Michael Jürgs

SPECIAL zu Michael Jürgs

Armselig im Geiste

Buchempfehlung von Karl Hafner

Der Journalist Michael Jürgs echauffiert sich in „Seichtgebiete - Warum wir hemmungslos verblöden“ über die um sich greifende Dummheit in allen Gesellschaftsbereichen.

Wer sich nicht ärgern und sich den Abend nicht versauen lassen will, der verbringe seine Zeit besser ohne Fernsehen, der meide Superstars, Super-Nanny oder Musikantenstadl oder aber er gebe sein Hirn an der Pforte ab und lasse sich dann einfach berieseln, ohne weitere Gedanken, einfach nur so, weil man es ja einfach nur so machen kann.

In seinem Buch „Seichtgebiete“ unternimmt Michael Jürgs den Versuch zu erklären, „warum wir hemmungslos verblöden“ – so der Untertitel. Jürgs unternimmt darin eine Expedition in die seichten Gebiete der Gesellschaft, in die Dumfbackigkeit und in den medialen Irrsinn. Sich das alles anzutun, sei die Vorraussetzung für die Bekämpfung der alles besetzenden Blödheit, auch wenn die Gefahr bestünde, im Tiefland der Seichtgebiete von blöd machenden Viren erwischt zu werden. Dabei solle man jedoch keinen Oberlehrer spielen, keine „Operation Klugscheißer“ also, fordert Jürgs. Man dürfe die Blöden jedoch auch nicht als gottgegeben akzeptieren oder schweigend verachten. Man müsse sie lächerlich machen, was nur dann funktionieren würde, „wenn Blödmacher und Blöde ernst genommen werden in ihrer vielfältig sich zeigenden Einfalt.“ Wenn man diese lächerlich gemacht, bloßgestellt und sie nackt vor ihr Publikum stellte, würde dieses ihnen nicht mehr verfallen, sondern sie fallen lassen.

Jürgs hofft auf den Effekt „Der Kaiser ist ja nackt“ aus Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ und fantasiert über einen freilich nie zu verwirklichenden Themenabend auf arte oder 3sat, an dem all die Fernseh-Blödmacher selbst einmal als Kandidaten zur Wahl stünden und das Volk entscheiden könne, wer sich mit der Krone des größten Deppen schmücken dürfe. So würden die elitären arte-Zuschauer mal sehen, was da so kreucht und fleucht auf den Unterschichtskanälen. Deren Zuschauer wiederum würden auch einmal bei arte oder 3sat reinschauen. Ein positiver Effekt für alle, so Jürgs.

Anal-Phabeten wollen pullern
Jürgs' Buch ist eine Polemik. Gesagt wird von Jürgs, was gesagt werden muss. In harten Worten ohne Relativierungen werden diejenigen benannt, die Jürgs für die Ursache des geistigen Übels hält. Dabei ist „blöd“ sein mit Abstand meistgebrauchtes Wort. Die „Blödmacher“, das sind Fernsehleute und Moderatoren, sogenannte Journalisten der bunten Postillen oder geistlose Politiker – alles Menschen, die unsere Öffentlichkeit prägen. Den „Kaiser unter den Blödmachern“ hat Jürgs im Comedian Mario Barth ausgemacht, von dem manche vermuteten, er tarne sich nur und sei gar nicht nackt, also blöd. Dafür gebe es jedoch keinerlei Beleg. Barth habe den Traum der Alchimisten verwirklicht. „Er hat aus Scheiße Gold gemacht“ und es seien eben nicht nur Hartz IV-Empfänger, die zu Barths Stammpublikum zählten, sondern Menschen aus allen sozialen Schichten, die bei Barths Auftritten zu der Melodie von „We will rock you“ der Band Queen „Wir woll‘n, wir woll‘n pullern“ in den Warteschlangen vor den Toiletten gröhlen und sich vor Lachen über diesen Scherz beinahe in die Hosen machen würden. Zum Genre Buch habe Barth mit seinem bei Langenscheidt veröffentlichten Bestseller „Deutsch – Frau / Frau – Deutsch: Schnelle Hilfe für den ratlosen Mann" immerhin beigetragen, dass „anderthalb Millionen Anal-Phabeten“ zum Lesen verführt worden seien. Vielleicht nehmen sie ja irgendwann ein zweites Buch in die Hand – eine letzte, nicht ernst gemeinte Hoffnung.

