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SPECIAL zu Michael Kleeberg

Die Geheimnisse des Alltags

Ein Gespräch mit Michael Kleeberg

Michael Kleeberg
© Vivian J. Rheinheimer
Ihr neuer Roman "Karlmann" setzt mit einem großen Sportereignis ein - Boris Beckers Sieg in Wimbledon im Juli 1985. War das auch für Sie persönlich ein wichtiges Erlebnis?

Michael Kleeberg: Ein wunderbarer Moment - leider einsam in Amsterdam in meinem Zimmerchen über dem Coffeeshop genossen, dessen Dünste im Treppenhaus nach oben stiegen. Also weiß ich nicht mehr, ob ich von dem Spiel high war oder vom Rauch. Fraglos genießt man Sportereignisse mehr, wenn man Lokalpatriot sein darf. McEnroe gegen Borg war schön, aber plötzlich mit einem deutschen Weltklassespieler mitzittern zu dürfen, ist doch etwas ganz anderes.

Sie haben in verschiedenen europäischen Städten gelebt, und das nicht nur als Stipendiat irgendwelcher Kultureinrichtungen. In Paris haben Sie eine Werbeagentur geführt. Sind die Welten der Werbung und der Literatur nicht völlig entgegengesetzt?

Michael Kleeberg: Unter "Werbeagentur" stellen sich viele Leute vor, dass ich Werbetexte geschrieben hätte, was nie der Fall war. Die Situation war ganz anders. Ich kam als 26jähriger Schriftsteller nach Paris, der erst einen Band mit Erzählungen veröffentlicht hatte und vom Schreiben natürlich nicht leben konnte. Ich brauchte also einen Job, irgendeinen, denn Paris ist ein teures Pflaster. Zufällig lernte ich einen gleichaltrigen Franzosen kennen, mit dem zusammen ich, obwohl - oder weil - ich von Werbung keine Ahnung und keine hohe Meinung hatte, eine Agentur gründete, die für deutsche Firmen in Frankreich warb. Es blieb immer ein kleiner Laden mit maximal sechs Mitarbeitern, und was ich vor allem gelernt habe, war, wie ein kleiner, mittelständischer Betrieb funktioniert. Eine Erfahrung im unliterarischen Leben, die sehr wertvoll war. Anstatt zu versuchen, möglichst viel Geld zu verdienen, habe ich dafür optiert, möglichst wenig zu arbeiten, um möglichst viel Zeit zum Schreiben zu behalten, und die beiden Bereiche strikt gegeneinander abgeschottet. Denn: Ja, ihre Ziele sind diametral entgegengesetzt. Die Zeit in Amsterdam und vor allem die langen Jahre in Paris haben mich natürlich sehr geprägt: Um es kurz zu machen, habe ich vor allem ein anderes Verständnis von Zeit und Kontinuität bekommen, und mein Sinn für die Schönheit, die in der Dauer liegt, hat sich entwickelt.

Sie arbeiten nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Übersetzer. Unter anderem haben Sie Marcel Proust ins Deutsche übertragen. Beeinflusst das Ihr eigenes Schreiben?

Michael Kleeberg: Große Literatur übersetzen zu dürfen ist ein immenses Privileg, denn niemand kann und muss ein literarisches Werk so genau lesen wie ein Übersetzer. Ich weiß nicht, wie viel meine Neuübersetzungen Prousts für Proust getan haben, aber für mich haben sie ungeheuer viel bewirkt. Proust hat mich fast mehr gelehrt als jeder andere Autor, den ich gelesen habe, er ist unerschöpflich. Andererseits ist er auch gefährlich. Er ist ein großer Planet mit extremer Gravitation, und um mich aus diesem Schwerkraftfeld befreien zu können, in dem ich zwei Jahre gelebt hatte und zu mir selbst zurückzufinden - als ein anderer natürlich, als der ich vorher war -, musste ich erstmal ein halbes Jahr amerikanische Literatur lesen.

Wenn Sie zurückdenken an Ihren Roman "Proteus der Pilger" von 1993, das Buch, das Sie auf einen Schlag in der literarischen Öffentlichkeit bekannt gemacht hat - was hat sich an Ihrem Schreiben seither verändert?

