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Minette Walters - Der Schatten des Chamäleons

SPECIAL zu Minette Walters

Verborgene Wut

Rezension von Bianca Reineke

Es beginnt mit dem ersten Wortwechsel zwischen einem Mann und einer Frau, der sich unklassisch vollzieht – jedenfalls für ein Kontaktgespräch im Jahr 1920. Denn es ist Elsie, die als Erste das Wort ergreift und sich Norman Thorn zuwendet, den sie schon länger heimlich in der Methodistenkirche des Londoner Ortsteils Kensal Rise beim sonntäglichen Gottesdienst beobachtet. Sie wird als „klein, reizlos, zweiundzwanzig Jahre alt, mit abgekauten Fingernägeln und dicken Brillengläsern“ beschrieben. Zudem ist sie vier Jahre älter als Norman. Dennoch fasst sie sich ein Herz und gegen alle Konventionen eröffnet sie das Gespräch.

Norman, gerade mal 18 Jahre alt, hatte als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilgenommen und arbeitet nun als Mechaniker. Für eine dauerhafte Verbindung fühlt er sich noch zu jung und wird in dieser Auffassung von seinem Vater bestätigt. „Ich hab ja gar nicht vor, sie zu heiraten, Dad“ beruhigt er ihn. Aber Elsies Aufmerksamkeit schmeichelt ihm. Also geht er mit ihr aus und betrachtet sie bald als seine Freundin.

Die junge Frau ist überglücklich, dass sie Norman für sich interessieren kann. Schließlich ist es ihre größte Angst, als „alte Jungfer“ zu enden. Sie hat keine Freunde und sowohl bei ihren Arbeitskollegen – Elsie verdient als Stenotypistin ihr Geld – als auch in ihrer Familie gilt sie als schwierig und anstrengend. Ihre Eltern stehen der Beziehung zu Norman nicht gerade positiv gegenüber; er erscheint ihnen viel zu jung. Doch Elsie lässt sich wie so oft nichts sagen und reagiert patzig.

Sie ist launisch, ja geradezu unberechenbar und besitzt ein aufbrausendes Temperament. Selbstkritik liegt ihr fern. Wann immer etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorstellt, sind andere daran schuld. „Warum sind nur alle so gemein zu mir?“ fragt sie sich oft. Doch ihre Unausgeglichenheit und die Heftigkeit ihrer Gefühle wirkt auf ihre Umwelt abschreckend.

Natürlich zeigt Elsie sich Norman zunächst von ihrer freundlichen und angenehmen Seite. Als ihre aufbrausende Leidenschaftlichkeit ihn die ersten Male verstört, beruhigt er sich selbst mit dem Gedanken daran, dass sie ja nicht die Frau seines Lebens sein müsse. Doch in dieser Hinsicht hat Elsie ganz andere Pläne. Dass Norman zu ihr gehört und dass es auch so bleiben soll, steht für sie außer Frage.

Ein halbes Jahr später...
Sie gehen schon sechs Monate miteinander, als Norman seinen Job als Mechaniker verliert. Nun ist er einer von über drei Millionen Arbeitslosen und fristet sein Dasein von den wenigen Schilling, die er als Unterstützung erhält. Elsie leidet mehr als er. Denn während sie auf seinen Antrag wartet, ist ihr klar, dass von Hochzeit keine Rede sein kann, solange Norman nichts verdient. Schließlich bringt sie ihren Geliebten auf die Idee, es mit einer Hühnerfarm auf dem Land zu versuchen. Normans Vater solle seinem Sohn das Geld für Ankauf und Aufbau der neuen Existenz leihen, regt sie an.

Gesagt, getan. Norman entscheidet sich für den Ort Crowborough in Sussex und Mr. Thorn streckt ihm bereitwillig das Geld vor, nicht zuletzt, um Norman und Elsie auseinander zu bringen. Denn klar ist: durch die räumliche Distanz werden sie sich nicht mehr so oft sehen können. Obwohl Norman sich an ihre Gegenwart gewöhnt hat und sie oft auch genoss, ist Elsies Zuneigung zu ihm deutlich größer als seine ihr gegenüber, was wesentlich mit ihrer Unberechenbarkeit zu tun hat.

