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SPECIAL zu Mehmet Akyazi »Getürkt!«

Wer ist Mehmet Akyazi? Beschreibe dich kurz.
Mehmet Akyazi: Mehmet Akyazi heißen sowohl die Hauptfigur im Buch als auch ich selbst. In den Kurzgeschichten ist er sozusagen mein satirisches Alter Ego. Er sagt oft, was ich denke, doch seine Erlebnisse stimmen nicht immer mit meiner Wirklichkeit überein. Viel davon habe ich mir ausgedacht oder von anderen Leuten erzählt bekommen. Einiges habe ich allerdings tatsächlich selbst erlebt, zum Beispiel, dass ich zehn Meter Abstand zu meiner eigenen Freundin einhalten muss. Mein Leben ist tatsächlich durch diese Doppelidentität, also dem Leben in zwei Kulturen, geprägt. In Wirklichkeit bin ich vor Kurzem neunzehn geworden. Geboren und aufgewachsen bin ich in Duisburg, aber meine Eltern stammen aus Ordu in der Türkei. Eine sehr schöne Stadt am Schwarzen Meer. Zur Zeit lebe ich noch bei ihnen in Duisburg. Ach ja, und natürlich bin ich viel cooler und charismatischer als der Mehmet in diesem Buch.

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Sind deine echten Eltern wirklich so konservativ oder hast du dir das nur ausgedacht?
Mehmet Akyazi: In Wirklichkeit ist mein Vater das Gegenteil eines Konservativen, und beim letzten Gebet meiner Mutter gab es wahrscheinlich die DDR noch. Ich bin in einer eher modernen und offenen Familie aufgewachsen. Wäre ich aber in einem konservativen Umfeld groß geworden, dann würde ich jetzt womöglich die Sachen glauben, die mir beigebracht wurden. Für die meisten türkischen Kinder ist das nämlich die Realität, und in meinem Buch wollte ich das auch deutlich machen. Die Leser sollen begreifen, in was für einer schwierigen Lage sich unsere Generation befindet. Wir stehen zwischen zwei ganz verschiedenen Welten: Man versucht, uns in einem christlich-abendländischen Land zu guten Moslems zu erziehen. Die meisten türkischen Eltern wollen nämlich nicht, dass ihre Kinder ihre Sprache und Kultur vergessen, und versuchen, quasi eine Parallelgesellschaft aufzubauen. Sie erziehen die Kinder außerhalb der deutschen Gesellschaft, und das ist ein sehr großer Fehler. Dadurch wird es noch schwieriger, an solche Leute ranzukommen. Die Schuldfrage liegt aber nicht nur bei den Türken, auch die deutschen Kinder werden nicht gerade zu weltoffenen und toleranten Menschen erzogen. Den meisten wird von Anfang an eingeredet, dass der kleine Türke im BMW sehr gefährlich sein kann. Das ist alles Schwachsinn, man sollte sich aufgrund solcher Sachen nicht bekämpfen, und das versuche ich mit Hilfe meiner Satiren zu kritisieren.
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Warum schreibst du?
Mehmet Akyazi: Eigentlich will ich mit meinem Buch einfach nur die Leute zum Nachdenken bringen. Sie sollen unser Umfeld, unsere Lage verstehen und begreifen, warum wir so sind, wie wir sind. Unser Leben sollte nicht zusätzlich dadurch erschwert werden, dass man uns Faulheit oder Dummheit vorwirft. Wir sind nämlich alles andere als faul und dumm, doch man stellt uns sehr oft so hin. Man hat uns nie Vorteile in der Gesellschaft verschafft, wir wurden immer nur in eine Schublade gesteckt. Wenn jemand dumm ist, dann die, die mit solch einer Behauptung ihre eigenen Fehler überdecken.
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Für wen schreibst du? Wie sieht deine Leserschaft idealerweise aus?
Mehmet Akyazi: Eigentlich ist mir das Alter, die Nationalität oder die Religion meiner Leser völlig egal. Durch diese Kategorien werden unsere Probleme nur verschärft. Deshalb ist sowas auch überhaupt nicht entscheidend, denn wichtig ist nur das Bewusstsein. Deshalb wünsche ich mir am liebsten eine offene, dynamische und wenn möglich weibliche Leserschaft mit großen Brüsten. So zwischen neunzehn und vierundzwanzig Jahre wäre okay.
