Michael Winterhoff: Die Wiederentdeckung der Kindheit. Unsere Kinder müssen keine Tyrannen sein!

Michael Winterhoff: Die Wiederentdeckung der Kindheit

Ein Blick in die Zukunft

Alex und Alexa begleiten die Leser durch das ganze Buch. Sie haben uns daran erinnert, wie Kindheit sich anfühlte, bevor die digitalen Medien die Erwachsenen in Beschlag genommen haben. Dank ihnen haben wir erkannt, was Luis und Luisa im Jahr 2017 fehlt. Nun wird es Zeit, uns von Alex und Alexa zu verabschieden, denn die beiden gehören ins Jahr 1990, und damit unwiderruflich der Vergangenheit an. Wir aber wollen in die Zukunft gehen und neue Bekanntschaften schließen. Zu dieser Zukunft gehören Ben und Layla. Sie werden ab morgen geboren, sind ab morgen in Kindergarten und Schule und machen sich ab morgen Gedanken, welchen Beruf sie einmal ergreifen wollen.

Nun verändert sich das Bild: Ich stelle gegenüber, woran Luis und Luisa im Jahr 2017 noch leiden und welche Welten sich für Ben und Layla öffnen werden, sobald ihre Eltern wieder zu einem Umgang mit ihren Kindern zurückgefunden haben, der beide Seiten bereichert.

2017: Ich bin im Urlaub an der holländischen Nordseeküste und schaue einem knapp zwei Jahre alten Jungen zu, wie er lustvoll mit seinen Händen im Sand wühlt. Seine Eltern sitzen ein paar Meter entfernt auf einer Picknickdecke und beschäftigen sich mit ihren Smartphones. Da kommen sie auf die Idee, Fotos von ihrem Sohn zu machen. Sie drücken ihm ein Schüppchen und einen Plastikeimer in die Hände. „Luis! Lach mal! Schau mal her! Luis, jetzt stell dich hin und zeig auf uns! Luis! Luis! Halt den Eimer hoch! Luis!“ So geht das einige Zeit, bis die gewünschten Bilder endlich auf Platine gebannt sind. Von einer Sekunde auf die andere hat der Kleine die Aufmerksamkeit seiner Eltern wieder verloren. Verwirrt sitzt er im Sand. Es dauert eine ganze Weile, bis er wieder in sein Spiel gefunden hat.



Ab morgen: Layla ist knapp zwei Jahre alt und zum ersten Mal am Meer. Selbstvergessen erforscht sie mit allen Sinnen ihre Umwelt. Oben in der Luft kreischen Möwen, der salzige Geruch des Meeres kitzelt in ihrer Nase. Sie fühlt, wie der Sand durch ihre Finger rinnt, und entdeckt, dass es unangenehm ist, ihn im Mund zu haben. Ihre Eltern sitzen neben ihr auf der Picknickdecke und entspannen sich beim Lesen; ihre Tochter haben sie im Blick. Sie spüren, dass sie Layla in diesem Moment am besten in Ruhe lassen. Als sich ihre Tochter einige Zeit später fragend nach ihnen umschaut, setzt sich Laylas Papa neben sie und zeigt ihr, wie man mit einem Schäufelchen ein Loch gräbt und kleine Muscheln auf einen Sandhaufen legt, um ihn zu verzieren. Laylas Mutter schaut den beiden beim Spielen zu und freut sich an der friedlichen und harmonischen Szene. Dann lehnt sie sich zurück und genießt die Sonne.


Die betroffenen Kinder und Jugendlichen sind nicht unglücklich. Es genügt ihnen, nach der nächsten Lustbefriedigung zu streben. Ihr Leben dreht sich um die typische Frage der Narzissten: Wie kann ich das kriegen, was ich will? Dass sie keine Chance haben, sich zu beweisen, zu wachsen, etwas zu erreichen, nehmen sie nicht als Manko wahr. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie das wäre. Der Reichtum sondergleichen, der ihr Leben bunt machen könnte, geht an ihnen vorbei.

Die Kinder, deren Kindheit gestohlen wird, haben auch keinen Begriff davon, was sie als Person ausmacht, was sie können und was sie nicht können. Denn dies ließe sich ja nur im Kontakt mit Bezugspersonen feststellen, an denen sie sich ausprobieren dürfen. Sie bekommen aber keine angemessene Antwort. Nur selten verspüren sie aus sich heraus einen Leidensdruck und schaffen es, sich und ihr Leben zu hinterfragen.