„Es gab Tage, da war sie glücklich und vergnügt, dann wieder welche, da war sie alles andere. Und immer musste er sich ihrer Stimmung anpassen. Nie umgekehrt. Sie bezeichnete ihre Höhen und Tiefen als ihre 'Nerven'.“

Auszuhalten ist Elsie nur, wenn er sie im Glauben läßt, sie würden eines Tages heiraten und eine Familie gründen, wenn er sich mit ihr eine Zukunft ausmalt, an die Norman selbst nicht so recht glaubt. Doch als der ebenso unerfahrene wie gottesfürchtige Methodist der er ist, wagt Norman nie, ihr die Wahrheit zu offenbaren.

Die Hühnerfarm
Im August verlässt Norman London, doch jedes Wochenende kehrt er heim, um es mit Elsie zu verbringen. Damit er sie in der Zwischenzeit nicht vergisst, schreibt seine Liebste ihm jeden Tag Briefe voll Sehnsucht und Liebesbekundungen. Als endlich die Stallungen fertig gebaut sind und er sich die ersten Hühner anschafft, harrt er auch am Wochenende in Crowborough aus, um die Tiere zu versorgen.

Auf seinem Grundstück entsteht eine kleine Wohnhütte, um das Geld für Unterkunft zu sparen. Für Elsie klingt das romantisch! Nun fühlt sie sich berufen, Norman am Wochenende auf seiner Farm zu besuchen, was sie sich rosarot ausmalt: „Das wird bestimmt lustig, Bärchen. Ich kann das Essen kochen, während du dich um die Hühner kümmerst. Wir können so tun, als wären wir Mann und Frau.“

Doch noch bis zum Frühjahr hält er sie hin, zimmert seine Wohnhütte und stattet sie mit bescheidensten Mitteln aus. Schließlich kommt Elsie zu Besuch. Den damaligen moralischen Vorstellungen entsprechend, ist sie nur tagsüber auf der Farm und hat zum Übernachten ein Zimmer bei Mr. und Mrs. Cosham genommen, die ein Stückchen weiter die Straße hinab wohnen.

Man kann niemanden zur Heirat zwingen...
Bis zum Jahresende ist Elsie regelmäßig zu Besuch in Sussex, wenn sie auch das eine oder andere zu bemängeln hat. Die Hühnerställe wirken schäbig, weil sie roh und ungestrichen sind. Elsie glaubt dass dies mögliche Kunden abschreckt und von denen hat Norman sowieso nicht allzu viele. Das Geschäft geht schleppend, was ihren Heiratsplänen natürlich nicht gerade entgegen kommt.

Norman plagen ganz andere Gedanken. Wenn Elsie am Wochenende bei ihm ist, wächst seine Lust und körperliche Sehnsucht nach einer Frau: „Manchmal, wenn er sie an sich zog, ihren Hintern umfasste und sein hartes Glied an sie drückte, kamen sie der Sache ganz nahe. Immer vergingen ein oder zwei Sekunden, bevor sie zu kichern begann und ihn wegstieß. 'Du frecher Kerl', sagte sie dann und drohte ihm mit dem Finger. 'Erst musst du vor mir auf die Knie fallen und mir einen Heiratsantrag machen, Norman. Versprich mir, dass du mich zur Mrs. Thorne machst, dann überleg ich's mir vielleicht.'"

Im Winter lässt sich Norman darauf ein, sich mit Elsie zu verloben. Aber sicher ist er sich immer noch nicht. Doch da ihm nach wie vor das Geld zum Heiraten fehlt, hat auch die Verlobung für ihn noch nicht den Charakter eines unbedingten Eheversprechens. Norman spielt auf Zeit und verschafft sich lediglich etwas Luft gegenüber der auf Hochzeit drängenden Elsie, deren Eltern überglücklich sind, dass sie endlich einen Mann bekommen und damit ihr Elternhaus verlassen wird.