Michael Kleeberg: Man weiß nie, was einmal von einem bleiben wird, vielleicht gar nicht das, worauf man am stolzesten ist oder woran man am längsten gearbeitet hat. Ein Schriftstellerleben ist im Allgemeinen anhand zweier Kurven nachzuzeichnen: der Kurve der Vitalität, der Spannkraft, die nach dem vierzigsten, fünfzigsten Lebensjahr langsam abfällt, und der Kurve des Könnens, die im Idealfall ein Leben lang aufwärts geht. Insofern hoffe ich, dass ich seit dem Proteus noch einiges dazugelernt habe: noch genauer beobachten, noch besser formulieren kann, mehr vom Menschen verstanden habe. Dass ich einerseits ein "kälterer" Schriftsteller geworden bin, einer, der die Welt ohne Scheuklappen sieht, andererseits ein "wärmerer", also einer, der um die Gebrechlichkeit des Menschen weiß und mit ihm fühlt. Dass ich zugleich aber die Lust und Vitalität, vor denen der frühe Roman sprüht, nicht verloren habe.

Hat Hagen Seelhorst, die Hauptfigur von damals, etwas mit Karlmann "Charly" Renn aus dem neuen Roman gemeinsam?

Michael Kleeberg: Nicht wirklich. Hagen war eine faustische Gestalt mit Drang zum Höheren, zugleich ironisch durch die Brille Wielands und Lukians gesehen, eine Art verzerrtes Selbstporträt - teils idealisiert, teils karikiert. Charly dagegen bin nicht ich. Was mich an ihm fasziniert hat, war, einen Menschen zu beschreiben, dem genau das fehlt, was ich im Übermaß habe: die Tröstung, den Halt, die Sinngebung durch Literatur und Kunst. Und der trotzdem alles andere als ein Dummkopf ist. Im Gegenteil, Charly ist, wenn man es einmal so ausdrücken will, im Gegensatz zu uns Künstlern der Mensch, der das ganze Getriebe am Laufen hält. Und so jemandem gerecht zu werden, der das Leben meistern muss, ohne sich in die Kunst, in eine Ideologie oder in die Religion flüchten und an ihr Halt finden zu können, ihn in seiner ganzen Größe und Misere wie ein Forscher zu beobachten, das war, was mich heute tausendmal mehr interessiert hat, als einen weiteren Künstler oder Intellektuellen zu zeichnen.

Ihr letzter Roman, "Der König von Korsika", war ein historischer, er spielte im 18. Jahrhundert. Nun wenden Sie sich einer Zeit zu, die zwanzig Jahre zurückliegt. Ist das aus Ihrer Sicht noch Gegenwart?

Michael Kleeberg: Ich stelle manchmal fest, dass ich in anderen Zeitdimensionen denke und fühle als manch anderer. Das frühe zwanzigste Jahrhundert des "Gartens im Norden", das mir noch aus Erzählungen der zwei Generationen Augenzeugen vor mir lebendig geschildert wurde, ist auch noch Gegenwart, ist "gestern Nachmittag". Die Achtziger Jahre, in denen "Karlmann" spielt, sind dementsprechend völlige Gegenwart für mich, und auch das 18. Jahrhundert des "Königs von Korsika" spüre ich nicht als eine fremde, weit entfernte, sondern als eine sehr nahe, der unseren sehr verwandte Zeit. Thomas Mann sprach in der Einführung zu den Josephs-Romanen ironisch davon, dass auch im tiefen Brunnen der Vergangenheit, in den er mit den Lesern hinabstieg, keineswegs gehörnte Echsen und Drachen umherliefen, sondern Menschen, deren Denken und Fühlen dem der heutigen bis zum Verwechseln gleicht.

Handelt es sich bei "Karlmann" um einen Zeit- und Gesellschaftsroman?

