Michael Jürgs

SPECIAL zu Michael Jürgs

Jammerossi gegen Besserwessi

Rezension von Brigitte Beck

Längst ist der Euphorie nach dem Mauerfall der Katzenjammer gewichen, und auch der wurde inzwischen von der Resignation abgelöst. Unverständnis auf beiden Seiten - Jammerossi gegen Besserwessi. Die Vereinigung scheint gescheitert, obwohl die Politik in vielen schönen Reden das Gegenteil besingt.

Da wurde es höchste Zeit, dass einmal jemand ein Buch verfasst, das die deutsch-deutschen Realitäten nicht bierernst, nicht verbissen, nicht schönfärberisch, dafür ehrlich, realistisch und humorvoll analysiert. Die beiden Autoren, Wessi Michael Jürgs und Ossi Angela Elis, haben dafür eine Form gefunden, die es dem Leser leicht macht, seine (Vor)urteile bestätigt zu finden und gleich danach ins Grübeln zu kommen, wenn er mit der Sicht des anderen konfrontiert wird.

Dem gemeinsam verfassten Prolog folgen neun Kapitel der Gegensätze: jeweils West gegen Ost und Ost gegen West zum gleichen Thema. In Kapitel 1 geht es darum, dass West und Ost sich gegenseitig nicht verdient haben, darauf folgt der Vorwurf, dass man jeweils den eigenen ehemaligen Staat verklärt, in Kapitel 3 stellt der Wessi fest, dass Ossis kleinmütige Provinzler sind, und der Ossi kontert: "Ihr seid hochmütige Angeber". Weiter geht es mit "Ihr habt uns belogen" gegen "Ihr habt uns betrogen"; gefolgt von "Ihr habt keinen Geschmack" gegen "Ihr seid gestylte Schickis"; "Ihr wisst nichts von Freiheit" gegen "Ihr habt Angst vor der Einheit"; "Ihr seid Big-Brother-Broiler" gegen "Ihr belästigt uns mit Viagra-TV"; "Ihr seid uns fremd geblieben" gegen "Ihr behandelt uns wie Fremde" und "Ihr seid einfach unersättlich" gegen "Ihr habt uns im Stich gelassen".

Nach dieser Abrechnung, bei der sich die beiden nichts schuldig bleiben, schließt das Buch mit einem wahrhaft versöhnlichen und zukunftsweisenden Epilog: "Geteiltes Leid ist halbes Leid" und "Geteilte Freude ist doppelte Freude". So banal die altbekannten Sprichwörter klingen mögen - jeder überzeugte Wessi bzw. Ossi und die Gemäßigten beider Lager ohnehin können nach der Lektüre des Buches zu dem Schluss kommen, dass wir endlich aus dem Tal des Jammerns und der weinerlichen Nostalgie aufbrechen müssen, und das gemeinsam. Nicht nur, weil uns gar nichts anderes übrig bleibt, sondern weil wir endlich mal die Chancen erkennen und wahrnehmen sollten, voneinander zu lernen, das Beste der ehemals getrennten Staaten zu bewahren für uns und alle kommenden Generationen, die die Trennung nicht mehr aus eigenem Erleben kennen.

Die "längst fällige Abrechnung unter Brüdern und Schwestern", wie der Untertitel des Buches lautet, weist eine Besonderheit auf, die die Texte kongenial ergänzt: Jedes Unterkapitel wird durch eine Karikatur eingeleitet - natürlich passend von einem Ossi- und einem Wessi-Künstler, nämlich Klaus Stuttmann und Dieter Hanitzsch.

Angela Elis ist Journalistin und stammt aus Leipzig. Einem großen Publikum wurde sie als Fernsehmoderatorin, unter anderem bei Fakt, bekannt. Michael Jürgs ist ebenfalls Journalist, er kommt aus Hamburg. Der ehemalige Chefredakteur von Stern und Tempo hat viele erfolgreiche Sachbücher geschrieben. Beiden ist gemeinsam, dass sie ihr journalistisches Handwerk beherrschen. "Typisch Ossi - Typisch Wessi" ist flott, amüsant und leicht lesbar geschrieben, aber inhaltlich keineswegs ein Leichtgewicht. Die Rezensentin, von Haus aus eine verbohrte Altwessi, bekennt, dass dieses Buch ihren Horizont nach Osten erweitert hat.

Brigitte Beck
München, April 2005