Die Kündigung
Auf die Verlobung zu Weihnachten folgt im Januar ein Einschnitt, der das Verhältnis von Elsie und Norman auf eine harte Probe stellen sollte. Elsie verliert ihren Job. Brieflich bittet sie Norman, er möge zustimmen, dass sie ihm nach Crowborough folgt und sich dort eine neue Stelle sucht. Doch wieder vertröstet Norman sie mit dem Hinweis, dass die Hütte keine Herberge für die beide sein könne. Sie solle sich in London eine neue Stelle suchen und geduldig auf den richtigen Zeitpunkt für ihre Verbindung warten.

Bis zum Sommer hat sie mehrere Jobs ausprobiert. Doch mit ihrer unglücklichen und aufbrausenden Art, wollte kein Chef sie auf Dauer behalten. In den ewigen Wechselbädern zwischen devoter Freundlichkeit einerseits, Missmut und Vorwürfen andererseits, bekommen Wutausbrüche und tiefe Niedergeschlagenheit ein deutliches Übergewicht.

Der Anfang vom Ende
Elsie klammert sich an die Idee, die Hochzeit würde alles richten. Doch je mehr sie darauf drängt, desto weniger kommt eine Ehe mit ihr für Norman in Frage. Schließlich graut ihm sogar vor den Wochenenden, die seine Verlobte bei ihm verbringt. Davon abgesehen treiben ihn nach wie vor Geldsorgen um. Norman sucht Rat bei seinem Vater. Der macht ihm den Vorschlag, Elsie reinen Wein einzuschenken, anstatt die Hochzeit immer weiter aufzuschieben.

„Der Gedanke, dass es anständiger wäre, Elsie schonend beizubringen, dass es aus war, nistete sich bei Norman ein. Er sagte, sie solle ihn wegen der Winterkälte vorläufig nicht besuchen, und schrieb ihr nicht mehr so oft. Seine Briefe waren jetzt kühl und förmlich und sprachen nie von Liebe. Er hoffte, sie würde den Wink verstehen und von selbst Schluss machen.“ Aber sein Rückzug facht ihre besitzergreifende Leidenschaft nur noch weiter an.

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf
Norman fühlt sich abgestoßen. Elsies ewiges Drängen, ihre Vorwürfe und Bockigkeit, ihre unterwürfige Zärtlichkeit, um ihn wieder freundlich zu stimmen – all das weckt in ihm nur noch mehr Abwehr gegen sie. Längst ist seine Liebe ganz auf der Strecke geblieben.

Als Norman im Sommer 1924 auch noch die hübsche und zugängliche Bessie Coldicott kennenlernt, die ihn ganz und gar für sich einnimmt, spitzen sich die Ereignisse zu. Verzweifelt greift Elsie zu einer abstrusen List, um Norman endlich zur Hochzeit zu zwingen. Im November 1924 treffen sie sich zu einer Aussprache, die für Elsie jedoch nicht den gewünschten Erfolg hat.

In Briefen, die zwischen Elsie und Norman hin und her gehen, wird die letzte Etappe ihrer Beziehung nachgezeichnet. Daran schließen sich die Untersuchungsprotokolle der Polizei an. Zunächst wird ihr Verschwinden konstatiert und erst einige Zeit später entdeckt Scotland Yard die tote Elsie auf der Hühnerfarm. Norman hatte sie, um ihre Leiche besser verschwinden lassen zu können, in viele Teile zerstückelt.

Ob Elsies Persönlichkeitsstörung zu ihrem Selbstmord führte, ob es ein Unfall war beim dem Versuch, Norman einen Schreck einzujagen, oder ob dieser Hand an die ihm überdrüssig gewordene Verlobte legte – weder den Ermittlern, noch dem Gericht gelang es, die Tatsachen eindeutig zu klären. Norman Thorne beharrte bis zum letzten Tag auf seiner Unschuld; aber das Urteil fiel anders aus. Am 22 April 1925 wurde seine Strafe – Tod durch den Strang – vollzogen.