Michael Kleeberg: Nachdem ich in den beiden letzten Romanen die Verflechtungen von privatem und überpersönlichem Schicksal behandelt hatte, im "Garten im Norden" historische Persönlichkeiten in die Handlung einmontierte, im "König von Korsika" europäische Politik zeigen musste, um die Geschichte von Theodor Neuhoff zu schildern - in beiden Büchern persönliche Geschichte als abhängig von Zeitgeschichte gezeigt hatte -, wollte ich zu einem heutigen Buch zurück. Ich habe mir überlegt, was das Eigentümliche an Menschen ist, die nach 1945 in der Bundesrepublik, in Westeuropa, groß geworden sind: Es ist die Tatsache des Privatlebens. Es ist die Tatsache, dass alle wichtigen emotionalen Erfahrungen, alle wichtigen Entscheidungen solche des Privatlebens gewesen sind. Vielleicht hat nie eine Generation zuvor in Deutschland so ungestört dem Privatleben frönen können wie diese. Und das ist zugleich natürlich auch eine gesellschaftspolitische Aussage. Denn sie charakterisiert einen historischen Moment und Ort, an dem dies möglich war. Eine Geschichte, die zur gleichen Zeit in China, Polen oder auch der DDR spielen würde, könnte diesen inneren Kern nicht haben. Dadurch also, dass ich die Geheimnisse des Privatlebens, des Alltags analysiere und aufdecke, gebe ich zugleich ein gesellschaftliches, historisches Statement und schreibe auch einen Zeit- und Gesellschaftsroman.

Würden Sie sich als einen politischen Schriftsteller bezeichnen?

Michael Kleeberg: Hätte das Wort hierzulande nicht so einen fatalen Beigeschmack von Wahlhilfe und moralischem Zeigefinger und unsäglich viel blödem Gerede ohne eine Ahnung von Fakten, würde ich sagen: Ja, selbstverständlich, insofern als jeder Schriftsteller, der wahrhaftig von seiner Zeit schreibt, selbst von ihren privatesten Facetten, wie ich das in meinem neuen Roman tue, automatisch auch ein politisches Zeitbild liefert.

Karlmann ist ein junger Mann aus der Mitte der Gesellschaft. Er ist ein Jedermann, weder besonders begabt, noch besonders sympathisch. Was interessiert Sie daran, vom Alltäglichen zu erzählen?

Michael Kleeberg: Der Alltag ist - bei uns und in dieser Zeit wohlgemerkt - das Leben selbst. Zugleich ist er terra incognita. Es gibt unzählige Bücher über Menschen in Extremsituationen, aber sehr wenige, die sich auf das einlassen, was zwischen den dramatischen Höhepunkten liegt: also etwa 90% der Lebenszeit. Es ist seit jeher ein Traum der Schriftsteller, diesem beschwiegenen, vernachlässigten Großteil des Lebens seine Geheimnisse abzupressen. Flaubert schrieb, er träume davon, einen Roman über "nichts" zu schreiben - genau das meinte er. Darüber hinaus wollte ich insofern wahrheitsgetreuer sein, als der Roman das häufig ist, wenn er sich der Katastrophe oder des Schicksalsschlags bedient, um die Handlung voranzutreiben und seine Gestalten kenntlich zu machen. Was gibt es da nicht an Autounfällen, Flugzeugabstürzen, entführten Kindern, Kriegen und vor allem Verbrechen, die endlich ein bisschen Leben in die Bude bringen. Mich hat das Gegenteil interessiert: Wie geht das Leben, wenn einem all das erspart bleibt. Das war mein Ehrgeiz: dieses Nichts so zu schildern, dass es spannender ist als der spannendste Krimi.

Glauben Sie, dass Männer und Frauen Ihren Roman unterschiedlich lesen und beurteilen werden?

Michael Kleeberg: Bei den ersten Lesern war zu spüren, dass Frauen das Buch mit Genuss und Einverständnis lasen, weil sie alle einen Charly kannten, sei es im eigenen Haus, sei es in unmittelbarer Nachbarschaft. Und dass sie Verständnis für ihn haben - wie sie ja Verständnis haben müssen für die Männer, mit denen sie leben. Die Männer unter den paar bisherigen Lesern haben sich bezeichnenderweise eher an die großen Frauengestalten gehalten, die das Buch - logisch bei einem Werk über den Mann - bevölkern.

Ihr Blick hinter die Kulissen des Männlichen fördert nicht nur Schmeichelhaftes zu Tage. Werden sich eher Männer oder Frauen davon provoziert fühlen?