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Verstehen die Menschen deinen Humor? Fühlen sich manche Leute nicht missverstanden oder gar angefeindet?
Mehmet Akyazi: Es gibt wirklich einige Leute, die meinen Humor als pure Hetze verstehen. Sie werfen mir sogar Rassismus vor! Meistens sind es aber gerade die Leute, die sich in ihrer eigenen Rückständigkeit in dem Buch wiedererkennen und deshalb nicht mit der Ironie klarkommen. Ich mache die Türken nicht fertig, um die Deutschen zu schützen, und genauso wenig mache ich mich über die Deutschen lustig, um die Türken zu schützen. Ich will einfach nur aufzeigen, dass beide Seiten ihre Macken haben. Die sollte man versuchen zu korrigieren, denn im Prinzip ist es egal, wo man herkommt. Wichtig ist nur, dass man menschenwürdig leben kann.
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Die Gratwanderung zwischen deutschen, türkischen oder sonstigen Stereotypen und der Wirklichkeit ist manchmal gar nicht einfach. Wo endet die Realität und wo beginnt das Vorurteil in deinen Geschichten?
Mehmet Akyazi: Es ist wirklich sehr schwer einzuschätzen, ab wann ein Vorurteil ein Vorurteil ist, denn viele Sachen gehören auch zu einer bestimmten Kultur. Früher war es halt Mode, dass jeder Türke einen Schnurrbart trug, aber die Deutschen waren ja eine Zeit lang ebenfalls begeisterte Schnauzbartträger. Sobald man aber die Leute in den Dreck zieht, sie richtig beleidigt oder Hass schürt, mischt sich das Vorurteil zu sehr in die Realität ein. In den Kurzgeschichten finden sich deshalb viele Klischees und Vorurteile wieder, und ich will dem Leser bewusst machen, dass diese völlig schwachsinnig sind.
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Gibt es für dich so etwas wie ‚typisch deutsch‘ oder ‚typisch türkisch‘?
Mehmet Akyazi: Natürlich gibt es sowas. Die meisten Türken sind ja auch typisch türkisch und die Deutschen typisch deutsch. Sie haben ihre Kultur, ihre Lebensart und ihre Denkweisen. Ich sehe so viele deutsche Paare, die im Restaurant getrennt zahlen und so viele Türken, die Mercedes C-Klasse fahren. Man kann diese Tatsachen ja nicht leugnen. Es ist völlig schwachsinnig, sich sowas wegdenken zu wollen. Zum Beispiel gibt es einige „intellektuelle“ Deutsch-Türken, die sich dafür eingesetzt haben, den Begriff „Gastarbeiter“ aus dem deutschen Wortschatz zu streichen, aber warum? Wir sind ursprünglich als Gastarbeiter hierhergekommen. Jahrelang haben unsere Großväter für ein besseres Leben gerackert und geschuftet, und nun sollen wir unsere Herkunft nicht mehr beim Namen nennen dürfen? Natürlich klingt das Wort in manchen Ohren abwertend, aber für mich ist es das Gegenteil. Es verdeutlich unsere Stellung in der Gesellschaft. Wenn man ein armes Schwein ist, dann sollte man auch dazu stehen und es nicht mit Hilfe von schönen Wörtern überdecken. Ich kann diejenigen Leute, die sich Mund und Ohren zuhalten und dann blind durch ihre „heile Welt“ spazieren, nicht verstehen. Der Begriff „typisch“ drückt doch lediglich aus, dass man öfter dieselbe Erfahrung mit etwas gemacht hat. Ich kenne viele Deutsche, die blond sind, und deswegen darf ich auch sagen, dass diese Haarfarbe typisch deutsch ist. Natürlich gilt das nicht für alle, doch deswegen sagen wir ja auch „typisch“ und nicht „im Allgemeinen“.
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Dein Witz lebt auch von den Missverständnissen in der Kommunikation zwischen den Kulturen. Was sind deine Erfahrungen mit diesen Verständigungsschwierigkeiten?