Jürgs betont immer wieder, dass es früher genauso viele blöde Menschen gegeben haben muss, nur hatten die im Gegensatz zu heute nicht so viele Kanäle zur öffentlichen Zurschaustellung ihrer Dummheit. Seit dem Beginn des Privatfernsehens und dem ersten Mal „Tutti Frutti“ gebe es genug Menschen, etwa Fernsehmacher und Programmchefs, die die Zeichen der Zeit erkannt hätten und diese Seichtgebiete der Unterhaltung bewässerten, natürlich der Quote und des Geldes wegen aus purem Zynismus. Mittlerweile haben da auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten über weite Sendestrecken nachgezogen, obwohl sie das aufgrund ihrer Finanzierung durch Rundfunkgebühren gar nicht müssten. Ihrem Bildungsauftrag kommen sie zumindest kaum noch nach.

Demokratie als Dschungelcamp
Jürgs sieht in dieser um sich greifenden, vor allem medialen Verdummung eine Gefahr für unsere Demokratie. Wie sehr der geistige Müll des Fernsehens zur allgemeinen Verrohung und Abstumpfung beiträgt, könne man an den deutschen Schulen sehen, etwa wenn ein Neunjähriger seine Lehrerin in rüden Worten über ihr Sexualleben ausfragt und der Rest der Klasse amüsiert kichert und einen neuen Helden in ihren Reihen hat. Die Hand umdrehen mag Jürgs da nicht zwischen der sogenannten Unterschicht, denen die schulische Laufbahn ihrer Kinder reichlich egal ist bei im Schnitt 207 Minuten eigenem Fernsehkonsum am Tag, und den Wohlhabenden, denen „jeder Schul-Pups ihrer Nachkommen einen gewaltigen Donner wert ist, den sie am liebsten über die Lehrer abladen.“ Vernünftig um ihre Kinder kümmern, würde sich keine der beiden Gruppen. Die einen hätten nicht den Geist, die anderen nicht die Zeit. Wenn man sich die Zahlen der Mobbing-Opfer in den Schulen anschaue, dann würde man dort all die Demütigungen erkennen, die Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“, „Dschungelcamp“ oder „Topmodels“ im Fernsehen vormachten. Als letztes Erziehungsmittel fällt dann den Erwachsenen ein, das Fernsehen zu verbieten und somit alles, was den Kindern etwas wert ist. Ein Erziehungstrick, der funktioniert – und doch bei aller sonstigen Ignoranz einfach nur dumm ist.

Geistiges Elend zwischen Buchdeckeln
Natürlich ist für Jürgs nicht nur das Fernsehen Ursache für eine allmählich erschreckende Verblödung der Gesellschaft. Politiker glichen sich dem Niveau ihrer Wählerschaft an, die Unterschicht beeinflusse die Politik, wäre es da nicht einmal Zeit, dass die Politik auch die Unterschicht beeinflusse und vormache, was Bildung bedeute, fragt sich Jürgs und verweist auf ein positives Beispiel, als Joschka Fischer im Fernsehen von einem Buch von Carlos Ruiz Zafón erzählte und dieses danach lange auf den Bestseller-Listen stand.

Auch auf dem Buchmarkt sieht Jürgs das geistige Elend grinsen. Früher wäre da alles besser gewesen: Wer damals Bücher gemacht hätte, sei kein Buchmacher, sondern ein Buchverleger gewesen, der sich Gedanken gemacht hätte, was er in seinem Verlags-Portfolio anbieten möchte. Heute sei das anders: „Erfolg gibt allen recht, die sich keine Gedanken machen um ein etwaiges Renommee ihres Verlages, sondern den Tunnelblick fest gerichtet haben auf eine zweistellige Rendite ihrer Druckanstalt.“ Und das geht natürlich am besten mit dem „Kenn-ich-Effekt“, mit allzeit präsenten Gesichtern aus dem Fernsehen, die dann die Cover von inhaltsleeren, schlecht geschriebenen Ratgebern oder Autobiografien zieren.

Unendlicher Deppen-Kreislauf
Eine bemerkenswerte Abwärtsspirale beschreibt Jürgs in seinem Buch: Blödes Fernsehen macht blöde Menschen, die, wenn sie es überhaupt noch tun, die Machwerke von blöden Fernseh-Menschen lesen, weil sie diese ja kennen. Also denken sich die Menschen in Fernseh- und Verlagsanstalten: Geben wir den Affen Zucker, weil wir ja nicht blöd sind. Wir machen damit immerhin eine Menge Geld, und was interessiert uns schon, das geistige Niveau einer Gesellschaft? Jürgs beschreibt in „Seichtgebiete“ die Mechanismen und wechselseitigen Effekte dieser allumfassenden Verdummungsmaschinerie, mit der nötigen Wut und einem nur allzu verständlichen Ekel. Das Buch will Mahnung sein und appelliert daran auszubrechen aus diesem Deppen-Kreislauf, der zum Perpetuum Mobile zu werden droht. Einer musste das mal mit klaren und unversöhnlichen Worten tun – bevor es wirklich zu spät ist.
Karl Hafner
München, September 2009