Michael Kleeberg: Meine Frau hat mir gesagt: Die Männer werden dir nie verzeihen, dass du alle ihre sorgsam gehüteten Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert hast.

Karlmann wird meist Charly genannt. Was hat es mit dieser Namensverschiebung auf sich?

Michael Kleeberg: Außerhalb seiner Familie weiß überhaupt niemand, dass Charly nicht Charly heißt, sondern Karlmann. Ihm ist der sehr altdeutsche Name eine Peinlichkeit gewesen und er hat lange daran gearbeitet, "Charly" durchzusetzen. Ich erinnere mich, dass in meiner Kindheit und Jugend ohnehin die Tendenz bestand, sich für seine deutsch klingenden Namen zu schämen und sie zu amerikanisieren. Aus mir wurde schnell ein "Mike", aus jedem Christian ein "Chris", aus jedem Thomas ein "Tommy". Ein Zeitphänomen. Heute nennt man seine Kinder gleich "Kevin", oder kehrt, um ein Zeichen neuer Bürgerlichkeit zu setzen, zu den altdeutschen Namen zurück. Charly ist für Charly also eine Art Selbstschaffung, wogegen Karlmann das Erbe ist, das er mit sich umherschleppt. Der Romantitel ist insofern auch ein Kommentar darüber, wie sehr Charly reüssiert mit seinem Drang nach innerer und äußerer Unabhängigkeit.

Hat sich Ihr Schreiben, Ihr Blick auf die Welt verändert, seitdem Sie selbst eine Familie haben?

Michael Kleeberg: Es ist schon verrückt, aber eine Familie und Kinder nehmen dem Künstlerleben viel von dem leicht Fanatischen und Extremen, das es in der Jugend hatte und das es sonst leicht behalten könnte: dieses "Kunst oder Leben", dieser Drang, wie Thomas Mann es nannte, "als Mensch für gar nichts, und nur als Künstler in Betracht kommen zu wollen". Ich habe seither allen romantischen Fantasien Adieu gesagt, für die Kunst leiden zu wollen im Leben. Man hat nur eines, und es ist ein Irrtum zu glauben, man müsse es versauen, um größere Kunst schaffen zu können. Mein Traum vom Künstlerleben war ohnehin seit jeher das Beispiel von Jacques Offenbach: Am Klavier sitzen und die Barcarole komponieren, während auf jedem Knie zwei Kinder sitzen, die deine Brille beschmieren und dir den Bart zausen, während hinter dir drei weitere mit Zinnsoldaten werfen, die Pauke schlagen und deine Frau dir zuruft, du solltest jetzt mal mit deinen Spielereien aufhören und eben noch schnell Zwiebeln und Joghurt holen, bevor der Supermarkt zumacht.

Welche Rolle spielt Heimat, die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man verwurzelt ist, für Ihren Roman?

Michael Kleeberg: Die Geschichte Charlys, aber nicht nur die seine, sondern die aller Personen dieses Romans, dreht sich um die Frage, was einen festhält im Leben, was einem beim Leben hilft, was einen abstützt gegen das Nichts, was einen abhält davon, wahnsinnig zu werden oder Amok zu laufen. Die altgedienten Rezepte haben sich unmöglich gemacht oder sind - zu unserem Bedauern oder unserer Gleichgültigkeit - verloren gegangen. Die Nation, das Volk, die Ehre und die Fahne - wie viele junge Männer Europas sind vor 90 Jahren für diese Begriffe freiwillig in den Tod gegangen? Und heute ist uns jeder Tote für diese Werte einer zuviel. Der Traum vom Kommunismus, von einer Welt der Gerechtigkeit, wie vielen hat er beim Leben geholfen und wie ernüchtert hören wir heute das Wort. Der religiöse Glaube, der einst Europa aufbaute und fast wieder auslöschte, mit wieviel Befremden stehen wir heute Kulturen gegenüber, in denen er, ob fanatisch oder einfach verinnerlicht, noch immer Richtschnur für das alltägliche Leben und Verhalten ist. Was bleibt also inmitten dieser "transzendentalen Unbehaustheit"? Die Arbeit? Eine Qual. Die Liebe? Eine Falle. Der Sport? Eine Lüge. Und genauso verhält es sich mit dem Begriff der Heimat, einem merkwürdig zwischen Nostalgie und Utopie schillernden Wort. Charly, auf der Suche nach etwas Festem, an dem er sich im Meer der Beliebigkeit treibend festhalten könnte, greift eben auch nach dieser Hoffnungsboje. Zu wissen, wo man herkommt, zu wissen, wohin man gehört … Aber schon der Leser von "Berlin Alexanderplatz" weiß, dass eine Stadt, auch die eigene Heimatstadt, eine "kalte Mutter" sein kann, ein Ort, der sich nicht darum schert, ob der einzelne sein Glück in ihr findet oder an ihr und in ihr zugrunde geht.