Mehmet Akyazi: Diese Situation in einer Geschichte, in der mein Vater mit einer Russin spricht und beide aneinander vorbeireden, weil keiner die deutsche Sprache richtig beherrscht, kommt auch in der Realität oft genug vor. Natürlich gibt es aber auch noch zahlreiche andere Verständigungsschwierigkeiten, die viel gravierender und unlustiger sind. Das größte Verständigungsproblem zwischen Deutschen und Türken ist, dass die Deutschen sich nicht in die Lage der Türken hineinversetzen können. Viele Leute ziehen mich immer noch wegen meines Akzents auf, aber kaum einer will verstehen, woher er kommt. Sie verbinden ihn direkt mit „asozial“ oder „schlecht erzogen“. Ich habe die deutsche Sprache hauptsächlich durch das Fernsehen gelernt, weil meine Eltern überhaupt kein Deutsch beherrschen. Zu Hause spreche ich deshalb nur Türkisch. Die Deutschen denken, unser Leben wäre so einfach wie ihres. Meine Mutter konnte den Deutschkurs nie regelmäßig besuchen, weil sie sich um uns Kinder kümmern musste. Als wir dann größer waren, musste sie arbeiten gehen, weil das Gehalt von meinem Vater für eine vierköpfige Familie nicht ausreichte. Und neben der Arbeit machte sie auch noch den Haushalt. Sie hatte also nie die Gelegenheit, die deutsche Sprache zu erlernen. Das sollten die Leute begreifen, erst dann verstehen sie das eigentliche Problem.
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Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Mehmet Akyazi: Früher habe ich es gehasst, zu lesen. Die Bücher aus dem Schulunterricht habe ich mir nur zwangsweise angeguckt. Literatur ging mir am Arsch vorbei, und ich kam erst sehr spät mit ihr in Berührung. Mein Vater hat mir dann eines Tages ein Buch von Osman Engin mitgebracht, das ich megawitzig fand. Dort erzählt ein türkischer Vater von seinem stressigen Alltag in Deutschland. Ich habe mir dann noch weitere Bücher von ihm geholt. Das war aber auch das Einzige, was ich damals las. Als ich dann mit all seinen Geschichten durch war, kam ich auf die Idee, selbst etwas zu schreiben. In seinen Geschichten erzählt er immer aus der Perspektive eines türkischen Vaters. Der hat einen missratenen Sohn, der ebenfalls Mehmet heißt. Manchmal konnte ich mich mit dieser Figur sehr gut identifizieren, deshalb habe ich versucht, aus der Sicht eines türkischen Sohnes zu schreiben. Mit vierzehn schrieb ich dann meine erste Satire für die Schule, nur mal um zu testen, wie sie ankommt. Die Rückmeldung der Mitschüler und meiner Lehrerin war ziemlich positiv, doch ich wollte mehr Feedback. Daraufhin stellte ich die Geschichten ins Internet, und auch da kamen sie gut an. Der Rest ging dann fast von alleine.
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Denkst du, Integration kann in Zukunft besser gelingen? Wie könnte der Weg dahin aussehen?
Mehmet Akyazi: Solange die Türken sozial benachteiligt werden, wird sich gar nichts an der Integration ändern. Wir sind ja nicht fehlintegriert, weil wir keine Lust darauf haben, sondern weil wir in vielen Bereichen benachteiligt werden. Es gibt für uns einfach zu wenig soziale Gerechtigkeit, dafür aber viele Vorwürfe. Wenn sich etwas ändern soll, dann fängt es bei den materiellen Bedürfnissen an. Warum sind denn reiche Türken so gut integriert? Weil sie sich Bildung leisten können. Würde man diese soziale Ungerechtigkeit ändern, erfolgte Integration schon von alleine.
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Wie sollten Deutsche und Türken ihr Zusammenleben gestalten?
Mehmet Akyazi: Die meisten Deutschen und Türken haben überhaupt kein Interesse an einem guten Zusammenleben. Die Bedingungen dafür sind einfach nicht vorhanden. Die Deutschen werden beherrscht von den Medien und ihren Vorurteilen, die Türken von ihrem traditionellen kulturellen Umfeld. Solange diese beiden Fronten bestehen, ist es schwierig, ein Zusammenleben zu gestalten. Natürlich gibt es auch zahlreiche Gegenbeispiele, wo es doch klappt. Aber das liegt dann meistens an der Einstellung einzelner Personen, die sich nicht an der Meinung der Mehrheit orientieren. Die meisten Deutschen laufen zum Beispiel mit der Einstellung „Wer sich nicht anpassen kann, hat hier nichts verloren“ herum, während die Türken denken: „Ich hasse Deutschland, alles ist scheiße hier.“ Wie sollen diese beiden Standpunkte jemals zusammenfinden?
