ist die Situation in Wandlitz heute?

Vor drei Jahren ging es um 50 Flüchtlinge, heute sind es knapp 300. Und es würde mich nicht wundern, wenn es am Ende des nächsten Jahres 600 sind. Bei 23.000 Einwohnern! Das ist wirklich nicht viel. Kein Wandlitzer muss den Gürtel enger schnallen. Integration wird immer normaler. Es geht nicht mehr nur um Bürgerbegegnungsfeste zwischen den Flüchtlingen und den Einheimischen, sondern um die selbstverständliche Beteiligung der Flüchtlinge am Alltag: in den Sportvereinen, bei Stadtteilfesten, in den Schulen, in den Kirchengemeinden. In Wandlitz spürt man keine „Angst vor Ausländern“ mehr. Deshalb brauchen Ausländer auch keine Angst mehr vor den Wandlitzern haben. Wandlitz ist heute eine No-Go-Area für Neonazis.

Sie sind überzeugt, dass die Erfolgsgeschichte von Wandlitz sich auch an anderen Orten wiederholen kann. Was braucht es, damit das auch gelingt?

Ich war immer der Meinung, dass die Wandlitzerinnen und Wandlitzer nicht anders ticken als die Oldenburger, die Greifswalder, die Passauer oder die Menschen aus Ludwigshafen. Wer das Adressregister meines Buchs studiert, kann sich davon überzeugen, dass das, was vor drei Jahren noch singulär als der "Wandel von Wandlitz“ bezeichnet wurde, heute in sehr vielen Ortschaften, Städten und Dörfern Realität ist bzw. wird. Ich sage nicht, dass es leicht ist, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es sich lohnt. Weil „aller Anfang schwer ist“, hier 5 Vorschläge um selbst aktiv zu werden. Frei nach dem Motto: „Refugees Welcome – Willkommen in meiner Stadt, in unserer Umgebung!“

© Miriam Lemke/Goldmann Verlag

"Refugees Welcome!" Blick ins Buch

Mathis Oberhof, Carsten Tergast

"Refugees Welcome!"

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