Ihr Roman ist in fünf Episoden aufgeteilt. Es werden jeweils einige Stunden eines Tages aus den Jahren 1985 bis 1989 erzählt. Warum diese Form?

Michael Kleeberg: Ich habe mich für diesen Roman intensiv mit modernen wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Gedächtnis, Erinnerung, Zeitwahrnehmung etc. auseinandergesetzt. Unser Leben, in der Rückschau betrachtet, funktioniert nicht als Kontinuität, sondern ist wie ein Meer der Leere, des Vergessens, aus dem einige Inseln und Atolle der Erinnerung herausragen. Die aber wiederum auch nicht unwandelbare "Filme" mit Handlung und Kontinuität sind, sondern eher Cluster von Gefühlen und Bildern, die je nach dem Moment, in dem sie wachgerufen sind, eine vollkommen andere Tönung und Bedeutung bekommen können. Was also bleibt aus einem Leben: epiphanische Momente - zumindest aus der Jugend, in der alles noch sehr viel intensiver erlebt wird als später. Dies ist der eine Grund für die Konzentration auf jeweils wenige Stunden eines einzigen Tages. Der andere ist der, dass es mir in diesem Roman darum ging, all das zur Sprache zu bringen und einmal genau zu analysieren, was gemeinhin in den Falten einer normal erzählten Geschichte verschwindet, all das was zwischen "Sie sahen einander an und küssten sich" und "Am nächsten Morgen starrte er aus dem Fenster" liegt. Ich wollte, um dem Alltag sein Geheimnis zu entreißen, eine Tiefenbohrung des Moments leisten und musste dazu jeden einzelnen Augenblick in Zeitlupe zerdehnen, um wirklich die Totalität all dessen, was in ihm gesehen, gefühlt, gedacht wird, zeigen zu können. Hätte ich das auf mehr als diese wenigen Tage innerhalb des geschilderten Jahrzehnts ausgeweitet, ich säße noch immer an dem Buch, das 50.000 Seiten bekommen würde, und gliche dem Menschen aus der Episode bei "Momo", der eine naturgetreue Kopie der Erde im Format 1:1 erstellen wollte und sich dazu mangels Material Stein für Stein des Originals bedienen musste.

Alle fünf Episoden haben ein anderes Thema. Es geht um Sport, Arbeit, Sexualität usw. Sind das die zentralen Fragen im Leben eines Mannes?

Michael Kleeberg: Jedes Kapitel zeigt Charly auf einem der Felder, die sein Leben ausmachen und in einem Moment, der nicht unbedingt etwas Weichenstellendes hat, auch nicht unbedingt etwas dramatisches, aber an dem vieles, was sein Leben ausmacht, exemplarisch sichtbar wird. Der erste Teil geht weniger um Sport als um einen dieser Momente, in denen wir eine Vision über unser eigenes Potential bekommen. Bezeichnenderweise ist das kein Kirchgang und keine Romanlektüre, sondern ein Tennismatch, und noch bezeichnender ist, dass er es nicht etwa spielt, sondern am Fernseher sieht. Die Hälfte des Lebens - eine beschwiegene und verschwiegene Hälfte - verbringen wir bei der Arbeit. Die ist nicht nur im Leben eines Mannes zentral, sondern in jedem. Interessant war für mich, einen durchschnittlichen, stinknormalen Arbeitstag zu nehmen, an dem nichts geschieht, und zu schildern, wie man ihn durchhält. In dem Kapitel, in dem die Sexualität eine große Rolle spielt, geht es darunter und dahinter zugleich um viel mehr, wofür die Sexualität in unserem Leben nur ein Bild ist: um das Bedürfnis nach Nähe, um Vertrauen, um die Kommunikation zwischen zwei illusionslosen, klugen Menschen, die sich nicht mit dem Butterbrot zufriedengeben wollen, sondern das Recht auf intensiveres Leben reklamieren, um Freundschaft, um das tiefe Geheimnis der Lust, die Ewigkeit will und sie nicht bekommt …

Welche Rolle spielen naturwissenschaftliche Erkenntnisse für die Art, wie Sie das Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln ihrer Figuren schildern?

