Michael Winterhoff: Die Wiederentdeckung der Kindheit. Unsere Kinder müssen keine Tyrannen sein!

Michael Winterhoff: Die Wiederentdeckung der Kindheit

Eine Zeitreise in die Vergangenheit

Nur wenn wir in einer Art Zeitsprung die alte und die neue Version von etwas nebeneinander betrachten können, merken wir, wie weit wir uns – ohne es mitzubekommen oder gar zu wollen – von unserem ursprünglichen Urteil entfernt haben. Es ist wie bei einem Vorhang, der jahrzehntelang am Fenster hängt. Es scheint uns so, als wäre er immer noch derselbe. Erst wenn wir ein Stoffmuster danebenhalten, aufbewahrt in einer dunklen Kiste und kaum gealtert, wird sichtbar, wie sehr seine Farben ausgeblichen sind.

Darf ich vorstellen: Luis/Luisa. Er ist 2017 geboren. Aber … wie kann er in seinem Geburtsjahr schon in der 5. Klasse sein? Luis ist eben ein ganz besonderes Kind. Er ist gleichzeitig drei, fünf und sechzehn Jahre alt. Und alle Alter dazwischen hat er auch. Er kann also Luis, das Neugeborene sein, dessen Geburt der stolze Vater gerade per Handy filmt, das Krabbelkind, das seinen ersten Eingewöhnungstag in der Kita hat, aber auch Luisa, die pubertierende 14-Jährige. Luis und Luisa zeigen uns, wie die heutige Welt für Kinder und Jugendliche aussieht. Denn wenn die Eltern von Luis und Luisa ihnen eine wunderschöne Kindheit schenken wollen, müssen sie erst einmal wissen, was das Jahr 2017 für die beiden bereithält.

Und dann ist da noch Alex. Er ist Jahrgang 1990. Auch er ist so ein Wunderkind, das alle Altersstufen gleichzeitig in sich vereint. Alex kann uns auch als Alexa begegnen. Er/sie matscht als Dreijähriger im Kindergarten mit seinem Schäufelchen im Schlamm und gleichzeitig unternimmt er/sie mit der Klasse einen Ausflug ins Museum bzw. macht als Lehrling die Abschlussprüfung. Ganz viele Momentaufnahmen bescheren Alex und Alexa uns in diesem Buch. Und alle finden sie im Jahr 1990 statt. Als Kindheit und Jugend noch ein wenig anders waren …



Erst im Vergleich dazu, wie es früher einmal war, springt ins Auge, was heute schief läuft. Könnte ein Zeitreisender aus dem Jahr 1990 unsere Zeit besuchen, dann würde er seinen Augen nicht trauen. Ich bin überzeugt, dass er noch nicht einmal verstehen könnte, was hier abläuft. Weil es eben so verrückt ist und so völlig an den Bedürfnissen der Kinder vorbei geschieht. Merkwürdigerweise haben wir, die wir in der heutigen Zeit leben, nicht den Eindruck, dass sich im Vergleich zu 1990 viel geändert habe. Deshalb möchte ich die Leser dieses Buches immer wieder einmal zurück in das Jahr 1990 führen. Bei dieser Zeitreise treffen wir auf Alex und Alexa (in 1990). Sie helfen uns dabei, die Welt von Luis und Luisa (in 2017) zu verstehen. Die Erlebnisse dieser Vier stehen für die aller Kinder und Jugendlichen, die zu der jeweiligen Zeit groß werden bzw. geworden sind.

Im Vergleich zu der Welt, in der Luis und Luisa zu Hause sind, wird klar: „Ach, stimmt. So war das ja mal! Hmm, jetzt sehe ich, dass bei uns einiges aus dem Ruder gelaufen ist.“ Alex und Alexa aus der Vergangenheit helfen den Erwachsenen von heute dabei zu verstehen, wie sie ihren Kindern Luis und Luisa in Familie und Schule wieder eine Kindheit bieten könnten, die ihren Namen wirklich verdient hat.

1990: Die elfjährige Alexa darf abends mit ihren Eltern die Nachrichten anschauen. Die meisten Beiträge sind für sie ganz schön langweilig, am liebsten hat sie die Sport-Nachrichten. Doch heute ist es anders als sonst: Die RAF hat einen Bombenanschlag auf einen Staatssekretär ausgeübt. Alexa wird klar, dass dieser Mordversuch ganz in ihrer Nähe, auf einer Bonner Autobahn, stattgefunden hat. Ein Seitenblick auf die Eltern zeigt ihr, dass sie entspannt bleiben. Doch das Thema lässt Alexa keine Ruhe. Am nächsten Morgen sprechen sie am Frühstückstisch über das Geschehene. Die Eltern vermitteln ihr, dass da einige Menschen etwas sehr Unrechtes getan haben, dass aber für die Familie das Leben ganz normal weitergeht.



2017: Luisa erinnert sich noch genau daran, wie sie mitten aus ihrer Vorweihnachtsfreude herausgerissen wurde. Ein Terrorist hatte auf einem Weihnachtmarkt in Berlin viele Menschen getötet. Tagelang gab es im Fernsehen eine Sonderberichterstattung nach der anderen, in der viel vom Versagen des Staats die Rede war. Dass ihr Vater ihr nun meistens zum Abschied sagt: „Pass gut auf dich auf!“ verstört sie mehr, als sie sich eingestehen will. Wie soll sie denn auf sich aufpassen? Wie geht das? Einmal hat ihre Mutter sogar gesagt: „Ich habe solche Angst!“ Nun sitzt Luisa im Bus, um zur Klavierstunde zu fahren. Hinter ihr unterhalten sich zwei Erwachsene: „Man kann sich ja gar nicht mehr sicher sein!“ Luisa rutscht noch ein wenig tiefer in ihren Sitz hinein.

Die Wiederentdeckung der Kindheit

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