2017: Die 18-jährige Luisa ist eine der wenigen Jugendlichen, die aus eigenem Antrieb zu mir in die Sprechstunde kommen. Sie ist sehr gut begabt, macht aber einen unglücklichen Eindruck. Ich frage sie nach dem Grund für ihr Kommen. Sie sagt: „Eigentlich geht’s mir nicht gut. Es geht nicht voran.“ Im Gespräch erfahre ich mehr über ihr Leben. Im Alltag ist Luisa unmotiviert, Vieles nimmt sie als Anstrengung wahr. Ich bin erstaunt, als sie mir sagt, dass sie seit sechs Jahren keine Hausaufgaben mehr macht.

In ihrer Freizeit sieht sie gerne Serien im Fernsehen, für Computer interessiert sie sich nur mäßig, auch Alkohol und Drogen spielen keine Rolle. Sie interessiert sich für Philosophie und sozialistische Ideen und engagiert sich in einer links-orientierten Jugendbewegung. Nach dem Abi will sie in Nepal in einem Projekt arbeiten. Aber bis zum Abi sind es noch eineinhalb Jahre.

„Wie verstehst du dich denn mit deinen Eltern?“, frage ich. „Und was sagen sie zu deinem Engagement?“ Doch Luisa winkt ab. Beide Eltern arbeiten, ihr Vater, ein selbstständiger Unternehmer, belächelt ihre Ideen. Er meint, das sei nur eine Durchgangsphase. „Die wird schon noch normal“, hat er mal der Mutter gesagt. Es gibt keine weltanschaulichen Diskussionen bei Luisa daheim, politische Themen kommen nicht auf den Tisch.

Luisas Wunsch an mich ist: „Machen Sie, dass das weggeht!“ Verzweifelt fragt sie mich: „Was kann ich tun, wo ich nicht meinen Kopf brauche?“ Als ich ihr vorschlage, ernsthaft einen Sport zu betreiben oder ein Musikinstrument zu lernen, sagt sie sofort: „Ja, ich will Bassgitarre lernen!“



Luisa hat verstanden, dass da etwas mit ihr passiert, was nicht in Ordnung ist. Sie hat ihr Leben lang kein Gegenüber gehabt, an dem sie sich messen durfte. Sechs Jahre lang ist kein Lehrer auf die Idee gekommen, ihr die Hausaufgaben abzuverlangen. Auch die Eltern nehmen sie nicht ernst. Sie halten es nicht für nötig, mit ihr über ihre Ideen zu diskutieren. Egal, wo Luisa hinfasst, trifft sie nur auf Watte. Was sie auch tut, sie bekommt kein Gegenüber und damit auch keine Antwort auf ihre Frage: „Wer bin ich?“
Dazu kommt, dass – auch wenn sie von vorne bis hinten bedient wird – Luisa die Erfahrung verweigert wird, dass sie etwas bewegen kann. Sie darf damit auch nicht das Gefühl entwickeln, dass sie gebraucht wird und dass es auf sie ankommt.

Es gibt einen guten Grund, warum ich Luisa vorgeschlagen habe, in einen Sportverein zu gehen oder ein Musikinstrument zu lernen. Denn meist besteht noch eine klare, hierarchische Beziehung zwischen Musiklehrer bzw. Sporttrainer und dem Kind. Es kann sich nicht leicht durchmogeln. In einem Fußballclub wird nicht diskutiert, ob man heute mal das Aufwärmen ausfallen lässt. Der Trainer sagt an und fordert regelmäßig und beständig Leistung ab. Denn das Ziel ist nicht, nach Lust und Laune ein wenig herumzukicken bzw. auf der Geige herumzuschrammeln, sondern Freude daran zu finden, den Ball und das Musikinstrument immer besser zu beherrschen.

Beim Sporttraining und in der Musikstunde hat Luisa endlich ein Gegenüber, das sie spiegelt. Sie wird die Entdeckung machen, dass von ihr Übungen in schier endlosen Wiederholungen abverlangt werden. Aber sie wird auch das große Glücksgefühl erleben, dass sie schnell Fortschritte erzielt und immer mehr kann. Endlich kann Luisa vergleichen, was andere drauf haben und was sie selbst drauf hat – ein wichtiger Beitrag dazu, dass sie endlich Orientierung bekommt.

Die Wiederentdeckung der Kindheit

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