Michael Kleeberg: Die Literatur ist DIE interdisziplinäre Gattung an sich: Niemand sonst kann alle verfügbaren Kenntnisse und Erkenntnisse so benutzen und einarbeiten wie der Romancier - wenn er es denn tut. Und seit jeher haben Schriftsteller auch die Erkenntnisse der Naturwissenschaftler benutzt und mit ihren eigenen empirischen Erlebnissen abgeglichen und bereichert. In letzter Zeit besinnt sich die Literatur wieder darauf, was sie von den "harten" Wissenschaften lernen kann - viel mehr übrigens, als diese sich darauf besinnen, was sie von der großen Literatur lernen könnten, denn auch das ist eine ganze Menge. Ich nahm vergangenes Jahr an einem interdisziplinären Forschungsprojekt der Uni Bielefeld teil und tauschte mit Biochemikern, Hirnforschern, Ethnologen und Medizinern Kenntnisse zum Thema Liebe aus. Dabei stellte sich heraus, dass die Wissenschaftler viele der Antworten auf Fragen, die ihnen kein Scanner und keine Statistik liefern konnte, in den Texten der Weltliteratur der letzten 2000 Jahre hätten finden können - so sie sie denn gelesen hätten. Ich habe für diesen Roman nicht nur gelesen, was die Wissenschaft zu meinem Thema beisteuert, sondern vor allem versucht, selbst wie ein Wissenschaftler zu arbeiten, das heißt Phänomene am eigenen Leib oder in meiner Umgebung, so genau ich nur konnte zu beobachten, sie dann mittels eines freien und unabhängigen Denkprozesses zu Erkenntnissen zu isolieren, und für diese schließlich die poetische Metapher zu finden, die ihnen erst Wahrheit verleiht.

Ihr Roman zeichnet sich durch eine Vielfalt von Stilen und Tonlagen aus. Alltagsslang, Wissenschaftssprache, Derbes und Poetisches wechseln einander ab. Ist dies Ausdruck einer auf Realismus zielenden Romanform?

Michael Kleeberg: Ich bin kein Spezialist für Ismen. Aber ein Roman, der die Totalität menschlichen Empfindens abbilden will, muss auch über die Totalität der sprachlichen Mittel gebieten. Ich bin immer der Meinung gewesen, dass das Leben eine Tragikomödie ist und der Autor, der es nur komisch darstellt, scheitert, weil er der Tragödie des menschlichen Lebens nicht gerecht wird, genauso wie der scheitert, der nur den tiefen Ernst sehen will und über die Komik, die dahinter steht, hinwegpathetisiert. Es ist selten, dass ausschließlich der tiefste Ernst angebracht ist - dann befindet man sich an der Grenze des Schweigens und des Schreis. Fellini ist ein gutes Beispiel dafür, dass man beides verquicken kann, und mir ist es vor Jahren einmal bei "Ginger und Fred" wie Schuppen von den Augen gefallen, daß meine Literatur zwischen dem Ernsten und dem Grotesken changieren muss, zwischen dem Erhabenen und dem Banalen, wenn sie dem Leben gerecht werden will. Und daher muss sie sich auch all der Sprachformen bedienen, die es gibt, der zartesten Poesie und des Alltagswortmülls, der minutiösen Beschreibung und der metaphorischen Verknappung, der Jargons und der Idiome der Menschen, die in ihr vorkommen.

Gibt es für dieses Buch literarische Vorbilder?

