Monika Müller: Dem Sterben Leben geben

Warum und für wen schreibe ich dieses Buch?

Auf der Suche nach einer spirituellen Praxis in meinem Leben habe ich so manches ausprobiert und eingeübt: Sitzen, Beten, Meditieren, wahrnehmendes Gehen – alles hat mich nicht länger gefesselt und sich nicht dauerhaft in mein Alltagsleben eingeprägt. Als ich eines Sommerabends bei einer bewusstlosen Frau saß und auf ihr mühsames Atmen hörte, wurde mir sehr plötzlich bewusst, dass die Art und Weise, wie ich in mir geschenkter Anteilnahme bei dieser Frau war, eine eigene spirituelle Praxis sein könnte. Einige Wochen später erlebte ich bei einer Klientin, dass ich sie in intuitiver Eingabe vorsichtig auf ihr Lebensgeheimnis ansprechen und dies in behutsame, unterstützende Worte kleiden konnte. Im Bewusstsein, dass dies nicht aus mir alleine kam, sondern mir gegeben wurde, war es mir möglich, in einem besonderen Geist mit ihr weiterhin zu arbeiten, und dies eröffnete ihr wiederum einen tiefen Zugang zu ihrer eigenen Rückbezogenheit auf etwas Höheres und Größeres.

Vielleicht können wir lernen, dieses Beim-Anderen-Sein als spirituelle Praxis anzuerkennen und uns in ihr regelhaft zu üben. Vielleicht können die dargestellten Gedanken auch Angehörigen eine Hilfestellung sein. Für sie ist es manchmal sehr schwer, die Unterstützung eines Hospizdienstes oder von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anzunehmen. Sie glauben vielfach, sich diese Begleitung verdienen zu müssen oder auch, ihrer einfach nicht wert zu sein.Vielleicht kann der Gedanke hilfreich sein, dass diese dienstbaren Geister ihre Begleitung nicht nur aus Selbstlosigkeit, sondern auch um ihrer selbst willen und der tiefen, auch spirituellen Erfahrungen wegen tun. Es mag auch sein, dass die Familienangehörigen und Freunde ihr oft auszehrendes Dasein mit dem Sterbenden oder Trauernden unter spirituellen Gesichtspunkten vorübergehend in einer anderen Dimension und als eine Wachstumsmöglichkeit ansehen können.

Wenn wir die Welt der Spiritualität persönlich erkunden, können wir eine Erfahrung immer wieder aufs Neue machen: das Auftreten spontaner mystischer Erlebnisse. Solche Erlebnisse bleiben nicht nur Weisen, Heiligen oder anderen besonderen Menschen vorbehalten, sonst könnte ich nicht darüber berichten. Sie sind vielmehr normale, wenn auch sehr tiefe menschliche Einsichten, die jedem offenstehen.

Ich hoffe, dass dieses Buch auch den elitären Anspruch in Frage stellt, dass die direkte Erfahrung der Wahrheit – und wenn sie auch nur ganz kurz aufblitzt –, ob man sie nun Gott,Tao, höheres Selbst, Erleuchtung oder wie auch immer nennt, nur Menschen möglich sei, die im religiösen oder kirchlichen Sinn fromm oder diszipliniert praktizierend seien. Nicht der Charakter, seine Religionszugehörigkeit oder die Intensität seines Übens macht einen Menschen empfänglich für mystische Erfahrungen, sondern nur sein Sich-Öffnen zur transzendenten Wirklichkeit jenseits der Grenzen unserer individuellen Persönlichkeit selbst. Mystik und Spiritualität sind also nicht ein hoher Turm, den nur wenige Auserwählte besteigen können, sondern die eigentliche Essenz des menschlichen Abenteuers. Die in dem Buch erzählten Beispiele sollten nicht als »harte Fakten« gelesen werden und gelten, sondern möchten als eine Art Gedichte betrachtet werden, die uns durch Analogie und Schönheit Inspiration und Orientierung schenken.
Walt Whitman schrieb:

Ich finde Briefe von Gott auf der Straße,
und jeder ist mit Gottes Namen unterschrieben,
und ich lasse sie, wo sie sind, denn ich weiß,
dass immer wieder neue kommen werden.

Nicht zuletzt schreibe ich diese Gedanken auch für mich selber auf, um das in Therapien und Begegnungen oft Gefühlte und Erlebte »gegenständlich« werden zu lassen und benennend zu begreifen. Es geht mir hier wie so häufig in Seminaren und Vorträgen, dass ich, indem ich etwas anderen zu erklären gezwungen bin, es so erst klarer für mich verstehe und dann erst verinnerlichen kann. Dieses in Worte gekleidete Verinnerlichte kann ich dann verfügbar halten für all die vielen Situationen in meinem Leben, wo dies, was ich meine Spiritualität nenne, im Kontakt mit Geltung, Macht, Haben, Wirken und Wollen verloren zu gehen droht.

So ist dieses Buch mir Verpflichtung, die in ihm dargestellten Geisthaltungen auch immer mal wieder und häufiger zu erinnern und zu leben, wohl wissend, dass dieses Leben bestenfalls Annäherungen an die Geisthaltungen bedeutet und immer ein Versuch bleibt.

So wünsche ich Ihnen geist-volles Lesen!
Monika Müller, Sommer 2004

Zur Neuausgabe 2018

Seit Erscheinen dieses Buches haben Matthias Schnegg und ich zahlreiche, so genannte Spiritual Care Kurse in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt und die Geisthaltungen auf vielen Kongressen und Symposien vorgestellt. Es war für mich sehr eindrücklich, dass auch Menschen, die keinerlei bewussten Zugang zum Thema Religion oder Konfession bekannten, mit diesen Haltungen etwas anfangen, ja sogar nachvollziehen konnten, dass diese möglicherweise mit Spiritualität zusammenhängen könnten. So fühlte ich mich ermutigt, weitere Geisthaltungen zu bedenken, bzw. sie aus dem Verhalten von Menschen herauszulesen und zu beschreiben.

Ich wünsche mir, dass viele Patienten, Klienten, Angehörige und Hinterbliebene seitens ihrer Behandelnden und Begleitenden diese Geisthaltungen an sich erfahren dürfen, darin Unterstützung erleben und sie für ihre eigene Kräftigung und Heilung nutzen können.
Monika Müller, Winter 2017

Dem Sterben Leben geben

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