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Siehst du dich mehr als Deutscher oder als Türke?
Mehmet Akyazi: Diese Frage höre ich immer wieder, doch meiner Meinung nach ist sie gar nicht wichtig. Ich bin weder Deutscher noch Türke, eigentlich bin ich nur ein Mensch, und allein das ist im Leben auch entscheidend. Ich tue, was ich für richtig halte, und es ist mir ganz egal, ob es deutsch oder türkisch ist. Natürlich bin ich hier geboren und aufgewachsen, deshalb könnte ich mir ein Leben in der Türkei gar nicht vorstellen, aber das muss nicht heißen, dass ich mich hier auch wohlfühle. Es gibt viele Türken, die in Deutschland Erfolg haben und als Integrationsbeispiel gelobt werden, aber in meinen Augen ist das alles nur Heuchelei. Sie haben das geschafft, was viele nicht geschafft haben, aber nur, weil sie Glück hatten. Wenn man als Junge unter eher ärmlichen Verhältnissen aufwächst und die Eltern noch nicht mal Deutsch können, dann nützt es nichts, wenn irgendein Fußballspieler als Musterbeispiel für Integration gilt. Man muss allen Menschen eine reale Chance geben, etwas aus sich zu machen. Ich will kein Deutscher oder Türke sein, und integriert bin ich deshalb eigentlich auch nicht.
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Wie würdest du eine deutsch-türkische Kindheit und Jugend zusammenfassen?
Mehmet Akyazi: Meine Kindheit war eigentlich ziemlich lustig. Im Kindergarten war mein bester Freund ein Deutscher. Das war ein weiterer Anreiz für mich, Deutsch zu lernen, doch sobald ich zu Hause war, musste ich wieder türkisch reden. Nach dem Kindergarten wollte mich mein Vater dann unbedingt auf eine katholische Grundschule schicken, weil da wenig Türken waren. Er selbst wurde damals nach seiner Ankunft in Deutschland in eine Klasse voller Türken gesteckt. Da war es natürlich schwer, Deutsch zu lernen. In meiner katholischen Grundschulklasse dagegen war ich tatsächlich der einzige Türke. Jeden Freitag musste ich sogar in die Kirche, wo ich mir eine Predigt anhören durfte. Nebenbei besuchte ich auch noch jedes Wochenende den Korankurs, ich bin also mit zwei Religionen gleichzeitig aufgewachsen. Mein Vater hat mich immer gewarnt, dass ich genauso ein Arbeiter wie er werden würde, wenn ich mich in der Schule nicht anstrenge. Er hat sehr intensiv mit mir geübt, auch wenn ich trotzdem nur mittelmäßige Leistungen erzielt habe. Für einen Türken fanden mich die Lehrer aber ganz gut. Am Ende wollte mich meine Sachkundelehrerin unbedingt auf einem Gymnasium sehen. Sie lobte mich bei ihren Kolleginnen in den Himmel. Als ich dann aber auf dem Gymnasium war, fingen die Probleme an. In den Fächern Deutsch und Biologie stand ich auf „mangelhaft“, in den restlichen Fächern auf „ausreichend“. Sitzenbleiben konnte ich nicht, weil die ersten zwei Jahre am Gymnasium Erprobungsstufen sind. Natürlich warf mir der Lehrer daraufhin mangelhafte Deutschkenntnisse vor und wollte mich in die Gesamtschule schicken, doch dann hat sich meine Mathelehrerin für mich eingesetzt. Sie überzeugte meinen Vater, nicht die Schule zu wechseln. Meine Noten verbesserten sich dann mit steigendem Druck von meinen Eltern. Ich fühlte mich total überfordert, bis ich dann in der 10. Klasse auf eigenen Beinen stehen konnte und meine Eltern mir auch nicht mehr helfen konnten. Meine Noten wurden besser. Ich verstand plötzlich viele Sachen, anstatt sie stur auswendig zu lernen. Der Druck durch mein Umfeld war aber weiterhin sehr groß. Ich habe ständig mit der Angst gelebt, dass ich für einen Fehler später büßen müsste. Ich bin ja nicht in einem Einfamilienhaus mit Garten, sondern in einem kleinen Wohnblock aufgewachsen. Die Vorstellung, dass mein Leben später auch noch so aussieht, hat mir sehr viel Angst gemacht. Wenn ich darüber nachdenke, wie viel Glück ich in meiner Schullaufbahn hatte, dann kann ich meinen Mathe- und Sachkundelehrerinnen gar nicht genug danken. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich noch ein ganz normaler Türke ohne Ausbildung und Perspektive. Unsere Zukunftsperspektiven dürfen aber nicht vom Glück abhängig sein. Die Fehler liegen somit nicht nur bei uns, das habe ich aus meiner deutsch-türkischen Kindheit gelernt.