Michael Kleeberg: Die Idee zu diesem Buch kam mir auf der Flucht vor Proust. Als Gegengift las ich zum ersten Mal seit Jahren wieder intensiv moderne amerikanische Literatur. Die Rabbit-Tetralogie von John Updike, die Erzählungen und Romane von Harold Brodkey, "Underworld" von Don DeLillo. Wer acht gibt, wird die eine oder andere Parallele und Hommage an diese Texte in meinem Roman erkennen können. Und natürlich ist Proust dann doch durch die Hintertür wieder hereingekommen: mit seinem Welterklärungsfuror, der sich nicht damit zufrieden gibt, dem Leser das vage Weiterdenken einer vage ausgemalten Situation zu überlassen, sondern der erst eine, dann eine gegensätzliche, dann eine dritte unerwartete, dann eine vierte, nie bedachte, aber evidente und schließlich eine fünfte alles in Frage stellende Facette, Perspektive und Erklärung liefert und damit den Leser zwar nicht mitzaubern lässt, aber ihn von einer Ekstase der Erkenntnis in die nächste stürzt.

Gehen Sie gerne auf Lesereise? Suchen Sie den Kontakt zu Ihrem Publikum?

Michael Kleeberg: Ja, ich lese dem Publikum gerne vor und spreche mit ihm. Es gibt Extremfälle von Autoren, die 200 Tage im Jahr unterwegs sind, als eine Art Handlungsreisende in Sachen Literatur, und die irgendwann nicht mehr wissen, wer und wo sie sind. Aber in Maßen genossen - damit man auch noch etwas zu geben hat - gehören Lesungen zu den schönsten Geschenken, wenn man ein Buch fertig hat. Ich liebe auch Schullesungen. Letztens habe ich in Alexandria in der Deutschen Schule der Borromäerinnen vor einer zwanzigköpfigen elften Klasse gelesen und mit den jungen ägyptischen Frauen anderthalb Stunden lang diskutiert: Welche Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit! Welche Wachheit und Klugheit! Wieviel Idealismus und Hoffnung! Aber welcher Realitätssinn auch! Und wie frei und informiert und belesen sie waren. Hier, dachte ich mir, hast du eine Generation, der man nichts mehr vorlügen und vormachen kann und die sich nicht mehr unterdrücken lassen wird.

Welche Rolle kann Literatur in einer Mediengesellschaft spielen?

Michael Kleeberg: Meine Überzeugung, aber auch meine Erfahrung ist, dass die Literatur die "benchmark" für das Welt- und Selbstverständnis des Menschen bleibt. Daran kann sich gar nichts ändern, weil die Erklärung und Bewältigung der "condition humaine" durch das Medium des Geschichtenerzählens ein Urtrieb der Menschheit ist. Wir müssen hier also unterscheiden zwischen der Essenz und der zeitlichen Form, in die sie sich jeweils kleidet. Und diese Form wird natürlich bedingt durch die äußere Entwicklung der Welt. Deshalb hat man im 19. Jahrhundert der industriellen Revolution anders geschrieben als im 17., und deshalb schreibt man heute anders als vor 50 Jahren. Anders, aber nichts anderes. Die Metaphorik ändert sich vielleicht, wenn man nicht mehr Kerzenlicht, sondern elektronische Monitore hat, aber zeigen Sie mir einen heutigen Schriftsteller, der die Gedankenströme in einer Menschengruppe exakter beschreiben würde als Robert Musil, der vom Medienzeitalter, wie wir es kennen, noch gänzlich unbeleckt war. Nein, wer unter den Entwicklungen der Mediengesellschaft leidet und in ihnen verschwinden wird, ist der Teil der Literatur, der sich selbst in Konkurrenz zu ihren Phänomenen sieht, der sich als ein Teil des Unterhaltungs- und Zerstreuungsangebots begreift. Die Furie des Verschwindens ergreift den, der meint, sich aufs Karussell aufschwingen zu müssen, weil er an das Überzeitliche, Langsame, Dauerhafte und Widerständige nicht mehr glaubt, an die Kette von Erzählern, die über die Jahrtausende sich die Hand reicht. Geselle dich zur kleinsten Schar, hat Goethe gelassen den Menschen geraten, die ihr Leben erfüllen wollen. Und diese kleinste Schar, möchte ich hinzufügen, ist die der Liebhaber der Literatur.
Die Fragen stellte Michael Norath