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Wie ist dein Verhältnis zu anderen Deutsch-Türken, zu Deutschen, und zu Menschen mit ganz anderer Herkunft?
Mehmet Akyazi: Mir ist es völlig egal, ob jemand Deutscher, Türke oder irgendwas anderes ist. Ich achte gar nicht darauf: Wenn ich jemanden nicht leiden kann, dann liegt es bestimmt nicht an seiner Herkunft. Das Nebeneinander der Kulturen in Deutschland spiegelt sich auch in meinem Freundeskreis wieder. Ich habe deutsche, türkische und afghanische Freunde, und keiner von ihnen kümmert sich um die Herkunft der anderen. Nur, wenn wir über mein Buch reden, kommt so was mal zur Sprache.
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Hast du schon Ausländerfeindlichkeit, wie etwa in deiner Geschichte „Dütsche Bahn“, erlebt?
Mehmet Akyazi: So etwas Krasses hab ich noch nicht am eigenen Leib erlebt, doch ich war mit dabei, als ein kleiner türkischer Junge von einem Neonazi verprügelt wurde. Der Kleine war gerade einmal neun oder zehn Jahre alt, ich war damals vierzehn. Gemeinsam mit meiner Mutter und meiner Schwester war ich einkaufen. Eigentlich waren eine Menge Leute in dem Laden. Während die Mutter des Jungen sich etwas anguckte, tobte der kleine Junge mit seinem noch kleineren Bruder in dem Laden herum. Der Skinhead wollte ebenfalls dort einkaufen, doch anscheinend fühlte er sich durch die Kinder gestört. Als der Junge an ihm vorbeirannte, packte er ihn am Kragen und verprügelte ihn feige. Er schlug ihm aufs Gesicht, trat auf ihn ein, als er auf dem Boden lag. Die Mutter des Jungen versuchte, ihrem Jungen zu helfen und beschimpfte den Nazi, doch das hatte keine Wirkung. Es war ein typischer Skinhead mit Glatze und Springerstiefeln. Als dann der Junge ganz laut heulte, machte er sich aus dem Staub. Niemand hielt ihn auf, da alle starr vor Schreck waren. Meine Mutter sprach das Thema nicht weiter an, weil sie wahrscheinlich dachte, wir würden es sowieso nicht verstehen. Ich hatte wegen der Sache eine Zeit lang schlimme Gewissenskonflikte, weil ich dem Jungen nicht hatte helfen können. Aber es ist einfach nur entsetzlich, dass es so etwas Unmenschliches überhaupt gibt. Ich höre immer noch Geschichten von vielen Türken, die hier diskriminiert werden. Es ist fast schon Alltag, jedoch wird in den Medien ein ganz anderes Bild gezeigt. Deshalb sollten die Leute endlich mal verstehen, dass irgendwas in diesem Land nicht stimmt.
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Was machst du, wenn du mal nicht schreibst?
Mehmet Akyazi: Wenn ich mal nicht schreibe, klaue ich den Wagen meines Vaters und fahre damit Rennen in Duisburg. Eigentlich lebe ich wie ein ganz normaler Jugendlicher, der auch gerne mal feiert. Eine Zeit lang hab ich auch Nachhilfe für hübsche hilfsbedürftige Schülerinnen gegeben. Für acht Euro die Stunde konnte man mich mieten. Ich habe meinen Job zwar echt scheiße gemacht, aber ich war auf das Geld angewiesen. Jetzt chille ich halt ein wenig in Duisburg.
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Wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Mehmet Akyazi: Konkrete Zukunftspläne habe ich immer noch nicht. Ich will sie auch nicht haben, denn eigentlich lasse ich immer alles einfach auf mich zukommen. Am liebsten möchte ich später etwas machen, was mir Spaß macht und wo ich genug Geld verdiene. Notfalls werde ich Lehrer.

Mehmet Akyazi

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